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22.05.2018

Tonleitern auf dem Klavier herausfinden

Aus welchen Tönen besteht eigentlich eine Tonleiter?

So lernst du in kurzer Zeit Tonleitern zu verstehen und zu spielen!

Tonleitern gehören zu den unbeliebtesten Disziplinen, mit denen man sich während der Ausbildung zum Pianisten auseinandersetzen muss. Irgendwie ist das auch verständlich. Das Thema Tonleitern ist recht trocken und hat mit dem musikalischen Alltag eigentlich nicht allzu viel zu tun. Trotzdem können sie wirklich hilfreich sein. Schließlich geht es bei dieser Übung neben dem Etablieren von motorischen Abläufen und dem Zurechtfinden auf der Klaviatur, mit all ihren 88 Tasten, auch um das Kennenlernen der verschiedenen Tonleitern und der darin verwendeten Töne.  

Quick Facts: Tonleiter

Was ist eine Tonleiter?

Eine Tonleiter in der Musik ist eine Reihe von Tönen, die nach ihrer Tonhöhe geordnet sind und durch Rahmentöne begrenzt werden, nach denen eine Wiederholung dieser Töne in höheren oder tieferen Lagen stattfindet.

Wie ist eine Tonleiter aufgebaut?

DIn den meisten Fällen hat eine Tonleiter den Umfang einer Oktave und folgt dabei einem heptatonischen Tonskalenaufbau (Heptatonik = griechisch = „Siebentönigkeit“), in welchem Skalen aus acht Tönen gebildet werden, von denen aber wegen der gleichen Tonigkeit des ersten und des letzten Tons nur sieben Töne als wirklich verschieden gezählt werden. Alle diatonischen Tonleitern in der abendländischen tonalen Musik, wie die Dur- und Molltonleiter, folgen dem heptatonischen Aufbau in einem Tonsystem.

Einleitung

Ich persönlich habe mich in meiner Ausbildung weitestgehend an eine Aussage von Svjatoslav Richter gehalten, einem der besten Pianisten, die die Welt je gehört hat. Der Russe hat einmal in einem Interview erzählt, dass er in seinem ganzen Leben nicht eine einzige Tonleiter geübt habe. Das klingt aus dem Munde eines Musikers seines Kalibers fast unglaublich. Was Richter aber wahrscheinlich damit sagen wollte, ist folgendes: Die Geläufigkeit und die musiktheoretischen Kenntnisse sind sehr wichtig für den Pianisten. Besitzt du beides aber bereits, brauchst du auch keine Tonleitern mehr üben. Sieh das Ganze einfach als Werkzeug, als Mittel zum Zweck. Im Falle von Herrn Richter muss man sich wohl eher fragen, wo ein Autodidakt, der mit 13 Jahren bereits der Chef-Korrepetitor der Oper seiner Heimatstadt war, diese Einsichten und Fähigkeiten erlangt hatte. Hier kannst du ihn spielen hören.

Svjatoslav Richter spielt die Revolutions-Etude

Neben der Geläufigkeit der Hände und Finger sowie dem Lernen des Daumen-Untersatzes, lernt man durch das Üben von Tonleitern vor allem die Tonzusammensetzung der verschiedenen Tonleitern und damit auch der Tonarten. Dafür sind sie wirklich sehr sinnvoll. Außerdem kommt man durch sie leicht ins Spielen. Schon Franz Liszt gab seinen Schülern folgende Übe-Regel an die Hand: Pro Tag 20 Minuten üben, aber vier Stunden spielen! Und während ein Stück erst einstudiert werden muss, kann man eine Tonleiter immer sofort spielen. Vorausgesetzt, man weiß, aus welchen Tönen sie besteht. Wenn du nach ausgiebigem Tonleiter-Studium dann also ein Stück in E-Dur spielst, wissen deine Hände und Finger sofort, welche Töne in dieser Tonart vorkommen. Und genau deshalb beleuchten wir im folgenden Artikel die musiktheoretische Seite der Tonleitern. Also, welche Tonleiter musst du wie spielen. Oder, aus welchen Tönen besteht welche Tonleiter eigentlich. Los geht’s!

Wozu sind Vorzeichen notwendig?

Zuerst klären wir aber die Frage: Warum gibt es überhaupt Vorzeichen? Dazu schauen wir uns eine C-Dur-Tonleiter an.

Sie besteht aus sieben verschieden Tönen. Schaust du dir aber eine Klaviatur an, siehst du innerhalb einer Oktave mehr als sieben Töne.

Das bedeutet, dass es in unserer Musik mehr Töne gibt, als wir über die Stammtöne C-D-E-F-G-A-H-C in unseren Noten notieren können. Und genau hier kommen die Vorzeichen ins Spiel. Wollen wir die anderen fünf Töne ebenfalls notieren, brauchen wir die Vorzeichen.

Dir ist aber bestimmt schon einmal aufgefallen, dass die schwarzen Tasten selbst keine Namen haben und nur durch andere Töne erklärt werden können. Deshalb haben sie auch immer zwei Namen. Ich zeige dir das an folgendem Beispiel. 

Hier siehst du zwei scheinbar völlig unterschiedliche Töne. Erhöhst du das F durch das Kreuz (#) um einen Halbton, erhältst du den Ton Fis (F#). Erniedrigst du das G durch das B (b) um einen Halbton, erhältst du den Ton Ges (Gb). Vom Namen her könnten diese beiden Töne nicht unterschiedlicher sein. Aber jetzt höre dir die beiden nach einander an.

Sie klingen identisch. Bei der oben gezeigten Tonleiter, die alle zwölf Töne zeigt, ist es egal, wie du die Zwischentöne benennst. Im Zusammenhang einer Tonart oder einer Tonleiter mit nur acht Tönen hängen die Namen der Töne allerdings vom jeweiligen Ausgangston ab. Das zeige ich dir an der D-Dur Tonleiter. 

Der dritte Ton der D-Dur Tonleiter wird erhöht. Ursprünglich heißt der Ton F. Und genau deshalb heißt der erhöhte Ton dann Fis, da er vom F ausgeht. Ges ist in diesem Fall nicht möglich, da er vom vierten Ton der Tonleiter, dem Ton G, ausgehen müsste. G darf in unserem Beispiel aber nicht erniedrigt werden, da es ohne Erniedrigung in der D-Dur Tonleiter vorkommt.

Die verschiedenen Tonschritte der Tonleiter

Zuerst schauen wir uns die verschiedenen Tonschritte an.  Du erinnerst dich an die Intervalle? 

Ein Tonschritt in der Musik ist immer eine Sekunde. Da es zwei verschiedene Sekunden gibt, gibt es auch zwei verschiedene Tonschritte. Der Halbtonschritt steht für die kleine Sekunde, der Ganztonschritt für die große Sekunde. 

Kleine und große Sekunden können also nicht nur als Intervalle, sondern auch als Tonschritte bezeichnet werden. Die Prim und was über die Sekunde hinaus geht, kommt nicht als Tonschritt in Frage. Diese Intervalle sind für unsere momentane Tonleiteranalyse aber zunächst nicht wichtig. Um einen Tonschritt genau zu analysieren, fragst du dich am besten, ob eine Taste übersprungen wird oder nicht. Liegt eine Taste zwischen den beiden Tonleitertönen, hast du einen Ganztonschritt. Spielst du aber die nächste Taste, egal ob schwarz oder weiß, hast du einen Halbtonschritt. 

Der Aufbau einer Dur-Tonleiter

Wenn du verstehen willst, aus welchen Tönen eine Tonleiter besteht, und wann welcher Ton erhöht oder erniedrigt wird, musst du wissen, wie die Leiter grundsätzlich aufgebaut ist. Darum ist die Analyse bereits bekannter Tonleitern sehr wichtig. Wir nehmen dafür eine Dur-Tonleiter, denn die ist in allen Tonarten immer gleich aufgebaut. Moll ist etwas komplizierter, aber dazu später mehr. C-Dur kennt so gut wie jeder Klavierschüler, darum nehmen wir sie für die Analyse. Alles was wir tun müssen, ist die C-Dur-Tonleiter hinsichtlich ihrer Tonschritte zu analysieren, so erhalten wir einen Dur-Tonleiter-Bauplan. Den können wir dann auf alle anderen Tonleitern anwenden. Dann kannst du jede Tonleiter spielen. 

Jetzt analysieren wir die C-Dur-Tonleiter hinsichtlich ihrer Tonschritte.

Vom C zum D überspringen wir eine schwarze Taste, deshalb haben wir einen Ganztonschritt. Vom D zum E wiederholt sich das Ganze. Vom E zum F fehlt die schwarze Taste dann, also haben wir nur einen Halbtonschritt. Vom F zum G, vom G zum A und vom A zum H überspringen wir jeweils wieder eine schwarze Taste und haben somit drei Ganztonschritte hintereinander. Zum Schluss kommt es wegen der fehlenden schwarzen Taste nun noch einmal zu einem Halbtonschritt. 

Auf der Tastatur sieht man das noch schneller.

Das ist also die Tonschrittverteilung in einer Dur-Tonleiter. Es gibt innerhalb einer Oktave von C bis C genau zwei Stellen, an denen die schwarze Taste fehlt. Das sind die sogenannten natürlichen Halbtonschritte. Gehst du also vom E zum F, kann dabei keine Taste übersprungen werden, somit muss es sich um einen Halbtonschritt handeln. Genau deshalb ist C-Dur eben besonders einfach, weil die Töne der Leiter ausschließlich auf die weißen Tasten der Klaviatur fallen. Wenn du dich aber an den Durtonleiter-Bauplan hältst, sind auch Tonleitern in anderen Tonarten kein Problem mehr für dich.

Fassen wir noch einmal zusammen. Eine Durtonleiter besteht aus folgenden Tonschritten:

Grundton – 1 – 1 – ½ - 1 – 1 – 1 – ½ 

1 steht für einen Ganztonschritt, ½ für einen Halbtonschritt. Denk bitte daran, dass du erst nach dem Grundton anfängst die Schritte zu zählen. Wenn du den ersten Ton fälschlicherweise bereits als Tonschritt bezeichnest, verschiebt sich alles und du kommst nicht zum richtigen Ergebnis.

Überprüfen wir das Ganze in einer anderen Tonart. Gehen wir dafür nach E-Dur. Zuerst bauen wir über den Bauplan eine E-Dur Tonleiter und überprüfen unser Ergebnis dann. Wir beginnen beim Ton E. Nach dem Bauplan kommt als erstes ein Ganztonschritt. Gehen wir nur zum F, der nächsten weißen Taste, machen wir nur einen Halbtonschritt. Deshalb müssen wir zum Fis. Der nächste Ganztonschritt führt uns zum Gis. Dann ein Halbtonschritt zum A. Drei Ganztonschritte führen uns zu den Tönen H, Cis und Dis. Zum Schluss dann ein Halbtonschritt zum E. Nach unserem Bauplan heißen die Töne der E-Dur-Tonleiter also E – Fis – Gis – A – H – Cis – Dis – E.

Und so sieht die E-Dur Tonleiter offiziell mit Vorzeichnung aus. 

Hören wir uns zur Kontrolle noch beide hintereinander an.

Auch hier entstehen durch die vier Kreuze vier erhöhte Töne. Und auch hier heißen die Töne der E-Dur-Tonleiter somit E – Fis – Gis – A – H – Cis – Dis – E. Unser Bauplan funktioniert also hervorragend. Halte dich einfach an diesen Dur-Tonleiter-Bauplan, dann findest du jede Tonleiter heraus!

Der Aufbau einer Moll-Tonleiter

Aber was ist denn nun mit Moll?

Das Problem bei Moll besteht darin, dass es viele verschiedene Molltonleitern gibt. Zum Beispiel gibt es das sogenannte reine, oder äolische Moll. Dieses Moll sieht genau aus wie die parallele Durtonleiter. Allerdings startet sie logischerweise beim Grundton der Mollparallele, dadurch ändert sich also auch der Bauplan. Bei äolischem Moll sieht er so aus:

Grundton – 1 – ½ - 1 – 1 – ½ - 1 - 1

Die Töne beider Leitern sind aber völlig identisch, genau deshalb sind sie auch parallel oder verwandt.

Äolisches Moll gibt es allerdings nicht so oft. Viel häufiger ist das harmonische Moll. Hierbei wird die siebte Stufe zusätzlich zu den Vorzeichen der Tonart erhöht. Somit ergibt sich folgender Bauplan:

Grundton – 1 – ½ - 1 – 1 – ½ - 1+ ½ - ½

Die Sekunde zwischen F und G wird durch das Kreuz zusätzlich erweitert. Trotzdem bleibt es musiktheoretisch eine Sekunde. Ich habe dir doch vorhin an der D-Dur-Tonleiter erklärt, dass das erhöhte F nicht Ges heißen darf, weil der Ausgangston ein F war und er deshalb Fis heißen muss. Das ist bei den beiden Tönen F und Gis der harmonischen a-Moll-Tonleiter und dem Intervall, dass sie zusammen bilden, genauso. Ursprünglich sind das F und das G eine Sekunde voneinander entfernt. Nach der Erhöhung des G zum Gis, ist es dann immer noch eine Sekunde, durch das zusätzliche Vorzeichen, auch eine übermäßige Sekunde. Deshalb haben wir beim vorletzten Tonschritt der harmonischen Moll-Tonleiter einen Ganzton- plus einen Halbtonschritt.

Schlusswort

Wie immer am Schluss bist du jetzt wieder gefragt. Setzte diesen Artikel einmal in die Tat um und integriere Tonleitern in deinen Übe-Ablauf. Spiele jeden Tag Tonleitern in verschiedenen Tonarten. Hast du nach einiger Zeit einen Überblick, kannst du dir einen Ablauf ausdenken, der dich hintereinander durch alle Tonarten führt. Spiele die Tonleitern dann auch zuerst abwärts und erst anschließend aufwärts. So lernst du sie noch besser kennen. Irgendwann beherrschst du so alle Leitern, auch mit beiden Händen gleichzeitig, sowohl in Gleich-, als auch in Gegenbewegung. Nutze für weitere Lerneffekte dann andere Starttöne als den Grundton. 

Für weitere Informationen lies auch unbedingt meinen Artikel „8 Tipps zum Üben wie die Profis“. Darin lernst du, wie du beim Üben schnell Erfolge erzielst. Und im Artikel „Quintenzirkel verständlich erklärt“ stelle ich noch eine andere Technik vor, die Töne einer Tonleiter herauszufinden. 

Viel Erfolg beim Herausfinden und Üben der Tonleitern! 

Tipp:  Weitere interessante Themen rund um das Klavier lernen und spielen findet ihr in unserem Artikel: Klavier lernen – Tipps für Anfänger und Profis

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