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Avid Pro Tools 2020.11 Test

Praxis

Über die letzten drei Jahre hinweg hat es sich ausgezahlt, als Mac-Nutzer konservativ mit Betriebssystemumstellungen umzugehen. Denn Avid hat sowohl beim Wechsel von 10.13 High Sierra auf 10.14. Mojave (im September 2018) als auch von 10.14. auf 10.15 Catalina (im September 2019) ca. ein halbes Jahr benötigt, bis Pro Tools mit dem aktuellen macOS kompatibel war. Wer sich in der Zwischenzeit einen neuen Mac zulegen musste, hat in die Röhre geschaut. Zum Testzeitpunkt im November 2020 ist macOS 11 Big Sur bereits auf dem Markt und die ersten Apple-Computer mit ARM-Prozessoren sind ebenfalls vorgestellt. Laut Avid wird die macOS-Anpassung in zwei Schüben passieren: Ein Big-Sur-Intel-Update kommt zuerst, der Support für die ARM-Prozessoren wird ein bisschen mehr Vorlauf benötigen. Allerdings bestehen gute Aussichten, dass Big-Sur-Support für Intel-Macs noch im Jahr 2020 real wird. Für ARM konnte und wollte mein Avid-Kontakt sich nicht festlegen.
Im Folgenden beschreibe und bewerte ich die wesentlichen neuen Funktionen, die Pro Tools seit 2018.1 hinzubekommen hat. 

Track Presets (Pro Tools 2018.1)

Das Jahr 2018 begann für Pro-Tools-User hoffnungsvoll, denn die «Track Presets» waren eine lang erhoffte Funktion, die in anderen DAWs schon unter Namen wie Channelstrip-Settings oder ähnlichem bekannt waren. Prinzipiell lassen sich damit alle Einstellungen einer Spur isoliert speichern, sodass man sie an anderer Stelle wieder aufrufen kann. Dabei kann es sich um einen Audiotrack mit oder ohne Clips handeln, aber auch um alle anderen Spurtypen aus dem Pro-Tools-Sortiment. 
Wie meistens bei Pro Tools ist auch diese Funktion bis zum Ende gedacht: Es gibt nicht nur über 600 Track Presets, die von den Core Plugins und den mitgelieferten AIR Virtual-Instruments Gebrauch machen, sondern es lassen sich auch beliebig viele eigene Presets erstellen und mit Tags versehen, um die Suche nach dem richtigen Track Preset im Workspace zu erleichtern. Wie man es von der Funktion «Import Session Data» kennt, gibt es auch beim Import von «Track Presets» die Möglichkeit, entweder sämtliche Parameter oder nur einen beliebigen Teil der Parameter zu installieren. 

Fotostrecke: 2 Bilder Über 600 Track Presets werden mitgeliefert, eigene sind in beliebiger Anzahl möglich.
Fotostrecke

Während es sicher bei nahezu allen Anwendungen Einsatzgebiete für Track Presets gibt, ist eines ganz besonders naheliegend: die Multitrack-Aufnahme einer Band, und zwar im ganz klassischen Sinne – die Band spielt alle Titel live ein, die Songs sollen aber in separaten Sessions gemischt werden. In so einem Fall gilt es, sich die alte Trennung zwischen Tonband und Mischpult wieder vorzustellen. Man beginnt die wesentlichen Klänge wie das Schlagzeug, den Bass, die Gitarren und Keyboards bei einem charakteristischen Song in ein Mischungsverhältnis zu setzen, von dem aus die Anpassungen für die einzelnen Songs erfolgen. Wenn ich nun Track Presets für die betreffenden Spuren speichere, kann ich sie für jeden weiteren Song aufrufen und meine Mischung von diesem größten gemeinsamen Vielfachen starten. Man wechselt zwar das Band in der Tonbandmaschine, aber das Mischpult bleibt und liefert eine Basis, auf der man aufbauen kann. ´ 

Retrospective MIDI (Pro Tools 2018.1)

Sobald Pro Tools läuft und der Nutzer eine MIDI- oder Instrument-Spur spielt, wird die Performance aufgezeichnet. Das ist super praktisch, wenn man beim Mitjammen vergessen hat, den Record-Button zu drücken. Im eingedeutschten Pro Tools heißt diese Funktion «Rückwirkende Aufnahme» und versteckt sich im Eventmenü. Ob man die Wiedergabe schon gestoppt hat oder noch abspielt, ist dabei irrelevant. Falls sich an der betreffenden Stelle des Arrangements schon eine Aufnahme befindet, wird diese durch die rückwirkende Aufnahme ersetzt. Um das zu vermeiden, sollte man vor dem Ausführen der rückwirkenden Aufnahme eine Kopie der aktuellen Playlist erstellen. Insgesamt hat mich die Funktion im Test voll überzeugt, da sie immer die erwarteten Ergebnisse liefert. Man muss jedoch zugeben, dass diese Funktion keine originäre Avid-Erfindung ist, denn in anderen DAWs war sie bereits früher vorhanden. 

Nie wieder den First Take versäumen: Dank «Rückwirkende Aufnahme» werden auch dann MIDI-Daten aufgenommen, wenn Pro Tools sich im Play-Modus befindet.
Nie wieder den First Take versäumen: Dank «Rückwirkende Aufnahme» werden auch dann MIDI-Daten aufgenommen, wenn Pro Tools sich im Play-Modus befindet.

Target Playlists (Pro Tools 2018.1)
Auf Deutsch nennt sich diese Funktion «Ziel-Playlist» und adressiert ein Problem der Playlists, das vor allen Dingen bei Drum-, Backing-Vocal- oder anderen Aufnahmen multimikrofonierter Instrumente und Instrumentgruppen entsteht: Die Ansicht einer Spur im Playlist-View füllt schon fast den gesamten Bildschirm, sodass ein übersichtliches Arbeiten innerhalb des ganzen Klangkörpers unmöglich ist. Über die Ziel-Playlist-Funktion legt man fest, wo der Comp der besten Takes gespeichert werden soll. Das kann die Main Playlist der Spur, aber auch jede andere Playlist sein. Nun kann in der Waveform-Ansicht des Edit-Fensters über Tastaturkommandos oder EuCon die Auswahl der besten Takes stattfinden. Diese Funktion ist speziell, aber typisch Pro Tools. Wer häufiger mit größeren Klangkörpern arbeitet, freut sich über diese sehr sinnvolle Workflow-Erleichterung. 

Ziel-Playlists bieten sich beim Comping multimikrofonierter Klangkörper an.
Ziel-Playlists bieten sich beim Comping multimikrofonierter Klangkörper an.

Search in I/Os, Plugins und Bussen (Pro Tools 2018.7)

Man hat viele Plugins, sehr viele Busse und vielleicht sogar Ausgänge aus dem Pro-Tools-System. Um nicht umständlich mit der Maus in langen, aufklappenden Listen navigieren zu müssen, lässt sich der gesuchte Begriff nun über die Tastatur eingeben. Hardcore-User werden diese Suchfunktion zu schätzen wissen, weil sie auch die Track Presets durchsucht und so clever ausgedachte Makros auslösen kann. 

Die Suchfunktion erleichtert den Zugriff auf Plugins, Sends, Ausgänge etc.
Die Suchfunktion erleichtert den Zugriff auf Plugins, Sends, Ausgänge etc.

Continuous Creation (Pro Tools 2019.5)

Mit der Veröffentlich von Pro Tools 7 vor ungefähr 15 Jahren begann die Software damit, sich unter anderem mit virtuellen Instrumenten oder einem besseren MIDI-Editing dem digitalen Kreativkopf zu nähern. Etwa zu dieser Zeit wurde auch die Funktion Dynamic Transport integriert, die den im Loop wiederzugebenden Bereich unabhängig von Edit- und Timeline-Selektionen machte. Damit deutete sich eine Live-Arbeitsweise an, bei der man zum Beispiel einen achttaktigen Loop nach und nach mit verschiedenen Sounds versehen konnte, ohne die Wiedergabe zu unterbrechen. Das Ganze hatte jedoch einen Haken: Jede neu erstellte Spur, jedes neu insertierte Plugin und jeder neue Send sorgte für eine unsanfte Unterbrechung der Wiedergabe mit fürchterlichen Nebengeräuschen. Damit war der Spaß an Dynamic Transport sehr eingeschränkt. Es hat leider bis Mitte 2019 gedauert, bis dieses Problem adressiert wurde, was die Neuerung an sich aber schlechter macht. Es ist auch in meinem Arbeitsalltag ein Segen, die Wiedergabe nicht mehr unterbrechen zu müssen, weil man Plugins oder Sends einfügen will, eine Ausgangszuweisung verändern will usw. So minimal diese Verbesserung auf den ersten Blick wirkt, so groß ist sie in der Praxis. Im Unterschied zu vielen Workflow-Optimierungen, die meist nur speziellen Nutzergruppen dienen, profitieren wirklich alle User von dieser Verbesserung.

Avid betreibt künstliche Spurenverknappung nativer Ultimate-Systeme: Wer mit 384 Spuren nicht auskommt, muss draufzahlen.
Avid betreibt künstliche Spurenverknappung nativer Ultimate-Systeme: Wer mit 384 Spuren nicht auskommt, muss draufzahlen.

Voice Packs für Ultimate (Pro Tools 2019.5)

Voice Packs erinnern an Zeiten, in denen verfügbare Spuren gleichzeitig knapp waren und Avid ist tatsächlich der einzige DAW-Anbieter, der diese Resource nach wie vor künstlich verknappt. Bei allen anderen mir bekannten DAWs ist die Anzahl der gleichzeitigen Spuren während der Aufnahme und der Wiedergabe einzig und allein von den Kapazitäten der beteiligten Komponenten (CPU, Festplatte/SSD etc.) abhängig. Eine Standard-Pro-Tools-Lizenz ist auf 128 Audiospuren (mono oder stereo bei 48 kHz) begrenzt. Für die Ultimate-Lizenz gibt es seit 2019.5 statt den bisherigen 256 Voices für native Systeme nun 384 Voices (bei 48 kHz). Wer damit nicht auskommt, kann bis zu drei Voice Packs a 128 Voices (bei 48 kHz) erwerben, so dass maximal 768 Voices möglich sind. Ein Voice Pack mit 128 Stimmen kann zum Testpunkt im November 2020 für 139 Euro Jahresmiete lizenziert werden. 
Aufgrund technischer Probleme mit einigen älteren HDX-Karten hat Avid sich dazu entschieden, das Spurenlimit von HDX-Karten bei 256 Voices zu belassen. Mit drei HDX-Karten ist das Maximum von 768 Stimmen erreichbar.
Da diese gigantischen Spurenzahlen sicherlich nur in opulenten Mehrkanal-Produktionen erforderlich sind, erübrigt sich der Hinweis, dass der Einkauf von Voice Packs keine Garantie dafür gibt, dass tatsächlich so viele Spuren ohne Probleme abgespielt werden. 
Grundsätzlich missfällt mir der Ansatz, von Nutzern nativer Systeme Mietkosten für Voice Packs zu verlangen. 

Neue Avid Video Engine (Pro Tools 2019.10)

Da vor allen Dingen Apple mit macOS Catalina konsequent auf 64-Bit-Software umgestellt hat und die Quicktime-Video-Engine eine 32-Bit-Applikation ist, mussten sich alle DAW-Hersteller für die Video-Integration etwas Neues einfallen lassen. Avid hat aus diesem Grund schon vor einiger Zeit die Video-Engine vom Avid Media Composer bekommen. Mit Pro Tools 2019.10 ist diese Video Engine noch einmal verbessert worden, um zum Beispiel 4k-Material mit bis zu sechzig Frames pro Sekunde anzuzeigen, sodass kein Transcoding solcher Filme mehr nötig ist. Ein grundlegendes Problem unter Catalina bleibt aber bestehen: Video-Export, so wie er mit Quicktime seit vielen Jahren möglich war, kommt erst mit 2020.11 als Public Beta wieder zurück in Pro Tools. 

Folder Tracks (Pro Tools 2020.3)

Eine der größten Neuerungen für Pro Tools sind die Folder Tracks, denn damit ist eine bessere Organisation großer Sessions möglich. Ähnlich wie die Playlists, die das wiederzugebende Material der Spur in der Z-Ebene eines dreidimensionalen Koordinatensystems speichern können, können Gruppen von Spuren zu einem Ordner/Folder zusammengefasst werden, während im Edit-Fenster nur noch der Folder Track zu sehen ist. Pro Tools unterscheidet zwei Typen von Ordnern, nämlich die «Basic Folder» und die «Routing Folder». Während die normalen Folder ihr Routing beibehalten, werden beim «Routing Folder» die Tracks wie in einer Subgruppe zusammengefasst. Mute und Solo auf dem Folder Track betreffen alle Spuren des Ordners genau wie alle Edits auf der Zeitachse. Dank zahlreicher Tastaturkommandos ist das Ergänzen von Tracks in einem Ordner, das Öffnen und Schließen des Ordners und einiges mehr flexibel steuerbar. Die Folder Tracks sind meiner Meinung nach die mächtigste neue Funktion, die Pro Tools zwischen 2018 und 2020 erfahren hat

Fotostrecke: 2 Bilder Dank der neuen Ordner/Folder-Spuren kann man sich das Edit-Fenster übersichtlich gestalten.
Fotostrecke

Ableton Link (Pro Tools 2020.9.1)

Bei Ableton Link handelt es sich um eine Synchronisationsmethode im Netzwerk, um zwei oder mehr Programme, Apps, Devices miteinander zu verkoppeln. Start/Stopp und Tempo werden dabei übertragen, sodass das timelinebasierte Pro Tools sich um loopbasierte Programme wie Ableton Live, iMaschine von Native Instruments auf dem iPad oder ähnlichen Devices erweitern lässt. Für alle Grenzgänger, die für ihre Produktionen das Beste aus der timeline- und der loopbasierten Arbeitsweise benötigen, ist Ableton Link eine hervorragende Ergänzung.

Über Ableton Link (oben und unten im Transportfenster jeweils rechts) synchronisiert Pro Tools sich zum Beispiel mit Ableton Live.
Über Ableton Link (oben und unten im Transportfenster jeweils rechts) synchronisiert Pro Tools sich zum Beispiel mit Ableton Live.

Audio to MIDI (Pro Tools 2020.11)

Beim Marketing der neuen Version 2020.11 ist mir Audio to MIDI bisher viel zu kurz gekommen. Pro Tools allein kann nämlich nach wie vor kein Audio to MIDI. Die Funktion steht trotzdem jedem Pro-Tools-Nutzer zur Verfügung, weil ein Melodyne Essential mit Pro Tools 2020.11 gebundelt ist. Und Audio to MIDI wird über ARA realisiert. ARA ist die Celemony-Technologie, mit der die Kommunikation zwischen der Host-Applikation (z. B. Pro Tools) und einem Plugin wesentlich erweitert wird. Viele DAWs wie Studio One, Logic, Cubase und Reaper bieten schon vollständige ARA-Implementation, bei Pro Tools hat man sich zunächst auf Audio to MIDI beschränkt. Auch wenn dies nur ein kleiner Ausschnitt aus dem ARA-Angebot ist, ein Anfang ist gemacht. Ich habe zumindest keine Zweifel mehr, dass es über kurz oder lang eine vollständige ARA-Implementation in Pro Tools geben wird.

ARA kommt! Bislang ist nur die Audio-to-MIDI-Funktion integriert, aber der erste Schritt ist getan.
ARA kommt! Bislang ist nur die Audio-to-MIDI-Funktion integriert, aber der erste Schritt ist getan.

Space Clips (Pro Tools 2020.11)

Mit diesem kleinen Batch-Processing-Kommando lässt sich ein vom Benutzer festzulegender Raum definieren, der zwischen den ausgewählten Clips liegen soll. Während diese Funktion ursprünglich aus dem Bereich Games kommt, ist sie auch beim Dialog-Editing, beim Sounddesign, beim Mastering und beim Erzeugen einer Sample Library nützlich. Aus meiner Sicht keine große Neuerung, aber diese Funktion hat mir in den letzten drei Jahren bestimmt zehn Mal gefehlt.

Bounce to Mix (Pro Tools 2020.11)

Aus dem Fenster «Bounce to Disk» ist das «Bounce Mix»-Fenster geworden, indem nun auch Videodateien ausgespielt werden können. Durch die Möglichkeit, Presets zu speichern, lassen sich auch wiederkehrende Bounce-Szenarien abspeichern und mehrere Ausspielungen einzelner Stems parallel erledigen. Auch diese Neuerung ist eigentlich nicht weltbewegend, aber dennoch ein wohltuendes Update mit ein paar netten Ergänzungen.

Pro Tools | Carbon Support (Pro Tools 2020.11)

Eine wesentliche Neuerung in 2020.11 ist außerdem die Unterstützung der neuen Audio-Hardware Carbon von Avid, die mit ihrer Hybrid-Engine HDX-kompatible DSPs anbietet, die aber nicht statisch, sondern bedarfsgerecht eingesetzt werden. Ihr werdet dazu einen separaten Testbericht bei bondeo.de bekommen, sobald wir ein Testgerät erhalten haben. Die Hardware und die neue Hybrid Engine sind auf jeden Fall sehr spannend.

Mit dem rundum erneuerten Fenster «Bounce to Mix» lassen sich alle Audio- und Videoausspielungen eines Projekts in einem Rutsch erledigen.
Mit dem rundum erneuerten Fenster «Bounce to Mix» lassen sich alle Audio- und Videoausspielungen eines Projekts in einem Rutsch erledigen.
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