Workshop
2
06.09.2016

Workshop: Gesang mit zwei Mikrofonen aufnehmen

Neue Wege beim Vocal-Recording einschlagen

Tutorial und Basics für "Advanced Techniques"

Wer war es noch gleich, der gesagt hat, dass man Gesang unbedingt mit nur einem Mikrofon aufnehmen muss? Ich komme grad nicht drauf… Ach ja: niemand! Stimmt ja auch! Dieser kleine Workshop soll euch zeigen, welche Möglichkeiten sich durch Multimikrofonierung der Gesangsstimme eröffnen – aber auch, welche Gefahren lauern.

Es ist schon merkwürdig, dass Gitarrenboxen, Akustikgitarren, besonders aber Snare- und Bassdrums mit schöner Regelmäßigkeit mit zwei oder mehr Mikrofonen aufgenommen werden – es aber bei Vocals fast nie mehr als nur ein Mikrofon gibt, nicht einmal umfangreiche Diskussionen finden zu diesem Thema statt. Ich hatte das Thema hier im B.log kurz aufgegriffen, das viele Feedback darauf hat dazu geführt, dass ich mich entschlossen habe, diese Mehrfachmikrofonierung einmal ausführlicher darzustellen. 

Warum muss man Vocals mit mehreren Mikrofon aufnehmen?

Zunächst einmal: Natürlich muss man nicht. Nichts muss. Wenn ihr mit eurem Ergebnis absolut zufrieden und wunschlos glücklich seid, dann ist ja alles in bester Ordnung. Ein wenig Experimentierfreudigkeit hat jedoch noch keinem Kreativschaffenden geschadet, denn die Chancen stehen gut, dass auch in eurer geliebten und von allen schwer gelobten Aufnahme noch ein Quäntchen mehr drin gewesen wäre.

Re-Miking geht ja nicht

Standard bei der Gitarren- und Bassaufzeichnung ist mittlerweile, per DI das Signal zumindest zusätzlich zum mikrofonierten „trocken“ aufzunehmen. Vielleicht klingt der Fender mit Tremolo und Federhall wirklich ganz toll, im Mix braucht man aber ein wenig mehr Ruhe und weniger Tiefe im Signal, weil das Keyboard-Pad wider Erwarten einen dicken Modulationseffekt und einen ordentlichen Hall bekommt. Dan lässt sich Reamping durchführen. Vocals kann man nicht re-miken, deshalb ist es nur praktisch, im Mixdown vier Wochen nach der Aufnahme einfach mal das Kleinmembran-Kondensatormikrofon auswählen zu können, weil es sich vielleicht mit seiner Spritzigkeit und dem ausgeprägten Air-Band doch besser macht als das über den dichten Röhrenamp aufgenommene, warme und schwere amerikanische Bändchen. Und mal eben eine Spur muten und die andere entmuten, das geht deutlich schneller und klingt sicher deutlich besser als wenn man versucht, mit EQ, Exciter und sonstigen Gerätschaften, einen Sound in die gewünschte Richtung zu biegen.  

Durch unterschiedliche Mikros und Amps Sound-Möglichkeiten bis in den Mix offen halten

Vor allem bei Produktionsweisen, bei denen man noch nicht absolut sicher ist, welcher Sound gewünscht ist und wie der Mix gestaltet werden soll, bietet es sich an, verschiedene Grundcharakteristiken aufzunehmen. Und sind wir mal ehrlich: Wann ist eine Produktion schon so minutiös vorgeplant oder überhaupt planbar? Verschiedene Mikrofontypen, aber auch unterschiedliche Mikrofon-Vorverstärker bieten sich dafür an. Ein Shure SM7B über einen 73er Neve ist schließlich etwas ganz anderes als ein Neumann M 149 Tube über einen SSL, ein Schoeps-MK4/CMC6 über einen GML oder ein AEA CU4 über einen OP-6. Ihr müsst jetzt nicht in den ultimativen Kaufrausch verfallen, aber wenn ihr unterschiedliche Kombinationen zur Verfügung habt… Zudem wird bei aufwändigeren Produktionen sowieso meist vorher ein Shootout gemacht, da kann man den Kram auch mal einfach stehen lassen.  

Die folgenden Audiofiles sind mit einem Großmembran-Kondensatormikrofon (Audio-Technica AT5045 und einem umschaltbaren Röhren-Großmembranmikrofon (Microtech Gefell UM 92.1S) gemacht worden, die mit unterschiedlichen Pegelverhältnissen zusammengemischt wurden. Der folgende Aufbau war das AT5045 mit dem "Effekt-Mikrofon" Placidaudio Copperphone (Kugel), der letzte ist das Aston Spirit (Großmembran, Niere) einzeln sowie mit dem Kleinmembranmikro Oktava MK012 mit Supernierenkapsel und dem DPA 4003 (Kleinmembran Kugel).

Ganz banal: Sicherheitsdenken

Der goldene Take ist nicht zu gebrauchen, weil sich in der Signalkette etwas verabschiedet hat? Selten, aber möglich. Häufiger als Defekte oder Unzulänglichkeiten (Störgeräusche fallen manchmal erst nach starker Bearbeitung auf, etwa mit dem Kompressor) ist aber, dass man Probleme mit dem Pegel bekommt, und zwar in beide Richtungen. So kann ein Signal zu gering ausgesteuert sein und rauschen, oder aber zerren. Zwei Mikrofone und Preamps, für diesen Fall natürlich möglichst vergleichbare, ermöglichen unterschiedliche Aussteuerung. Trotz heute zur Verfügung stehender hochwertiger Technik kann das gerade bei unvorhersehbaren Recordings praktisch sein, also beispielsweise bei spontanen Sessions, wo ja vielleicht von Gesäusel bis zu lautestem Gebrüll alles passieren kann. Mit einem Level-Switching kann man aber auch in geplanten Recordings von hochdynamischen Tracks immer den besten Signal-Rauschspannungsabstand erhalten, aber trotzdem im One-Take-Verfahren arbeiten.

Ähnliche Mikros, anderer Sound: Positionssache

Sicher, Mikrofone und Preamps prägen den Sound, doch ein nicht unwesentlicher Bestandteil des resultierenden Klangcharakters ist die Position des Mikrofons. Bei Gradientenempfängern sorgt der Abstand zur Schallquelle wegen des Proximity-Effekts für die Basslastigkeit, immer regelt man damit das Verhältnis von Direkt- zu Diffusschall.  

Außerdem ist ein Mensch kein Punktstrahler, selbst wenn er von vielen Tontechnikern so behandelt wird. Besonders aber Engineers, die mit Lavaliermikros arbeiten, wissen: Schall kommt nicht nur aus dem Mund. Brustraum- und Kopfresonanzen haben einen nicht unerheblichen Anteil am Gesamtsignal – auch das kann man mit gezielter Mikrofonierung steuerbar machen. Stimme klingt natürlich ganz direkt aufgenommen, mit wenigen Zentimetern bis zu einem halben Meter Abstand, sehr gut und vertraut, es hat natürlich einen guten Grund auch abseits von Direktschallanteilen, dass Mikrofone so aufgestellt werden. Aber gibt es Probleme mit Poppanteilen, ist die Stimme an manchen Stellen zu spitz, scharf, hell? Dann hilft vielleicht ein zusätzliches, seitlich positioniertes Mikro. In einer Zeit, in der bei Drums im Editing jeder einzelne Schlag angefasst wird, sollte eine derartig genaue Beschäftigung mit dem wichtigsten Signal doch möglich sein.  

Die folgenden Audiobeispiele zeigen eine Vocal-Mikrofonierung mit einer Kleinmembran Kugel durch ein Oktava MK012, die im zweiten File durch ein hinzugemischtes Kleinmembran-Nierenmikrofon (Oktava MK012) mit geringem Abstand vor dem Brustkorb, im dritten File durch ein Bändchenmikrofon (Beyerdynamic M130) am Mundwinkel des Sängers ergänzt werden. 

Das große Mischen – Der Technik-Joker zur Problembehandlung und für kreative Ergüsse

Der absolute Gewinn von Mehrfachmikrofonierung der Stimme kommt aber jetzt erst: Die verschiedenen Mikrofontypen und -preamps liefern in manchen Frequenzbereichen haargenau das, was man benötigt, in anderen jedoch nicht. Was spricht dagegen, hier zu mischen? Mit Hoch-, Tief-, Bandcut- und Bandpassfiltern kann man aus zwei oder mehr Mikrofonen das zusammenstricken, was man benötigt. Das dynamische Mikro ist toll, aber ein bisschen mehr fein aufgelöstes Signal ab 10 kHz könnte der Song wahrscheinlich doch vertragen? Das Röhrenmikro schmeichelt den S-Lauten des Sängers und gibt ein schönes, reiches Fundament? Dann lässt sich doch mit einem Kleinmembran-Kondenser in diesem Bereich nachhelfen! Ist der Nahbesprechungseffekt des ansonsten grandios klingenden und gut passenden Großmembran-Kondensers doch zu nah an der „Bierwerbungsstimme“, ihr wollt aber trotzdem den Bass nicht verlieren? Dann kann vielleicht ein Druckempfänger den Bereich liefern – als Crossoverfrequenz bieten sich zunächst ungefähr 250 Hz an. Setzt man diese Grenzfrequenzen für Hochpass- des Großmembranmikros und das Tiefpassfilter des Kugelmikros auf den gleichen Wert, ist bei ansonsten gleichen Pegeln das Resultat gleich ausgesteuert, weil die Angaben immer für -3dB gelten. Aufaddiert ergibt das wieder 0 dB.  

Um euch ein paar Möglichkeiten zu zeigen, habe ich den Sänger hier wieder mit dem 5045und dem UM 92.1S aufgenommen, die hier bei 600 Hertz mit Hochpass- beziehungsweise Tiefpassfilter begrenzt wurden. Das erste File ist das Ergebnis, die anderen beiden zeigen die einzelnen Signale solo.

Doch auch Überlappungen können sinnvoll sein: Sind Frequenzbereiche unterrepräsentiert, können zwei Mikrofonsignale beispielsweise mit 6dB/oct-Filtern von 600 Hz (HPF) und 1500 Hz (LPF) gemischt werden – was den Bereich dazwischen natürlich anhebt. Andersherum kann man auch beispielsweise den Präsenzbereich verringern, indem man eine leichte Lücke lässt. Ihr werdet erstaunt sein, wie fein man tunen kann, wenn man Filter mit geringer Flankensteilheit verwendet. Und diese muss natürlich nicht bei beiden Filtern gleich sein…

EQ und Filter? Braucht ihr vielleicht gar nicht…

Das Ende der Fahnenstange der Möglichkeiten ist damit noch lange nicht erreicht. Unterschiedliche Entfernungen zur Schallquelle bedeuten ja auch unterschiedliche Laufzeiten. Beim Zusammenmischen ergeben sich dann Kammfiltereffekte, die bei gleichen Pegeln enorm hohl und „phasig“ klingen können. Weil dieses Extrem selten gewünscht ist, ist die Arbeit mit zwei verschiedenen Mikrofonen an unterschiedlichen Aufstellorten sinnvoller, vor allem, wenn eines nur leicht dazu gemischt wird. Darüberhinaus lässt sich natürlich zusätzlich ein Delay auf eines der Mikros geben, mit dessen Verzögerungszeit die wichtigsten Einbrüche im Frequenzbild bestimmt werden können – das klingt weniger künstlich als mit einem normalen Delay auf das abgegriffene Signal eines einzelnen Mikros. Zu kompliziert? Dann versucht einfach mal, die Phase bei einem der Signale zu invertieren und dieses nur leicht zuzumischen. Aber Achtung: Das ist alles nicht die „reine Schule“… haltet bei solchen Aktionen auch die Höhen im Blick!

Die ersten Files sind wieder das Gefell und das Audio-Technica, allerdings mit überlappenden oder Lücken lassenden Hoch- und Tiefpassfiltern (HPF/LPF), im dritten Beispiel mit Bandpassfilter und dem Gegenteil dem Bandcut. Nachfolgend findet ihr ein Steropärchen, zwischen dem durch die verschiedenen Abstände zur Schallquelle Kammfiltereffekte an unterschiedlichen Stellen im Spektrum entstehen.

Stereo? Braucht man nicht. Meistens.

Wirklich, Stereoaufnahmen von Einzelstimmen bringen wenig Vorteile, eher handelt man sich Probleme mit der meist gewünschten mittigen Positionierung im Mix ein. Für die Verwendung von Backgroundvocals ist das hingegen hilfreich, auch wenn der Leadsänger alles step-by-step selbst einsingt, kann man ihn vor einem Stereosystem so positionieren, wie später die einzelne Stimme im Panorama erscheinen soll.

Welche Richtcharakteristik? Ach, entscheide ich später.

Es gibt Mikrofone, die erlauben die nachträgliche Einstellung der Richtcharakteristik. Das Soundfield-System (hier kann durch die Aufnahme der Steuersignale, also der einzelnen Kapsel-Signale noch viel mehr im Nachhinein eingestellt werden als nur die Richtcharakteristik – hier kann auch z.B. „gezoomt“ werden) sei genannt, aber auch Josephson, Microtech Gefell und Sennheiser haben tolle derartige Mikros im Portfolio. Doch man kann das auch selbst herstellen. Dazu gabe es mal eine "Aufgabe" im B.log und die entsprechende Auflösung. Ihr habt ein Modulsystem, das auch eine Acht anbietet? Dann probiert das aus, was sich auch mit einem einzelnen Druckempfänger (die gibt es meist als Kleinmembran-Kondenser, selten als Großmembraner, etwa von DPA 4011 oder auch als dynamische Mikros, wie das Sennheiser MD21) und einer Acht (umschaltbares Großmembranmikro, aber auch Kleinmembrankapseln und fast alle Bändchen,) herstellen lässt: Die beiden Mikrofone erlauben die stufenlose Überblendung von der Kugel über alle Nierentypen bis hin zur Acht – nachträglich. Langweilig? Bestimmt nicht, denn das lässt sich ja auch automatisieren. Beispiel: Je höher der Pegel auf dem Kugelmikrofon, desto stärker wird die Acht mit einem Expander bedämpft. In der soften Strophe ist der Gesang dann „close“ und durch den Nahbesprechungseffekt der Acht bassiger und intimer, im lauten Refrain kann man dann ein wenig „Raum“ hören und bekommt einen etwas distanzierteren Sound, der sich besser in die üppigere Instrumentierung einfügt. Übrigens gibt es kein Gesetz der Welt, das verbietet, bei einem gut oder interessant klingenden Aufnahmeraum auch für Vocals Reflexionen und Reverb-Tail aufzunehmen. Allerdings setzt man bei Gesang ja nicht selten auf die künstlicheren Plates oder genau steuerbare artifizielle Räume. Aber auch hier: Versucht mal, ob euer Raum mit einem High-Boost und einem Gate nicht genau das ist, was ihr sonst immer mühsam in euren Hall-Plug-In zusammenschraubt.  

Und: Die Richtcharakteristik muss ja nicht konstant über den Frequenzgang sein. Abgesehen davon, dass sie das ja bei einzelnen Mikrofonen sowieso schon nicht ist, kann es toll sein, im Bass ein wenig stärker zu fokussieren und nur in den Höhen ein wenig mehr Reflexionen aus dem Raum zuzulassen, indem man dort den Druckempfänger im Pegel erhöht. Tipp: „Echte“ Kugeln kann man von der Schallquelle abwenden, denn auch sie tendieren in den Höhen zu einer mehr oder weniger ausgeprägten Richtwirkung. Die Richtcharakteristik im Spektrum bewusst zu variieren, ist keine neue Idee, Schoeps haben beispielsweise 1998 ihr Polarflex-System vorgestellt, für das es mittlerweile auch ein Plug-In gibt.

Kugelsignal ober halb und Nierencharakteristik unterhalb: Im nachfolgenden Beispiel sind das MG- und das AT-Mikrofon mit einer Crossoverfrequenz von 1 kHz zusammengeführt. 

Schön und gut… aber gibt es keine Nachteile?

Doch: Es gibt Nachteile bei der Arbeit mit zwei Mikrofonen, natürlich. Einmal ist dort der Ressourcenverbrauch, da alles doppelt benötigt wird. Wenn aber sowieso zwei geeignete Mikrofone vorhanden sind, hält sich diese Problematik in Grenzen. Mit dem Handling ist es schon anders, denn der ganze Kram will ja auch aufgebaut, ausgerichtet, verkabelt, gepegelt und überwacht werden. Und das zieht sich durch das Editing, wo man Spuren beim Schnipseln gruppieren/pairen muss und auch im Mix mal wieder eine Spur mehr mitziehen muss. Tipp: Auf eine Stereospur aufzeichnen und im Mix L und R mit einem Stereotool separat nutzbar machen.

Ein großes Mikrofon „verstehen“ Sänger noch ganz gut, aber ein vor ihnen stehendes Array aus Großmembran-Kugel, Achter-Bändchen und irgendwo schräg hineinragendes Nierenmikro, das erinnert manche dann doch zu sehr an die Zahnmedizin (und wirft die Frage auf „Äh… wo muss ich jetzt reinsingen?“). Auch akustisch ist das nicht ganz ohne, denn die gegenseitige Beeinflussung ist nicht zu unterschätzen: Der Metallkorb eines großen Mikrofons in unmittelbarer Nähe eines anderen sorgt immer für Reflexionen und somit für Klangveränderungen. Das schaffen zwei Signale von unterschiedlichen, aber auch von gleichen Mikrofonen schon alleine ganz gut. Alleine aufgrund der räumlichen Distanz der beiden Empfänger zueinander – und seien es nur wenige Zentimeter – ergeben sich Laufzeitunterschiede und somit einen veränderten Phasenfrequenzgang.

Also: Experimentiert und lasst diese grandiose Spielwiese nicht links liegen, die oben genannten Kniffe lassen sich ja auch wunderbar miteinander kombinieren. Achtet aber gleichzeitig immer auf negative Effekte. Vielleicht ergibt sich ja für euch ein nettes Standard-Setup, über das ihr in Zukunft nicht viel nachdenken müsst, vielleicht zieht ihr als Schluss, dass es zwar interessant und lehrreich ist, aber im normalen Betrieb den Aufwand nicht lohnt.  

Uns von bonedo würde natürlich interessieren, ob ihr schon Erfahrungen mit zwei Vocal-Mikros gemacht habt. Oder haltet ihr das alles für Unfug? Wir freuen uns auf euer Feedback zum Thema!

Alle Audiofiles gibt es hier als PCM zum Download:

Verwandte Artikel

User Kommentare