Am 24. September dieses Jahres wird „Nevermind“ von Nirvana 35 Jahre alt, und die Faszination für Kurt Cobain scheint ungebrochen. Bis heute sorgen die Umstände seines Todes für Spekulationen, das Nirvana T-Shirt ist fester Bestandteil der H&M-Kollektion und eine Community aus Gen-Z-Gitarristen versucht immer noch, hinter das Geheimnis seines Gitarrensounds zu kommen. Doch einmal abgesehen von der Legende, den Mythen und dem Hype um seine Person: Wo ordnen wir den Musiker Kurt Cobain ein? Wo ist sein Platz? Zumindest in den Augen von Gitarrenvirtuose Joe Satriani war er „ein großartiger Gitarrist“. Eine Einschätzung, die wir teilen, und wir zeigen euch auch, warum.

Als Autodidakt zur Grunge-Ikone
Laut übereinstimmenden Aussagen fing Kurt Cobain das Gitarrespielen erst im Alter von 14 Jahren an und nahm während seiner Highschool-Zeit Unterricht bei einer lokalen Gitarrengröße namens Warren Mason. Während seiner „Ausbildung“, die laut Mason nur wenige Monate dauerte, versuchte er sich an Klassikern wie „Stairway to Heaven“ und entdeckte schnell, dass weder der theoretische noch der technische Teil des Gitarrenspielens in ihm den nötigen Ehrgeiz weckte. Dafür wurde ihm klar, dass sich die Gitarre als Vehikel zum Ausdrücken von Emotionen und als Songwriting-Tool nutzen lässt. So gründete Cobain noch auf der Highschool seine ersten Bands und lerne mit etwa 17 Jahren den Bassisten Kris Novoselic kennen … and the rest is history.
Kurt Cobains war von Punk und Indie der späten 80er-Jahre beeinflusst, Und das in einer Zeit, in der zunehmend melodiösere und melancholischere Stile die rauen Spielarten des Hardcore-Punk ablösten. Die Grundzutaten vieler einflussreicher Bands wie The Pixies, Wipers oder Melvins finden sich auch in Kurt Cobains Gitarrenspiel wieder: hartes Power-Akkord-Riffing, einfache Melodielinien und viel Platz für Dynamik.
Vermutlich gehörte Cobain nicht zu den Gitarristen, die stundenlang im stillen Kämmerlein an ihrer Technik feilten. Laut eigenen Aussagen verspürte er auch später in seiner Karriere kein großes Interesse daran, sich am Instrument weiterzuentwickeln. Für die Qualitäten des Gitarristen Kurt Cobain war eine andere Sache viel entscheidender: die unzähligen Stunden im Band-Proberaum.
Band-Timing
Nirvana war zur Zeit der Nevermind-Aufnahmen eine außergewöhnlich gut eingespielte Band, was Produzent Butch Vig in zahlreichen Interviews immer wieder betonte. Wer über Monate hinweg beinahe täglich in derselben Besetzung probt, entwickelt unausweichlich eine Kunst, die in Zeiten von Clicktracks und Quantisierung manchmal in Vergessenheit gerät: das Band-Timing. Gemeint ist damit eine kollektive Präzision abseits des physikalischen „Im-Takt-Seins“, die eine ganz eigene Dynamik entwickelt.
Viele Momente, in denen die Energie zwischen Cobains Gitarrenspiel und dem Hörer überspringt, beruhen nicht auf der Genialität des eigentlichen Songmaterials, sondern auf dem extrem guten Band-Timing. Ein populäres Beispiel ist die minimal nach hinten verschleppte Eins, mit der jeder Refrain-Takt von „Smells Like Teen Spirit“ beginnt. Ein anderes Beispiel ist der Anfang des Songs „Breed“. Nach dem zweitaktigen Gitarren-Intro schickt Drummer Dave Grohl das Riff auf eine extrem energiegeladene sechstaktige „Tempo-Rampe“, bei der die Band in der Tempoanalyse fast 5 bpm schneller wird, bevor sich die Wogen wieder glätten. Dass man solche vermeintlichen Ungenauigkeiten zwar spüren, aber nicht als „Fehler“ wahrnehmen kann, ist auf ein extrem gutes Band-Timing zurückzuführen. Das Album „Nevermind“, das fast komplett ohne Click eingespielt wurde, ist ein großartiges Beispiel für diese Kunst.

Auch wenn zu einem guten Band-Timing natürlich alle Bandmitglieder gehören, war Cobain jederzeit in der Lage, während des Singens und im Rahmen extatischer Live-Performances diese Dynamiken zu bedienen. Ein Paradebeispiel hierfür ist der Konzertmitschnitt „Live at the Paramount“ von 1991. Hier hört man, wie ein exzellentes Band-Timing den Unterschied zwischen einem guten Konzert und einem Komplettabriss machen kann.
Unvollkommenheit als Stilmittel
Dass Kurt Cobain sich das Gitarrespielen größtenteils selbst und ohne theoretischen Background beigebracht hat, ist kein Geheimnis. Doch genau hierin liegt ein gewisser Zauber, den Cobain mit vielen anderen Gitarristen aus dem Prä-Internet-Zeitalter teilt. Ein eigener unverwechselbarer Stil, der auf der Kompensation von Mängeln beruht. Denn wer nur einen eingeschränkten Zugang zu Lehrmaterial, Videos oder Equipment hat, dem bleibt oft nur eins: der eigene Weg.
Und dies trifft auch auf Kurt Cobain zu. Ein Beispiel ist seine (rechte) Greifhand, die den eingeknickten Ringfinger zum Greifen von Quinte und Oktave bei Power-Akkorden benutzt. Gleichzeitig setzt er dabei auf eine „klassische“ Handhaltung, bei der der Daumen komplett hinter dem Gitarrenhals verschwindet. Unkonventionell, ungemütlich und … einzigartig.

Auch seine Kompositionen zeugen eher von Experimentierfreudigkeit als von theoretischem Grundwissen. Die Riffs von „Smells Like Teen Spirit“, „In Bloom“ oder „Lithium“ folgen oft keiner tieferen harmonischen Logik, sondern basieren auf wiederkehrenden Akkordpaaren (oft im Abstand von drei Bünden), die auf dem Griffbrett verschoben werden. So komponiert jemand, der sich auf Augen und Ohren verlässt, nicht auf den Quintenzirkel.
Gleiches gilt für die Wahl des Equipment: Man nehme eine Fender Strat oder Jaguar, dazu den meistverkauften Verzerrer aller Zeiten (Boss DS-1, später Boss DS-2) und schalte das Ganze vor das, was gerade da ist, fertig! Dieser unbedarfte und genügsame Zugang zum Instrument war typisch für den DIY-Ethos der Punk- und Grunge-Generation. Im Fall von Kurt Cobain hat es für über 30 Millionen verkaufte Exemplare von Nevermind gereicht.
Die richtige Wahl
Natürlich ist der Einfluss eines Gitarristen auf die Nachwelt nicht immer nur an den spielerischen Qualitäten zu messen. Im Falle von Kurt Cobain sind es dementsprechend auch eher die „biografischen“ Faktoren, die bis heute nachhallen. Und dennoch sollte man eine Qualität des Gitarristen Kurt Cobain niemals unterschätzen: die richtige Wahl.
Noch heute ertönen die Riffs von „Come as You Are“, „Rape Me“ oder „Smells like Teen Spirit“ aus den Proberäumen, Musikschulen und Jugendkellern dieser Welt. Zeitlose Riffs entstehen nur, wenn jemand an der richtigen Stelle die richtige Entscheidung trifft und das vermeintlich „Richtige“ weglässt. Hierin war Kurt Cobain ein Meister. Besonders auf junge Gitarrist*innen übt die Mischung aus Simplizität und Ausdrucksstärke in seiner Gitarrenarbeit eine große Anziehungskraft aus. Natürlich könnte ein Kurt Cobain heute nicht einmal ansatzweise mit den Fingerflitzern der Generation TikTok mithalten. Aber die schreiben in der Regel auch keine Riffs für die Ewigkeit!

Fazit
Cobain hat es geschafft, den tief im Punk verwurzelten Mut zur Imperfektion vor 35 Jahren mit seinem Gitarrenspiel auf die Weltbühne zu heben. Im Januar 1992 verdrängte das Album „Nevermind“ Michael Jacksons „Dangerous“ von Platz 1 der US-Billboard-Charts. Noch heute finden viele Gitarrist*innen Inspiration in seinem einfachen, aber extrem ausdrucksstarken Gitarrenspiel. Die Genialität in Cobains Akkordwahl, Dynamik und Timing erschließt sich dabei manchmal erst bei genauem Hinhören. War Kurt Cobain also ein guter Gitarrist? Absolut! Wie könnte sich ein Joe Satriani da auch irren!