Harrison Audio Flex-10: USB/ADAT Interface im Test – die kleinste Konsole der Welt?

Harrison Flex-10 bringt unkompliziert via USB-C zwei dicke “Übertrager-Preamps”, zwei Stereo-Ausgänge und dazu ADAT mit. Preamps plus ADAT, das macht zehn: Flex-10, ihr versteht schon – doch ist das Konzept wirklich so neu ?!

Flex-10 steckt in einem massiven Desktop-Gehäuse und fällt mit 30,5 x1 8,4 x 8,9 cm3 größer als typische Zweikanal-Interfaces aus.

Einen ersten Anlauf gab es mit Icon und überschaubarem Erfolg. Mit SSL bzw. Audiotonix als Eigentümer stehen die Vorzeichen günstiger. Insbesondere aktuelle „Made in China“-Serien der Briten überzeugen mit Qualität und Preis-Leistung enorm.

Harrison schöpft entsprechend aus dem Vollen und präsentiert ein Desktop-Interface für Gitarristen und Bassisten sowie alle, die zwei Mikrofone kreativ aufnehmen wollen – ohne sich durch Software oder nervige Updates klicken zu müssen. Flex-10 ist Class-Compliant und serviert sämtliche Funktionen als Hardware-Taster und Regler auf industrieller Oberfläche. Zeit für die Nahaufnahme.

Unser Fazit:
4,5 / 5
Pro
  • zwei flexible Preamps
  • zwei Stereo-Outs, zwei Kopfhörer
  • Class Compliant USB-C Interface mit ADAT-Option
Contra
  • Front-Ins nicht verschraubt

Harrison Audio Flex-10 Highlights

  • konsequente Hardware-Bedienung ohne Software, nur Class-Compliant-Driver nötig
  • Stereo Preamp, Stereo-Outs: analoges Sounddesign mit Übertragern und Filter
  • Inserts für externes Outboard, Desktop-Bauweise mit großen VU-Metern, Direct-Monitoring & zweimal Headphone

USB-C Interface mit ADAT-Erweiterung

Das Harrison Flex-10 zeigt sich via USB-C mit maximal 12 Ins und 12 Outs sowie einer maximalen Auflösung von bis zu 192 kHz bei fixen 32 Bit. Damit arbeitet es erstaunlich hochauflösend.

Zu den fetten Preamps, zwei separaten Stereo-Ausgängen und zwei zusätzlichen Kopfhörer-Ausgängen gibt es einen optischen ADAT-I/O. Bis 48 kHz mit acht Kanälen rein und raus, bis 96 kHz mit vier Kanälen I/O sowie ab 176,4 kHz ausschließlich ohne ADAT. Ein MIDI-I/O auf Miniklinke kommt hinzu; Netzteil-Buchse, roter Power-Schalter, fertig ist das Dreibein.

Wie viele aktuelle Interfaces ist das Harrison Class-Compliant und benötigt somit nur unter Windows Treiber. Eine Software-Console mit Mixer oder Ähnlichem gibt es nicht. Die analogen I/Os lassen sich zudem nicht direkt mit ADAT verbinden, Direct-Monitoring dieser Kanäle ist ebenfalls nicht möglich.

Harrison konzentriert sich aufs Wesentliche und ordnet wesentliche Bedienelemente elegant und klar an. Die großen VU-Meter sorgen mit Präsenz für standesgemäße Studio-Optik, das wohlgeformte Metallgehäuse wirkt äußerst solide. Die Potis sind allesamt mit dem Gehäuse verschraubt, lediglich das externe Netzteil sowie die Folie der VU-Inlays wirken etwas billig.

Dual-Mono Preamps mit Übertrager, 2x Stereo-Monitoring

Eingangsseitig bietet das Flex-10 zwei Preamps mit flexiblen Möglichkeiten. Pro Kanal gibt es beispielsweise zwei separate Anschlüsse anstatt nur einer Combo-Buchse, sodass Line-Quellen und Mikrofone dauerhaft angeschlossen bleiben können: verriegelbare XLR-Buchsen für Mic und verschraubte TRS-Buchsen für den Line-Pegel.

Mic, Line und vorderseitige Instrument-Ins bilden keine simultanen Eingangskanäle, sondern unterschiedliche Zugänge zu zwei hochwertig-analogen A/D-Signalwegen mit Preamp.

Umgeschaltet wird mit dem Line-Taster ganz oben neben dem rotem Gain – wie bei einer Console. Die Taster sind übrigens absolut identisch zu den an meiner SSL Origin. Hinzu kommen die beiden Instrumenteneingänge an der Front, die aktiv werden, sobald ein Kabel eingesteckt wird.

Jeder Preamp bietet also drei Eingänge sowie dazu 48 V Phantomspeisung, ggfls. ein 20-dB-Pad, die Phasendrehung sowie immer auch einen schaltbaren Filter sowie den symmetrischen Insert.

Harrison, es wird heiß!

Eine siebenstufige LED-Ampel zeigt pro Kanal außerdem den A/D-Pegel großzügig an. Mit H-Drive kommt eine schaltbare Übertragersättigung für lecker Färbung dazu. Mit bis zu 63 dB Gain bieten die Pres genügend Reserven für die meisten dynamischen Mics.

Tatsächlich wird der Übertrager als Effekt und nach dem Preamp genutzt. Konkret lautet die Reihfolge: Input, Preamp, Filter, Übertrager, LED-Meter, Insert. Den Insert vor dem Meter hätte ich irgendwie sinnvoller gefunden.

Screenshot

Der maximale Eingangspegel liegt bei aktiviertem Pad mit +29 dBu gut dimensioniert, das Eigenrauschen laut Hersteller bei EIN von –131 dBu. Die Lines verkraften ferner 27 dBu und bieten in Verbindung mit dem Out 3/4 eine gute Grundlagen für Hardware-Inserts aus der DAW heraus.

Solider Monitor-Controller

Unter den VUs wurde die Ausgangssektion ebenfalls gut strukturiert. Zwei Stereo-Ausgangspaare lassen sich getrennt adressieren und in der Lautstärke separat regeln sowie muten: Main L+R und ALT 3+4. Hinzukommen zwei getrennte Kopfhörer-Ausgänge, wobei der HP1 fest mit dem Main-Out 1/2 verbunden ist.

Fetter geht es kaum: Die VUs nehmen ordentlich Platz ein!

HP2 lässt sich wahlweise aber auch dem Alt 3/4 zuordnen. Direct-Monitoring mischt indes die analogen Eingänge wahlweise in Mono oder Stereo – und immer Latenz-frei – mit dem ersten USB-Playback 1/2. Ausgegeben wird auf dem Ausgang 1/2: sprich Main-Out und HP1 gemeinsam sowie gegebenenfalls auf dem dem HP2, falls dieser nicht Ausgang 3/4 zugeordnet wird.

Ungewöhnlich, aber praktisch: Selbst Ausgang 3/4 besitzt einen Volume-Regler samt Mute-Taster und lässt sich wie ein zweiter Monitorweg nutzen. Alternativ kann man hier die Monitor-Speaker anschließen und durch die DAW mit Latenzen monitoren, währen der Artist exklusiv auf HP1 den Direct-Monitoring-Mix serviert bekommt. Falls man sich selber aufnimmt wird man wohl einfach den Main-Out muten. Insofern: alles gut durchdacht!

Die rückseitigen Audio-Anschlüsse sind allesamt mit dem Gehäuse verschraubt, die Front-Ins scheinen es aber nicht zu sein, sprich IN 1/2 & HP 1/2.

Die beiden Ausgangspaare verfügen zudem jeweils über eine siebenstufige LED-Pegelanzeige in Stereo. Die großen VU-Meter lassen sich zuschalten und sind streng genommen überflüssig, vor allem aber für den Input nicht sinnvoll zu nutzen. VU-Nadeln vermitteln auf Grund ihrer Ballistik dennoch ein gemütliches Ambiente mit mehr Gefühl für die Loudness. Und überhaupt: let me see, where the money went!


Schön gemacht und gut bedacht

Die großzügige Oberfläche kommt der Bedienung absolut entgegen: Gain, H-Drive, Filter und Monitoring besitzen eigene Bedienelemente und müssen weder über Display-Menüs noch eine Software-Matrix aufgerufen werden. Das sieht nicht nur gut aus, sondern fühlt sich auch hochwertig an.

Die Class-Compliant-Anbindung funktioniert unter macOS unkompliziert und ohne zusätzliche Treiber. Selbst die Clock-Source lässt sich über die Audio-MIDI-Konfiguration wählen. Viel mehr gibt es softwareseitig allerdings nicht: Eine eigene Routing-Matrix oder einen Low-Latency-Mixer für die ADAT-Kanäle bietet Harrison nicht.

Einen Loopback gibt es auch!

Interessant: Die Latenzwerte von SSL Big Six, Harrison Flex-10 und Allen & Heath Xone:96 fallen bei vergleichbaren Einstellungen praktisch identisch aus, klanglich liegen die Geräte nah und hochwertig beieinander. Ganz überraschend ist das nicht: Alle drei Marken gehören zu Audiotonix und es gibt Überschneidungen bei Entwicklung und Zulieferung.

Klang des analogen Channelstrips

Kommen wir zum Klang. Die Preamps sind zwar nicht die kräftigsten und vergleichsweise einfach gehalten, klanglich aber stark: auffällig rauscharm, druckvoll und mit Charakter, ohne zu übertreiben.

Etwas schade ist die hektische Gain-Auflösung im oberen Drittel, wo der Pegel schnell ansteigt. Auch die VU-Meter sind für die Eingänge nur bedingt hilfreich; die LED-Meter lösen dafür fein genug auf.

Richtig interessant wird es mit H-Drive. Die Übertragerschaltung macht das Signal je nach Einstellung aggressiver, dichter oder schlicht größer und ist deutlich flexibler als einfache Charakter-Schaltungen wie AIR oder 4K. Zusammen mit den analogen Hoch- und Tiefpassfiltern entsteht bereits vor dem Wandler ordentlich analoger Sound für die DAW.

Audio Samples
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Clean Bass DI Driven Bass DI Filter/Drive Bass DI

Der angezerrter Bass bekommt mit dem Filter somit fast schon Amp-Charakter. Wird H-Drive bei einer Akustikgitarre zu bissig, lässt sich mit dem High-Cut gegen-arbeiten. Analoge Filter findet man bei Interfaces ohnehin selten – einen zusätzlichen Tiefpass erst recht.

Praktisch sind außerdem die Inserts: Kompressor, EQ oder 500-Series-Outboard lassen sich direkt vor der Wandlung einschleifen, ohne weitere Interface-Ausgänge oder kompliziertes Routing. Externes Equipment kann später über die Line-Ins natürlich auch aus der DAW angesteuert werden.

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Acoustic Stereo Clean Acoustic Stereo Mid Acoustic Stereo High
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Hot FET47 Hot SM57 Mid FET47 Mid SM57 Clean FET47 Clean SM57

Analogue Input Features only

Die Kombination aus Preamp, H-Drive, Filtern und Insert ist das eigentliche Alleinstellungsmerkmal des Flex-10. Harrison baut weniger eine I/O-Zentrale für drei Paar Monitor-Boxen als vielmehr das vernünftiges Stereo-Frontend mit vielen Möglichkeit zum analogem Sounddesign vor dem Wandler.

Mit seinem achtkanaligen ADAT-Preamp lässt sich das Flex-10 problemlos und unkompliziert zur Zentrale eines größeren Setups ausbauen, zumal ADAT-Preamps recht störungsfrei über größere Strecken in den Aufnahmeraum geleitet werden kann. H-Drive, Filter und Inserts bleiben aber nur den beiden Harrison-Eingangskanälen vorbehalten. Ebenfalls interessant in dem Zusammenhang: 500er Racks mit ADAT oder integrierter Patchbay.

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Die analogen I/Os lassen sich intern allerdings nicht auf ADAT routen. Der USB-C von Flex-10 eignet sich somit hervorragend, um zusätzlich ADATs in die DAW zu holen, jedoch nicht als ADAT-Erweiterung für andere Interfaces. In der Praxis dürfte das die meisten Anwendungen kaum stören. Auch die überschaubaren Clock-Optionen sind für Home- und Projektstudios selten ein Problem.

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Software: Mixbus 12 und Creator Pack

Zum Lieferumfang gehört eine Lizenz von Harrison Mixbus 12. Die DAW orientiert sich stark an klassischen Mischpult-Workflows und passt damit konzeptionell hervorragend zum Flex-10. Hinzu kommt das Harrison Creator Pack, darunter ausgewählte Plugins von Solid State Logic, Slate Digital, Sonible, Applied Acoustics Systems, Native Instruments, IK Multimedia und Loopcloud. Das Paket ist umfangreich, dürfte für Käufer eines Interfaces dieser Klasse aber eher ein willkommener Bonus als Kaufargument sein.

Die kleinste Console der Welt – Fazit: Harrison Audio Flex-10 USB/ADAT Interface

Unterm Strich verfolgt Harrison mit dem Flex-10 einen anderen Ansatz als Hersteller wie RME, MOTU oder Focusrite. Statt vieler Wandler, umfangreiche Software-Mixer oder maximale Routing-Flexibilität in ein Desktop-Gehäuse zu packen, konzentriert man sich auf zwei besonders vollständig ausgestattete Aufnahmewege. Zweimal Stereo raus – mehr braucht es wirklich nicht, wenn das drumherum vernünftig gestaltet ist. H-Drive, analoge HP- und LP-Filter sowie Inserts machen das Flex-10 vor allem für Vocals, Gitarren, Bass, Synthesizer sowie andere einzeln oder paarweise aufgenommene Quellen interessant. Grundsätzlich lässt sich das Flex-10 sowohl vergleichsweise sauber als auch bewusst charaktervoll betreiben. Wer dagegen 10 Mikrofone gleichzeitig anschließen möchte, benötigt trotz Bezeichnung Flex-10 noch einen zusätzlichen ADAT-Preamp und muss an der Stelle auch auf Direct-Monitoring verzichten. Der Preis ist angemessen.

Features

  • Maße: 304.8 mm x 184.15 mm x 88.9 mm – BTH
  • Hergestellt in: China
  • Gewicht: 2,15 kg
  • PREIS: 629 € Straßenpreis am 1.9.2026
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