Workshop_Folge
Workshop
3
04.05.2010

Bonusrunde

Du bist ja immer noch da! Reicht es denn noch nicht?! Wie du willst … aber jetzt heißt es anschnallen, denn die Reise geht weiter, und dieser Weg wird ganz bestimmt kein leichter sein.

Von der Abbey Road nach Andalusien
Unser nächster Halt nach Akropolis und Abbey Road ist Spanien mit seiner traditionellen Flamenco-Musik. Wer die Originalaufnahme des Songs „White Rabbit“ kennt, erinnert sich vielleicht, dass diese in ihrem rhythmischen Arrangement schon einige spanische Elemente trägt. Echter Flamenco verwendet allerdings meistens nicht die phrygische Tonleiter, sondern eine Variation davon, bei der den sieben Tönen des phrygischen Modes ein weiterer achter Ton hinzugefügt wird – die große Terz über dem Grundton der Tonart.

Das Ergebnis ist eine sogenannte Oktatonik, was schlicht und einfach bedeutet, dass es sich hier um eine Skala handelt, die statt aus den üblichen sieben Tönen aus acht Tönen besteht. Bezeichnet wird diese spezielle Oktatonik als die spanisch-phrygische Tonleiter bzw. im Englischen als die Phrygian Dominant Scale oder einfach die Flamenco-Skala.

Prinzipiell lassen sich mit den Tönen dieser Skala insgesamt dreizehn (!) verschiedene Dreiklänge der Grundformen Dur, Moll, Vermindert und Übermäßig aufbauen. Dies alles durchzurechnen würde aber auch in dieser Bonusrunde etwas zu weit führen, denn in der Praxis wird die zusätzliche große Terz größtenteils auf der ersten Stufe verwendet. So entsteht dort eben ein Dur-Dreiklang statt dem leitereigenen Moll-Dreiklang der phrygischen Skala. Aus diesem Grund verzichten wir also diesmal auf die Darstellung aller leitereigenen Akkorde, und stattdessen hörst du im Player direkt nach der Tonleiter eine kurze Flamenco-typische I-II-III-II-I Kadenz. Die erste Stufe wird dabei, wie gesagt, immer als Dur-Akkord harmonisiert, und wir können erleichtert sein, denn all das klingt bei weitem nicht so kompliziert, wie die Theorie es vermuten lässt.

Warum machen wir überhaupt diesen Ausflug in die Welt des Flamencos? Ganz einfach: Die Flamenco-Skala findet sich in der Rock- und Popmusik mindestens genauso häufig wie die eigentliche phrygische Tonleiter. Mit dem „Pyramid Song“ von Radiohead wird es jetzt richtig komplex. Sehr interessant ist hier auch die Rhythmik der Akkorde, die in diesem Fall definitiv Teil der kompositorischen Essenz des Stückes ist. In den meisten Fällen sind Songwriter und Arrangeure darum bemüht, „krumme“ Taktarten wie 5/8 oder 7/8 möglichst gerade klingen zu lassen. In diesem Fall haben sich Thom Yorke und Kollegen das Gegenteil zur Aufgabe gemacht und das rhythmische Gefüge des 4/4-Takts so verschleiert, dass das zugrundeliegende Metrum kaum noch erkennbar ist. Um das Mitzählen zu erleichtern, habe ich mit erlaubt, nach dem Intro eine Bassdrum in Viertelnoten als Click-Ersatz hinzuzufügen.

Pyramid Song - Die Noten als PDF

Neben der zugrundeliegenden Skala sind, wie man in den Noten sieht, auch die Akkorde komplexer geworden. Dies liegt aber vor allem daran, dass in der Kadenz der ersten vier Takte ein Sopranpedal verwendet wird. Dabei handelt es sich sozusagen um das Gegenteil des Basspedals, das wir in der zweiten Folge bereits kennengelernt haben. Während die Akkordstrukturen von der ersten zur dritten Stufe und wieder zurück wandern, bleibt als höchste Stimme die Oktave der Tonart (also ein fis) liegen.

Bei der Stelle „Black eyed angels…“ wird die erste Stufe daraufhin vermollt. Wir erinnern uns: In der Flamenco-Skala gibt es beides – eine große und eine kleine Terz. Erst das dem Fis-Moll-Dreiklang folgende E-Dur sprengt die Grenzen der Tonleiter und klingt in diesem Moment wie eine siebte Stufe aus Fis aeolisch. Die Rückbewegung zur Flamenco-Skala vollzieht sich mit dem Gmaj7 Akkord im Folgetakt recht deutlich und wird zusätzlich durch die Melismen in der Gesangslinie deutlich gemacht, die wieder die große Terz der Tonart einführen.

Anspieltipps zu Songs/Parts im Phrygian Dominant Mode

Song (Interpret)

Songteil

Make Over (Christina Aguilera)

Kompletter Song

Baba (Alanis Morissette)

Strophe

Ojos Así (Shakira)

Kompletter Song

Hunter (Björk)

A-Teil

Hava Nagila (Traditional)

Ja, wirklich!

Ausblick
Die Flamenco-Skala hat uns gezeigt, dass sich modale Kadenzen nicht nur von den Kirchentonarten, sondern auch von Tonleitern mit anderen grundlegenden Intervallstrukturen ableiten lassen. Häufig verwendete Kandidaten sind Harmonisch-Moll und Melodisch-Moll. Wer sich für ersteren interessiert und zufällig auch noch eine Gitarre bedienen kann, dem möchte ich einen Blick auf das Harmonisch-Moll Special meines geschätzten Kollegen Hansi Tietgen ans Herz legen. Auch Nicht-Gitarristen finden hier alles Wissenswerte über diese Skala.  

Und jetzt: Abschalten!  

Ende… Ganz bestimmt!

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