dSoniq Realphones Test

dSoniq Realphones reiht sich ein in eine wachsende Anzahl an Plugins für Virtual Mixing Rooms. Nach Waves Nx, Slate VSX und Sonarworks SoundID Reference macht sich nun noch ein weiterer Hersteller daran, professionelle Abmischungen auf Kopfhörern ermöglichen zu wollen. 

dSoniq_RealPhones_01_Aufmacher_Test


Der wachsende Bedarf an Virtual-Mixing-Plugins kommt nicht von ungefähr. Die Zahl der Laptop-Produzierenden ist heute um ein Vielfaches größer als die derjenigen, die Zeit und Geld für Studioproduktionen haben. Wer allerdings ausschließlich mit Kopfhörern arbeitet, erlebt beim Testhören auf Earbuds oder im Auto mitunter böse Überraschungen: verschobene Lautstärkeverhältnisse, zu viel Reverb, zu viel Bass, ein in sich zusammenfallender Mix. Denn selbst die teuersten Mixing-Headphones können allein keine echte Räumlichkeit und kein lineares Klangbild abbilden. 
Rein physikalisch betrachtet sind unsere Ohren unter Studiokopfhörern akustisch voneinander isoliert. Damit fehlt die „Head-Related Transfer Function“ (HRTF), die akustische Auswirkung unseres Kopfes auf eintreffenden Schall. Beim Mixing in der Phantommitte im Stereodreieck kommen Schallwellen von links früher im linken Ohr an als im rechten – und umgekehrt. Der Kopf dämpft und lenkt sie auf dem Weg zum rechten Ohr ab – Crossfeed. Dadurch entsteht in Hörzentrum im Gehirn erst der Raumeindruck. Tools wie „Realphones“ versuchen diesen Prozess mithilfe einer Mischung aus Frequenzausgleich und virtueller Räumlichkeit auf Kopfhörern zu simulieren.

Details & Praxis

dSoniq Realphones – Versionen

Die Software gibt es in drei Ausführungen: „Lite Pack“, „Professional Pack“ und „Ultimate Pack“. Alle bringen die volle Funktionalität mit. Der Unterschied liegt bei Menge und Art der Kopfhörerprofile. So wird im „Lite-Pack“ eine Standardkurve mitgeliefert. Sie basiert auf Durchschnittswerten aus der Datenbank der über 140 Kopfhörer-Kalibrierungsprofile. Im „Professional Pack“ entscheidet man sich für drei Profile aus dem Katalog, zwischen denen man dann wechseln kann. Im größten „Ultimate Pack“ gibt es keine Einschränkung mehr bei der Anzahl an Profilen, die geladen werden können. 
Wer die Demo lädt und sich wundert, wo die Profile zu finden sind: Jedes Kalibrierungsprofil muss erst im eigenen Account auf der Webseite registriert und mit der Software synchronisiert werden – einmalig. Überhaupt kann die Demo von „Realphones“ ganze 41 Tage getestet werden – vorbildlich. Diese Version umfasst die drei in der „Professional Pack“-Edition enthaltenen Kalibrierungsprofile. DSoniq erläutert auf seiner Webseite ausführlich, wie der „Trial“-Modus und die gewünschten Profile aktiviert werden. 

Oberfläche und Workflow von Realphones

Auch sonst will man es vor allem besser machen als die Konkurrenz von Sonarworks und Waves: Eine Kopfhörerkalibrierung wie bei SoundID Reference ist dabei, aber mit viel mehr Einstellungsmöglichkeiten. Ein virtuelles Studio wie bei Waves Nx gibt es auch, allerdings mit mehr Anpassungsmöglichkeiten. Das Interface läuft fast über vor Settings. Aber Minimalisten können beruhigt sein: Es gibt einen reduzierten „Easy Mode“ (unten links im Menü wählbar). 

Fotostrecke: 3 Bilder Weniger Einstellungen und Details gibt es im Easy-Mode.
Fotostrecke

Einstellungen für jedes Klangdetail

Auch in diesem Bereich gibt es die Parameter „Presence“ und „Pressure“. Ersterer schärft und definiert laut Handbuch die Spitzen der Kalibrierungskurve, was zu mehr Klarheit im Klangbild führen soll. „Pressure“ wiederum kompensiert zu eng (weil zu neu) oder zu lasch (weil alt und abgetragen) sitzende Kopfhörer. Beide Einstellungen verändern die Korrekturkurve vor allem im Bereich um 1 kHz. Auch nach längeren Hör- und Mixing-Sessions gab es für mich allerdings kein Szenario, in dem ich einen von beiden Parametern mit extremen Einstellungen gebraucht hätte. Tatsächlich habe ich den Standardwert von 75 bei „Presence“ meist auf 60 reduziert, „Pressure“ blieb auf 0.0. Je nach Hörgewohnheit oder Zustand der eigenen Kopfhörer erscheinen beide Parameter jedoch durchaus sinnvoll für individuelle Anpassungen. 

Ein Filmstudio mit drei Monitorwahlmöglichkeiten ist dabei.
Ein Filmstudio mit drei Monitorwahlmöglichkeiten ist dabei.

Virtuelle Räumlichkeit in dSoniq Realphones

Daneben kann der Winkel der virtuellen Monitore zur Phantommitte sowie der HRTF-Anteil bestimmt werden. Zwischen 0° (mono) und 180° erlaubt der Slider bei „Angle“. Wir erinnern uns: Der Winkel für die ideale Phantommitte liegt in einem Stereodreieck bei ca. 60°. Hier andere Werte zu wählen, empfiehlt sich für die, die „Realphones“ zusätzlich zu Studiomonitoren nutzen und diese im Studio in anderem Winkel aufgestellt haben. 

Sobald man einen der Parameter anpasst, zeigt Realphones sofort die daraus resultierenden Änderungen in der Korrekturkurve an.
Sobald man einen der Parameter anpasst, zeigt Realphones sofort die daraus resultierenden Änderungen in der Korrekturkurve an.

NS-10s, Auratones und Earpods – Was wird simuliert?

Diese Fülle an Einstellungsmöglichkeiten zieht sich durch den Rest der Software. Direkt unter der Studiosimulation kann zusätzlich aus zwölf Monitormodellen ausgewählt werden. Darunter befinden sich Klassiker (namentlich maskiert), wie Yamaha NS-10 oder der berühmte Auratone-Würfel. „Response“ stellt dazu die Intensität ein, in der der Frequenzgang des gewählten Monitormodells auf die Korrekturkurve angewendet wird. Die Regler „Depth“ und „Warmth“ sorgen dazu für mehr Bassanteil und Betonung der unteren Mitten. „Depth“ kompensiert die mangelnde Fähigkeit von Kopfhörern, Subbass-Frequenzen zu erzeugen. „Warmth“ wiederum soll natürliche tonale Unregelmäßigkeiten bewirken, die bei Studiomonitoren durch die Raumakustik entstehen. 

Was die Namensrechte betrifft, sind sowohl Yamaha als auch Apple sehr zurückhaltend bei der Vergabe von Lizenzen. Daher kommen die etwas kryptischen Bezeichnungen bei der Monitorauswahl.
Was die Namensrechte betrifft, sind sowohl Yamaha als auch Apple sehr zurückhaltend bei der Vergabe von Lizenzen. Daher kommen die etwas kryptischen Bezeichnungen bei der Monitorauswahl.

Presets und die Systemwide-App

Außerdem gibt es auf der linken Seite noch die Snapshots. Es handelt sich dabei auch einfach um Presets, die lediglich schneller anwählbar sind. Hier gibt es vier Sets mit je neun Snapshots: „Mix“, „Mix Check“, „Produce“ und „Relax“. Wer gerne viele Soundprofile durchwechselt, aber beispielsweise Kopfhörermodell oder Raumanteil nicht jedes Mal neu einstellen will, findet im Menü bei den Snapshot-Gruppen die Funktion „Lock Parameters“ – praktisch!

Fotostrecke: 3 Bilder „Lock Parameters“ verhindert, dass sich beispielsweise die Kopfhörerwahl oder „Ambience“-Einstellung verändert, falls man das Preset wechselt.
Fotostrecke

Stichwort Praktisch: Bisher unerwähnt blieb die Systemwide-App. Damit ist die Kopfhörerkalibrierung und der virtuelle Studiosound auch auf Systemebene möglich. Auf diese Weise gestaltet sich das Arbeiten mit Audio in mehreren Programmen einfacher. Will man mit Referenztracks arbeiten, ohne die Wave-Dateien der Referenzen in die DAW zu laden, und sie lieber in Spotify oder auf YouTube gegenhören, muss man sonst höllisch aufpassen, dass es beim Programmwechsel nicht zu drastischen Lautstärkesprüngen kommt. Das passiert jedoch nicht, wenn Realphones auf der Systemebene gegensteuert! Im Arbeitsalltag hat sich die Systemwide-Software als genauso praktisch erwiesen wie die vielen Einstellungsmöglichkeiten. 

Fazit

DSoniq Realphones ist eine echte Kampfansage an die Konkurrenz. Was Menge und Details der Features betritt, ist man hier ganz vorne dabei. Zwischen Sonarworks „SoundID Reference“ und Waves „Nx“ hat die Software vieles besser und fast alles richtig gemacht.Ein einziger Studioraum wirkt dabei im Vergleich dann doch etwas mager. Allein, um die unterschiedlichen Monitorpaare besser einschätzen zu können, wäre mindestens ein zweiter Raum mit anderer Akustik eine Hilfe. Wenn dSoniq aber im selben Tempo weitermacht, in dem man dort seit dem Release letzten Sommer Updates veröffentlicht,  mache ich mir wenig Sorgen. 

Pro
  • Über 140 Kopfhörermodelle für die Kalibrierung
  • Sehr detaillierte Einstellungsmöglichkeiten
  • Systemwide-Software
  • Snapshot-System erlaubt schnelle Wechsel zwischen Profilen
  • Eingebauter Limiter zum Übersteuerungsschutz
Contra
  • Nur ein Studioraum
Features
  • Software und Plugin zur Entzerrung von Studiokopfhörern und mit virtuellem Mixing Room
  • Über 140 Kalibrierungsprofile für Kopfhörer (Online freischaltbar)
  • Detaillierte Frequenzanpassung bei Kopfhörerkorrektur (Presence und Pressure) und Monitor-Frequenzgang (Density und Warmth)
  • Ein virtuelles Studio: Moscow Film Studio mit drei Monitoren: einmal Far-Field, zweimal Mid-Field
  • 12 Lausprecherprofile (unter anderem Studioboxen von Yamaha und Auratones, Earbuds)
  • Drei-Band-EQ zur Anpassung des Frequenzganges
  • Limiter zum Schutz vor Übersteuerung
  • Systemwide-App für Anwendung der Kalibrierung auf den gesamten Systemsound
  • Anteile für Kopfhörerkorrektur und Räumlichkeit einstellbar
  • Vier Snapshot-Gruppen „Mix“, „Mix Check“, „Produce“ und „Relax“ mit je neun Voreinstellungen
  • 22 Presets
  • Easy Mode für reduzierte Einstellungsmöglichkeiten und schnelleren Zugang
Systemvoraussetzungen
  • Mac: ab OSX 10.9
  • PC: ab Windows 7
  • Plugin-Formate: VST (Win, Mac), VST3 (Win, Mac), AAX (Win, Mac), AU (Mac)
  • und Systemwide Application
Preis
  • „Lite Pack“ – ein Standardkopfhörerprofil – 69 EUR (Straßenpreis 06.11.2021)
  • „Professional Pack“ drei eigene Kopfhörerprofile – 99 EUR (Straßenpreis 06.11.2021)
  • „Ultimate Pack“ alle Kopfhörerprofile – 179 EUR (Straßenpreis 06.11.2021)

Unser Fazit:

Sternbewertung 4.5 / 5

Pro

  • Über 140 Kopfhörermodelle für die Kalibrierung
  • Sehr detaillierte Einstellungsmöglichkeiten
  • Systemwide-Software
  • Snapshot-System erlaubt schnelle Wechsel zwischen Profilen
  • Eingebauter Limiter zum Übersteuerungsschutz

Contra

  • Nur ein Studioraum
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von Julian Schmauch

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