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28.04.2016

Workshop Drum Recording Basics: Drums aufnehmen & mischen #4

Recording-Tutorial: Schlagzeug aufnehmen für Einsteiger: Kompression

Im vierten Teil unseres bonedo-Kurses zur Schlagzeug-Aufnahme und -Mischung dreht sich alles um die dynamische Bearbeitung eurer aufgenommenen und durch die Workshop-Parts 1, 2 und 3 schon recht umfangreich behandelten Spuren. Kompression heißt das Zauberwort und ihm werden wahre Zauberkräfte zugeschrieben. Kaum eine Rock-, Pop-, Funk- oder Hip-Hop-Aufnahme kommt ohne die Hilfe dieses vielseitigen Tools aus, viele wissen allerdings gar nicht genau, was damit gemeint ist. Hier lest ihr, wie ein Kompressor grundsätzlich funktioniert und welche Dienste er euch bei der Bearbeitung eurer Drum-Aufnahme leistet.

„Irgendwie lauter, räumlicher, druckvoller…“: Das sind die Attribute, die der tontechnische Laie nennt, wenn man die Wirkung eines Audio-Kompressors demonstriert. Und genau das sind auch die Eigenschaften, die wir unseren Aufnahmen verleihen wollen. In allen DAWs findet ihr einen Kompressor-Effekt, meistens schon reichhaltig ausgestattet mit Preset-Einstellungen wie „Bassdrum“, „Snare“ und anderen typischen Instrumenten. Auch ohne diese Anleitung könntet ihr also direkt loslegen und ausprobieren, was das Plug-in mit euren Spuren macht. Diejenigen, die tiefer in die Materie einsteigen wollen, sollten allerdings weiter lesen.  

Was ist ein Audio-Kompressor?

Ein Kompressor ist im Grunde ein automatisierter Lautstärkeregler. Er verändert die dynamische Balance eines Mixes. Wir Trommler können uns diese Veränderung am besten anhand eines Grooves klar machen. Gut geeignet ist dafür eine Groove, der sowohl sehr leise als auch sehr laute Schläge beinhaltet, zum Beispiel ein Funkbeat mit leisen Ghostnotes und kräftigem Backbeat. Während es akustisch und alleine gespielt keinerlei Probleme mit der Hörbarkeit der leisen Schläge gibt, kann sich das auf der Aufnahme bereits ändern, wenn weitere Instrumente hinzukommen, wie zum Beispiel Beckenschläge. Dann kann es zu Überlagerungen kommen, die dafür sorgen, dass eure schönen Ghostnotes mehr oder weniger verschwinden. Hier kommt der Kompressor ins Spiel: Bei entsprechender Einstellung sorgt er dafür, dass laute Geräusche im Pegel automatisch reduziert werden. Damit ändert sich die Balance zwischen Ghostnotes und Backbeats, die Ghostnotes werden im Verhältnis lauter. Es gibt auf dem Markt mittlerweile eine Unmenge Plug-ins, welche alle mehr oder minder das tun, was ihre Hardware-Vorbilder tun. Jedes Modell ist leicht anders programmiert und erzeugt damit verschiedene Kompressor-Typen und Charaktere. Hier könnt ihr euch mit einigen berühmten Hardware-Kompressoren vertraut machen, die als Vorbilder für unsere DAW-Werkzeuge dienen und in vielen Studios genutzt werden. 

Kompressor-Plug-in in der Audio-Software auswählen

Wenn ihr zum ersten Mal mit einem Kompressor arbeitet, empfehle ich euch zunächst, das Plug-in einfach auf eurer Stereosumme in der DAW zu öffnen. Das macht ihr genau wie beim EQ-Plug-in, also als Insert-Effekt im Stereo Output Kanalzug, welcher sich in eurem virtuellen Mixer meist ganz rechts befindet. Aber Vorsicht: Dies ist nur eine Demo, auf der Stereosumme hört ihr nämlich alle Spuren gleichzeitig und so ist es am Anfang viel leichter, zu beurteilen, was der Kompressor überhaupt tut. Stellt nun im Kompressor ein Preset ein, welches stark ins Geschehen eingreift. Dafür eignen sich Varianten wie „Room“ oder „Overheads“ sehr gut. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird sich damit der Sound eures eingespielten Drumparts ziemlich drastisch verändern. Je nach Plug-in-Voreinstellung wird es lauter, aber nicht nur das. Die Snare wird weniger spitz, dafür aber breiter und räumlicher klingen, ausklingende Geräusche wie Becken- oder Tom-Sustain werden länger und lauter wirken. Möglicherweise bemerkt ihr auch das berühmt-berüchtigte Kompressor-Pumpen. Insgesamt werdet ihr den Effekt mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwie spannend finden. Aber was macht der Kompressor genau und wie lässt der Effekt sinnvoll steuern?

Presets und Bedienelemente eines Kompressors

Wenn ihr wenig Neigung habt, tiefer in die Materie Kompressor einzusteigen, aber trotzdem akzeptable Ergebnisse für eure Schlagzeugaufnahmen erreichen möchtet, könnt ihr zunächst die zum Instrument passenden Presets verwenden. Diese liefern meistens brauchbare Ergebnisse in kurzer Zeit und nehmen euch wichtige Entscheidungen für die Zeit ab, in der ihr noch nicht genügend Erfahrung gesammelt habt, um schnell beurteilen zu können, was die verschiedenen Regler am Kompressor bewirken. Viele Veränderungen sind nämlich subtil und erfordern ein geschultes Ohr. Auf Basis der Presets könnt ihr auch immer beginnen, dann habt ihr beim eigenen Geschraube einen sinnvollen Ausgangspunkt. 

Diese Regler an einem Kompressor solltet ihr kennen, wenn ihr Drums mischen wollt: Threshold, Attack, Release, Ratio

Diese vier Begriffe definieren die Arbeitsweise der meisten Kompressoren und sie sollten in allen mitgelieferten Standard-Plug-ins getrennt regelbar sein. Was sie bedeuten, lest ihr auf den folgenden Zeilen, ausführlichere Beschreibungen findet ihr hier.

 

Threshold

Threshold heißt übersetzt Schwellenwert und beschreibt einen Wert in Dezibel (dB), also einen Lautstärkeparameter. Alles im Signal, was diesen eingestellten Wert überschreitet, wird der Behandlung durch den Kompressor unterzogen.

Attack-Time

Mit Attack ist beim Kompressor die Ansprache gemeint, sie wird in Millisekunden dargestellt. Hat ein Signal also den Threshold überschritten, entscheidet die Geschwindigkeit des Attacks darüber, wie schnell der Kompressor den Pegel absenkt. Eine langsame Attack-Zeit (also ein höherer Millisekunden-Wert) lässt zum Beispiel den Anschlag einer Snaredrum „durch“, ihr Sound behält dadurch Schärfe und „Cut“. Ratio Vereinfacht dargestellt, beschreibt die Ratio das Verhältnis zwischen der Eingangslautstärke ab Erreichen des eingestellten Schwellenwerts und der Ausgangslautstärke. Eine Ratio von 6:1 heißt, daß ein Signal, welches den Threshold um 6 dB überschritten hat, am Ausgang des Kompressors nur noch 1 dB Pegel hat ist.

Release-Time

Im Gegensatz zum Attack stellt ihr mit dem Release-Wert jene Zeit ein, die der Kompressor brauchen soll, um sich „zurück zu ziehen“. Auch hier stellen Millisekunden oder Sekunden die Messeinheit dar. Eine lange Release-Zeit sorgt also dafür, dass der Kompressor ein Signal länger im Pegel reduziert, seine Arbeit wird dadurch oft besser hörbar. Eine kurze Attack- in Kombination mit einer langen Release-Zeit kann für das bekannte „Pumpen“ sorgen, was besonders in Rock-Musik oft als tontechnisches Stilmittel eingesetzt wird.

Output

Je nachdem, welches Plug-in ihr verwendet, kann es sein, dass sich auch noch ein Output-Regler auf der Bedienoberfläche befindet. Manchmal wird dieser Knopf auch Makeup Gain genannt. Dieser kann zwei Funktionen besitzen. Die eine ermöglichst das Anheben der Ausgangslautstärke nach erfolgter Pegelreduktion (Gain Reduction), ohne weitere Anpassung ist ein Kompressor schließlich zunächst nur ein Gerät zum reduzieren von Lautstärkespitzen. Die zweite Funktion ermöglicht eine weitere Anhebung der Ausgangslautstärke, beispielsweise, um eine bestimmte klangliche Färbung des verwendeten Modells noch stärker im Mix herauszustellen.   

Welchen Drumsound soll der Kompressor erzeugen?

Wie schon im dritten Basics-Kurs Teil geht es darum, einen Schlagzeug-Sound zu formen, der in modernen Backbeat-Stilen funktioniert, also Rock, Pop, Blues, Funk, Soul, Metal und Hip-Hop. Alle Instrumente sollen grundsätzlich druckvoll und möglichst definiert klingen, ohne den Mix zu dominieren. Nehmen wir uns dazu wieder alle Spuren separat vor und probieren zunächst aus, ob nicht schon die entsprechenden Presets genau das tun, was wir wollen. Schaltet aber bitte erstmal den Kompressor auf der Stereosumme wieder aus, denn der verfälscht natürlich das Ergebnis und ist zudem vielleicht am Ende an der Stelle auch zuviel des Guten.

Kompressor-Settings für die Bassdrum

Öffnet das Kompressor-Plug-in wie gehabt im Effekt-Slot des Bassdrum-Kanalzuges und stellt ein Preset für Bassdrum/Kickdrum ein. Folgende ungefähre Werte könnten dort für unsere vier Bedienelemente stehen:

Threshold: -4 dB

Attack: 3 ms

Ratio: 6:1

Release: 0,2 s

Mit einem eher niedrigen Threshold von - 4 dB schreitet der Kompressor schon bei relativ niedriger Eingangslautstärke zur Tat. Selbst geübte Trommler spielen schnelle Doppelschläge nämlich oft unterschiedlich laut, meistens ist der erste der beiden deutlich leiser als der zweite. Um eine Angleichung zu erreichen, regelt das Plug-in mit der gewählten Einstellung alles darüber nach unten. Mit drei Millisekunden Attack-Zeit greift es andererseits nicht sonderlich schnell zu, denn schließlich soll der Anschlag-Sound der Bassdrum erhalten bleiben. Die Ratio ist dagegen mit 6:1 schon ziemlich massiv, der komprimierte Signalanteil damit hoch. Gleichzeitig zieht sich der Kompressor nach getaner Pegelreduktion ziemlich zügig zurück, ein allzu langer Ausklang ist bei den meisten Bassdrums nicht zu erwarten.  

Snaredrum-Kompression: typische Einstellungen

Abgesehen von der Attack-Zeit unterscheiden sich die Werte für die Snaredrum im Vergleich zur Bassdrum bei den meisten Presets kaum. Das ist kein Zufall, denn sowohl die Original-Dynamik als auch das gewünschte Ergebnis liegen recht nah beieinander.

Threshold: -4 dB

Attack: 1 ms

Ratio: 6:1

Release: 0,2 s

Die etwas schnellere Attack-Zeit soll harte und laute Anschläge schnell genug reduzieren, ohne ihnen aber zuviel „Biss“ zu nehmen. Die Snare-Spur eignet sich prima zum Experimentieren. Dreht den Threshold auf einen noch niedrigeren dB-Wert, die Attack-Zeit senkt ihr auf den niedrigsten möglichen Wert (0,03 Millisekunden) und die Ratio erhöht ihr auf 8:1. Das Ergebnis wird ein sehr weicher, fast Attack-loser, dabei aber ziemlich großer Snaresound mit viel Ausklang sein. Im Mix mit lauten Gitarren dürfte er allerdings untergehen. Checkt nun, was weniger extreme Einstellungen bewirken und hört die Ergebnisse immer im Kontext mit allen anderen Spuren ab. Hört immer auf das Verhältnis aus Attack, Ghostnotes und Ausklang, darum geht es beim Kompressor-Einsatz auf der Snare.

Toms komprimieren: Standard-Setting

Als nächstes wenden wir uns den Toms zu, klassische Kompressor-Voreinstellungen könnten so aussehen:

Threshold: -6 dB

Attack: 10 ms

Ratio: 6:1

Release: 0,5 s

Der auffälligste Wert sind sicherlich die recht trägen zehn Millisekunden, die sich der Kompressor gönnt, bevor er zur Tat schreitet. Mit minus sechs Dezibel ist er für Toms meistens etwas „geräuschempfindlicher“ eingestellt. Kurz: er reagiert auf leisere Signale schneller, regelt Pegelspitzen, die beim Aufschlag des Sticks auf das Fell entstehen, aber deutlich träger zurück als dies bei der Snare der Fall ist. Hier wird also ein großer Teil des Trommel-Attacks erhalten. Eine halbe Sekunde hält das Plug-in den Pegel unten, um sich dann zurück zu ziehen. Auch hier lohnt sich das Experimentieren, denn selbst sehr gut entwickelte Plug-ins wissen nicht, wie laut beispielsweise die Übersprechungen vom Rest des Kits ausfallen. Die recht hohe Ratio von 6:1 kann einstreuende Snares und/oder Becken recht deutlich auf der Tom-Spur in den Vordergrund bringen. Ein zu schneller Attack wird das Problem noch verstärken, denn es raubt euren Toms den Anschlag, welcher für die Durchsetzungskraft im Mix verantwortlich ist. Apropos: auch hier solltet ihr regelmäßig checken, wie eure Einzelbearbeitungen im Gesamtmix klingen.  

 

Settings für Overhead-Spuren und Raum-Mikrofone – wenn überhaupt komprimiert wird

Bevor ihr euch jetzt auf die Overheads stürzt, solltet ihr einen Moment innehalten und hören, ob weitere Kompression überhaupt nötig ist. Jetzt wäre auch der Moment gekommen, erneut eure Mix-Balance zu bewerten. Kann die Snare vielleicht etwas leiser, muss das erste Tom so heraus stechen? Schließlich habt ihr schon ordentlich was gemacht mit eurer Aufnahme. Wenn ihr aber zu dem Schluss kommt, dass durchaus noch Luft nach oben besteht, könnte die Kompression eurer Overheads hilfreich sein, insbesondere dann, wenn ihr keine weiteren Raummikrofone verwendet habt. Wenn ihr euch die Werte anguckt, fallen euch vermutlich schon ein paar Extreme auf. Oder anders: Der Kompressor greift schon ab niedrigem Level ziemlich hart zu und hält das Signal lange unten.

Threshold: -12 dB

Attack: 0,03 ms

Ratio: 10:1

Release: 1 s

Die Erklärung ist einfach: Im Gegensatz zu „Closed Mics“ wie dem Snaredrum-Mikrofon ist es die Aufgabe von „Distant Mics“, ein Gesamtbild des Instruments darzustellen. Allzu laute Impulsspitzen kommen seltener vor und sind auch gar nicht erwünscht. Räumlichkeit ist hier das Ziel. Und diese Räumlichkeit hilft der Kompressor zu erzeugen, indem er sämtliche Pegelspitzen reduziert und somit dem Ausklang der Instrumente und den Raumreflektionen dient. Das Phänomen einer Art „3D“-Sound solltet ihr auch schon beim Testhören auf der Stereosumme bemerkt haben.  

 

Der letzte Schritt: ein Limiter auf der Stereosumme

Euer Schlagzeug-Mix ist jetzt fast fertig, trotzdem fragt ihr euch vielleicht, warum er noch so leise ist. Hier schafft ein Limiter Abhilfe, den ihr im Kanalzug der Stereosumme öffnet. Dieses Gerät könnt ihr euch als stark eingreifenden Kompressor vorstellen. Er hilft, eurer Aufnahme Lautstärke zu entlocken, indem er alles oberhalb eines eingestellten Schwellenwertes rigoros absenkt. Glücklicherweise sind Limiter relativ übersichtliche Geräte und zudem als Plug-ins auch in jeder DAW mit an Bord. Öffnet also im Kanalzug eurer Stereosumme einen Limiter. In den meisten Fällen, gibt es nur zwei wichtige Bedienelement und das sind der Threshold-Regler sowie der Output Regler. Stellt den Output-Regler auf -0,5 bis 0,0 dB und fangt nun an, am Threshold- (oder Gain-)Regler zu drehen, während ihr euren Mix abhört. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es an eurem Plug-in auch eine Gain Reduction-Anzeige geben. Um eurem Mix nicht sämtliche Dynamik zu rauben, sollten hier Werte von etwa -6 dB nicht überschritten werden. Vertraut auch hier wieder euren Ohren, denn wenn ihr es übertreibt „kollabiert“ eure Aufnahme, hört sich zwar laut, aber brüchig, verzerrt und unschön an.  

Generelle Tipps zur Drumset-Komprimierung

Kompression macht Spaß. Genau deswegen solltet ihr aufpassen, dass ihr es nicht übertreibt. Nicht alle Spuren brauchen unbedingt Kompression, bei falscher Anwendung kann sie dem Mix massiv Dynamik und Natürlichkeit klauen, oder dafür sorgen, daß genau die Geräusche in den Vordergrund treten, die ihr nicht hören möchtet. Ein Standard-Tipp ist auch wieder, möglichst viel zu experimentieren und zu lernen, auf die Feinheiten zu hören: Werden Ghostnotes bei dieser oder jener Einstellung lauter oder leiser, verliegt die Bassdrum bei einer anderen den Attack? Vielleicht hilft manchmal auch, einfach den Kanalfader etwas lauter zu ziehen. Diejenigen von euch, die sich dem Thema intensiv widmen möchten und vielleicht auch mal ganze Mixes einer Band bearbeiten möchten, sollten sich geeignete Abhörsysteme zulegen. Neutrale Studiokopfhörer sind für den Anfang eine günstige Alternative zu meist deutlich teureren Lautsprecherlösungen.

Mit diesen vier Teilen unseres Basics-Kurses solltet ihr nicht nur für eure ersten Gehversuche in Sachen Drums abmischen gut gerüstet sein. Und denkt immer dran: Programme und Knöpfe bedienen ist immer nur ein Teil, am Ende entscheiden immer eure Ohren.

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