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Test
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27.01.2012

Sennheiser MD 421 Test

Tauschspulenmikrofon-Klassiker

Deutsche Industrienorm

In einem Anfall von Miesepetrigkeit habe ich das Sennheiser MD 421 einmal als das “hässlichste Mikrofon, das ich je gesehen habe” bezeichnet. Ich muss gestehen, dass dieser Aussage genau so viel jugendlicher Leichtsinn wie juvenile Unwissenheit zugrunde lag. Bis dato hatte ich nämlich tatsächlich nicht wirklich verstanden, was dieser Schallwandler zu leisten imstande ist. Ich hoffe inständig, dass man mir bei Sennheiser die Überheblichkeit eines damals auf dem Gebiet der Tontechnik absolut unbedarften Teenie-Trommlers verzeiht und mildernde Umstände walten lässt. Das Alter macht ja nicht nur Frauen faltig und Männer dickbäuchig, sondern quasi als ausgleichende Gerechtigkeit die meisten Menschen auch ein Stück weiser. So dauerte es bis zu meinem Studium, bis eine umfangreiche Bekanntschaft mit dem 421 dafür sorgte, dass ich diese Worte heute zutiefst bereue.

Nicht, dass ich das Mikrofon heute als Design-Landmark bezeichnen würde, aber zumindest habe ich mittlerweile verinnerlicht, dass man Werkzeuge nicht aufgrund ihrer Optik abstempeln sollte – schließlich könnte man etwas verpassen. Das MD 421 gehört in die Liste klassischer Tauchspulenmikrofone wie Schwarztee in die Liste der wichtigsten Getränke der Welt. Anders als viele andere Vertreter seiner Klasse ist das “Vierzwoeins” zwar ein flexibles Arbeitsgerät, aber dennoch ein Soundmaker – und hat sich damit seinen Platz in besagter Liste redlich verdient.

Details

Populäres Mikrofon mit Wiedererkennungswert

Auch Menschen, die nicht unser Schicksal teilen und sich Tag und Nacht mit Musik und den dafür notwendigen Werkzeugen beschäftigen, ist das Mikrofon aus Wedemark in der Nähe von Hannover schon begegnet – wenn auch nicht unbedingt bewusst. Einmal, weil es oft auf Studio- und Livebildern bei der Abnahme von Amps, Trommeln und Bläsern zu sehen ist. Aber auch, weil es lange Jahre für die Übertragung von Sprache und Gesang populärer Bildschirmgiganten verantwortlich war – man denke nur an Legenden wie Dieter Thomas Heck oder Udo Jürgens. In seiner hellbeigen Urversion ist das MD 421 zudem das klassische “Pastorenmikro”. Der Einsatz mit der Stimme ist in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich zurückgegangen, was sicher nicht der Klangqualität geschuldet ist, sondern schlicht den Tatsachen, dass es als kabelgebundenes und recht großes Mikro zur alten Garde gehört. Und unter den Nicht-Funken haben viele weitaus billigere Tauschspulenmikrofone den Markt erobert.

Frequenzgang mit Charaktereigenschaften

Allerdings gibt es einige Eigenschaften des Mikrofons, die dessen Einsatz im Studio und Live bis heute nicht nur rechtfertigen, sondern geradezu verlangen. Dies ist zum einen der erstaunlich lineare Frequenzgang vom Bassbereich bis 1 kHz. Das Klangbild ist weiterhin geprägt von einem ordentlich unterfütterten Bereich oberhalb dieser Marke. Um die 4 kHz befindet sich das Maximum des enormen Boosts, der dem Mikrofon seinen Charakter verleiht. Oberhalb von 15 kHz geht es massebedingt mit der Kurve gen Fußboden.

Musik und Sprache

Das MD 421 wäre nicht das MD 421, hätte es nicht seinen berühmten M-S-Schalter. Dieser liegt ringförmig als Drehschalter um die XLR-Buchse und ist fünfstufig von “M” bis “S” schaltbar. Des Rätsels Lösung in Kurzform: “M” steht für “Musik” und “S” für “Sprache”. Hinter den etwas krude anmutenden Bezeichnungen verbirgt sich nachvollziehbare Technik, denn es handelt sich um einen Bass-Roll-Off. Auf “M” gestellt, ist die Filterung deaktiviert, “S” bewirkt die stärkste Absenkung der Bässe. Diese Absenkung hat übrigens eine sanfte Shelving-Charakteristik, geht also nicht sonderlich brutal zu Werke. Ob die Bezeichnungen M und S nun sinnvoll gewählt sind oder nicht, darüber lässt sich trefflich streiten, denn auch Sprache soll mit ordentlich tiefen Frequenzen schon ganz gut geklungen haben. Andererseits soll mancher musikalischen Anwendung eine Tiefenabsenkung durchaus gut zu Gesicht stehen. Und was ist eigentlich mit Gesang? Ist dieser nun eher als Musik oder Sprache zu klassifizieren? Und wie klingt eine Mischform von Sprache und Gesang auf Position drei? Haben die deutschen Ingenieure etwa schon zur Wirtschaftswunderzeit Rap und Hip-Hop vorausgesehen? Ok, genug auf einem Schalter herumgehackt, zurück zur Tagesordnung. Fakt ist natürlich, dass es im Studio- und Livealltag ungemein praktisch ist, eine hochwertige Frequenzgang-Anpassung direkt am Mikrofon einstellen zu können, beispielsweise bei Snare oder Blechbläsern.

Nur wenn vorne etwas reingeht kommt hinten etwas raus!

Ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass die Hauptaufsprechrichtung eines Mikrofons sich dort befindet, wo das Firmenlogo aufgedruckt ist. Daran halten sich – soweit möglich – so gut wie alle Hersteller, aber bei Weitem nicht alle Benutzer. Ich habe mehrmals erlebt, dass das arme MD 421 ausgerichtet wurde wie ein Großmembran-Kondenser und seitlich besprochen wurde. Auch in diversen Film- und TV-Ausschnitten war das schon zu beobachten. Ich konnte mir den resignierten Tonmann (“Auf mich hört hier ja eh keiner”!) wirklich plastisch vorstellen. Also: “Vorne” befindet sich beim MD 421 genau gegenüber der Kabelbuchse.  

Sennheiser verbaut hinter dem Grill mit der umlaufenden Plastik-Stoßstange eine Druckgradientenkapsel, deren Wandlerprinzip nach der bewährten und robusten Tauchspulentechnik arbeitet. Je hochfrequenter die Singalanteile, desto stärker richtend wirkt die typische Nierencharakteristik. Frontal mit 1000 Hz beschallt, liegen am Ausgang des Sennheiser 2 Millivolt pro Pascal Schalldruck an, die Impedanz des Mikrofons wird vom Hersteller mit 200 Ohm angegeben. 

Die oft kritisierte und gar nicht so geheime Verschlusssache

Ein Anlass zur Kritik ist für viele User der Verschlussmechanismus der Halterung. Prinzipiell ist dieser in Ordnung, doch dem heutigen rauen Umgang nicht mehr so gewachsen, wie man es sich vielleicht wünscht. Im Grunde handelt es sich dabei um einen Schlitten, der von der Rückseite des Mikros in ein Profil geschoben wird. Ist er eingerastet, kann er mit einem Druck auf eine Taste an seiner Vorderseite wieder gelöst werden, was vor allem bei nach unten geneigter Ausrichtung fatal sein kann. Ich habe es schon öfters erlebt, dass dieser beim Umklammern des Mikrofons versehentlich gelöst wird. Ist dann das Kabel nicht ordnungsgemäß an den Klammern des Stativs befestigt, macht das 421 Bekanntschaft mit der Schwerkraft. Doch es gibt weitere Fallen: Wird von einem Unwissenden die klassische Freveltat begangen, das Mikro ausrichten zu wollen, ohne die entsprechenden Schrauben zu lösen, demonstriert die Halterung äußerst anschaulich, was jenseits der Elastizitätsgrenze des Materials liegt: der Bruch. Man kann dann sogar von Glück reden, wenn es “nur” die Halterung erwischt, denn schlimmer ist es, wenn die in den Mikrofonkorpus eingelassenen Kufen ausbrechen. Der Anblick derartig zerstörter oder per Gaffa am Stativ fixierter Schallwandler macht mich mittlerweile ernsthaft traurig. Glücklicherweise lässt sich bei Sennheiser so gut wie alles (für einen, sagen wir, “angemessenen” Preis) nachkaufen und anhand verfügbarer Explosionszeichnungen und Anleitungen auch reparieren. Das Manual macht den Eindruck, als sei die letzte Revision erfolgt, kurz, nachdem ein Meister Gutenberg den Buchdruck erfunden hatte. Das ist aber nun wirklich nicht weiter schlimm und zeugt von der Produktkonstanz. Die Servicebarkeit des MD 421 gehört allerdings nicht in die Kategorie “einfach”. Ich erinnere mich mit Schaudern an meine Zeit als Supervisor am SAE Institute Köln, in der zum Austausch von durch oben angeführte Stürze oder Schlagzeugstock-Treffer misshandelter Körbe das ganze Mikrofon in einer fummeligen und langwierigen Prozedur auseinander- und wieder zusammengesetzt werden musste.  

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