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Workshop
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11.03.2019

Play-Alike Wes Montgomery - Gitarren Workshop

Wes Montgomerys beste Riffs und Licks in Noten und Tabs

Tutorial - Spielen wie die Stars

Wes Montgomerys Bedeutung für die Jazzgitarre lässt sich mit dem Einfluss von Jimi Hendrix auf die nachfolgenden Generationen der Blues- und Rockgitarre vergleichen. Besonders seine virtuose Oktavtechnik sorgte für Aufsehen und ist seitdem ein wichtiger Bestandteil der Spieltechnik vieler Jazzgitarristen. Im heutigen Play-Alike Workshop wollen wir deshalb einen eingehenderen Blick auf das Leben der Jazzgitarren-Legende sowie auf dessen Einflüsse und Spielweise werfen. Anschließend werden wir uns drei Soloauszüge aus verschiedenen Jahren seiner Schaffensperiode zu Gemüte führen. 

Biografie

Geboren wurde John Leslie „Wes“ Montgomery in Indianapolis im Jahre 1923 als drittes von fünf Kindern. Auch wenn Wes und zwei seiner Geschwister nach der Trennung der Eltern mit dem Vater für einige Jahre in Ohio lebten, sollte Indianapolis bis zum Lebensende die Heimatstadt der Gitarrenlegende bleiben. In vielen Quellen wird zitiert, dass Wes Montgomery erst im Alter von 18 Jahren mit der Gitarre in Berührung kam. In einem Interview mit seinem Bruder William „Monk“ Montgomery wird diese Behauptung jedoch widerlegt, da dieser ihm schon um 1935, also im Alter von 13 Jahren, eine Tenorgitarre besorgte, auf der Wes laut Aussage seines Bruders schnell beachtliche Fortschritte erzielte. Dennoch sprang der Funke bei ihm tatsächlich erst ein paar Jahre später über, als er Charlie Christian entdeckte. Christian, der als Urvater der E-Gitarre bezeichnet werden kann, hatte mithilfe der damals brandneuen Technik die Gitarre als Soloinstrument innerhalb der Big Bands etabliert und sie somit aus der starren Rolle der Rhythmusgitarre befreit. Laut eigener Aussage kaufte sich Wes daraufhin eine Gibson 125 D mitsamt Verstärker und fing an, Charlie Christians berühmtes Stück „Solo Flight“ nach Gehör zu lernen. 

Dieser Fakt stellt zweifellos eine Besonderheit dar, da Wes scheinbar zuvor keine Kenntnisse im Jazz hatte. Aus dieser Zeit ist die Anekdote überliefert, dass Wes, nachdem er „Solo Flight“ ein Jahr lang geübt hatte, auch weiterhin nichts anderes als Christians Solos nachspielte, woraufhin ein Clubbesitzer, der ihn spielen hörte, ihm sofort einen Engagement anbot. Montgomery nahm das Angebot an und spielte in dem Club ausschließlich die gelernten Solos, realisierte jedoch schnell, dass er auch andere Sachen üben müsste und begann daraufhin, mit in Indianapolis ansässigen Musikern zu proben. 

Seine Brüder Monk (E-Bass) und Buddy (Piano/Vibraphon) fingen ebenfalls an, Musik zu machen, sodass die Brüder auch gemeinsam spielten. Abgesehen von einer Tour mit Lionel Hampton blieb Wes dennoch in den Folgejahren meist daheim bei seiner mittlerweile siebenköpfigen Familie, ging tagsüber verschiedenen Jobs nach und spielte nachts Konzerte und Sessions in Clubs. Ein Arbeitspensum, das man sich heute schwer vorstellen kann. 

Die Brüder wiederum versuchten ihr Glück an der Westküste und konnten dort unter dem Namen „Mastersounds“ Erfolge feiern. So kam es, dass Montgomery erst 1959 von niemand geringerem als der Saxofonlegende Cannonball Adderley entdeckt wurde. Wes, der bis dahin als lokaler Geheimtipp galt, beeindruckte den Alt-Saxofonisten so sehr, dass dieser seinem Label Chef Orrin Keepnews vom Riverside Label empfahl, das Gitarrentalent unbedingt unter Vertrag zu nehmen, was dieser daraufhin auch tat. 

Rückblickend lässt sich die darauf folgende Schaffensphase Montgomerys bei Riverside bis zum Jahre 1963 als seine künstlerisch ergiebigste bezeichnen. Die Platten, die hier entstanden, sollte jeder angehende Jazzgitarrist unbedingt gehört haben. Näheres dazu später in der Soloanalyse und Auswahl-Discografie. 

Nachdem das Riverside Label 1964 Insolvenz anmelden musste, wechselte Wes Montgomery zu Verve und wurde dort von Creed Taylor produziert, der Montgomerys Aufnahmen zumindest im Studio einen deutlich radiotauglicheren Anstrich gab. In diesem Zeitraum entstanden eine Reihe von Bearbeitungen zu Titeln der damaligen Hitparade, die für Gitarre und Big Band oder Streicher arrangiert wurden. Dennoch stammen aus dieser Zeit auch einige sehr hörenswerte Live-Platten, die Wes Montgomery in seinem gewohnten Umfeld präsentieren. 

1967 wechselte Creed Taylor zum Pop Label A&M und produzierte dort weiterhin Wes Montgomery, dessen Aufnahmen von da an noch stärker kommerzialisiert wirkten. Montgomery, der schon vor Beginn seiner Profikarriere permanent unter sehr kräftezehrenden Bedingungen gearbeitet hatte, litt seit Beginn der 60er Jahre unter gesundheitlichen Beschwerden, arbeite aber dennoch weiterhin unentwegt. Am 15. Juni 1968 starb er daheim in Indianapolis an einem Herzinfarkt im Alter von nur 43 Jahren. 

Spieltechnik

Zur Auseinandersetzung mit Wes Montgomery gehört natürlich seine sehr eigenwillige und autodidaktisch geformte Spieltechnik mit dem Daumen, mithilfe dessen er erstaunlicherweise alle spielerischen Herausforderungen von Single Note Lines über seine berühmten Oktaven bis hin zu geschmackvollem Comping scheinbar mühelos meistern konnte. Generell lässt sich sagen, dass Wes auch bei hohen Tempi, im Gegensatz zu seinen meisten Kollegen, immer erstaunlich entspannt wirkte. Das Videomaterial von ihm, das es inzwischen auch zum größten Teil bei YouTube zu sehen gibt, untermauert diesen Eindruck.  

Zu seiner Spielweise gibt es ebenfalls eine schöne Anekdote die zwar nicht hundertprozentig belegt ist, dennoch in diesem Workshop nicht fehlen soll. 

Als Wes begann, Gitarre zu üben, beschwerte sich seine Frau über die produzierte Lautstärke. Erst mit dem Weglassen des Plektrums und dem weichen Anschlag seines Daumens konnte er sie besänftigten. Durch die spezielle Spieltechnik wirkte der Daumen von Wes etwas verformt, wie sich ebenfalls auf Videomitschnitten beobachten lässt. Betrachtet man die nachfolgenden Generationen prägender Jazzgitarristen, sieht man sie diese Technik ebenfalls anwenden, jedoch meist nur partiell. 

Das ist nicht weiter verwunderlich, da man mit dieser Art die Saiten anzuschlagen zwar einen sehr runden und warmen Sound erhält, technisch jedoch im Gegensatz zum Plektrumanschlag durch den Bewegungsablauf eher limitiert ist. Wes Montgomery hört man diese Limitierung jedoch überhaupt nicht an. In schnellen Passagen spielte er mit seinem Daumen zudem sogar im Wechselschlag. 

Eine weiteres sehr wichtiges Merkmal seines Spiels sind die verwendeten Oktaven, die auch heute meist mit ihm verbunden werden, jedoch auch schon zuvor von Django Reinhardt eingesetzt wurden. Wes brachte diese Spielweise jedoch ohne Frage auf ein Niveau, das bis heute einen schwindelerregend Charakter hat. Bei der Oktavtechnik werden zwei Töne im Oktavabstand gleichzeitig angeschlagen, wobei die dazwischenliegende Saite mit dem Zeigefinger abgedämpft wird. Dies erfordert eine relativ starre Haltung der linken Hand, wodurch die Bewegung bei Tonsprüngen eher aus dem Arm resultiert. Die angesprochene Dämpfung der Saite zwischen den beiden klingenden Saiten hat zudem einen sehr charmanten, perkussiven Effekt zur Folge. 

Betrachtet man Montgomerys Spiel, sollten außerdem seine äußerst virtuosen Akkordsoli nicht außer Acht gelassen werden. Näheres dazu ebenfalls später in der Soloanalyse.

Verwendetes Equipment

Die Archtop, mit der Wes Montgomery gemeinhin in Verbindung gebracht wird, ist eine Gibson L5 CES mit massiver Fichtendecke, die abgesehen von der noch größeren Gibson Super 400 das absolute Jazzgitarren-Flaggschiff aus dem Hause Gibson darstellt. Gibson bot Montgomery im Jahre 1964 ein Signature-Modell an, das er bis auf wenige Ausnahmen bis zu seinem Tod spielte. Im Gegensatz zum handelsüblichen Modell verzichtete man hier auf den Steg Humbucker, da er (wie auch viele seiner Kollegen) ausschließlich den Hals-Pickup nutzte. Durch seine spezielle Spielweise bildeten sich bei seinen Gitarren zuvor schnell Abnutzungserscheinungen am unteren Rand der Decke. Um diesen Spielspuren entgegenzuwirken, platzierte Gibson an eben jener Stelle eine Perlmutteinlage, die ich auch kürzlich noch bei einem aktuellen Signature-Modell entdecken konnte. Begonnen hatte Wes, wie anfangs erwähnt, auf einer Gibson ES 125 D, die damals deutlich preisgünstiger und mit zwei P 90 Tonabnehmern bestückt war. Abgesehen von ein paar Leihgaben bei Aufnahmen kam ein paar Jahre nach Beginn seiner spielerischen Laufbahn jedoch meistens die L5 zum Einsatz. 

Außerdem bevorzugte er sehr dicke Flatwound-Saiten mit einer Stärke von 0.14 - 0.58. 

Im Studio und Live nutzte er in der Regel Fender-Röhrenamps wie den Deluxe Reverb, den Tweed Reverb oder den Fender Twin. Vergleicht man seine Aufnahmen vom Anfang bis zum Ende seiner Karriere, dann fällt auf, dass sein Ampsound zu Beginn oft noch etwas harsch in den Höhen klang, später immer weicher wurde und so auch den Standard für die Ästhetik heutiger Jazzgitarrenaufnahmen mit traditionellem Charakter setzte.

Workshop

Im Workshop-Praxisteil nehmen wir uns drei Soloauszüge zu unterschiedlichen Songs aus verschiedenen Phasen der Karriere von Wes Montgomery vor.  

Zuvor sei gesagt, dass dieser Workshop definitiv ein gewisses Maß an Spielkönnen erfordert, da es von Wes Montgomery eigentlich keine Soli gibt, die nicht äußerst anspruchsvoll wären. Außerdem war Wes in der Tat ein echter Improvisator, der es verstand, seine Soli mit einer sehr schön aufgebauten Dramaturgie zu versehen. Richtige Signature-Licks, wie bei vielen anderen bekannten Gitarristen, wird man bei ihm eher nicht finden. Dennoch gibt es natürlich einige Merkmale in der Melodieführung, der Phrasierung und im Soloaufbau, die er immer wieder gern einsetzte. 

Insgesamt lohnt es sich auf jeden Fall, Soloausschnitte von ihm zu studieren. Dennoch muss es nicht unbedingt das Ziel sein, den kompletten Ausschnitt zu spielen, da einzelne Teile, wenn sie richtig verinnerlicht werden, ebenso das eigene Spiel positiv beflügeln und erweitern können. Daher gibt es zu allen vorliegenden Soli eine kleine Analyse. Die Materialien stehen zudem in Noten und Tabs bereit. 

Für die Playalongs geht mein großer Dank an meinen Bruder Christoph Behm, der die Schlagzeugaufnahmen zu diesem Workshop bereitgestellt hat, sowie an Sebastian Strahl, den ihr auf den Aufnahmen an der Orgel hören könnt. Die Playbacks sind sowohl im Originaltempo als auch in einer deutlichen langsameren Version zum Üben vorhanden. Ihr könnt dabei wählen, ob ihr meine Gitarre dabei haben wollt oder nicht.

Sunny

Beginnen wollen wir den Workshop mit einem Auszug aus Bobby Hepps bekannten Song „Sunny“, den Wes im Jahre 1966 für das Verve Label in den Van Gelder Studios in New York aufnahm. Der Titel erschien auf dem Album „California Dreaming“, das, wie der Name schon vermuten lässt, einige Songs der damals aktuellen Hitparade in seichten Jazz-Arrangements präsentierte. So auch den Song „Sunny“, der im selben Jahr erschienen war. Die damalige Besetzung im Studio war zweifelsohne sehr hochkarätig. So saß beispielsweise der junge Herbie Hancock am Piano und Bucky Pizzarelli war  einer der Rhythmusgitarristen. Für „Sunny“ kam allerdings eine abgespeckte Besetzung zum Einsatz. Wes wird hier im Original nur von Drums, Percussion, Kontrabass und Vibraphon begleitet. Auf der Aufnahme spielt Montgomery permanent in Oktaven. Nach zweimaligem Vorstellen des Themas geht es direkt ins Gitarrensolo. Eine Besonderheit dieses Arrangements ist, dass ab dem Solo die Tonart in jeder Formwiederholung einen Halbton nach oben transponiert wird – ein einfacher Trick, der unterschwellig für Abwechslung sorgt. 

Wes spielt drei Solodurchgänge, bevor es in einen ausgedehnten Outro-Vamp geht, über den er weiterhin improvisiert. Heute würde man diese Aufnahme wahrscheinlich als Smooth Jazz deklarieren. Auch wenn die Rhythm Section die Dynamik im Verlaufe des Stücks steigert, bleibt die Begleitung durch das schwebende Vibraphon eher unaufdringlich. Nichtsdestotrotz gibt Wes Montgomery auch hier eine vorbildliche Lehrstunde in Sachen Motivaufbau und Verarbeitung. Ich habe für euch die letzten beiden Solo-Durchgänge vor dem Outro transkribiert. Bevor wir jedoch das Solo auseinandernehmen, wollen wir in das vorliegende Material reinhören. 

Der zweite Solodurchgang startet in D-Moll. Wer „Sunny" schon einmal gespielt hat, der weiß, dass sich bei diesem Stück die Moll-Blues-Pentatonik der jeweiligen Tonart zum Improvisieren anbietet. Auch Wes Montgomery greift in seinem Solo sehr häufig auf dieses Material zurück, flicht aber zusätzlich sehr gekonnt die wichtigen Akkordtöne der Harmonien ein, die abseits von den Akkorden der Tonart auftauchen und für Spannung sorgen. Sehr schön kann man diesen Umstand gleich im zweiten Takt der aufgeschriebenen Soloform sehen. 

Wie übrigens in jedem Solodurchgang der Aufnahme startet Wes mit einer aufsteigenden Melodie zu Takt 1 der Form und bietet dann in diesem Chorus eine schöne Mischung aus rhythmischen Motiven und flüssigen längeren Oktavlinien. Interessanterweise legt er dabei den BbMaj7-Akkord in Takt 4 in seiner Melodieführung als Bb7 Akkord aus, was aber keineswegs stört oder auffällig ins Gewicht fällt.  

Das Solo kommt im Original, wie meist bei Wes Montgomery, sehr entspannt daher, hat es aber trotzdem in sich. Spätestens in Takt 14 fängt der Daumen an zu glühen, denn ohne Wechselschlag lässt sich dieses A7-Arpeggio in Sechzehnteln definitiv nicht spielen. 

Dazu sei gesagt, dass dieses Material auch sehr lehrreich ist, wenn man anstatt mit dem Daumen ganz konventionell mit dem Plektrum spielt. Zumal die letztere Variante um einiges leichter ist. 

Den dritten Chorus leitet Wes Montgomery dreistimmig ein, indem er zwischen die Oktave noch die Quinte platziert die im kleinen Barre zusätzlich zur Oktave mit den 4. Finger gegriffen wird. Diesen Sound wird man ein paar Jahre später übrigens auch sehr häufig von George Benson hören, der beim Verve Label als Montgomerys Nachfolger vermarktet wurde und der ohne Frage sehr viele markante Eigenschaften von dessen Spielweise in seinem Spiel verinnerlichte. Ansonsten featured dieser Chorus etwas mehr die Moll-Blues-Pentatonik und wirkt daher auch etwas bluesiger. Falls die Anwendung von Oktaven für euch Neuland darstellen sollte, achtet unbedingt darauf, mit dem Mittelfinger, sowie mit Zeige und kleinen Finger der linken Hand die nicht gespielten Saiten zu dämpfen, da sonst andere Töne schnell ungewollt mitschwingen. 

Four on six

Der Song „Four On Six“ aus Montgomerys eigener Feder erschien 1960 erstmalig auf seinem zweiten Album für Riverside mit dem Titel „The Incredible Jazz Guitar Of Wes Montgomery“. Diese Platte wurde von den damaligen Kritikern hochgelobt und kann als sein Durchbruch in der Jazzszene betrachtet werden. Die Komposition an sich nahm Wes danach noch häufiger auf. 

Ebenso ist der Song von einigen anderen populären Jazzinterpreten in den letzten Jahrzehnten aufgenommen worden und zudem auch im Realbook zu finden. Für den Workshop habe ich euch wieder zwei Solodurchgänge der ersten Aufnahme dieses Stücks transkribiert. Hören wir uns zunächst das Material an.

Die Form des Songs basiert auf 16 Takten und trägt vom harmonischen Verlauf Merkmale in sich, die wir in ähnlicher Form auch bei anderen Komposition von ihm wiederfinden. Los gehts mit vier Takten, die nur einen G-Moll-Akkord zur Grundlage haben und daher modal betrachtet werden können. Als Improvisationsgrundlage bietet sich hier die dorische G-Moll Tonleiter an. 

Ab Takt 5 der Form begegnen uns einige sogenannte II-V Verbindungen, die sich nach weiteren vier Takten wieder in die Grundtonart G-Moll auflösen. Hier gestaltet sich also das Skalenmaterial komplexer. Zu tun haben wir es in diesem Abschnitt mit der typischen Funktionsharmonik, die auch in vielen Bebop-Stücken zu finden ist. Die nächsten vier Takte verhalten sich ähnlich wie zu Beginn der Form. Abschließend moduliert das Stück für zwei Takte in die parallele Durtonart Bb Dur, um sich am Ende der Form wieder nach G-Moll aufzulösen.

Wenn ihr die angesprochenen musiktheoretischen Zusammenhänge genauer untersuchen wollt, kann ich euch übrigens sehr die Workshops meines Kollegen Haiko Heinz auf bonedo.de empfehlen.  

Der vorliegende Soloausschnitt widmet sich erneut Montgomerys berühmten Oktaven. Das von ihm gewählte Tonmaterial im ersten Formabschnitt beinhaltet sowohl die dorische G-Molltonleiter als auch die G-Moll Bluespentatonik. Über die II-V Bewegungen im zweiten Teil bewegt er sich in seiner Melodik wie gewohnt sehr elegant und nimmt wie beispielsweise im Takt 29 in den Noten auch schon mal Tonmaterial des nächsten Taktes vorweg. Außerdem lässt sich auch in diesem Solo wieder sein gekonnter Umgang mit melodischen und rhythmischen Motiven beobachten.  

Das Stück hat ohne Frage ein recht hohes Tempo, was das Oktavspiel natürlich nicht leichter macht. 

Besonders der letzte Abschnitt stellt eine echte Herausforderung dar und sollte daher ganz in Ruhe vorerst im langsamen Tempo geübt werden. 

Down by the riverside

Für die Aufnahmen zu „Jimmy & Wes: The Dynamic Duo“ & „Further Adventures of Jimmy and Wes“ trafen 1966 mit Wes Montgomery und Jimmy Smith zwei echte Schwergewichte an der Gitarre und der Hammondorgel aufeinander. Leider sollte es bei dieser einmaligen Studiobegegnung bleiben. Nichtsdestotrotz kann man auf diesen Aufnahmen ein wahres Feuerwerk an spielerischer Energie erleben. Unterstützt werden die beiden auf den Aufnahmen von einer Big Band.   

Das Konzept des Arrangements des vorliegenden Songs ist dabei denkbar einfach: Die Big Band stellt mit dem Thema zu „Down By The Riverside“, ein bekanntes Traditional vor. Danach geht es in einen schnellen Blues über den Orgel und Gitarre abwechselnd und am Ende auch gemeinsam in Quartett-Besetzung improvisieren. Nach einer Weile schalten sich die Bläser wieder hinzu, um die Energie noch weiter zu steigern und abschließend wieder ins Thema zu gehen. 

Die Soli erfolgen über einen Blues in Eb. Nachdem Jimmy Smith in knapp vier Minuten zu Höchstform aufgelaufen ist, startet Wes Montgomery sein Solo und präsentiert in den folgenden Minuten ein Paradebeispiel zum Thema Soloaufbau. Dabei bedient er sich eines Konzepts, das sich bei ihm häufiger beobachten lässt. Los geht es mit Singlenote-Lines, darauf folgen seine berühmten Oktaven, die am Ende des Solos auf dem Höhepunkt in einem furiosen Block-Akkord-Solo münden. Ich habe euch aus allen drei Abschnitten Material transkribiert. Anfangen wollen wir dabei mit den Singlenote-Lines. 

Hören wir uns jedoch zuerst das Material an.

In den gehörten zwei Bluesformen zeigt Montgomery sehr anschaulich, wie man mit vordergründig rhythmischem Material das „Süppchen“ am Köcheln hält und dabei zugleich Raum schafft, um die Band mit ihrem hohen Tempo wirken zu lassen. 

Er startet die vorliegenden zwei Durchgänge mit einem schönen Blues-Lick, das viermal wiederholt und dabei meist geringfügig abgeändert wird. Danach macht er sich die Eigenschaft der Gitarre zunutze, denselben Ton auf zwei unterschiedlichen Saiten zu spielen. Die daraus entstehenden rhythmischen Motive verdichten sich in den folgenden Takten immer mehr und enden in einer sogenannten II-V Line über die Akkorde Fm7 und Bb7, die wie aus dem Lehrbuch daherkommt. Ich muss zugeben, dass ich das vorliegende Material nicht mehr mit dem Daumen sauber spielen konnte und hierfür das Plektrum zur Hand genommen habe.

Auch im zweiten Soloabschnitt kommt Wes Montgomerys Oktavspiel auch bei diesem schnellen Blues sehr leichtfüßig daher. In den vorliegenden zwei Soloformen präsentiert er dabei mit der 9,11 und 13 häufig Material aus der sogenannten Upper Structure der Akkorde. Nach einigen schönen Slides im zweiten Solodurchlauf beendet er die Form erneut mit einer II-V Line, die wahrscheinlich ebenso etwas Übung benötigt.

Den Höhepunkt dieses Solos markiert das Akkordsolo, von dem ich euch den ersten Durchgang aufgeschrieben habe. Dabei sei noch einmal erwähnt, dass es sich sehr lohnt, dass Solo in Gänze zu hören. Die rhythmischen Interaktionen zwischen Gitarre und Schlagzeug am Ende des Akkordsolos sind einfach nur atemberaubend!  

Aber auch schon der erste Durchgang ist erneut ein Musterbeispiel für ein gelungenes Akkordsolo. Dass Montgomery dabei keine tieferen musiktheoretischen Kenntnisse wie andere studierte Jazzmusiker besaß, lässt sich kaum glauben. Ich habe, um das vorliegende Akkordmaterial besser zu verstehen, die dem Material zugrundeliegenden Harmonien zusätzlich notiert.

Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem Workshop das Gitarrenspiel Wes Montgomerys ein Stück näher bringen. Wer Lust auf mehr bekommen hat, sollte sich unbedingt seine Platten besorgen. Ebenso gibt es, wie schon erwähnt, auf YouTube einige Videomitschnitte zu sehen, bei denen man der sympathischen Jazzgitarrenlegende auf die Finger schauen kann. Außerdem ist inzwischen eine sehr lesenswerte deutsche Biografie von Oliver Dunskus zu Wes Montgomery unter dem Titel „Wes Montgomery - Sein Leben, seine Musik“ im Archtop Verlag erschienen, die auf wesmontgomery.npage.de bestellt werden kann. 

Hier bekommt ihr viele weitere biografische Hintergrundinfos und außerdem einen sehr detaillierten Überblick über alle Recordingsessions des Musikers.  

Viel Erfolg beim Üben und bis zum nächsten Mal!

Michael Behm

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