Hilfe! Indie-Label sucht Artists, die Business können

Nein, ein Label braucht heute niemand mehr, um Musik zu veröffentlichen. Das geht über diverse Plattformen mittlerweile schneller, als ich husten kann. Und doch bekomme ich für mein Indie-Label regelmäßig Anfragen von Musikerinnen und Musikern, die mein Wissen und meine Struktur an ihrer Seite haben wollen. So weit, so gut. Bis zur Veröffentlichung läuft dann auch alles rund. Doch sobald die erste Euphorie verflogen ist und die ersten (oft minimalen) Einnahmen eintreffen, folgt die große Ernüchterung in der Zusammenarbeit. Hilfe! Indie-Label sucht Artists, die Business können.

Shutterstock / retro studio

Dies ist ein Brandbrief, ein Hilferuf. Ich bin Musikerin, führe ein Indie-Label und möchte keine neuen Künstler*innen mehr veröffentlichen. Nicht, weil es an großartiger Musik oder spannenden Persönlichkeiten mangelt. Und auch nicht, weil ich die Unterbezahlung satthätte. Sondern weil mich die Haltung vieler Artists gegenüber der Zusammenarbeit mit einem Label frustriert. Oder, anders gesagt (in Anspielung auf einen älteren Artikel von mir): Artists auf meinem Label, das kann ich mir nicht mehr leisten!

Artists sollten ihre Musikbusiness-Hausaufgaben machen

Das Netz ist voll von klugen, verständlichen Texten und Videos zu allen Themen, die für das professionelle Musikmachen relevant sind. Darüber hinaus gibt es im Real Life Hochschulen, private Schulen, Konferenzen, Workshops von Musikervereinen, Mentoringprogramme oder Stammtische, bei denen man lernen kann, wie das Musikbusiness funktioniert: welche Wege möglich sind, was Fachbegriffe bedeuten, wo das Geld liegt, und welche Pflichten und Rechte bestehen.

Warum treffe ich trotzdem immer häufiger auf Musiker*innen, denen das Basiswissen zum Thema Musikbusiness fehlt? Die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben, aber unbedingt auf einem Label sein wollen? Immer öfter bin ich eher Managerin oder Coach als Businesspartnerin.

Ein Beispiel: Ich habe mir den Mund fusselig geredet, um einer Band klarzumachen, dass sie einen GbR-Vertrag aufsetzen sollten, bevor sie einen Labelvertrag unterschreiben. Zu ihrem Schutz, damit sie unter demselben Namen weitermachen können, wenn jemand aussteigt. Und zu meinem Schutz, damit mir die Veröffentlichung nicht um die Ohren fliegt, da der Bandname nicht mehr benutzt werden darf. Die größte Sorge der Band? Dass die nüchterne Auseinandersetzung mit Fragen wie „Wem gehört der Bandname?“, „Wer verwaltet die Einnahmen?“, „Wer wird wie an Gewinnen beteiligt?“ ihrer Bandromantik, dem Vibe, Schaden zufügt.

Mit Musikmachen Geld verdienen

Musik zu machen und zu veröffentlichen, erfordert Idealismus. Doch von Musik zu leben, wird immer unwahrscheinlicher. Haben Künstler*innen das heutzutage so verinnerlicht, dass sie sich mit dem Thema Geldverdienen gar nicht mehr befassen? Oder gab es in der vordigitalen Ära nur ein härteres Gatekeeping? Ohne ein Label konnte Musik nicht veröffentlicht werden.

Wir sind uns bestimmt einig, dass die meisten Musiker*innen gerne von ihrer Musik leben möchten. Mit der Bewerbung bei einem Label entscheiden sie sich bewusst, die Schwelle vom „Musik machen“ zum „Musik zum Beruf machen“ zu überschreiten.

Oder brachte das oben genannte Gatekeeping vielleicht noch etwas anders mit sich? Bis ein Act überhaupt von einer Veröffentlichung sprechen konnte, vergingen oft Jahre. Studiozeit war teuer und rar. Wer nicht selbstständig 1000 bis 2000 Einheiten eines Demos oder einer selbstgepressten CD verkaufen konnte, bekam von einem Label nicht mal eine Antwort. Man musste viel Zeit und eine gehörige Summe vorinvestieren, damit es eine Stufe höher ging. Bis es zur Zusammenarbeit mit einem Label kam, hatten Musiker*innen viel mehr Erfahrungen gesammelt.

Das ist heute anders: Jede junge Künstler*in kann ihre Demos auf der DAW zu Hause oder im Proberaum aufnehmen – noch dazu in einer Soundqualität, von der wir früher nur träumen konnten. Dazu kommt, dass die Digitalisierung den Zugang zu einer internationalen Veröffentlichung libralisiert hat. Beides finde ich grundsätzlich gut und ich habe als Künstlerin selber davon profitiert!

Der Nebeneffekt könnte nur sein, dass Musikmachen mal ausprobiert wird und man trotzdem direkt von „ich habe ein Album/eine EP draußen“ sprechen kann. Wir sind alle „Label“. Es geht ja so einfach. Musikbusiness-Begriffe, die früher vielleicht ein gewisses Level an Expertise, Wissen und Durchhaltewillen ausgedrückt haben, fliegen heute inflationär durch die Gegend und bedeuten oft gar nichts mehr. Label und Acts sprechen dann eventuell zwei verschiedene Sprachen, obwohl sie dieselben Begriffe verwenden. Was nicht gut gehen kann. Und wenn der schnelle Erfolg ausbleibt, wird eben weitergezogen.

Labels sind Unternehmen und dürfen Geld verdienen wollen. Und Verträge werden niemals einfach so unterschrieben!

Wenn es bei meinem Label zu Vertragsverhandlungen mit einem neuen Act kommt, gebe ich ihnen einen Vertragsentwurf mit und fordere sie auf, diesen unbedingt von einem Anwalt oder einer Anwältin gegenchecken zu lassen. Ich bitte sie, Fragen zu notieren und all die Punkte zu markieren, die sie nicht verstehen. Erkläre ihnen, dass dieser Vertragsentwurf die Bedürfnisse meiner Seite abbildet – und erwarte einen Gegenentwurf, damit wir uns fair einigen können. Ich gehe sogar so weit, dass ich meine Acts zwinge, den prozentualen Split der Einnahmen in konkrete Beträge und verkaufte CDs, Vinyls, Streams etc. umzurechnen. Nur so verstehen sie, was eine bestimmte Aufteilung der Einnahmen finanziell für sie bedeutet. Ich mache ihnen klar, dass Musik auch eine Produktseite hat. Denn neben dem ganzen Idealismus sind Labels dafür da, die Musik ihrer Künstler*innen zu verkaufen und dadurch Geld zu verdienen, das sie (natürlich) mit den Künstler*innen teilen.

Noch ein Beispiel: Anderes Label, gleiche Probleme. Ein Künstler unterschreibt trotz ausdrücklicher Aufforderung ohne rechtliche Prüfung. Als es an die Verrechnung und Rückzahlung des Vorschusses geht, stellt er fest, dass er nicht verstanden hat, dass das Geld, was das Label für seine Veröffentlichung ausgegeben hat, zurückfließen muss. Er war davon ausgegangen, dass der Vorschuss „sein“ Geld sei und er direkt mit Einnahmen rechnen könne. In einer vorwurfsvollen E-Mail stellt er die Zusammenarbeit infrage und betont, er sei davon ausgegangen, dass ihr (Arbeits-)Verhältnis auf Liebe und Respekt und nicht auf Business beruht. Das Label hätte ihm den Umstand, dass es Geld mit ihm verdienen möchte, noch expliziter erklären müssen.

Einer geht noch: Selbes Label, andere Band, Zusammenarbeit seit vier Jahren. Einnahmen für das Label bisher: ca. 3.000 Euro, also rund 62,50 Euro im Monat. Jetzt zeigt die jahrelange Aufbauarbeit Wirkung: gute Kritiken für die neueste Veröffentlichung, mehr Auftritte, steigende Einnahmen. Das Label hat das neue Album der Band mit 7.000 Euro vorfinanziert. Die Hälfte der Summe ist eine Wirtschaftsförderung für das Label, projektgebunden an den Act. Obwohl in dem Vertrag Vorschuss, Beteiligung und Rückzahlungsmodalitäten eindeutig geregelt sind, erklärt die Band nun, es sei ungerecht, dass auch die Förderung verrechenbar (also rückzahlbar) ist. Den Hinweis, dass der Fördervertrag mit dem Label und nicht mit den Künstler*innen geschlossen wurde und dass es keine Kultur- sondern eine Wirtschaftsförderung ist, lässt die Band nicht gelten. Sie fühlt sich betrogen, will die Zusammenarbeit beenden, die Förderung zurückgeben (!) und dem Label die Aufnahmen zur Hälfte der Summe abkaufen. Was mit den bereits produzierten Vinyls geschehen soll und wie die geleistete Arbeit des Labels entlohnt wird, interessiert die Band vorerst nicht.

Der Realitätscheck hält dem Traum vom Musikmachen nicht stand

Weitere Highlights: Ich verschicke die Digitalabrechnung von 1,5 Jahren an eine Künstlerin. Der Release ihres Albums verlief recht chaotisch und unzuverlässig. Es sind 20,45 Euro (100%, von denen beide Seiten jeweils die Hälfte bekommen). Sie antwortet: „Könntest du mir bitte die Abrechnung für die ganze Zeit und nicht nur für einen Monat schicken?“ Ich antworte: „Das ist die ganze Zeit!“ Fazit: Künstlerin möchte ihr zweites Album selber veröffentlichen, weil sie vom Label enttäuscht ist.

Eine andere Künstlerin entwickelt ein Format mit internationalen Gästen. Sie kann keine Gagen zahlen, übernimmt aber die komplette Veröffentlichung, Reisekosten, Übernachtung und Verpflegung. Die GEMA-Anteile aller Songs werden gleichberechtigt geteilt. Nach der Veröffentlichung stellt sich heraus, dass sich zwei der Artists mit einem „Featuring“ nicht genug repräsentiert fühlen. Ein Gespräch bringt zwar Klarheit – es gab unterschiedliche Erwartungen, die besser kommuniziert hätten werden müssen –, trotzdem weigern sich die Artists für die gerade erschienene Vinyl Werbung bei ihren Fans zu machen, obwohl sie die Musik toll finden. Ihr Grund: sie identifizierten sich nicht mit der Verpackung (!) der gemeinsamen Musik und wollen daher nicht helfen, die Vinyl zu refinanzieren.

Noch ein Beispiel: Ein Duo arbeitet über zwei Jahre an ihrem Debütalbum, investiert eigenständig 30.000 Euro (was ein totaler Irrsinn ist). Es möchte auf meinem Label veröffentlichen, verhandelt akribisch. Beide Seiten arbeiten hart für die Veröffentlichung. Die Kritiken sind mehr als euphorisch, das Duo wird aus dem Stand in einem Atemzug mit Sophie Hunger genannt. Doch nach der ersten Show, bei der es wohl derbe interne Unstimmigkeiten gegeben hat, cancelt die eine Künstlerin das ganze Projekt wegen ihrer psychischen Verfassung und taucht kommentarlos ab.

Ich könnte hier noch seitenweise weitere Beispiele nennen. Der Punkt ist: Das Problem ist vielschichtig und weitreichend. Meine Konsequenz aus den letzten zwei Jahren ist klar: Ich plane ein Label-Reset.

  • Alle Zusammenarbeiten kommen auf den Prüfstand.
  • Neue Acts erhalten nur noch mit großer Vorsicht einen Platz auf meinem Label.
  • Förderungen beantrage ich nicht mehr leichtfertig.
  • Meine Vertragskonditionen werde ich härter gestalten und formulieren.

Selbst wenn das bedeutet, dass ich in Zukunft nur noch meine eigene Musik veröffentliche. Was schade wäre, aber ihr versteht jetzt hoffentlich, warum es so nicht mehr weitergeht.

Nachsatz

Bevor ihr die Kommentarspalte flutet und über mich herfallt, lasst mich eines klarstellen:

– Indie-Labels (kleine und mittlere Unternehmen) sind etwas anderes als Major-Labels (Internationale Strukturen, Konzerne).
– Wir haben keine geheimen Verträge mit Streamingplattformen.
– Wir arbeiten mit unseren Artists auf Augenhöhe – finanziell und künstlerisch.
– Wir glauben an Künstler*innen, bevor die Industrie sie entdeckt.
– Wir leisten oft jahrelange Aufbauarbeit für einen Act, die sich selten auszahlt.
– Wir haben meist nicht reich geerbt und finanzieren keine Bahama-Trips mit dem Geld unserer Artists.
– Wir sind genauso bescheuert und schockverliebt in Musik wie ihr.

FAQ

1. Warum braucht man heute kein Label mehr, um Musik zu veröffentlichen?
Weil jede*r Artist Musik selbst digital über Distributoren und Plattformen veröffentlichen kann.

2. Was erwartet ein Indie-Label von seinen Artists im Business-Bereich?
Dass sie Basiswissen über Musikbusiness, Verträge, Rechte, Einnahmen und Pflichten mitbringen, also auch wirtschaftlich denken wollen.

3. Warum sollten Bands vor einem Labelvertrag einen GbR-Vertrag machen?
Um intern zu klären, wem Name und Einnahmen gehören und um alle Bandmitglieder rechtlich abzusichern.

4. Was müssen Artists beim Thema Vorschuss vom Label verstehen?
Dass der Vorschuss keine „geschenkte“ Summe ist, sondern eine vorfinanzierte Investition, die über Einnahmen zurückgezahlt wird.

5. Worin unterscheiden sich Indie-Labels von Major-Labels?
Indie-Labels sind meist kleinere Unternehmen, arbeiten auf Augenhöhe mit ihren Künstler*innen, haben keine Geheimdeals mit Streamingdiensten und leisten jahrelange Aufbauarbeit.

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Nein, ein Label braucht heute niemand mehr, um Musik zu veröffentlichen. Das geht über diverse Plattformen mittlerweile schneller, als ich husten kann. Und doch bekomme ich für mein Indie-Label regelmäßig Anfragen von Musikerinnen und Musikern, die mein Wissen und meine Struktur an ihrer Seite haben wollen.

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