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21.01.2021

Social Media-Phänomen Clubhouse: Eine Chance für Musiker?

Eine neue Audio-App steht auf dem ersten Platz der Download-Charts. Clubhouse heißt die gehypte Social Media-App. Wir haben uns Gedanken gemacht, ob die App auch für Musiker Potenzial hat.

Gleich einmal vorweg. Die App ist exklusiv! Stars und Sternchen wie Oprah Winfrey, Drake und Paris Hilton sind Mitglieder und der Austausch ähnelt an den eines Clubs. Nur reden, nicht schreiben. Die Invite-only-Policy verschafft eine künstliche Verknappung, durch die nur geladene Gäste dem "Club" beitreten dürfen. Die Investoren geben der App einen Wert von über 100 Millionen USD, obwohl die Nutzerzahlen bei weitem unter denen von anderen Social-Apps liegen. Klingt für viele vielleicht etwas aufgesetzt und unnötig. Aber steckt hinter dem aktuellen Hype vielleicht doch eine spannende Idee? Und wie können Musiker von der App profitieren?

Was ist Clubhouse

Clubhouse ist eine auf Audio basierte Social Media-App, die derzeit nur in Apples App Store verfügbar ist. Durch die App soll eine Umgebung geschaffen werden, in der sich Personen auf der ganzen Welt über alle möglichen Themen austauschen können. Um an der App teilnehmen zu können, muss man von einer Person, welche bereits Mitglied ist, eingeladen werden. Da nicht jeder Mitglieder persönlich kennt, gibt es mittlerweile Dienstleister die einzelne Einladungen für 30 bis 1500 USD verkaufen. Sonst gibt es auch viele Foren in denen Einladungen angeboten werden, teilweiße aber nur gegen eine Gegenleistung.  

In Clubhouse werden sogenannte "Rooms" erstellt, die sich in verschiedene Kategorien gliedern lassen. Hier sind fast alle Lebensbereiche mit Ober- und Unterkategorien abgedeckt. Egal ob zu finanziellen Angelegenheiten, Beziehungen, Politik, Spiritualität oder Sport - hier wird nichts ausgeschlossen. 

Eine Echtzeit Plattform

In den verschiedenen Rooms können Live-Podcasts stattfinden, Geschichten erzählt, Fragen an eine Community gestellt oder Beziehungen aufgebaut werden. Es gibt kein Archiv, weshalb sämtliche Aktivitäten Live ablaufen. Nutzer können daher verschiedensten Diskussionsrunden oder Podcasts einfach beitreten und dabei entweder nur lauschen oder aktiv am Diskurs teilnehmen. Da hier nichts abgespeichert wird, können "dumme" Postings vermieden werden, die nie wieder aus dem Internet verschwinden würden. Auch wird durch die Live-Inhalte vermieden, dass Nutzer in bestimmten Inhalts-Blasen gefangen gehalten werden. Bei Youtube oder Facebook werden einem schnell Inhalte angezeigt, die von den Interessen an die letzten Inhalte angepasst sind. Da kann es  schon einmal passieren, dass ein paar Stunden in der Endlosschleife der neuersten Verschwörungstheorie verschwendet werden. Dies wird in dieser Form bei Clubhouse nicht vorkommen.

Möglichkeiten für Musiker

  • Live Performances und höhere Reichweite

Neue Plattform = neue Möglichkeit sich zu zeigen. Dieser simple Ansatz macht jedoch nur Sinn, wenn die gewünschte Zielgruppe auch mit am Start ist. Bisher funktioniert das vor allem bei Sängern und Rappern gut. Es gibt mehrere Rooms, in denen "Freestyle"-Raps stattfinden. In anderen Rooms werden Artist-Battles mit Moderatoren ausgetragen. Es gibt auch Räume, in denen Musiker einfach ihre Performances vortragen und Nutzer zum Zuhören eingeladen werden. Perfekt um die eigene Reichweite in sehr direkter und persönlicher Weise zu erweitern.

  • Networking

Clubhouse lebt von den meist sehr spezifischen Themen, über die diskutiert werden kann. Daher bieten sich auch gute Möglichkeiten für das Networking an. Es gibt schon einige regionale Gruppen, die eine Musikrichtung in einem bestimmten Gebiet, z.B. Trap in Santa Monica, bewirbt. Hier können sich jetzt Promoter, Musiker und Veranstalter unkompliziert finden und miteinander reden. Auch erfolgreiche Musiker haben sich auf Clubhouse blicken lassen und unbekannten Musikern das Angebot bereitet, die eigene Musik zuzusenden. Diese wird dann bei zukünftigen Mixes oder Radioshows abgespielt. Hier kann sich also auch für kleinere Musiker die Möglichkeit ergeben, mit interessanten Personen aus der Branche zusammen zu kommen. 

  • Fragen stellen

Normalerweise werden Fragen zum Producing, Marketing, Chord-Progression, etc. in Foren oder unter Tutorial-Videos gestellt. Durch Clubhouse gibt es hier einen direkteren Weg. Es muss nicht lange auf eine Antwort gewartet werden, Musiker können sich sofort gegenseitig helfen. Da kein Screensharing oder Videochat möglich ist, sind die Möglichkeiten für sehr spezifische Angelegenheiten allerdings eingeschränkt. 

Diskussion statt Konsumption

In unserer Medienwelt werden viele Inhalte geschaffen, um die Nutzer kurzzeitig zu unterhalten. Durch Instagram Stories, TikTok-Videos oder dem Youtube-Algorithmus soll der Betrachter bei Laune gehalten werden, so dass er die Medien weiter konsumiert. Es gibt auch die bekannte 1% Faustregel für das Internet. Demnach sind 90% der Mediennutzer passiv unterwegs, 9% beteiligen sich hin und wieder und nur 1% ist wirklich aktiv beim Erzeugen von Inhalten.

Bei Clubhouse wird ein anderer Weg gefördert. Hier soll ein aktiver Austausch zwischen der Mitgliedern stattfinden. Als Networking Plattform hat die App sicher Potenzial. Auch größere Diskussionsrunden zu spezifischen Themen, etwa über die Musikindustrie zu Corona-Zeiten, kann so mit Interessierten stattfinden. Die App bietet durchaus Anreize den Diskurs aktiv mitzugestalten. Das passive "Berieseln lassen" macht hier keinen Sinn. Nur wenn man aktiv mithört entfaltet die App ihre Sinnhaftigkeit. Dadurch könnte das Medien-Konsumverhalten verändert werden.

Wie sich die App entwickelt hängt letztlich größtenteils an den Nutzern. Vor allem zu Beginn wäre es wichtig sinnvolle und konstruktive Voice-Chats zu schaffen. Die Gefahr dass aufgrund fehlender Moderation die Plattform auch für Hassreden, politische Meinungsmache, etc. genutzt wird ist allerdings gegeben. Auch datenschutzrechtliche Fragen stehen im Raum. Die App verlangt Zugriff auf die komplette Kontaktliste und weitere private Daten, wodurch es zu Problemen mit der DSVGO kommen könnte. Die Exklusivität könnte eine Chance sein. So gelangen vielleicht wirklich hauptsächlich Personen aus bestimmten Szenen dorthin, die wirklich an einem konstruktiven Austausch interessiert sind - und der nicht von "unnötigen" Störenfrieden sabotiert wird.

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