Freeware steht bei vielen Musikern hoch im Kurs. Zu den Dauerbrennern zählt auch Full Bucket Music, ein Projekt von Björn Arlt aus Hanau, der seit Jahrzehnten als Live-Keyboarder unterwegs ist und hauptberuflich “andere” Software entwickelt.

„Full Bucket“ gibt es seit 2010 – der Name geht auf die für die 90er typische Wendung „Voll der Eimer!“ zurück. Mit Blick aufs Repertoire könnte man meinen, Björn Arlt habe vor allem ein Faible für Emulationen klassischer Korg Hardware. Doch produziert der Entwickler in seiner Freizeit noch viel mehr. Im Interview verrät uns Arlt seine Meinung über KI, Freeware, Vintage Synths und andere Themen!

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Welche Plugins von Full Bucket Music sind besonders erfolgreich?
Wenn es nach den Downloadzahlen geht, ist der FB-7999 alias Korg DW-8000 sehr gefragt, kurz gefolgt von FB-3300, Tricent Mk III und Fury-800 – das sind die Clones von Korg PS-3300, Korg Trident und Korg Poly-800.

Das Plugin WhispAir hat die KVR Developer Challenge 2021 gewonnen und Grain Strain den dritten Platz erreicht – das freut mich natürlich sehr.
Neben Emulationen klassischer Hardware-Synthesizer habe ich auch eigene Konzepte entwickelt: the scrooo und MPS, aber auch Grain Strain als Effekt finde ich ziemlich einzigartig. Mein Liebling ist der The blooo – mein erstes eigenes Plugin überhaupt. Auch WhispAir gefällt mir persönlich sehr gut.
Plugins von Full Bucket Music im Bonedo-Test
- FB 02R
- Ragnaroek
- Whispair
- Fury 68
- Trident MK2
- FBVC Vocoder
- OXID
- Paralogy
- Grain Strain
Welchen Tipp hast du für die Full Bucket User?
Es gibt in der Regel einen Menüpunkt „Global MIDI Settings -> Ignore Program Change“, den sollte man checken, wenn die Programme unerwünscht wechseln. Kein Witz, dazu bekomme ich einen Haufen „Bug Reports“.
Meine Plugins sind meistens schon recht speziell – wie eben die Originale. The blooo und WhispAir sind wahrscheinlich noch die „normalsten“ Kandidaten. Und wer es besonders einfach mag, nimmt sich Kern oder MPS.
Warum bietest du Freeware und keine kostenpflichtige Plugins?
Ich baue meine Plugins in allererster Linie für mich selbst – mit großer Leidenschaft. Ich kann einfach machen, was ich will. Es gibt keinen Druck von Markt oder Finanzen.
Keinen Spaß macht mir dagegen das Drumherum – das Vermarkten, Verkaufen und so weiter. Dies habe ich schon genug bei meinem Fulltime-Job als Software-Entwickler.
Und letztlich denke ich an viele Musiker mit klammem Geldbeutel, die ich mit meinen kostenlosen Plugins ein wenig unterstützen kann.

Ermöglicht Freeware eine Demokratisierung der Musikproduktion?
Noch nie war es so einfach und günstig, selbst Musik zu machen. Früher brauchte man viel Geld für ein kleines Heimstudio; ich hab in den Ferien praktisch dauernd gejobbt, um mir mein spärliches Instrumentarium leisten zu können. Das ist heute anders, vor allem durch Freeware.
Viele Leute meinen zwar, dass jetzt auch viel mehr „Schrott” produziert würde, so ein bisschen wie die Milliarden Handy-Fotos im Vergleich zu „echter” Profi-Fotografie, aber ich sehe das anders. Jeder darf was machen, aber umgekehrt muss es sich nicht jeder auch anhören.
Welche Rolle spielt User Feedback für dich?
Das ist enorm wichtig! Mein lieber Beta-Tester Kraftraum und ich können nicht auf allen DAWs und Systemkonfigurationen testen. Aus diesem Grund bin ich einfach auf die Community angewiesen. Alle Wünsche, die an mich herangetragen werden, erfülle ich zwar nicht, aber es gibt schon ein paar sehr gute Ideen, die mich beschäftigen.
Und manchmal kommen ganze Plugins heraus. So hatte Wolfgang Kraus die Idee zum MPS und er hat mich bei diesem Projekt sehr unterstützt. SequencAir war ein Wunsch von Ben Martin und Wolfgang Paulke hatte den FB-02 vorgeschlagen.
Welches Plugin hat dich am meisten gefordert ?
Gerade das Plugin FB-02 hat mich in den Wahnsinn getrieben – sicher auch, weil ich das echte Yamaha FB-01-Modul als Vergleich hier hatte. Es hatte ewig gedauert, bis ich kapiert hab, mit welchen Tricks die Konstrukteure von Yamaha gezaubert haben. Immer wenn ich dachte: „So, jetzt hast du es fertig!”, hab ich eine Einstellung gefunden, bei der sich das Plugin anders verhielt als die Hardware.
Vintage versus Emulation – wie ist deine Meinung?
Wenn ich mir einen Klon gebaut habe, merke ich in 99 % aller Fälle, dass ich das Original nicht wirklich brauche. Die Vintage Synths sind noch immer faszinierend, aber es bleibt oft sehr viel Feenstaub und Nietenzählerei, der ich mich in der Regel nicht hingebe.

Sowieso ist ein Plugin viel praktischer: Du speicherst dein DAW-Projekt, und beim nächsten Mal ist alles so, wie du es verlassen hast.
Außerdem habe ich weder den Platz noch das Geld, mir die Hütte mit solchen alten Schätzchen vollzustellen.
Übrigens verzichte ich bei Emulationen gern auf Features, die das Original nicht hat – so auch auf Velocity und Aftertouch. Aber so ganz dogmatisch bin ich nicht und kritisiere mich auch mal selber, denn das gesamte Preset-Management behandle ich bei meinen Plugins stiefmütterlich.
Wie wird Software für Musiker in 2049 aussehen?
Schon vor 23 Jahren hab ich mit dem Computer Musik gemacht – per MIDI und Audio Recording. Die Sounds kamen alle von Hardware-Klangerzeugern. Wie es in 23 Jahren aussieht? Nun, Computer bleiben weiterhin das Werkzeug Nummer eins, vermutlich erkennt man sie aber nicht mehr als solche.

Insbesondere die Haptik und Benutzerführung wird sich zugunsten der Musikalität verbessern. Idealerweise sollten Menüs nicht tiefer als eine Ebene gehen. Bei den Clavia Nord Keyboards ist die Bedienung heute schon schon ziemlich durchdacht, bei vielen Roland-Synthesizern leider kaum.
Welche Rolle spielt AI für dich?
Anders als bei meinem Job als Software-Ingenieur verwende ich bei Full Bucket derzeit keine KI – ich mache mein Ding gerne komplett selber. Die KI wird uns beim Erstellen von Songs und Sounds massiv unterstützen. Sie inspiriert durch konkrete Vorschläge und nimmt uns die nervige Routine-Arbeit ab. Ich bin mir auch sicher, dass eine Sprachsteuerung Einzug halten wird – à la „Erzeuge mir den Hall, wie ihn Jonn Serrie bei ‘The Sentinel’ einsetzt” oder „Gib mir ein Piano wie am Anfang von ‘Locomotive Breath”.
Persönlich hoffe ich auf eine KI, die mir alte Club- und Proberaumaufnahmen so aufbessert, dass es am Ende klingt wie aus dem Studio, ohne selber feilen zu müssen.
Ich rechne mit einer Gegenströmung von Leuten, die ganz bewusst auf KI verzichten. Ansonsten wird die KI auch zu einem Einheitsbrei der kommerziellen Kultur führen, aber das schaffen die Musikproduzenten seit Jahren ja auch schon so.
Künstliche Intelligenz kann derzeit noch nicht wirklich kreativ sein. Aber irgendwann kann sie mindestens alles, was ein Mensch kann. Manche Musiker sind kreativ, andere nicht. So wird es auch bei der KI sein.
Welches Equipment mag Björn Arlt?
Der Moog 3P, wie ihn Eberhard Schoener auf seinen Platten „Flashback” und „Video Magic” eingesetzt hat, war für mich ein Schlüsselerlebnis. Das habe ich damals mit elf Jahren zum ersten Mal gehört. Danach wusste ich sofort: Ich will einen Synthesizer haben und mit ihm spielen. Irgendwann muss ich mir den Moog 3P von Eberhard Schöner anschauen – ein Exponat im Deutschen Museum in München.
Mein erster Synthesizer war der Korg Mono/Poly. Er hat mich mit seiner Vielfalt aus Sync, X-Mod, Chord Memory oder Arpeggiator nachhaltig geprägt und steht noch immer bei mir. In einem Video nutze ich diesen Synthesizer für eine Komposition aus dem Jahr 1987.
Reaper ist meine Brot-und-Butter-DAW. Sonst hab ich neben meinen eigenen Plugins eigentlich nicht viel an Software. Ich beschäftige mich gern mit dem Clavia Nord Wave 2, Electro 5D, Roland VK-8 und einer Lapsteel-Gitarre und hätte gern noch einen Clavia Nord Stage 4 und Erica Synths SYNTRX II. Ein Trauminstrument wäre für mich ein polyphoner Modularsynthesizer, bei dem man alle Einstellungen speichern kann – inklusive der echten Patchkabel.
Wie definierst du Erfolg bei Full Bucket Music?
Wenn ich mein neues Plugin zum ersten Mal starte und es einen Ton ausgibt. Ich weiß auch eine positive Feedback-Mail sehr zu schätzen und höre gern veröffentlichte Musik, die mithilfe meiner Plugins entstanden ist. Grundsätzlich ist es also für mich erfolgreich, wenn meine Software irgendwo beachtet und gewürdigt wird.
Wie so oft kümmere ich mich momentan um Produktpflege. Ansonsten sage ich eigentlich nie, was als nächstes kommt – es sein denn, es ist so gut wie fertig. Aber ein neues Produkt wird es geben!

