Hersteller_ProjectSAM Software
Test
10
12.06.2012

PRAXIS

Kaltstart: Full Orchestra Den Praxis-Teil möchte ich diesmal ausnahmsweise mit der ganz groben Kelle beginnen: Der erste Punkt in der Instrumenten-Liste der Orchestral Essentials ist mit den Worten "Full Orchestra" betitelt, und dahinter findet man genau das, was man vermutet: Ein komplettes Orchester, das direkt über die Klaviatur des Master-Keyboards spielbar ist. Die Software verwendet dabei keine Multis, in denen einzelne Instrumente gestackt werden würden (auch solche Multis gibt es), sondern jeder Ton wurde genau so aufgenommen, wie man ihn beim Tastendruck hört. Mit steigender Tonhöhe bemerkt man dabei, dass bedingt durch die verschiedenen Tonumfänge immer wieder Instrumente hinzukommen oder verschwinden, und so passt man die Tonart des Stückes schon einmal an die Library an, um größere Brüche zu vermeiden. Der feingeistige Tonsetzer, der die Noten seiner detailverliebten Kompositionen am liebsten mit Federkiel auf Pergament kritzelt, wird diese groß angelegte Orchester-Simulation mit Sicherheit nicht für ihre subtilen Nuancen schätzen. Für ein schnelles Layout und ein Improvisieren zur Szene können sich die drei Patches, die ganz plakativ in die Bereiche Action, Suspense und Epic eingeordnet wurden, aber als hervorragend klingende Skizzen-Werkzeuge nutzen lassen. Auf Wunsch kann über einen Keyswitch bzw. den Enhance-Button auf der grafischen Benutzeroberfläche zwischen einer sparsameren und einer dichteren Instrumentierung gewechselt werden. Eine Auswahl an Orchester-Effekten und Tutti-Akkorden findet sich ebenfalls. 

Im folgenden Beispiel gibt es die Epic-Variante des kompletten Orchesters zu hören. Die Dynamik lässt sich rein über die Anschlagstärke oder wie in diesem Fall über das Modulationsrad steuern (dynamische Crossfades). Der erste Track verwendet ausschließlich die sparsamere Instrumentierung, im zweiten Track wird via Keyswitch sehr effektvoll zur dichteren Variante umgeschaltet. Übrigens handelt es sich hier um die einzigen Keyswitches, die in den Orchestral Essentials zu finden sind. Die Verwendung verschiedener Spielweisen oder ein eventuelles Umschalten zwischen Epic, Suspense oder Action im Full Orchestra läuft ganz traditionell über verschiedene MIDI-Channels.

Arrangieren mit den Orchestral Essentials
Für den weiteren Verlauf des Tests möchte ich (inspiriert vom martialischen Logo der Library) versuchen, einen kurzen Orchester-Track zu basteln, der sich an die Soundtracks von Videogames wie der "Call of Duty"-Reihe anlehnt. Dass es sich bei diesem Bereich um ein vollständig ernstzunehmendes Marktsegment handelt, ist spätestens klar geworden, als Hollywood-Großmeister Hans Zimmer einen Soundtrack für eine Episode des eben genannten "Egoshooter-Blockbusters" beigesteuert hat. Den Grundstein bildet in diesem Fall eine rhythmische Figur, die mit dem Ensemble-Programm für Staccato-Strings erstellt wurde und im zweiten Track von gestrichenen Kontrabässen unterlegt wird, die aus dem Sustain-Programm stammen. Im Vergleich zum Full Orchestra könnte man die Ensemble-Programme der Orchestral Essentials beinahe als Einzelinstrumente bezeichnen, auch wenn man hier nach wie vor das Zusammenspiel von gut und gerne 40 Musikern unter den Fingerspitzen hat. Im Falle der Streicher bieten sich neben Sustain und Staccato noch ein Tremolo- und ein Pizzicato-Programm an, für die anderen Ensembles stehen stattdessen Solo-Instrumente wie ein Horn, eine Posaune oder eine überblasene Flöte im Angebot. Prinzipiell bauen die Orchestral Essentials aber genauso wie Symphobia auf übergreifenden Programmen für ganze Ensembles auf. Über einzelne Stimmgruppen wie erste und zweite Violinen, Bratschen, Celli und Bässe muss man sich in dieser Library also keine Gedanken machen, auch wenn ein solcher Ansatz trotzdem sicherlich hilfreich ist.

Ein rhythmisches Fundament für die Streicher-Figur liefern die, häufig in einem solchen Kontext zu hörenden Taiko Drums aus dem Japanese Kit der Library. Im weiteren Verlauf sorgen zusätzliche Toms für einen leichten Aufbau. Beide Parts bestehen aus Einzelsamples, die über ein Masterkeyboard angesteuert wurden und in ihrem Detail zwischen drei und acht Velocity-Stufen variieren. Im Vergleich zur Mutter-Library True Strike, der die Sounds entnommen wurden, gibt es maximal zwei Round-Robin Samples (statt bis zu vier), die ihren Zweck beim Vermeiden eines stotternden Machinegun-Effekts aber noch hinreichend gut erfüllen können. 

Ein wenig zusätzliche Effekthascherei kann den Percussion-Track noch deutlich aufmöbeln. Die schweren "Einsen" werden in der nächsten Version von einer Gran Cassa (große Trommel) markiert, die hier in einer Spielweise mit zwei Vorschlägen verwendet wird. Die insgesamt drei Schläge kommen also aus einem einzelnen Sample, das zeitlich so positioniert werden muss, dass der letzte und lauteste Schlag genau am richtigen Punkt im Rhythmus sitzt. Dies lässt sich mit ein wenig Feinarbeit am MIDI-Editor einstellen. Bei den gleichzeitig abgespielten Becken und Trash-Sounds ist dies dagegen nicht nötig. Als Antwort auf die Figur der Gran Cassa spielen direkt darauf die Pauken ein Echo der kurzen Figur. Hier handelt es sich wieder um Einzelsamples. 

Beim Zusammenfügen von Streichern und Percussion war deutlich zu hören, dass die Streicher, bedingt durch die jeweiligen Sample-Startpunkte, dazu neigen, von vornherein ein wenig zu schleppen bzw. etwas zu spät abgespielt zu werden - auch wenn sie im Editor hart auf Null quantisiert werden. Das Problem von verzögerten Startpunkten ist bei der Arbeit mit Orchester-Libraries allerdings nicht unbekannt, und in diesem Fall wurde es durch einen gleichmäßigen Spurversatz ausgeglichen, der die Streicher so weit nach vorne zieht, dass sie wieder mit dem Percussion-Track mithalten können. Ein solcher Versatz ist in den meisten Host-Sequencern wie Cubase oder Logic in den Einstellungen zu den einzelnen Spuren realisierbar. 

Um die relativ trockenen Percussion-Instrumente besser in den raumbetonten Klang der Streicher einzupassen, wurde zudem etwas Reverb hinzugefügt, das über ein einzelnes Dry/Wet-Poti geregelt wird und von der im Hintergrund arbeitenden Faltungshall-Einheit von Kontakt berechnet wird. Das Hall-Preset wurde offenbar von ProjectSAM so gewählt, dass es dem aufgenommenen Hall der Stage-Instrumente relativ nahekommt. Weitere Werkzeuge auf der Main-Page der Benutzeroberfläche sind ein Limiter und eine rudimentäre Hüllkurve mit variabler Attack- und Decay-Phase. 

Passend zur heroischen Atmosphäre des Tracks war mein nächster Plan, ein von kräftigen Blechbläsern gespieltes Mini-Thema hinzuzufügen. Als Mittel der Wahl hatte ich das Legato-Ensemble für Hörner und Posaunen im Auge, für das nicht nur die Töne selbst, sondern auch die Übergänge zwischen den Tönen aufgenommen wurden. Für Streicher, Holz- und Blechbläser gibt es jeweils eines dieser Legato-Ensembles, die direkt aus dem zweiten Teil der Symphobia-Library übernommen wurden. Dass diese zwar toll klingen, leider aber nur einen geringen dynamischen Umfang bieten, war schon ein Punkt, der in der Mutter-Library für eine etwas gemäßigtere Begeisterung meinerseits sorgte. Dem wurde im letzten Update von Symphobia 2 zwar durch zusätzliche Layer Abhilfe geschaffen, in den Orchestral Essentials muss man auf dieses Plus aber verzichten.

Letztendlich stellte sich das Legato-Ensemble aus Hörnern und Posaunen als etwas zu schwachbrüstig heraus, um sich erfolgreich im Kontext des Arrangements durchsetzen zu können, weshalb ich mich für das Standard-Programm der Blechbläser entschied, das von einer weiteren hohen Violinen-Stimme aus dem Sustain-Programm gedoppelt wird. Da vor allem die Samples aus den Sustain-Programmen in der Regel eine relativ weiche Attack-Phase haben, kann ein Vorziehen der Noten im MIDI-Editor und in vielen Fällen ein Überlappen von aufeinanderfolgenden Noten hilfreich sein. 

Neben dem grundlegenden Handwerkszeug, das bis zu diesem Punkt verwendet wurde, bieten die Orchestral Essentials eine Auswahl an Orchester-Effekten und nachträglich stark bearbeiteten Effekt-Programmen, die ähnlich wie Spectrasonics Omnisphere mit einem einzelnen Tastendruck ganze Klangwolken abfahren können. Solche Sounds wurden am Anfang und Ende des bisherigen Arrangements hinzugefügt, um eine Ruhe vor und nach dem Sturm zu schaffen. Alleine das Durchforsten der Library macht an dieser Stelle wirklich Spaß, und Klänge wie die am Anfang leise über dem Klangteppich schwebenden Violinen lassen sich mit herkömmlichen Orchester-Libraries natürlich nicht erstellen. Gegen Ende ist zudem ein großzügig verhalltes Piano zu hören, das ebenfalls Teil der Library ist. Mit speziell auf Klaviere und Flügel zugeschnittenen Sample-Libraries kann ProjectSAM hier zwar nicht mithalten, der verträumte Klang des Piano Mystique setzt das Instrument aber deutlich von der Masse ab, und auch Solo-Piano-Passagen können im Kontext eines Soundtracks definitiv funktionieren. 

Bisher wurden hauptsächlich vorgefertigte Sounds ohne viel Nachbearbeitung verwendet, und dies soll sich nun auch noch ändern. Die Orchestral Essentials haben zwar keine übermäßig ausgefeilte Sound-Design-Werkstatt an Bord, mit einem integrierten EQ, einem Kompressor, einem Delay, einem Low-Pass Filter und einem Tool zur Bearbeitung der Stereo-Basis lässt sich aber durchaus einiges anfangen. Wer mit seiner persönlichen Plug-in Sammlung ans Werk gehen will, kann für einzelne Instrumente natürlich auch die einzelnen Ausgänge von Kontakt bzw. des Kontakt Players nutzen, womit weiteren Sound-Design-Experimenten keine Grenzen gesetzt sind. 

Als Würze für das fast fertige Arrangement soll eine hintergründige und elektronisch wirkende Loop durchlaufen, wie sie bei vergleichbaren Soundtracks im Games-Sektor relativ häufig zu hören sind. Als Basis dient ein aus Einzelsamples programmierter Groove, der mit den Sounds des Djemben-Ensembles realisiert wurde. Im ersten Track ist die Rohversion zu hören, wie sie alle zwei Takte schrittweise durch EQ, Kompressor, Delay, Filter und Stereo-Tool läuft. Im zweiten Track wird die Loop in das Arrangement eingebettet. 

2 / 3
.

Verwandte Artikel

User Kommentare