Hersteller_DaveSmith
Feature
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10.03.2016

Einerseits ist es schwer bis unmöglich, in einem Text wirklich zu vermitteln, was einen Synthesizer wie den Prophet-5 wirklich ausmacht. Andererseits kann man sich in vielen Beschreibungen, durch Soundfiles oder Filme auf YouTube etliche Eindrücke davon verschaffen, worin den Kult um dieses Instrument begründet sein könnte. Deshalb habe ich mir gedacht, dass ich natürlich meine Sicht auf Sound und Handhabung dieses elektronischen Wunderwerkes schildern möchte, dass ich aber zugleich auch ein wenig darüber schreiben will, was es tatsächlich heißt, einen Prophet-5 im Studio zu verwenden und wieviel Sinn oder Unsinn ich darin sehe, heutzutage eine 4.000 bis 6.000 Euro teure Synthesizer-Antiquität zu besitzen.

Die Erfahrung, vor einem Prophet-5 zu sitzen, atmet, in dem Sinne, dass sie etwas sehr Organisches hat und dass man das Gefühl bekommt, viel Raum für das Klängeerfinden und Spielen zu bekommen. Letzteres hat wohl auch damit zu tun, dass die Bedienung des Prophet sehr benutzerfreundlich ist, mit vielen schönen Bedienelementen, die mehr als ausreichend Platz haben auf dem Gerät und einen außerdem ganz zielstrebig zu dem führen, was man hinter ihnen vermutet. Man muss schlicht überhaupt nicht nachdenken dabei, und das macht alles sehr intuitiv. Zudem gelingt es diesem Synthesizer, einer relativ überschaubaren Technik eine große Breite und Komplexität an Sounds zu entlocken. Wie man hört, hat Dave Smith bei der Entwicklung viel mit Musikern zusammengearbeitet, und dieses Erbe merkt man dem Prophet an. Vielleicht ist das auch seine ganz große Stärke: Er ist sehr flexibel, und dennoch wirkt er – wenn man etwas pathetisch werden möchte – wie der verlängerte Arm des Musikers, er stellt sich dessen Kreativität nie in den Weg.

Sound

Synthesizer wie der Roland Jupiter-8 oder der Yamaha DX7, der ja vielleicht wie kein anderes Instrument den Sound der 80er geprägt hat, bestechen durch ihren sehr eigenen, relativ leicht wiedererkennbaren Sound. Obwohl der Prophet-5 in ähnlicher Weise essentiell und omnipräsent bei vielen Aufnahmen war, tue ich mich doch schwer damit, von einem ganz charakteristischen Prophet-Sound zu sprechen. Sicherlich verbindet man ihn mit wahlweise sahnigen oder knallenden Brass-Sounds, seine nicht zuletzt durch die Modulationsoptionen möglichen FX-Sounds sind legendär, und definitiv hat der Prophet auch mal ganzen Produktionen seinen Stempel aufgedrückt – wie bei PHDs „I won't let you down“ oder den Soundtracks von John Carpenter. Aber im allgemeinen ist der Prophet nicht so sehr bekannt und geliebt dafür, dass er den einen, knalligen Sound liefert. Er ist im besten Sinne kein One-Trick-Pony, sondern liefert im Grunde die gesamte Palette, zu der subtraktive Klangsynthese fähig ist, in höchster Qualität. Deshalb ist er mehr oder minder bei allem gleichermaßen in seiner Komfortzone: weichen Pads, Lead-Sounds, fetten Bässen, abgefahrenen Effekten etc.

Es kann natürlich bisweilen angesagt sein, dass man zu einem Klangerzeuger greift, der etwas sehr Charakteristisches, sofort Wiedererkennbares erzeugt. Aber in so einer Festlegung liegt ja nicht selten auch ein Problem. Ich persönlich finde zum Beispiel die auch in heutigen Produktionen allgegenwärtigen Juno/Jupiter-Sounds leicht nervig, weil sie so laut „80er“ und „Elektro“ schreien und dann auch einen guten Job dabei machen, die Produktionen zu hip und zu ähnlich klingen zu lassen. Vom DX7 möchte man da gar nicht erst sprechen. Wenn man aber mit dem Prophet-5 arbeitet, klebt da nichts in Neon am Klingelschild. Eher so etwas wie „analog“, „warm“, „durchsetzungsstark“, „edel“, „songdienlich“. Somit wird der Prophet zu einem starken Werkzeug, um Tracks analoges Leben einzuhauchen, wobei er eben uneitel und flexibel genug ist, dass man auch ganze Songs ausschließlich mit ihm versorgen kann, ohne dass man gleich in der klanglichen Monokultur landet. Und diese Eigenschaft hat auch einen direkten Einfluss darauf, wie man mit dem Prophet-5 arbeitet. Sein Sound und seine Haptik sind absolut inspirierend, aber er bietet ein tiefsinniges, gleichsam offenes Vergnügen; nicht den Sound, der schreit: „Hör mal, wie geil!“ und der sich dann aber auch wieder flott verbraucht. Mit dem Prophet kann man soundmäßig in viele Richtungen gehen, starke, aber in ihrer Wirkung immer auch subtile Klänge erzeugen. Damit ist er für mich auf eine gewisse Weise auch sehr modern. Weil er einen nicht so stark festlegt, wie das andere Synthesizer tun.

Alltagstauglichkeit

Das praktische Leben mit einem mehr als 30 Jahre alten Synthesizer ist, das muss man zugeben, kein uneingeschränktes Vergnügen. So unterschiedlich die Geräte und ihre Geschichten sind, so unterschiedlich wird jeder Besitzer das auch erleben; manche haben sicher mehr Glück gehabt als ich, viele bestimmt auch sehr viel weniger. Wie erwähnt, kam der Prophet bei mir in einigermaßen bescheidenem Zustand an. Dennoch habe ich ihn gleich benutzt – auch wenn ich damals wohl nur so halb realisiert habe, was genau ich da in den Händen hielt. Am Anfang unserer Beziehung war ich geradezu abenteuerlustig. So habe ich den Prophet gar einmal live mit auf die Bühne genommen, was er mir mit einem Absturz gedankt hat, dessen Soundkulisse auch dem Riesencrash eines Sternenkreuzers aus Star Wars gut zu Gesicht gestanden hätte. Nein, das natürliche Habitat des Prophet ist heutzutage ein wohlklimatisiertes Studio. Und selbst dann ist man vor Überraschungen nicht gefeit. Es kam vor, dass der Synthesizer plötzlich nicht mehr anging, dass er in den Tuning-Modus wechselte und daraus nicht mehr aufwachte, dass auf einmal alle Presets mit einem fein modulierten Mega-Rauschen überschrieben waren oder dass die Hüllkurve offenbar bei manchen Tönen mehr Spannung erzeugte als bei den anderen, so dass dann ein Ton in einem Akkord heller klang als die anderen. Einmal überraschte mich der Techniker mit der Empfehlung, ich solle doch beim Einschalten einfach kräftig mit der Faust auf die linke Seite des Bedienpanels schlagen, um sicherzustellen, dass der Prophet richtig hochbootet. Und natürlich hat der ewige Feind alter Elektrotechnik, der Staub, auch seine Spuren hinterlassen und verursacht schon mal Geräusche, die die Potis von Hause aus nicht machen sollten. Die Tastatur, die im übrigen gut spielbar ist, neigt schon mal dazu, die Töne doppelt zu triggern, etwas, das man sicher leicht richten kann, das sich aber auch dadurch umgehen lässt, dass ich den Prophet manchmal einfach mit einer modernen Tastatur über MIDI spiele.

Da ich kein Sammler bin und auch kein Investor – dem die Verdrei- oder Vervierfachung des Wertes innerhalb der letzten Jahre sicher gefallen muss –, stelle ich mir natürlich die Frage, ob es wirklich Sinn macht, einen so wartungsintensiven Synthesizer zu besitzen und in ihm ein nicht unbeträchtliches Kapital zu binden, das ich ja auch in andere schöne Dinge stecken könnte. Bei dieser Überlegung spielen selbstverständlich zwei Punkte eine große Rolle: Zum einen ist die Entwicklung der Plug-ins mittlerweile so weit, dass man sich jetzt schon, mindestens aber in einigen Jahren, äußerst schwertun wird, auf rein klanglicher Ebene Argumente für die Hardware zu finden. Plug-ins wie u-hes Diva machen das vor. Zum anderen hat ja ein gewisser Dave Smith nicht aufgehört, großartige Synthesizer zu bauen. Für das, was der Verkauf meines Prophet-5 einbringen würde, könnte ich ja auch sehr leicht zu einem Prophet-12 oder einem Prophet-6 greifen und hätte ziemlich sicher noch einen Tausender oder mehr übrig. Dabei könnte ich die beiden modernen Propheten leicht mit auf die Bühne nehmen, ich müsste kaum fürchten, dass sie wochenlang in der Werkstatt verschwinden und dazu ließen sie sich noch ein wenig leichter in ein modernes Setup einbauen, ganz zu schweigen davon, dass sie ganz andere Möglichkeiten bieten als die alte Legende. Und man muss sehr streiten, ob sie klanglich nicht auf ähnlichem, wenn nicht gleichem Niveau sind.

Ich stelle mir diese Frage ganz offen und habe auch keine ganz abschließende Antwort darauf. Lustigerweise kann man all die Argumente, die gegen den Prophet-5 zu sprechen scheinen, auch für ihn auslegen. Denn es ist ja gerade der Reiz alter Technik, dass sie eben nicht so vorhersehbar und perfekt funktioniert. Wie viele Unfälle des Elektrowesens wurden zu Ikonen des Sounds? Der Kult einer ganzen Instrumentengattung, nämlich der E-Gitarre, basiert auf technischer Unzulänglichkeit. Das ist es ja, was wir uns klanglich vom Analogen wünschen, dass es nämlich einen Zauber behält, eine Überraschung, dass meinetwegen verrottete Mottenflügel auf der Platine dafür sorgen, dass der Klang eben den speziellen Dreh hat, der ihn seinen eigenen Platz im Arrangement finden lässt. Oder uns ganz einfach zu dem Wahnsinnslick inspiriert, auf dem der Track aufbaut. Und dabei spielt nicht nur die vielzitierte Haptik eine Rolle, die natürlich ein so schöner Synthesizer wie der Prophet einem Plug-in absolut voraushat. Und auch nicht nur jene Aura der durchlebten Jahre, die ihn, im Gegensatz zu den nach frischer Fabrik riechenden modernen Prophets umgibt. Es geht dabei tatsächlich um das Unplanbare, das sich im Sound niederschlagen kann, aber durchaus auch in der Benutzung. Denn vielleicht weckt diese Eigensinnigkeit oder sogar Unsicherheit ja kreatives Potenzial. Bei einem Plug-in erwarte ich, dass es sich öffnet und das tut, was ich von ihm will. Bei einem Prophet-6 überrascht es mich nicht, dass er sich problemlos einschalten lässt. Mein Prophet-5 hat dagegen, das kann man jetzt mal so kitschig sagen, schon auch etwas von einer Prinzessin, die sich bisweilen gerne mal in ihren Elfenbeinturm zurückzieht und bei der man dann umso froher ist, wenn sie am Fenster erscheint.

Welche Haltung man dazu hat, hängt sehr davon ab, wie man veranlagt ist. Die Romantiker oder auch Nostalgiker werden den unbedingten Reiz eines Prophet-5 spüren können. Die Pragmatiker werden mit der manchmal ans Religiöse grenzenden Begeisterung für die Mythen des alten Propheten wenig anzufangen wissen. Aber für die Allermeisten stellt sich die Frage gar nicht: Der Prophet-5 ist schwer zu finden, äußerst teuer und damit ohnehin nur selten eine reale Option. Gut also, dass es die neuen Polyphonen von Dave Smith und auch einige schöne Plug-ins gibt.

  • FEATURES
  • Erscheinungsjahr: 1978
  • Klangerzeugung: analog, subtraktiv
  • Tastatur: 61 Tasten, keine Anschlagdynamik
  • Polyphonie: 5 Stimmen
  • Oszillatoren: 2 VCOs pro Stimme, Hard Sync
  • Schwingungsformen: Sägezahn, Puls mit PWM, Dreieck (nur OSC B)
  • Rauschgenerator
  • Filter: Tiefpass 24dB/Okt.
  • Envelopes: 2x ADSR
  • LFO: Sägezahn, Dreieck, Puls
  • Poly Mod Sektion (Quellen: Filter ENV,OSC B / Ziele: FREQ OSC A, PW OSC A, Filter Cutoff)
  • Wheel Mod Sektion (Quellen: LFO oder Noise / Ziele: FREQ A, FREQ B, PW A, PW B, Filter Cutoff)
  • Speicherplätze: je nach Version 40 bis 120
  • Anschlüsse: Audio Out, Sequencer Interface (Gate In, CV In, Trigger Out, CV Out), AMP CV In, Filter CV In, Release Footswitch, Tape In/Out (je nach Version Abweichungen möglich)
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