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22.02.2017

Vintage Synth: Korg Delta

Die Korg String Machine in der Praxis

Der Korg Delta ist ein voll polyphoner Analogsynthesizer, der von 1979 bis 1984 produziert wurde und in die Kategorie der „String Machines“ fällt. Bis heute muss der Delta den Ruf ertragen, kein voll ausgewachsener Analogsynthesizer zu sein. Allerdings sollte er sich im Synthesizer-Regal keineswegs verstecken. Nicht umsonst schaffte der Japaner es auf Alben z.B. von The Human League, Bitch Cassidy, Ladytron oder Zensor.

Während viele Vintage Synths heutzutage für horrende Summen ihre Besitzer wechseln, ist der Korg Delta meist recht günstig zu ergattern und gilt mit seinen synthetischen Extras schon länger als Geheimtipp unter den String-Machines. Im Vintage Synth Special haben wir den Delta für euch angeworfen und unter die Lupe genommen.

DETAILS

Geschichte

Wenn wir heutzutage sanfte, authentische Streicher-Sounds benötigen, betätigen wir unser Digital-Keyboard oder unseren Rechner und erhalten sehr schnell die authentische Simulation eines Orchesters oder Streicher-Ensembles. Was aber tun, wenn die Erschließung dieser noch völlig unbekannten, digitalen Welt keine Option ist und der Hunger nach „portablen“ Streichern trotzdem groß? In den 70er Jahren war dies der Fall und so kam es, dass im Zuge der aufkeimenden Synthesizer-Euphorie verschiedene Firmen auch die Streicher-Fans bedienen wollten. Am besten natürlich kompakt, bühnentauglich und bezahlbar.

Um diesen Hunger zu stillen, brachten verschiedene Hersteller sogenannte "String Machines" auf den Markt, also analoge Synthesizer, die auf Streichersounds spezialisiert waren. Am bekanntesten wurde das ARP Solina String Ensemble, aber auch andere Hersteller wie Moog, Crumar und Siel waren mit String Synthesizern erfolgreich. Ähnlich wie beim Fender Rhodes, das ja auch nicht wie ein echtes Klavier klang, hatte der Sound mit einem richtigen Streichorchester kaum etwas zu tun, wurde aber doch zu einer eigenen Marke und hatte eine ganz eigene Wärme und Klangcharakteristik, die sich schon bald auf diversen Produktionen und Bühnen der Pop-Welt einfand. Korg durfte da natürlich nicht fehlen und stellte mit Sigma, Lambda und Delta eigene String Machines vor. Letzteren haben wir uns im Vintage Special etwas genauer angesehen. 

Bedienfeld und Klangerzeugung

Grundsätzlich funktioniert beim solide und robust gebauten Delta die Klangerzeugung wie bei vielen String-Machines und Orgeln aus jener Zeit mit einer Frequenzteiler-Schaltung: 12 Rechteck-Master-Oszillatoren erzeugen die höchste Oktave des Sounds, durch Frequenzteilung werden dann die darunter liegenden Oktaven gebildet. Diese Technik ermöglicht dem Delta eine vollständige Polyphonie: Alle 49 Tasten lassen sich auf einmal spielen. Jedoch sprechen wir hierbei leider nicht von 49 eigenständigen Synthesizer-Stimmen, denn es gibt für alle gespielten Töne nur eine Hüllkurve. Somit lassen sich die Stimmen nicht unabhängig voneinander ansteuern, was beispielsweise das Spielen von gelegten Arpeggios oder sich aufbauenden Flächen-Sounds einschränkt. Die Klangerzeugung des Delta ist in zwei Sektionen aufgeteilt, welche zunächst getrennt voneinander arbeiten: Synth und Strings.

Synthesizer-Sektion

Der Synthesizer-Bereich nimmt ordentlich Platz auf dem Bedienfeld des Korg ein, was hauptsächlich an den vielen Schiebereglern liegt, mit denen sich die Lautstärken der verschiedenen Oktaven im Synth-Sound mischen lassen. Dieses Prinzip ist der Frequenzteilung geschuldet und ungewöhnlich für „normale“ Analog-Synthesizer – die Fader erinnern eher an Orgel-Register. Allerdings können durch das stufenlose Mischen unterschiedlichste Sound-Facetten erzeugt werden. Weitere Fader in der Synth-Sektion dienen zur Steuerung der ADSR-Hüllkurve, die gleichzeitig für VCA und VCF zuständig ist. Das Filter lässt sich zwischen Tiefpass und Bandpass umschalten und bietet einen Fader für den Cutoff und einen Drehregler für Resonanz. Die VCF-Envelope Amount kann per Drehpoti von negativ bis positiv geregelt werden. Ein regelbarer White Noise und ein optionaler Keyboard Follower sind ebenfalls mit an Bord.

Strings-Sektion

Hier wird etwas reduzierter gewerkelt. Die Oktavanteile werden via Mix-Poti zwischen 8'' und 16'' geregelt, die Hüllkurve bietet nur Attack und Release. Ein Filter ist nicht vorhanden; stattdessen lässt sich der String-Sound per Bass/Treble-EQ zusätzlich manipulieren.

In beiden Bereichen kann jeweils noch zwischen Single- und Multitrigger ausgewählt werden. So kann kontrolliert werden, ob die Hüllkurve beim Legato-Spiel bei jedem Ton neu angesteuert wird (Single-Trigger) oder legato beispielsweise mit einer Melodie-Linie mitläuft (Multi-Trigger).

Modulationen

Ein globaler Frequenz-LFO/Vibrato, dessen Bedienelemente links auf dem Panel zu finden sind, schmilzt beide Bereiche modulationsmäßig zusammen. Filter und LFO-Amount können mit Hilfe des seinerzeit sehr innovativen Korg-„Joysticks“ intuitiv kombiniert und bearbeitet werden. Um den glücklicherweise sehr stimmstabilen Delta zu anderen Instrumenten zu stimmen, steht im linken Bereich außerdem ein Tuning-Regler zur Verfügung. 

Anschlüsse

Auch wenn die beiden Sektionen zunächst unabhängig voneinander bearbeitet werden, kommen sie am Ende der Kette doch zusammen: durch den „Mix Out“-Output wird ein gemischtes Signal aus Synth und Strings ausgegeben, deren jeweilige Anteile per Fader separat geregelt werden können. Zusätzlich gibt es auch Einzelausgänge der beiden Sektionen, was z.B. interessante Stereo-Sounds oder separate Effektwege ermöglicht.

Weitere Verbindungsmöglichkeiten sind in Form von Trigger In/Out und einem Filter-CV-Input vorhanden, mit dem das Filter beispielsweise externt gesequenced werden kann. Der Delta lebt also keineswegs in seiner eigenen Welt. Das merkt man auch daran, wie gern er mit zwischengeschalteten Effekten zusammenarbeitet. Für MIDI kam der Korg Delta allerdings zu früh auf den Markt. Während viele andere Analog-Synths unkompliziert nachträglich mit MIDI ausgerüstet werden können, gibt es aufgrund der speziellen Frequenzteiler-Technik keine offizielle MIDI-Nachrüstung für den Delta.

Sehr praktisch ist das angelötete Stromkabel, durch das man nie Angst davor zu haben braucht, ein Netzteil zu vergessen oder zu verlieren. 

Praxis

Dreh- und Angelpunkt der Synthesizer-Sektion ist das herausragende Filter, bei welchem zwischen Low-und Bandpassfilterung ausgewählt werden kann. Selbst das zeitgenössische Korg-Flaggschiff Trident hatte seinerzeit lediglich Optionen für High- und Lowpass-Filter, die Bandpass-Erweiterung ist sehr originell. Das Filter klingt weder zu aggressiv, noch zu weich, hat einen sehr homogenen Verlauf und fügt sich auch in Zusammenarbeit mit der Resonanz wunderbar in den Mix einer Musikproduktion ein. Durch den Octave-Down Schalter ergeben sich saftige Bässe. Aber auch warme Analog-Pads oder funky Clavinet-Grooves haben eine sofortige Gültigkeit. 

Die Frequenzteiler-Technik erschwert wabernde Solo-Leadsounds. Mit einem externen Hall/Delay kann man hier jedoch einiges vertuschen und mithilfe des Joysticks sogar in Theremin-artige Gefilde eintauchen. Der eingebaute LFO bietet abermals ein interessantes Sound-Update: Normalerweise beeinflusst dieser lediglich die Oszillator-Frequenz und wirkt somit wie ein Vibrato. Wenn man allerdings die Filter-Amount beim Korg-Joystick erhöht, wirkt der LFO gleichzeitig auch auf das Filter. Stellt man nun die „Vibrato“-Depth auf 0, arbeitet der LFO via Joystick nur für den Filter. Hört selbst. 

Zusätzliche Freude am Delta-Filter kommt beim Herumspielen mit dem Filter-Input auf. Durch einen externen Sequencer lassen sich knackige Grooves und Soundcollagen basteln. Die String-Sektion dient hierbei als solide Grundfläche, da bei ihr der Filter nicht eingreift.

Der Grundklang der String-Sektion wiederum ist erhaben, vor allem wenn man etwas Release oder einen externen Hall hinzugibt. Durch Möglichkeiten wie den EQ oder verschiedene Oktav-Mischverhältnisse können die Strings außerordentlich präzise in einer Klangwelt platziert werden. Sie können klar über anderen Instrumenten scheinen, sich aber auch sanft und unauffällig in einen Gesamtsound einfügen. Lediglich mit den mittigen Frequenzen muss man in bestimmten Lagen etwas aufpassen. Die sind dann doch gern mal sehr präsent.  

Besonders interessant wird der Delta, wenn beide Sektionen gemischt werden. So kann man beispielsweise Synth-Bässen noch mehr Druck durch tiefe Strings verleihen oder Synth-Pads in Streicher-Flächen hineinfiltern.  

Hier gibt es viele Möglichkeiten, um zusätzliche Spannungen und Volumen zu erzeugen, wenn es zum Beispiel in einem Song auf einen Höhepunkt oder Refrain zugeht. Gerade im dynamischen Bandkontext ist die String-Machine damit sehr gut einsetzbar. Durch den LFO lassen sich außerdem leicht wabernde Verstimmungen erzeugen, die dann eine oft geliebte Reibung mit in den Sound bringen. So wird der Delta schnell zum mystischen, erhabenen Flächen-Giganten. 

Fazit

Durch seine technischen Limiterungen ist der Korg Delta weniger flexibel als beispielsweise der Trident oder gar der Polysix. Dennoch mausert er sich in den letzten Jahren immer mehr zum preiswerten Geheimtipp in der Welt der Vintage-Synths. Dafür sorgen nicht zuletzt das samtige Filter und die kompakte, schnell verständliche Klangerzeugung. Hier erhält man ohne langes Schrauben einzigartige Vintage-Sounds, die sich bestens mit zugeschalteten Effekten vertragen und weit über das Repertoire klassischer String Machines hinausgehen.

Der Korg Delta heute

Die kostenlose VST-Software „The Nabla“ (zur Download-Seite) ist neben Sampling der wohl einzige Versuch, den Korg Delta digital zu emulieren und zu verewigen. Leider nur mit Windows kompatibel, ist sie sehr beliebt und kommt nah ans Vorbild heran, auch wenn logischerweise ein wenig mehr Feenstaub auf dem Sound des Original-Delta liegt. Diesen Sound bekommt man heutzutage für ca. 500 € auf dem Gebrauchtmarkt. Es bleibt abzuwarten, wie lange dieser freundliche Preis sich halten wird. Auf den großen Konzert-Bühnen dieser Zeit ist der Korg eher selten zu sehen, dafür gehört er bei einigen namhaften Produzenten und Keyboardern zum festen Studio-Inventar und ist immer für eine Überraschung gut. 

  • PRO
  • Filter-Klang und Grundsound
  • volle Polyphonie
  • intuitive Bedienung durch Korg-Joystick
  • Mix-Möglichkeiten zwischen String- und Synthesizersektion
  • Trigger/Filter-Eingang
  • robuste Verarbeitung bei angenehmem Gewicht
  • CONTRA
  • Frequenzteiler-Technik
  • Hang zu mittenlastigem Sound
  • begrenzte Modulationsmöglichkeiten
  • FEATURES
  • Erscheinungsjahr: 1979
  • Klangerzeugung: analog, subtraktiv mit Frequenzteiler-Schaltung
  • Polyphonie: voll-polyphon, aber nur eine Hüllkurve
  • White-Noise Generator
  • Filter: Lowpass/Bandpass-Filter
  • 1 LFO (Sinus)
  • eine Hüllkurve pro Sektion
  • Anschlüsse: Mix-Output (High/Low), Phones-Out, Trigger In/Out, Filter-In, Einzelausgänge für jeweilige Sektionen

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