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11.03.2015

Video-Interview mit Chris "Daddy" Dave

His Royal Highness

Chris Dave ist auf ein kurzes Stelldichein mit seiner Band The Drumhedz bei bonedo aufgetaucht, um uns ein Interview und eine Kostprobe seines Könnens zu geben. Wir haben diese exklusive Session für euch im legendären Maarwegstudio in Köln aufgenommen – auf Video.

Für viele Drummer, die dem Funk-, Soul- oder Hiphop-Drumming besonders verbunden sind, gilt Chris Dave bereits seit einigen Jahren als innovativster Trommler des Black-Groove-Sektors. So hat sich beispielsweise auch Adele fast die Hälfte ihres Erfolgsalbums 21 von Chris betrommeln lassen. Gerade erst durfte er als Mitglied der Band von Robert Glasper einen Grammy entgegennehmen und wird von so profilierten Kollegen wie Questlove von den Roots fast schon als Messias verehrt: „He is the most dangerous drummer on earth.“ Jahrelang hat sich Chris für Journalisten extrem rar gemacht und hegt eine tiefe Skepsis für Trommelfans und Fachmagazine, darum freuen wir uns umso mehr, dass er uns sein erstes Interview seit beinahe zehn Jahren gibt.

Ich stehe als verantwortlicher Redakteur am Eingang des Studios um Chris, seine Band und seinen Manager in Empfang zu nehmen und werde bei Ankunft der Truppe geflissentlich ignoriert. In diesem Moment verkörpere ich vermutlich alles, wovor Chris sich erfolgreich in den letzten Jahren seines Schaffens gewehrt hat: Jemand, der sich vermeintlich für sein Drumming von einem sehr handwerklichen Blickwinkel interessiert. Chris will als Künstler verstanden werden, will – darauf wurde ich vor dem Interview mehrfach eindringlich hingewiesen – unter keinen Umständen nach dem „wie“ gefragt werden und verabschiedet seine gute Laune schon um zehn Uhr morgens in den Keller, als er sieht, dass wir sein Drumset in der Mitte seiner Band installiert haben. „I don’t want to be in the center of this, this is not me, we are a band! I feel uncomfortable!“. Dass er quasi schon wieder auf dem Sprung ist, lässt sich leicht an den erschrockenen Gesichtern seiner Mannschaft ablesen. Mein Einwand, dass es nunmal schon seit Beginn des Mailaustausches mit seinem Booking und seinem Management um ihn geht findet zum Glück Gehör, es kann also tatsächlich losgehen!

Session und Interview

Nachdem mein Fragenkatalog in diversen Mails und Telefonaten (gerne um vier Uhr morgens) auf ein seichtes Geplänkel heruntergestutzt wurde, sitze ich ihm nun tatsächlich gegenüber, Chris Dave, dessen Bewunderer ich bin, der mir aber auch direkt die Schweißperlen auf die Stirn treibt. Schon beim Aufbau der Instrumente werden allerhand Anweisungen erteilt, in einem Moment wird unser Kameramann angeherrscht, nicht zu filmen, im nächsten dem eigenen Manager befohlen zu bleiben, obwohl dieser einen Termin in der Stadt hat. Die Band kommt auch nicht ganz ungeschoren davon und ich bin mir unsicher, ob ich dem freundlichen Gesicht mit der Brille ohne Gläser folgen soll, oder ob Mariah Carey ins Trommelbusiness gewechselt ist. Mein Blick wandert also jedesmal zu seinem Manager, der bei jeder Ansage von seinem Chef nur die Augen rollt und sowas wie „his royal highness“ murmelt. Oha, denke ich, hätte ich mal doch lieber den 100 Euro teueren Tequila gekauft, der auf dem Rider stand, den ich in der Nacht noch nachgereicht bekommen hatte. Als sich der Meister beim Soundcheck seiner Band in die Küche verkrümelt, sehe ich meine Chance, das Eis zu brechen. Ich setze mich also direkt neben Chris, stelle ihm eine entsetzlich unverfängliche Frage, während er auf den Boden ascht, obwohl vor ihm ein Ascher steht – auch nach bereits verstrichenen 40 Minuten schafft er es, mir nicht in die Augen zu blicken. Die Antwort hat jedoch leider nichts mit meiner Frage zu tun und wird überdies von seinem Manager gegeben, der am anderen Ende des Raums steht: „Er wird keine Fragen nach dem ‚wie’ beantworten, sollte sowas kommen, gehen wir wieder. Wir haben uns am Flughafen euer Interview mit Dennis Chambers angeguckt, das ist überhaupt nicht, was Chris will“. Der freundliche Dennis hatte uns seinerzeit einen sehr ausführlichen Workshop geboten und so detailliert geantwortet, wie es ihm nur möglich war. Ich sage daraufhin schlicht, dass ja wohl allen klar war, dass wir ein Interview machen wollen und Interviews eine relativ klassische Form haben. Kein Problem, sagt der Manager, stell die Fragen, die du stellen willst, er antwortet dann halt nicht, wenn er nicht will.

Das ist immerhin ein Deal und so kommt es dann beispielsweise bei der Frage danach, wie alt er eigentlich sei: „Ich bin steinalt, so alt wie die Menschheit. Endlos alt“ ist seine Antwort. Chris Dave gehört zu den Personen, denen ein bestimmtes Alter nicht anzusehen ist, immerhin liegt es sicher zwischen 20 und 60. Genauer lässt sich sein Alter datieren, wenn er darauf hinweist, dass er Anfang der Neunziger mit seiner damaligen Band „Mint Condition“ als Support von Janet Jackson auf Welttournee war. Es könnte also gut sein, dass er tatsächlich 1968 geboren wurde, so steht es jedenfalls auf seinem Myspace-Profil. Was er sonst noch geantwortet hat, seht ihr in den Interview-Videos. Schaut sie euch an und habt Spaß!

Interview Teil 1

Interview Teil 2

Die Titel, die Chris Dave and The Drumhedz gespielt haben, könnt ihr euch hier nochmal in voller Länge angucken:

Session 1

Session 2

Fazit

Auch wenn fast die Hälfte meiner Fragen mit dem simplen Wort „Practice“ beantwortet wurden, konnte ich im Interview doch einiges erfahren, was mir das Phänomen Chris Dave verständlicher macht. Nachdem er diese Pflichtübung dann übrigens absolviert hatte, sprang ein wie verwandelter Chris durch die Räume des Studios und wollte plötzlich am liebsten sein Album beim gewohnt tiefenentspannten Wolfgang Stach mit seinem großartigen Maarwegstudio 2 aufnehmen. Als der Kameramann schon alles eingepackt hatte, hat Chris mit seiner Band locker weitere zwei Stunden improvisiert und gespielt und gelacht – in diesem Moment beantwortet er alle restlichen Fragen, ohne ein Wort zu sagen: Ich bin kein "Drummer's Drummer", ich bin ein Künstler, der Jazz liebt und zufällig an den Drums sitzt. Zufällig ist es notwendig, dass ich mich damit auf die Bühne setzen und von allen angeguckt werden muss, sonst würde ich mich am liebsten im Keller mit Pino Palladino und meinen anderen Freunden einschließen und Musik machen bis uns Bärte wachsen. Vielleicht entschuldigt das sein merkwürdiges Auftreten – als Trommler ist er einfach hervorragend.

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