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Roland JD-08 Test

Praxis

the future 30 years ago

Die integrierten Presets zeugen von einer andern Zeit, die Erinnerungen an Film-Soundtracks der frühen 90er Jahren wecken – und das war musikalisch nicht alles geil. Ein wenig erinnert der Sachverhalt an den Waldorf M, der mit seinen betagten Factory-Presets bei mir ebenfalls unfreiwillig komisch ankam. Natürlich sind auch die Parallelen zum D50 bzw. D-05 nicht zu leugnen. 

Die grundsätzliche Präzision und Vielschichtigkeit des Synths findet sich in den Presets gut wieder. Glasig-klar sowie ein wenig kühl, aber niemals zu steril oder kalt und damit ungewöhnlich „un-digital“. Besonders positiv ist das bei den vielen bewegten Flächen hervorzuheben, sowie bei ultra-tiefen und knackigen Bässen. Ein paar weitere und vor allem modernere Presets hätten dem Synth sicherlich nicht geschadet.

Mehr 90er geht nicht! Der Roland JD-08 als Mini-Kopie des JD-800!
Mehr 90er geht nicht! Der Roland JD-08 als Mini-Kopie des JD-800!
Audio Samples
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hair in the windmachine (A26) bolivian hitman (A28) c-movie tension (A46) unreal utopia (A51) hold your breath and relax (A21) shiny new microprocessor (A22) i am a cheeseboard player (A23) jerry neinfeld (A24)

don´t kill the messenger

Bei den „Brot-und-Butter-Sounds der alten Tage“ wird es jedoch schnell ROMpliger, unpersönlich und distanziert. Böse gesagt klingt es schnell billig nach „General-MIDI“, schlechten Esoterik-CDs und Dotcom-Jingles aus dem Jahre ’94. Damals sicherlich total angesagt für mich jedoch aktuell nur zum Weglaufen.

Witzig finde ich auch den Versuch von Roland, auf „Underground Highlights“ in diesem Artikel hinzuweisen, die alle den JD-800 verwendet haben. Nur, für meinen Geschmack würden genau diese Tracks heute nicht so offensichtlich „dated“ klingen, hätten sie einen anderen Synth für die entsprechenden Sounds verwendet. Früher war eben nicht alles besser.

praktisch ist anders

Und was ist der Synth für ein Parameter-Grab! Selbst wenn die grundsätzliche Architektur gar nicht mal so kompliziert ist macht sich die Ausnutzung des vierfache Layering in der Multiplikation der Bedienung zu stark bemerkbar. Für die Vielzahl an Envelopes ist insbesondere hier ein einziges Set an Fadern einfach viel zu wenig!

Und war beim Original das Umschalten ohne Motor-Fader oder Fader-Pickup schon ein nerviges Thema, wird es beim winzigen JD-08 mit weniger als der Hälfte an Fadern zur echten Geduldsprobe. Das Erlebnis des Originals mit der Direktheit seiner großen Anzahl an Fadern und wenigen Doppelbelegungen kann hier nicht ansatzweise gefühlt werden. Von den Stummel-Fadern will ich gar nicht erst reden, auch wenn sie präzise auflösen. Die Frage die man sich also stellen muss lautet: möchte man hiermit ernsthaft selber designen?

Schwierig, zumal das Menü-Surfen mit dem Encoder und Display für die vielen – und für diesen Synth auch wirklich wichtigen – Effekte ebenfalls nicht flutscht. Was ich mir hier eigene Sounds zerhauen habe, weil ich aus Versehen das Patch mit dem Encoder gewechselt habe…

Die beiden neuen Boutiques JX-08 und JD-08 – so ähnlich, und doch so anders!
Die beiden neuen Boutiques JX-08 und JD-08 – so ähnlich, und doch so anders!

Auch die essentielle Zuweisung der Velocity- und Aftertouch- Intensitäten wurde ins Menü ausgelagert, wobei immerhin positiv anzumerken ist, dass die Presets deutlich besser auf Aftertouch und Velocity reagieren als der JX-08, der dahingehend mega zickig war. Vielleicht möchte man das Ganze aber mal als Controller für die Plugins nutzen? Ciao Kakao; das habe ich nicht mal mehr ausprobiert!

Rettung kommt nur durch die vier Palette/Tone-Fader, die mit ihren 2 cm Regelweg doppelt so kurz äh lang wie der Rest sind. Sie mappen sich automatisch zu Parametern, die man zuletzt betätigt hat, sodass manch Kreativer vielleicht doch den geheimen Zauberkasten für zeitgemäße Drones finden könnte. Ich für meinen Teil bin froh, den Karton wieder zuzukleben und Lebewohl sagen zu können. Dass es durchaus anders geht, hat der JX-08 gezeigt; dessen Presets haben mich so angezeckt, dass ich mir einen echten JX-8P via Ebay und einen Dtronics DT-800 von Thomann gegönnt habe.

lyrisch wie ein Telefonbuch

Ein vernünftige Handbuch fehlt ebenfalls. Eine gefühlvolle Einführung in die von den Standards abweichende Architektur des JD-800 gibt es faktisch nicht. Roland wirft einen da mit dem strubbeligen Online-Guide einfach ins kalte Wasser. Wenn man nicht ansatzweise checkt, wie das Original tickt, blickt man hier nicht durch. Das war beim Original nicht unbedingt anders, dennoch bleibt fraglich warum Roland daraus einfach nicht lernt. Am besten schaut ihr vor dem JD-08 Manual nochmal in das alte JD-800 Handbuch rein. 

Kommentieren
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Kawaija sagt:

#1 - 27.03.2022 um 15:42 Uhr

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Das ist schon eine Zumutung für einen Keyboarder. Wer soll sich bitte so ein Spielzeug kaufen? Dazu gibt es eine Vst version, diese ist nicht nur günstiger sondern auch besser und leicht zu bedienen. Dieses Stückchen Hardware ist der Witz des Tages.

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Valencia sagt:

#2 - 27.03.2022 um 15:58 Uhr

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Ja wegen den Sounds muss ich sagen, Volltreffer! Der Testeschreiberling versteht nicht, dass es in den 90zigern Jahren vor allem eines gab, Rompler mit sorgfältig programmierten Sounds die dann auch durch die Bank anwendbar waren! Ja es waren nur 128 sounds, und gerade deshalb hat man sich hier wenigstens Mühe gegeben. Damals gab es auch mehr "gelernte" Keyboarder als heute. Heutzutage ist es doch so, dass ein Großteil der Keyboarddudler mehr Sound Designer als Keyboarder sind und damit beschäftigt sind, die 999 Presets durch zu hören und dazu noch obendrauf ihre eigenen zu erstellen. Das kostet natürlich viel Zeit und an musizieren ist gar nicht mehr zu denken! Dazu gibt es auch viele Sounds die so toll von alleine vor sich herklimpern, da muss man gar nicht viel lernen. Die Sounds von dem Ding sind klasse und ich rate zur Vst version plus Controller. Wer noch selbst spielt muss nicht ewig rumdesignen, der nimmt was kommt und spielt drauflos! Back to the 90ties! Hardware, mangelhaft, Software sehr gut.

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