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Test
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09.06.2015

Praxis

Ein luftiges Piano und gefilterte Gänsehaut-Flageolets

Beginnen wir mit dem Sonderling der Library! Als einziges Instrument, das bisher in keiner anderen Library von ProjectSAM enthalten war, findet sich im Sample-Pool der Orchestral Essentials 2 ein sehr luftig gehaltenes Piano. Genauso wie das ansonsten ebenfalls unveröffentlichte und etwas entrückter klingende „Piano Mystique“ des Vorgängers bietet das „Intimate Piano“ acht Velocity-Layer. Damit wird zwar längst nicht der Detailgrad von spezialisierten Piano-Libraries erreicht, vor allem bei sanftem Spiel weckt der Grundklang des Instruments aber eindeutige Assoziationen mit großen Hollywood-Soundtracks. Nicht nur für Intro-Szenen, in denen eine einzelne weiße Feder durch den Wind getragen wird, ist das eine sehr passende Wahl!

Bei den Gänsehaut-Flageolets aus der Überschrift handelt es sich natürlich nicht um eine Beilage zum Weihnachtsbraten, sondern um zwei Patches für Violinen und Harfen, die hervorragend dazu geeignet sind, um die verträumte Stimmung des obigen Spieluhren-Motivs für das Piano zu verstärken. Beide Instrumente bieten zwar jeweils nur einen einzelnen Velocity-Layer, dynamischer Ausdruck wird aber sehr effektiv über ein auf die Anschlagstärke reagierendes Low-Pass-Filter ermöglicht, das den Klang bei sanfteren Tönen weicher gestaltet. Vor allem da im Falle solcher Instrumente ein Machinegun-Effekt kaum zu befürchten ist, handelt es sich um eine absolut stimmige Lösung; Alternativsamples sind schlichtweg nicht nötig.

Sordino-Strings und Legato-Solisten

In Bezug auf Streichinstrumente wird man vom ersten Teil der Library mit dem grundlegenden Handwerkszeug versorgt. Die Orchestral Essentials 2 bieten in dieser Hinsicht speziellere Sounds, und wenn es um Sustain-Artikulationen geht, steht hier das Programm der Sordino-Strings im Vordergrund.  

Streichinstrumente, die mit Dämpfern versehen werden, eignen sich natürlich vorrangig für sanftere Passagen. Der Umfang der Dynamik ist also zwangsläufig etwas eingeschränkt und lässt sich wahlweise über die Anschlagstärke oder über das Modulationsrad steuern. Letztere Möglichkeit ist in diesem Fall natürlich zweckdienlicher, da sich die Lautstärke auf diesem Weg auch während eines gehaltenen Tons beeinflussen lässt. Im Player gibt es das tiefere Register mit einer ausgeprägten Dynamik-Kurve zu hören. Im zweiten Track kommt wieder das Piano dazu.

Echte Legato-Samples für spezifische Intervalle sind ein hervorragendes Mittel, um gebundene Melodielinien zu erzeugen. Die Library bietet in diesem Bereich zwei Instrumenten-Kombinationen (Celli mit Fagott und Bassklarinette mit Kontrafagott) und drei Solo-Instrumente. Neben der bereits erwähnten Flöte und Oboe ist hier noch eine strahlende Trompete zu finden. Der Klang ist wie gehabt hervorragend, in Sachen Dynamik sind die Instrumente aber nicht nur etwas eingeschränkt, sondern vor allem in sich etwas uneinheitlich. So sind die Anblas-Töne einer Linie oftmals ungleich lauter als die durch Legato-Übergänge angespielten Töne, und auch die Abstimmung der Lautstärken über das komplette Register wirkt an manchen Stellen etwas unrund.

Abhilfe schafft hier die Möglichkeit, neben dem Modwheel auch den MIDI-Controller für das Expression-Pedal oder auch für Main-Volume zu verwenden, um Fine-Tuning an der Ausgangslautstärke vorzunehmen. Der erste Fall empfiehlt sich besonders, da auf diesem Weg die Regler in Kontakt nicht auf feste Werte gelegt werden, und der Mix aus mehreren geladenen Programmen nach wie vor auf diesem Weg bearbeitet werden kann. Im ersten Beispiel stellen sich die drei Legato-Solisten nacheinander vor, im zweiten Track sind sie im Kontext der bisherigen Begleitung zu hören. 

Im Vergleich zu den meisten anderen Instrumenten sind die Solisten übrigens nicht in der den Raumklang betonenden Stage-Mikrofonierung, sondern in einer Close-Mikrofonierung verfügbar. Die großen Libraries von ProjectSAM bieten in dieser Hinsicht einen Mixer, bei den Orchestral Essentials muss man darauf verzichten und ist auf das künstliche Reverb beschränkt. Zum Erstellen aller Audios dieses Tests wurde, abgesehen vom Angleichen der Lautstärkeverhältnisse, ausschließlich mit Presets gearbeitet. Die Effekt-Sektion der einzelnen Programme wurde schon im Test zum Vorgänger ausgiebig behandelt und blieb unangetastet, so dass durchweg der reine Out-Of-The-Box-Klang zu hören ist.

Genug gestreichelt!

Nachdem bisher hauptsächlich sanftere Töne angeschlagen wurden, wird es Zeit für etwas mehr Pathos, denn auch in diesem Feld haben die Orchestral Essentials 2 einiges zu bieten. Um den wohl fettesten Patch der Library handelt es sich bei dem aus Lumina übernommenen „Full Orchestra with Choir“. An dieser Stelle zeigt ProjectSAM ganz deutlich, was ein breiter Pinsel ist. Je nach Dynamik ändert sich die Instrumentierung von sanftem Streicher-Tremolo mit Chor bis hin zu heroischem Tutti. Im ersten Beispiel kommt das Programm unter fast vollständiger Ausnutzung der möglichen Dynamik zum Einsatz, worauf es sich im zweiten Beispiel in einen neuen Form-Abschnitt steigert.

Um dem neuen Part etwas mehr Bewegung zu verpassen, bietet sich eine Staccato-Artikulation für Streicher und Holzbläser an. Leider sind die Sample-Startpunkte an dieser Stelle nicht ganz einheitlich gesetzt, und folglich ist es schwierig, rhythmisch exaktes Material zu programmieren – unter anderem auch deshalb, weil die Programme für kürzere und prägnantere Artikulationen meist Round-Robin-Samples beinhalten und für einen bestimmten Ton mit einer bestimmten Anschlagstärke nicht immer das gleiche Sample abgespielt wird. Zwar lässt sich die Round-Robin-Funktion deaktivieren, damit geht aber auch ein beträchtlicher Teil der gefühlten Lebendigkeit verloren. Um die Performance etwas tighter zu gestalten, bietet es sich jedoch an, den Speed-Control-Regler zu verwenden, der es erlaubt, das Tempo der Samples über Time-Stretching anzupassen. Bei höheren Werten werden die Samples schneller abgespielt und wirken damit auch etwas tighter. Letztendlich wäre der beste Weg zum Lösen des Problems aber wohl ein Bouncen der fertigen Stimmen und nachträgliche Audio-Quantisierung. Im letzten Track des Players ersetzt das Staccato-Programm mit Speed-Control die liegenden Basstöne des „Full Orchestra with Choir“.

Zum Abschluss gibt es das komplette Arrangement (mit sanfter Kompression auf dem Mixbus) zu hören, das noch um einige weitere Elemente angereichert wurde, die vor allem aus dem Percussion-Bereich stammen. Die fetten Pauken- und Becken-Wirbel, Gran Cassa und Rototoms sorgen für einen durchaus dramatischen Effekt, die Kombination aus „Full Orchestra and Choir“ und „Strings and Woodwind Staccatos“ wird durch Hörner und Posaunen in Okatven angereichert und beim erlösenden Schlussakkord handelt es sich um eines der vielen Einzelsamples für komplette Orchester-Texturen, deren einziger Kritikpunkt ein recht hoher Wiedererkennungswert sein könnte. 

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