Test
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02.03.2021

Praxis

Wer sich über die grundsätzlichen Möglichkeiten der App informieren möchte, findet unseren vollständigen Test der Vorgängerversion. Daher werde ich im Folgenden also im Wesentlichen nur auf die Neuerungen des Updates eingehen. 

Wer sich nicht ganz sicher ist, ob er den Umstieg wirklich machen will, der kann zunächst einmal von der einwöchigen Testphase Gebrauch machen. Eine kleine Erinnerung im Kalender zur rechtzeitigen Kündigung ist dabei sinnvoll, denn nach Ablauf der Woche verlängert sich das Abo ohne weiteres Zutun. Zumal sich die Option zur Kündigung von Apple-Abonnements ziemlich weit im iOS-Menü versteckt. Der Weg ist die Einstellungen aufzurufen, dort auf iTunes & App Store zu gehen, dann auf die eigene (blau eingefärbte) Apple-ID zu tippen, dann in die Account-Einstellungen gehen (Einloggen erforderlich), dort dann den Menüpunkt Abos zu selektieren, um schlussendlich auf “Abo kündigen” tippen zu können. Nun aber wollen wir uns zunächst mal mit der neuen Version beschäftigen: 

Im Vergleich zur Vorgänger-Version ist Djay Pro AI wieder ein gutes Stück größer geworden und macht sich mit knapp zweihundert Megabyte im Speicher des iOS-Geräts breit. Nach dem Start der App erscheint zunächst einmal ein Pop-Up-Fenster, in welchem ich entscheiden kann, in welchem Screen-Layout (verbunden mit wechselnden Funktionen) ich zu arbeiten wünsche. Zur Auswahl stehen hier: Classic, Automix, 2 Decks, Looper, 4 Decks, Single und Video. Abgesehen vom „Looper“ und „Automix“ verbergen sich dahinter für bestehende Anwender von „Djay“ keine unbekannten Ansichten. Dieses Fenster lässt sich in allen Ansichten über einen zentralen Button jederzeit aufrufen und so im laufenden Betrieb die Ansicht wechseln.

2/4-Deck Ansicht

Für die meisten Anwender wird der erste Weg wahrscheinlich in Richtung der 2/4-Deck-Ansicht gehen. Dort trifft man mit zwei virtuellen Plattentellern (Classic) oder Jogwheels (2 Deck) – auf das typische Instrumentarium zum Auflegen: Browser, Mediensteuerung, Klangregelung und Mixer. 

Mit großer Freude kann ich hier feststellen, dass Algoriddim in die Classic-Ansicht wieder Tempo-Nudge-Taster integriert haben, was ermöglicht, auch mal ohne Sync und stattdessen mit klassischem Beatmatching zu arbeiten - sehr gut. Die neu hinzugekommenen Neural Mix Funktionen finden sich hier direkt an drei Stellen: Nämlich in einer ausführlichen Ansicht in den beiden Decks, gleichberechtigt mit FX, Loop, Cue und Equalizer. Dazu noch in einer Miniatur-Version neben dem Crossfader. Und schlussendlich noch in einer dem Equalizer ähnlichen Variante in der Kanal-Ansicht. Zudem kann Neural Mix auch noch in mehreren Varianten agieren, was – immer schon – Fluch und Segen zugleich bei Algoriddim war und ist. Denn irgendwie schafft es die Softwareschmiede aus Bayern mit schöner Regelmäßigkeit, ihre grundsätzlich tolle App durch unterschiedlichste Kontext-Ansichten und Optionen so zu zersiedeln, dass sie unübersichtlich wird.

Neural Mix macht da keine Ausnahme: In der großen Deck-Ansicht lässt sich zunächst mal zwischen 2- und 3-Kanal-Modus wählen. Im 3-Kanal hat man dann die Wahl zwischen den Klanggruppen „Drums-Harmonic-Vocals“ oder „Drums-Bass-Melodic“. Geht man auf die 2-Kanal-Variante sind es „Intrumental – Accapella“ und „Percussive – Tonal“.

Der untere, kleine Neural-Mix-Schalter agiert grundsätzlich nur im 2-Kanal-Modus, wobei er wahlweise mit einem Fader (zwischen den beiden Klanggruppen) oder zwei Schaltern ausgestattet ist.

Die Kanal-Variante erreicht man über Betätigen des neu hinzugekommenen EQ-Tasters und anschließendem Wechsel von „EQ“ auf „Neural Mix“. Wobei ich für diese neue Ansicht insgesamt einen Pluspunkt vergeben möchte, da man hier nun (endlich) EQ, Kanalfilter und Fader an einem Ort sichtbar hat (vorher musste man den Equalizer in der großen Deck-Ansicht öffnen).

Auch einen weiteren meiner Kritikpunkte an der vorherigen Version hat man sich bei Algoriddim offenbar zu Herzen genommen: Nämlich das Fehlen einer Möglichkeit, Samples in den Sample-Player zu laden. Das sieht jetzt ganz anders aus, denn sämtliche der 16 Sample-Slots lassen sich mit eigenen Kreationen (wahlweise direkt aus den Decks gesampelt oder über den File-Browser geladen) bestücken und in eigenen Sample-Sets abspeichern. Dafür gibt es ebenfalls einen dicken Pluspunkt. DJs, die ihre Shows mit eigenen Jingles oder Trademark-Sounds branden oder im Event-Bereich unterwegs sind, wo es regelmäßig erforderlich ist, auf Knopfdruck bestimmte Sounds abzufeuern, werden wissen, warum mir dieser Punkt so wichtig war. Durch die räumliche Nähe von Neural-Mix-Taster und Sampler-Pads ergeben sich im Übrigen recht reizvolle Möglichkeiten, die Musik an der Stelle auszudünnen, wenn man ein Sample-abfeuert.

Ableton-Link

Wer regelmäßig das Algoriddim-Forum besucht, stellt fest, dass der Ruf nach einer Integration von Ableton-Link regelmäßig ziemlich laut war. Die Macher von Djay haben ihn offenbar gehört und statten die neue Version mit dieser langersehnten Option aus. Um sie zu aktivieren, tippt man im Einstellungsmenü einfach auf Ableton Link und sofort zeigt ein kleiner Tempo-Bar über dem Algoriddim-Logo das Clock-Signal an. Die Tempo-Vorgabe funktioniert danach demokratisch zwischen sämtlichen Teilnehmern des Link-Verbundes. Entscheidend ist immer, wer zuletzt eine Tempoänderung vorgibt. Wir konnten im Test einen Verbund aus zwei iOS-Apps in Verbindung mit Ableton Live auf einem Laptop stabil betreiben.

MIDI-Learn

Die Liste der von Djay nativ unterstützten Hardware ist bekanntlich lang und ziemlich umfassend. Findet sich dort der eigene Controller, hat man leichtes Spiel, denn die Unterstützung von Djay ist erfahrungsgemäß hervorragend gelöst, so dass vom Start weg alle Funktionen bidirektional unterstützt werden. Pech hatte man allerdings, falls der Controller nicht in der Liste auftaucht. Hier war bislang erstmal Ende im Gelände. Das soll sich mit dem neuen Midi-Learn-Modus ändern: Wurde ein Gerät vom iOS erkannt (auch über Bluetooth verbundene Hardware), steht es auch im Midi-Editor zum Anlernen zur Verfügung.

Grundsätzlich geht das simpel von der Hand, ist aber recht zeitaufwändig: Controller am Gerät bewegen, danach aus den kategorisierten Menüeinträgen (bspw. Mixer, Deck 1/2, Browser) den entsprechenden Unterpunkt wählen und fertig ist die Zuweisung. Pro Bedienelemente lässt sich sogar ein Midi-Out-Kommando definieren um beispielsweise LEDs zu aktivieren. Angelegte Mappings lassen sich nun auch verwalten: Es ist möglich sie zu kopieren, löschen und umzubenennen.

Loop-Player

Kommen wir zum nächsten großen Update-Feature: Dem Loop-Player. Er besteht aus einer Matrix von acht Spalten und sechs Zeilen, die mit vorgefertigten Audioschleifen bestückt sind. Ab Werk ist ein Loop-Set bereits installiert. 26 weitere gehören zu Pro-Version und lassen sich aus dem Netz herunterladen.

Die Sets stammen von der bekannten Firma „Loopmasters“ und sind ebenso stilecht wie hochwertig produziert. Pro Spalte kann jeweils ein Loop aktiv sein. Es wird durch Antippen temposynchron aktiviert und läuft so lange, bis man den Taster erneut betätigt. Im Wechselspiel der maximal 48 Schleifen lassen sich durchaus unterhaltsame Tracks basteln oder auch eine laufende Nummer mal mit ein paar Drums unterfüttern.

Solange man aber keinen eigenen Content einfügen kann, bleibt das allerdings eher eine unterhaltsame Spielerei. Hinzu kommt, dass der Loop-Player zwar temposynchron läuft, ansonsten aber überhaupt nicht in den Mixer eingebunden ist: Gestartet wird er über einen unscheinbaren Play-Taster in der unteren Ecke und über einen kleinen virtuellen Fader geregelt. Routing auf Crossfader oder Effekte ist nicht vorgesehen.

Automix

War die Automix-Funktion bislang relativ unscheinbar als kleines Icon in der Titelleiste verborgen, widmen Algoriddim dem Thema nun eine eigene Ansicht. Die gibt sich ziemlich elegant und zeigt zentral das Cover des aktuellen Titels, am rechten Rand die folgende Platte und darunter den steten Fluss der Wellenform. Direkt aus dem Fenster heraus kann die gewünschte Abspielliste selektiert werden. Zudem stehen umfangreiche Optionen zur Konfiguration der automatischen Überblendung bereit: Die Transitions reichen vom sanften Fade, Delay und dem Zusuppen im Hall bis hin zum abrupten „Brake“ und „Reverse“.

Die Länge der Übergänge lässt sich dabei ebenso definieren, wie die Tempoanpassung (Aus, Sync, Morph). Gerade bei berechenbaren Musikstilen wie House mit Fades als Übergang und einer langen Übergangsdauer (8 oder 16 Takte) leistet der Algorithmus wirklich erstaunliche Arbeit. Ich kenne jedenfalls DJs, die weitaus unsauberer arbeiten als diese App.

Neural Mix

Algoriddim vermarkten ihren neuen „Neural Mix“-Algorithmus in zwei verschiedenen Formaten. Und zwar als Standalone-Editor „Neural Mix Pro“ und als Echtzeit-Prozessor in ihrer DJ-App. Der Algorithmus verspricht nicht weniger als die Echtzeit-Separation musikalischer Klanggruppen wie Beats, Instrumente und Vocals. Wie bereits gesagt, ist diese Funktion innerhalb von Djay Pro AI an zwei Stellen erreichbar: zum einen in Form eines kleinen Tasters neben dem Crossfader und auch in einer 2- und 3-Kanal-Variante innerhalb der Deck-Funktions-Ansicht. Die kleine Version kann zwischen Instrumental/Accapella und Percussiv/Tonal unterscheiden. Die größere 3-Kanal-Version separiert wahlweise in Drums/Harmonic/Vocals oder Drums/Bass/Melodic.

Je nach Ausgangsmaterial ist die erzielbaren Ergebnisse wirklich verblüffend. Klar, Artefakte sind hörbar und werden umso stärker, desto „schwammiger“ der zu filternde Track ist, aber grundsätzlich ist der Effekt durchaus brauchbar, um im Mix beispielsweise mal kurzerhand die Vocals raus zu drehen und das Publikum mit grölen zu lassen, die Drums zu entfernen, um sie durch eine andere Nummer zu ersetzen oder einen spontanen Mashup zu kreieren.

Das geht so weit, dass sich – in Verbindung mit dem integrierten Loop-Player – komplette Drum-Replacements on the fly ausführen lassen. Auch als Karaoke-Maschine leistet Neuralm Mix durchaus brauchbare Arbeit. Dabei aktualisiert die Engine die Wellenform sogar in Echtzeit und passt sie der Filterung an – ganz erstaunlich.

Überhaupt braucht es ein bisschen Zeit, um vollständig zu realisieren, wie mächtig Neural Mix eigentlich ist. Denn am Anfang nimmt man es einfach so zur Kenntnis, probiert vielleicht ein paar Filterungen aus und denkt sich „ja okay, klingt manchmal ein bisschen ‚artefaktig‘ aber funktioniert“ und legt es wieder bei Seite.

Macht man sich aber mal die Mühe, die Funktion wirklich ins Mixing zu integrieren, kommt schnell Begeisterung auf, weil plötzlich Sachen möglich sind, die bislang völlig undenkbar waren. So beispielsweise im Übergang einfach mal einen Vocal geloopt stehen lassen und den Bass rausnehmen, während die folgende Nummer nur mit Beat anfängt und man erst nach und nach die Instrumente dazu mischt.

Der Gedankengang geht noch weiter: In einer Zeit, wo nahezu jeder Track online verfügbar ist, kann das kreative „Mashuppen“, also das Ineinander-Mischen von zwei Stücken durchaus ein stilistisches Alleinstellungsmerkmal für DJs sein. Auch und besonders, da der Zugriff auf diese Möglichkeiten hier – anders als bei den klanglich zwar überlegenen, praktisch allerdings etwas unhandlichen „Stems“ von Native Instruments – mit den Audiodateien möglich ist, mit denen man ohnehin bereits arbeitet.

Anzumerken ist allerdings, dass Neural Mix den kleinen iPad-Prozessor (wie nicht anders zu erwarten) doch merklich fordert. Die Bildschirmdarstellung und die Sync-Nachführung auf meinem iPad Pro der ersten Generation kamen beim gleichzeitigen Umherwirbeln mit zwei Decks im Neural Mix-Modus gelegentlich etwas ins Stottern: Zwar ohne Audio-Aussetzer, aber mit leichtem Lagging in der Darstellung.

Gesture Control

Ebenfalls neu hinzugekommen in der AI-Version ist das Feature „Gesture Control“. Damit lassen sich Funktionen wie Scratching, Filter- und Effektsteuerung, ja sogar das Aktivieren von Loops und automatischen Übergängen durch Gesten mit den Händen steuern. Leider setzt diese Funktion ein iPad Pro 11-Inch, iPad Pro 12.9-Inch (3te Generation oder neuer) oder ein iPad Air (4te Generation oder neuer) voraus, sodass ich mit meinem alten iPad Pro der zweiten Generation hier untätig bleiben musste.

Das, was der Social Media Künstler „DJ Ravine“ in seinem Demo-Video zeigt, sieht jedenfalls lustig aus und könnte für Show-DJs sicherlich nützlich sein.

Dies und das

Ein häufig geäußerter Kritikpunkt an Djay war, dass das Kanalfilter relativ scharf und spitz klingt, was auf eine hohe Resonanz hindeutet. In der aktuellen AI-Version ist die Resonanz nun (endlich) in drei Stufen regelbar – sehr gut.

Schade ist dagegen die endgültige Abschaltung der Spotify-Integration. Was allerdings nicht Algoriddim, sondern an Spotify selbst liegt, deren Nutzungsbedingungen erlauben – wie mir verschiedene DJ-Software-Hersteller bestätigten – keinen DJ-Einsatz.

Zwar lassen sich Spotify-Playlisten mit verschiedenen Online-Tools problemlos zu anderen Anbietern verschieben, aber der Zwischenweg ist lästig und – wenn man Spotify weiterhin nutzen will – auch kostspielig, da man dann ja Abos bei zwei Anbietern abschließen muss.

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