Workshop_Folge Workshop_Thema
Workshop
4
09.08.2019

Was ist Jazz? 

Jazz ist eine Form von Musik, in der die Improvisation die Hauptrolle spielt und das charakteristische Merkmal darstellt. Die Musiker spielen Soli auf Ihrem Instrument, die sie im jeweiligen Moment spontan “erfinden” oder “komponieren”. 

Jazz ist meist sehr rhythmisch und basiert auf einer synkopischen Spielweise. 

Synkopisch bedeutet einfach gesagt, dass man die eigentlich unbetonten Schläge eines Taktes betont. Dadurch entsteht eine rhythmische Spannung und ein Vorwärtsdrang, der die Musik anschiebt. Dies geschieht zum Beispiel durch Betonung der Offbeats und durch Umspielen oder Weglassen von „schweren“ Zählzeiten wie dem ersten Schlag eines Taktes. Ein typisches Beispiel hierfür ist beim Jazz Drumming die Betonung der Zählzeiten 2 und 4 durch Treten der Hi-Hat.

Jazz ist Kommunikation und Interaktion.

Basierend auf dem Spiel des Solisten, agieren die Mitmusiker im Begleiten, und genau andersherum baut der Solist auf dem Spiel der begleitenden Musiker auf. Man inspiriert sich gegenseitig. Alle zusammen bilden ein Ganzes, alles hängt voneinander ab, alles entsteht im Moment.

Die Individualität der Musiker und ihre Interpretation der Musikstücke ist zudem das Mitreißende an diesem Stil. Das gleiche Lied von zehn verschiedenen Musikern gespielt, wird jedes Mal anders klingen. 

Jazz kann sehr unterhaltsam sein und zum Tanzen und Mitwippen anregen. Er kann aber auch sehr emotional, spirituell und künstlerisch sein. 

Jazz steht für Freiheit und Kreativität.

Jazz Drumming

Das Jazz Drumming war am Anfang stark von europäischer Marsch- und Orchestermusik beeinflusst und bediente sich auch ihrer Instrumente (Basstrommel, Snare Drum, kleine Becken, Glocken, Woodblocks, etc.). Der Trommler benutzte dabei aber hauptsächlich Snare Drum und Basstrommel zum Begleiten und spielte überwiegend Wirbel auf der Snare, wobei Techniken der Marsch- und klassischen Musik zum Einsatz kamen. Erst später mit dem Swing-Stil und dem darauf folgenden Bebop wurde der Beat weg von den Trommeln und hin zur Hi-Hat und schließlich zum Ride-Becken vorgenommen. Das war eine sehr wichtige und bahnbrechende Entwicklung im Jazz Drumming. Schlüsselpersonen in diesem Zusammenhang sind der Schlagzeuger Jo Jones für das Hi-Hat-Spiel und Kenny Clarke für die Entwicklung des Ridebecken-Spiels sowie der damit verbundenen Befreiung von Snare Drum und Basstrommel.

Durch das Spielen des Pulses auf dem Ride-Becken anstatt auf den Trommeln wurde das Schlagzeugspiel leichter und gab so den Musikern und der Musik mehr Raum und Atem. Die Bassisten mussten nicht mehr mit der Basstrommel konkurrieren und bekamen mehr Platz zur eigenen Entfaltung, erhielten aber auch mehr Verantwortung, das Tempo für die Band zu halten. Dies galt fortan allerdings auch für alle anderen Bandmitglieder, da nun das Schlagzeug nicht mehr alleine für das Timekeeping zuständig war und sich mehr in die Musik integrierte. 

Die Snare Drum war nun frei, um synkopische Figuren zu spielen, und die Bass Drum integrierte sich durch gezielte Akzente. Die Musiker nannten es damals “dropping bombs”.

Das Jazz Drumming entwickelte sich fortan immer weiter. Schritt für Schritt befreite sich der Beat, und das Spiel war gekennzeichnet durch mehr Gleichberechtigung und Interaktion innerhalb der Band…

(In diesem Zusammenhang empfehle ich, das Interview mit Kenny Clarke aus dem Modern Drummer Magazine von 1984 zu lesen. Man findet es im Internet)

Für alle Interessierten empfehle ich, im Internet weiter zu forschen. Für die Freunde des Papiers gibt es außerdem sehr viele Bücher auf dem Markt, die sich mit Jazz beschäftigen. Stöbern lohnt sich!

Hörtipps und Album-Empfehlungen:

Sehr wichtig beim Thema Musik (wenn nicht sogar am wichtigsten) ist die Wahrnehmung über die Ohren, daher gibt es nun einige Hörtipps.

Eine besondere Empfehlung meinerseits ist eine 4-CD-Box mit dem Titel “The Engine Room - A History Of Jazz Drumming From Storyville To 52nd Street”

Hier hört Ihr eine Auswahl fantastischer Tonaufnahmen, von den frühesten Jazz-Aufnahmen bis hin zum Bebop und Hardbop in den 40er Jahren. Alle wichtigen Schlagzeuger der Zeit werden vorgestellt, und ein ausführliches Booklet ist beigefügt.

Des Weiteren gibt es eine Aufnahme von Warren “Baby” Dodds (einer der wichtigsten und berühmtesten Drummer des frühen Jazz) mit dem Titel “Talking and Drum Solos”. Hier erklärt er das Schlagzeugspiel und die Musik des New Orleans Jazz und demonstriert diese am Schlagzeug und mit Band.

Ein weiteres Highlight ist die Aufnahme “The Drums” von Jo Jones. Auf ihr erklärt und demonstriert der Meister die Rolle der einzelnen Elemente des Schlagzeugs und Techniken des Jazz Drummings und stellt dem Hörer verschiedene Markenzeichen berühmter Schlagzeuger seiner Zeit vor. Grandios und charmant!!

Achtet beim Hören darauf, wie Kontrabass und Ride-Becken zusammen zu einem Groove verschmelzen. Ein tolles Beispiel hierfür ist auch die folgende Aufnahme: Dexter Gordon, Album: Doin’ Allright, Lied: I Was Doing Allright

Am Anfang des Liedes spielt der Bass einen Puls auf den Zählzeiten 1 und 3. Das nennt man ein “two-feel”. Der Puls wird in halben Noten gefühlt. Das ist typisch für die Eröffnung und für die Melodie eines Liedes und wird vorwiegend vom Bassisten vorgegeben. Richtig los geht es dann aber ab Minute 1:21, wenn das Saxofon mit dem Solo beginnt. Was für ein Groove!!

Man spricht hier auch von einem “four-beat”. Das bedeutet, dass die vier Viertel eines Taktes gleichmäßig akzentuiert werden. 

Ein weiteres Paradebeispiel für das two-feel und den four-beat ist das Lied “Remember” auf dem Album “Soul Station” von Hank Mobley. Swinging!!

Dieses Album möchte ich euch übrigens besonders an’s Herz legen, da es vom ersten bis zum letzten Ton einfach grandios swingt und in Perfektion eingespielt wurde. Jazz vom Feinsten! Am besten jeden Tag anschmeißen und mitspielen oder einfach dazu tanzen... 

Weitere Musik-Empfehlungen

Ich möchte euch hier nun ein paar meiner persönlichen Favoriten nennen. Jazz-Alben, die den Becken-Beat, das Swing Feel und den Jazz Spirit gut demonstrieren und allgemein einfach spitze sind!

  • Art Blakey - Moanin’ (Drums: Art Blakey)
  • Miles Davis Allstars - Walkin' (Drums: Kenny Clarke)
  • Miles Davis - Kind Of Blue (Drums: Jimmy Cobb)
  • Louis Armstrong & Duke Ellington - The Great Reunion (Drums: Danny Barcelona)
  • Horace Silver Trio and Art Blakey - Sabu (Drums: Art Blakey)
  • Horace Silver - Blowin’ The Blues Away (Drums: Louis Hayes)
  • Frank Sinatra & Count Basie - Sinatra-Basie (Drums: Sonny Payne)
  • Count Basie - The Complete Atomic Basie (Drums: Sonny Payne)
  • Eddie Condon - Dixieland Jam (Drums: George Wettling)
  • Wild Bill Davison - The Complete Commodore Master Takes (Drums: Danny Alvin, Dave Tough, George Wettling)
  • Cannonball Adderley Quintet - In San Francisco (Drums: Louis Hayes)
  • Eddie “Lockjaw” Davis - Cookbook Vol.1 (Drums: Arthur Edgehill)
  • Dexter Gordon - Doin’ Allright (Drums: Al Harewood)
  • Dexter Gordon - Our Man In Paris (Drums: Kenny Clarke)
  • Bill Charlap Trio - Live At The Village Vanguard (Drums: Kenny Washington)
  • Jackie McLean - Swing, Swang, Swingin’ (Drums: Arthur Taylor)
  • Horace Parlan - On The Spur Of The Moment (Drums: Al Harewood)
  • Harold Land - West Coast Blues (Drums: Louis Hayes)
  • Kenny Burrell - Jazzmen Detroit (Drums: Kenny Clarke)
  • Wynton Kelly - Kelly After Midnight (Drums: Philly Joe Jones)

Und hier noch eine Aufnahme für alle, die es schnell mögen:

  • Dizzy Gillespie - Stan Getz - Sonny Stitt: For Musicians Only (Drums: Stan Levey)

Bebop vom Feinsten! Doch seid gewarnt, die Band spielt so heiß, eure Boxen könnten anfangen zu glühen… Mitspielen auf eigene Gefahr!

Zwei weitere Aufnahmen, die ich euch jedoch nicht vorenthalten möchte, habe ich aber noch:

  • Ahmad Jamal - Live At The Pershing (Drums: Vernel Fournier)

Dieses Album gehört in jede Jazz-Sammlung! Absoluter Klassiker! Hört, mit welch großartigem Puls Vernel Fournier hier spielt. Diese Aufnahme inspirierte schon sehr viele Musiker und animierte viele Trommler zum Besenspiel...

  • Jo Jones - The Everest Years (Drums: Jo Jones)

Die erste Hälfte dieser Aufnahme wurde als Trio eingespielt (Klavier, Bass, Schlagzeug). Der Mix ist nicht sonderlich gut, aber die Drums sind ungewöhnlich laut im Vordergrund. Das lässt uns Jo Jones' Spiel extrem gut hören und von ihm lernen. Sein Besenspiel ist Vorbild für viele, und hört, wie er allein mit den bloßen Händen die Musik zum Swingen bringt…

2 / 2

Verwandte Artikel

User Kommentare