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30.07.2009

Vintage Synth: Oberheim Matrix 12 / Xpander

Polyphoner Analog-Synthesizer

Der Oberheim Matrix 12 und die Modulvariante Xpander gehören zu den großen Legenden der Synthesizergeschichte. Sein Schöpfer Tom Oberheim ist spätestens wieder im Gespräch, seitdem er die alten Oberheim SEM (Synthesizer Expander Module) wieder aufgelegt hat. Enthält Oberheim heute noch linksdrehende Kult-Bakterien? Was bringt ein echter Vintage Oberheim in einem heutigen Studio?

Die Entwicklung großer polyphoner Analogsynthesizer hat nach einem landläufigen Running-Gag fast alle Hersteller ruiniert. Einige dieser Hersteller sind wieder da, aber heute gibt es eine eher überschaubare Anzahl wirklich kaufbarer Alternativen zu den Klassikern. Nur wie kommt der Prophet zum Oberheim, wenn er keinen neuen Propheten will? Aus heutiger Sicht wundert man sich vielleicht über die relativ wenigen Knöpfe des Matrix 12. Das ungeschriebene Marktgesetz für (Vintage-) Synthesizer, insbesondere für analoge und ältere Maschinen, heißt schlicht: Hat er Knöpfe? Wenn ja, ist er in der Regel teuer. Wenn nicht, bekommt man ihn günstig. Gibt es einen Programmer (Roland, Access-Programmer), dann ist der Programmer fast teurer als der Synthesizer, trotz der Existenz alternativ kostenloser SysEx-Controller.

Billig sind ein Matrix 12 oder der kleinere Xpander nicht wirklich, aber an der Oberfläche finden sich nur sechs Endlos-Regler. Verglichen mit dem, was man heute für die "dicken Klassiker" mit vielen Knöpfen ausgibt, ist der Preis fast moderat. Moderat? Na, so ein Xpander kostete einmal umgerechnet gute fünf Kilo-Euro, der Matrix 12 kam schon für schlaffe 6000 € ins Haus. Ich blende immer gern virtuell den Preis eines günstigen Autos zum Vergleich ein, beide überschritten diesen deutlich (VW Käfer: damals ca. 4000 - 5000 €). "Gefühlte" Unsummen sind es in jedem Fall. Heute liegt der Matrix bei gut 3500 €, der Xpander bei mindestens 1600 €. Tendenz: stetig steigend.

 

Der Grund, diese Summen zu zahlen, ist simpel: Der Sound. Oberheim klingt breit, sahnig und füllig. Er ist auch der Vorzeigekandidat für viel Bass, trotz weit aufgedrehter Resonanz im Filter (ja, das ist technisch nicht ganz korrekt, es klingt aber subjektiv besser). Erstaunlich ist dieser Sound auch, weil er mit Curtis-Chips realisiert wurde. Die verwendeten Chips sind allesamt Tiefpass-Filter. Dies, obwohl es Multimode-Filter gibt, welche fünf Typen anbieten. Eigentlich sogar Kombinationen verschiedener Typen mit unterschiedlichen Flankensteilheiten (1-4 Pol). Wie geht so etwas mit Tiefpass-Filtern? Durch Phasenauslöschungen und geschickte Beschaltung haben es die oberheimlichen Supergeeks geschafft.

Und in der Tat war es ein Team, denn der gute Tom hatte bereits innerliche Koffer gepackt und die Firma verkauft, so wie einst Opcode (MIDI-Equipment). Und diese Lösung klingt nicht schlechter oder irgendwie „gefrickelt“, es klingt solide, teuer, breit, warm (..) und auf Basis von CEM/Curtis-Chips kommen in Sachen der vielzitierten Breite, Wärme und „Schönheit“ kaum (bis keine) anderen Synthesizer auf dieses klangliche Level. Schönklang ist durchaus das richtige Wort: Oberheim ist auch klanglich very 80s. Was das genau bedeutet, könnt ihr vielleicht auch den Beispielsounds entnehmen. Es erinnert an Hightech-Synthpop, teuere Bässe sowie  Leads und Effekte. Depeche Mode zu Violator-Zeiten, Erasures „Chorus“-Album und ähnliche Dinge leben von diesem Sound. Aber auch einige ältere und neue Techno-Acts, die Chemical Brothers und, und, und... Der Sound ist irgendwie "alt" und unbedingt hochwertig. Ausnahmsweise ist das mal sehr positiv gemeint. Der Sound setzt sich einfach durch – auch in fiesester Indie- und Rock-Musik. Nur "rotzig" ist ein Oberheim sicher nicht. Insofern sollte man beim Soundcharakter also nicht unbedingt Nine Inch Nails erwarten.

 

(Hier noch ein Hinweis: In der rechten Spalte findet ihr 16 Audio-Beispiele des Oberheim Matrix 12 bzw. Xpander. So könnt ihr euch einen bunten Querschnitt dieser Vintage-Synthesizer-Klassiker anhören. Viel Spaß!)

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