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10.02.2021

Tonleitern auf dem Klavier aufbauen

Aus welchen Tönen besteht eigentlich eine Tonleiter?

Lernen Tonleitern zu verstehen, zu bilden und spielen!

Der Aufbau von Tonleitern gehört zu den eher unbeliebteren Disziplinen, mit denen man sich während der Ausbildung zum Pianisten auseinandersetzen muss. Das Thema Tonleitern ist recht trocken und fordert ein Quantum an Theorie, Wissen, dass sich später aber als sehr hilfreich zeigt. Schließlich geht es bei dieser Übung neben dem Etablieren von motorischen Abläufen und dem Zurechtfinden auf der Klaviatur, mit all ihren 88 Tasten, auch um das Kennenlernen der verschiedenen Tonleitern und der darin verwendeten Töne.  

Quick Facts: Tonleiter

Was ist eine Tonleiter?

Eine Tonleiter in der Musik ist eine Reihe von Tönen, die nach ihrer Tonhöhe geordnet sind und durch Rahmentöne begrenzt werden, nach denen eine Wiederholung dieser Töne in höheren oder tieferen Lagen stattfindet.

Wie ist eine Tonleiter aufgebaut?

In den meisten Fällen hat eine Tonleiter den Umfang einer Oktave und folgt dabei einem heptatonischen Tonskalenaufbau (Heptatonik = griechisch = „Siebentönigkeit“), in welchem Skalen aus acht Tönen gebildet werden, von denen aber wegen der gleichen Tonigkeit des ersten und des letzten Tons nur sieben Töne als wirklich verschieden gezählt werden. Alle diatonischen Tonleitern in der abendländischen tonalen Musik, wie die Dur- und Molltonleiter, folgen dem heptatonischen Aufbau in einem Tonsystem.

Einleitung

Persönlich habe ich mich während meiner Ausbildung weitestgehend an eine Aussage von Svjatoslav Richter gehalten, einem der besten Pianisten dieser Welt. Der russische Pianist erzählte einst in einem Interview, dass er in seinem ganzen Leben nicht eine einzige Tonleiter geübt habe. Das klingt aus dem Munde eines Musikers seines Kalibers fast unglaublich. Was Richter aber wahrscheinlich damit sagen wollte, ist das: Die Geläufigkeit und die musiktheoretischen Kenntnisse sind sehr wichtig für den Pianisten. Besitzt du beides aber bereits, musst du auch keine Tonleitern mehr üben. Sieh das Ganze einfach als Werkzeug, als Mittel zum Zweck. Im Falle von Herrn Richter muss man sich wohl eher fragen, wie ein Autodidakt, der mit 13 Jahren bereits der Chef-Korrepetitor der Oper seiner Heimatstadt war, diese Einsichten und Fähigkeiten erlangt hatte. Hier kannst du ihn spielen hören.

Svjatoslav Richter spielt die Revolutions-Etude

Neben der Geläufigkeit der Hände und Finger sowie dem Lernen des Daumen-Untersatzes, lernt man durch das Üben von Tonleitern vor allem die Tonzusammensetzung der verschiedenen Tonleitern und damit auch der Tonarten. Dafür sind sie wirklich sehr sinnvoll. Außerdem kommt man durch sie leicht ins Spielen. Schon Franz Liszt gab seinen Schülern die folgende Regel zum Üben an die Hand: Pro Tag 20 Minuten üben, aber vier Stunden spielen! Und während ein Stück erst einstudiert werden muss, kann man eine Tonleiter immer sofort spielen. Vorausgesetzt, man weiß aus welchen Tönen sie besteht. Wenn du nach ausgiebigem Tonleiter-Studium dann also ein Stück in E-Dur spielst, wissen deine Hände und Finger sofort, welche Töne in dieser Tonart vorkommen. Und genau deshalb beleuchten wir in diesem Artikel die musiktheoretische Seite der Tonleitern. Also, welche Tonleiter musst du wie spielen. Oder, aus welchen Tönen besteht welche Tonleiter eigentlich.

Los geht’s!

Wozu sind Vorzeichen notwendig?

Zuerst klären wir aber die Frage: Wieso gibt es überhaupt Vorzeichen? Um das zu erklären schauen wir uns einmal eine C-Dur-Tonleiter an.

Die C-Dur Tonleiter besteht aus sieben verschieden Tönen. Schaust du dir aber eine Klaviatur an, siehst du innerhalb einer Oktave mehr als sieben Töne.

Das bedeutet, dass es in unserer Musik mehr Töne gibt, als wir über die Stammtöne C-D-E-F-G-A-H-C in unseren Noten notieren können. Und genau hier kommen die Vorzeichen ins Spiel. Wollen wir die anderen fünf Töne ebenfalls notieren, brauchen wir die Vorzeichen.

Dir ist sicherlich schon einmal aufgefallen, dass die schwarzen Tasten selbst keine Namen haben und nur durch andere Töne - durch die Verwendung von Vorzeichen - erklärt werden können. Deshalb besitzen sie auch immer zwei Namen. Das nennt man enharmonische Verwechslung. Ich zeige dir das an folgendem Beispiel. 

Hier siehst du zwei scheinbar völlig unterschiedliche Töne. Erhöhst du das F durch das Kreuz (#) um einen Halbton, erhältst du den Ton Fis (F#). Erniedrigst du das G durch das B (b) um einen Halbton, erhältst du den Ton Ges (Gb). Namentlich könnten diese beiden Töne nicht unterschiedlicher sein. Aber jetzt höre dir die beiden einmal nacheinander an.

Sie klingen identisch. Bei der oben gezeigten Tonleiter, die alle zwölf Töne zeigt, ist es egal, wie du die Zwischentöne benennst. Im Zusammenhang einer Tonart oder einer Tonleiter mit nur acht Tönen hängen die Namen der Töne allerdings vom jeweiligen Ausgangston ab. Das zeige ich dir am Beispiel der D-Dur Tonleiter. 

Der dritte Ton der D-Dur Tonleiter wird erhöht. Um einen Halbton. Ursprünglich heißt der Ton F. Durch die Erhöhung um einen Halbton heißt der erhöhte Ton jetzt Fis, da er vom F ausgeht. Ges ist in diesem Fall nicht möglich, da er vom vierten Ton der Tonleiter, dem Ton G, ausgehen müsste. G darf in unserem Beispiel aber nicht erniedrigt werden, da es ohne Erniedrigung bereits in der D-Dur Tonleiter vorkommt.

Die verschiedenen Tonschritte der Tonleiter

Zuerst schauen wir uns die verschiedenen Tonschritte an.  Du erinnerst dich an die Intervalle? 

Ein Tonschritt in der Musik ist immer eine Sekunde. Da es zwei verschiedene Sekunden gibt, gibt es auch zwei verschiedene Tonschritte. Der Halbtonschritt steht für die kleine Sekunde, der Ganztonschritt für die große Sekunde. 

Kleine und große Sekunden können also nicht nur als Intervalle, sondern auch als Tonschritte bezeichnet werden. Die Prim und was über die Sekunde hinausgeht, kommt nicht als Tonschritt in Frage. Diese Intervalle sind für unsere momentane Tonleiteranalyse aber zunächst nicht wichtig. Um einen Tonschritt genau zu analysieren, fragst du dich am besten, ob eine Taste übersprungen wird oder nicht. Liegt eine Taste zwischen den beiden Tonleitertönen, hast du einen Ganztonschritt. Spielst du aber die nächste Taste, egal ob schwarz oder weiß, bewegst du dich in einem Halbtonschritt. 

Der Aufbau einer Dur-Tonleiter

Wenn du verstehen möchtest, aus welchen Tönen eine Tonleiter besteht und wann welcher Ton erhöht oder erniedrigt wird, musst du wissen, wie die Leiter aufgebaut ist. Darum ist die Analyse bereits bekannter Tonleitern sehr wichtig. Wir nehmen dafür eine Dur-Tonleiter, denn die ist in allen Tonarten immer gleich aufgebaut. Moll ist etwas komplizierter, aber dazu später mehr. C-Dur kennt so gut wie jeder deshalb verwenden wir sie für die Analyse. Alles, was wir tun müssen, ist die C-Dur-Tonleiter hinsichtlich ihrer Tonschritte zu betrachten, so erhalten wir einen Dur-Tonleiter-Bauplan. Den können wir dann auf alle anderen Tonleitern anwenden.

Im nächsten Schritt analysieren wir die C-Dur-Tonleiter im Hinblick auf ihre Tonschritte.

Vom C zum D überspringen wir eine schwarze Taste, deshalb haben wir hier einen Ganztonschritt. Vom D zum E wiederholt sich das Ganze. Vom E zum F fehlt die schwarze Taste dazwischen, also haben wir hier nur einen Halbtonschritt. Vom F zum G, vom G zum A und vom A zum H überspringen wir jeweils wieder eine schwarze Taste und haben somit drei Ganztonschritte hintereinander. Zum Schluss kommt es wegen der fehlenden schwarzen Taste nun noch einmal zu einem Halbtonschritt. 

Auf der Tastatur sieht man das noch schneller.

Das ist also die Tonschrittverteilung in einer Dur-Tonleiter. Es gibt innerhalb einer Oktave von C bis zum nächsten C exakt zwei Stellen, an denen die schwarze Taste fehlt. Das sind die sogenannten natürlichen Halbtonschritte. Gehst du also vom E zum F, kann dabei keine Taste übersprungen werden, somit muss es sich um einen Halbtonschritt handeln. Genau deshalb ist C-Dur eben besonders einfach, weil die Töne der Leiter ausschließlich auf die weißen Tasten der Klaviatur fallen. Wenn du dich aber an den Durtonleiter-Bauplan hältst, sind auch Tonleitern in anderen Tonarten kein Problem mehr für dich. Fassen wir noch einmal zusammen. Eine Durtonleiter besteht aus folgenden Tonschritten:

Grundton – 1 – 1 – ½ - 1 – 1 – 1 – ½ 

steht für einen Ganztonschritt, ½ für einen Halbtonschritt. Denk auch daran, dass du erst nach dem Grundton anfängst die Schritte zu zählen. Wenn du den ersten Ton fälschlicherweise bereits als Tonschritt bezeichnest, verschiebt sich alles und du kommst nicht zum richtigen Ergebnis.

Überprüfen wir das Ganze in einer anderen Tonart, wählen wir hierfür E-Dur. Zuerst bauen wir über den Bauplan eine E-Dur Tonleiter und überprüfen unser Ergebnis dann. Wir beginnen beim Ton E. Nach dem Bauplan kommt als erstes ein Ganztonschritt. Gehen wir nur zum F, der nächsten weißen Taste, machen wir nur einen Halbtonschritt. Deshalb müssen wir zum Fis. Der nächste Ganztonschritt führt uns zum Gis. Dann ein Halbtonschritt zum A. Drei Ganztonschritte führen uns zu den Tönen H, Cis und Dis. Zum Schluss dann ein Halbtonschritt zum E. Nach unserem Bauplan heißen die Töne der E-Dur-Tonleiter also E – Fis – Gis – A – H – Cis – Dis – E.

Und so erscheint die E-Dur Tonleiter offiziell mit ihren Vorzeichen: 

Hören wir uns zur Kontrolle noch beide hintereinander an.

Auch hier entstehen durch die vier Kreuze vier erhöhte Töne. Und auch hier heißen die Töne der E-Dur-Tonleiter somit E – Fis – Gis – A – H – Cis – Dis – E. Unser Bauplan funktioniert also hervorragend. Halte dich einfach an diesen Dur-Tonleiter-Bauplan, dann kannst du jede Tonleiter aufbauen!

Der Aufbau einer Moll-Tonleiter

Aber was ist denn nun mit Moll?

Die Unterscheidung bei Moll besteht darin, dass es verschiedene Molltonleitern gibt. Zum Beispiel gibt es das sogenannte reine, auch natürliches oder äolisches Moll genannt. Dieses Moll erscheint so wie die parallele Durtonleiter. Allerdings startet sie logischerweise beim Grundton der Mollparallele, dadurch ändert sich somit auch der Bauplan. Bei äolischem Moll sieht der Plan so aus:

Grundton – 1 – ½ - 1 – 1 – ½ - 1 - 1

Die Töne beider Leitern (Dur und parallele Molltonart) sind völlig identisch und deshalb sind sie auch parallel oder miteinander verwandt.

Das reine, natürliche oder äolische Moll wird allerdings nicht so oft verwendet. Viel häufiger ist das harmonische Moll. Hierbei wird die siebte Stufe zusätzlich zu den Vorzeichen der Tonart erhöht. Somit ergibt sich folgender Bauplan:

Grundton – 1 – ½ - 1 – 1 – ½ - 1+ ½ - ½

Die Sekunde zwischen F und G wird durch das Kreuz zusätzlich erweitert. Trotzdem bleibt es musiktheoretisch eine Sekunde. Ich habe dir bereits vorhin an der D-Dur-Tonleiter erklärt, dass das erhöhte F nicht Ges heißen darf, weil der Ausgangston ein F war und er deshalb Fis heißen muss. Das ist bei den beiden Tönen F und Gis der harmonischen a-Moll-Tonleiter und dem Intervall, dass sie zusammen bilden genauso. Ursprünglich sind das F und das G eine Sekunde voneinander entfernt. Nach der Erhöhung des G zum Gis, ist es dann immer noch eine Sekunde, durch das zusätzliche Vorzeichen, auch eine übermäßige Sekunde. Deshalb haben wir beim vorletzten Tonschritt der harmonischen Moll-Tonleiter einen Ganzton plus einen Halbtonschritt.

Die dritte Art von Moll stellt das melodische Moll dar. Im Unterschied zum harmonischen Moll wird in dieser Variante die Sexte noch um einen Halbton erhöht - sie wird zur großen Sexte - wodurch diese Tonleiter viel besser zu singen ist. Durch ihren Aufbau unterscheidet sich melodisch Moll lediglich durch die kleine Terz am Anfang von ihrer parallelen Dur-Tonart. Hier zeigt sich folgender Bauplan:

Grundton – 1 – ½ - 1 – 1 – 1- 1- ½

Schlusswort

Hat man sich den Aufbau der Tonleitern in Dur und Moll einmal klargemacht, ist es wichtig das Gelernte auch tatkräftig mit in den Übe-Alltag einzubinden. Hier hilft es bereits täglich Tonleitern in verschiedenen Tonarten aufzubauen und diese zu spielen. Nach einer gewissen Zeit, und wenn ein besserer Überblick gewonnen ist, kannst du dir einen Ablauf ausdenken, der dich hintereinander durch alle Tonarten führt. Spiele die Tonleitern dann auch zuerst abwärts und erst anschließend aufwärts. So lernst du sie noch besser kennen. Irgendwann beherrschst du auf diese Weise alle Tonleitern im Schlaf, auch mit beiden Händen gleichzeitig, sowohl in Gleich-, als auch in Gegenbewegung. Nutze für weitere Lerneffekte dann auch andere Starttöne als den Grundton. 

Viel Erfolg beim Aufbauen und Üben der Tonleitern! 

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