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Als Technikprofi ins Konzert: Genuss oder Qual?

Beine hochlegen statt Party machen?

Wer in der Veranstaltungsbranche arbeitet und abends mal frei hat, überlegt sich gut, ob er privat Events besuchen möchte. Für andere sind sie pures Freizeitvergnügen. Aber Kabel, Lautstärke, buntes Licht, alles erinnert an Arbeit. Gern würde man den Sonnenuntergang am See genießen, hätten die Freunde nicht zur fröhlichen Club-Tour geladen.

Der Profiblick als zuverlässiger Begleiter

Vielen Veranstaltungstechnikern fällt es schwer, Live-Gigs in der Freizeit zu besuchen. „Ich kann nicht mehr einfach bloß konsumieren“, stellt ein Lichtdesigner fest. Am leichtesten hat es da vermutlich noch der lockere Techniker-Typ, der mir sagte: „Privat im Club genieße ich, was da ist. Ich frage nicht, warum und weshalb. Am meisten Spaß habe ich mit erfahrenen Kollegen, die ebenso gut abschalten können wie ich. Und 19 Zoll Gespräche brauche ich nicht.“

(Bild: Shutterstock, Credits: Oscar Carrascosa Martinez)
(Bild: Shutterstock, Credits: Oscar Carrascosa Martinez)

Ganz anders sieht es Kennet Fraikin, Auszubildender zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik im ersten Lehrjahr bei S.L.S. Sound & Light Service GmbH: „Als Konzertbesucher einfach mal abschalten? Nein, das kann ich nicht. Aber wenn der Mix gut ist, gelingt es mir, auch längere Zeit die Show zu genießen, ohne an technische Änderungen zu denken, die ich gern einbauen würde.“
Manche Kollegen holen sich in ihrer Freizeit Anregungen bei tollen Veranstaltungen. Helge Fichtner, Veranstaltungstechniker im Hamburger Freizeitzentrum Schnelsen, lässt sich durch private Konzertbesuche gern inspirieren. „Kürzlich“, so sagt er, „war ich im Deutschen SchauSpielHausHamburg. Der mit Headsets verstärkte Ton war derart gut, dass mich das noch mehr begeistert hat!“
Ein anderer Kollege sieht das Berufs-Dilemma der Veranstaltungstechniker so: „Ich glaube, wir nehmen Bands aus einer anderen Perspektive wahr. Dennoch können wir tolle Shows genießen. Und dafür kann man einiges tun.“

Worauf Techniker achten

Wenn Licht- und Ton-Profis ein Konzert besuchen, fällt der erste Blick auf das Bühnendesign. Dann wird das verbaute Equipment gescannt und schließlich aus dem Augenwinkel der FOH begutachtet. Welches Pult steht da? Welche Lampen sind im Einsatz? Wo hängen LEDs, wo ist konventionelles Licht verbaut? Wie wird welche Stimmung erzeugt? Welcher Technikdienstleister ist am Start?
Für die meisten ist es kaum möglich, an diesen Fragen vorbeizukommen. Kennet Fraikin gesteht: „Ich kann nicht anders, als das verwendete Material zu studieren und mir eine Meinung über das gesamte Setup zu bilden. Wenn die Bands zu spielen beginnen, ist mein Kopf oft schon dabei, den Mix zu analysieren.“
Ein anderer Veranstaltungstechniker beschreibt seine Eindrücke von Live-Auftritten so: „Ich glaube, man konzentriert sich bei der Wahrnehmung des Konzerts stärker. Ist ein Gig gut, nimmt man die Atmosphäre sehr viel positiver wahr, da man weiß, wie viel Arbeit dahinter steckt.“ So sei es ihm beispielsweise beim Auftritt von Steve Wilson im Hamburger Mehr! Theater am Großmarkt gegangen. Das stimmig arrangierte Video- und Sounddesign als Teil eines Tournee erprobten Gesamtkonzepts habe ihn ganz in seinen Bann gezogen. Die Liebe zum Detail habe man in jedem Gewerk gesehen und gehört. Auf der anderen Seite fallen Technikern aber auch Dinge auf, die einen Konzertbesuch verderben können.
Neben einem Ohr für klangliche Mängel haben Techniker offensichtlich ein feines Gespür dafür, ob eine Performance mit Herzblut gemacht wurde oder einfach nur eine durchkalkulierte Show ist. „Wenn ich so darüber nachdenke, kann ich nicht sagen, wann ich das letzte Mal auf einem mittelmäßigen Konzert war“, überlegt ein Tonmann. „Entweder ist meine Wahrnehmung sehr positiv oder sehr negativ. Aber genießen kann ich Konzerte trotzdem noch.“

Tipps von Kollegen, mit denen du bei Konzerten besser abschalten kannst

Interessanterweise berichten mehrere Kollegen davon, dass sie bei kleinen Konzerten besser in Partylaune kommen als bei größeren.
Fiete Abels von elbdeich23.veranstaltungstechnik erklärt sich den Unterschied so: „Bei Konzerten in kleineren Locations ist das Ganze ja wesentlich überschaubarer, da fällt höchstens mal ein fehlendes Safety auf. Wenn die örtlichen Techniker dann auch noch wissen, was sie tun und der Sound gut ist, kann ich kleinere Konzerte wesentlich eher genießen. Um den Profiblick abzulegen, hilft ansonsten eine mindestens so große Menge Alkohol, wie man braucht, um den kompletten nächsten Tag über Kopfschmerzen zu haben“, fügt er augenzwinkernd hinzu.
Anderen hilft der konsequente Wechsel von Berufs- zu Freizeitkleidung. Man wird dann von Gästen nicht mit Personal verwechselt. Und man fühlt sich auch wie ein Privatmensch, der – zumindest innerlich – die Beine hochlegen darf.
Auch die Erinnerung daran, für das Ticket bezahlt zu haben, kann einen Unterschied machen. Es erleichtert die bewusste Entscheidung, sich dann auch wie ein Gast verhalten zu dürfen. Das macht den Perspektivwechsel einfacher.

Kannst du mal eben kurz – der Gute-Laune-Killer

„Das Entspannen bei kleinen Konzerten kann aber auch ganz schnell nach hinten losgehen“, warnt Fiete Abels zum Schluss. „Wenn zum Beispiel Hobby-Techniker es nicht hinbekommen oder Material fehlt und ich dann von einem Bandmitglied, Freund der Band oder wem von der Gastro erkannt werde. Dann kommt schnell mal die Frage, ob ich das nicht mal eben übernehmen kann oder ob ich ‘nen Lagerschlüssel dabei habe, um noch ‘n paar Mics zu holen.“
Das spricht für den Besuch unbekannter Locations. Dort werden zwar möglicherweise ein paar 19 Zoll Gespräche stattfinden. Aber nicht an diesem Abend. Zumindest nicht mit dir. Denn du hast ja frei.

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(Bild: Shutterstock, Credits: Oscar Carrascosa Martinez)

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von christiane.richwien

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