Hersteller_Clavia Stagekeyboard
Test
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22.06.2015

Praxis

Beim „Hochfahren“ braucht das Betriebssystem des Nord Electro 5D mit 16 Sekunden etwa doppelt so lange wie der Vorgänger. Das ist allerdings noch recht überschaubar, so manche Vollblut-Workstation braucht dafür über eine Minute. Beginnen wir also direkt mit ein paar Hörbeispielen.

Orgel-Sounds

So klingt die Hammond-Orgel des Electro 5D mit der neuen 122er-Leslie-Simulation (hier in der Close-Variante) und dem B3-Bass. Letzterer simuliert die speziell für den Fußbass konzipierten Tonewheels in 16- und 8-Fuß-Lage. 

Sowohl das Leslie als auch der Fußbass klingen extrem gut! Der Fußbass hat den Vorteil, dass er sehr durchsetzungsfähig ist. Insbesondere das 8-Fuß-Register klingt im Fußbass-Register aggressiver als bei den 9-chörigen Drawbars – genau wie bei einer echten Hammond. Dadurch eignet es sich besonders für das Spielen mit „Walking Bass“.

Auch die Verzerrung des neuen Leslies hat gegenüber dem Vorgängermodell noch mal deutlich an Authentizität zugelegt. Ein wichtiges Detail vermisse ich allerdings: Beim Electro 5D wird der Hall im Gegensatz zum Electro 4D nicht mehr durch das virtuelle Leslie geschickt und „verwirbelt“. Für einen Sound-Puristen ist das schon ein Verlust, denn damit entfällt die Simulation der klassischen Anordnung Hammond → (Feder-) Hall → Leslie. Wer gerade nicht weiß, wie das klingt, für den habe ich zwei kurze Hörbeispiele zum Vergleich aufgenommen:

Wo wir gerade bei den Kritikpunkten wären: An den Nord Electro 5D lässt sich derzeit leider kein externes MIDI-Keyboard als zweites Orgelmanual anschließen. Beim Vorgänger kam man per externer Tastatur in den Genuss eines „improvisierten“ Doppel-Manuals. Vielleicht wird dies ja noch mit einem OS-Update wieder möglich gemacht – zu wünschen wäre es!

Hören wir uns abschließend die neue Pfeifenorgel-Simulation an.

Pianos

Weiter geht es mit den Pianos. Auch wenn die Piano-Sounds nicht neu sind, so finde ich es doch bemerkenswert, dass in den Speicher des Nord Electro 5D jetzt mehr als vier Pianos in XL-Größe passen. Zwar machte der kleine Speicher des Electro 4D auch etwas erfinderisch. Jedoch musste ich bislang für verschiedene Bands immer wieder den Piano-Sound austauschen, was unnötig Zeit kostete. Das hat nun glücklicherweise ein Ende. Um die klangliche Vielfalt zu demonstrieren, habe ich nachfolgend vier Piano-Modelle, darunter zwei Flügel und zwei Upright Pianos, kurz angespielt.

Wurlitzer-Sound

Der Wurlitzer-Sound von Nord wurde gelegentlich kritisiert, weil er eine Zeitlang im Gegensatz zu den akustischen Pianos nicht wirklich weiterentwickelt wurde. Seit einiger Zeit gibt es auf der Website des Herstellers einen zweiten Wurlitzer-Sound mit dem Titel „Wurlitzer 2 Amped", der für mein Empfinden etwas besser als der Standard-Sound klingt und vor allem bei hohen Velocity-Werten nicht „knallt“. Dieser Sound befindet sich bereits ab Werk im Nord Electro 5D, daher schieben wir hier noch kurz einen Vergleich ein:

Hüllkurven-Regler für die Sample-Abteilung

Um zu demonstrieren, wie schnell man die Sounds der Nord Sample Library mit einer Hüllkurve anpassen kann, habe ich ein wenig an dem Attack- und Release/Decay-Regler gedreht. Besonders der Decay-Regler lädt dazu ein, neue Klänge aus „altem“ Material zu formen.

Effekte

Neu ist auch, dass alle Effekte jetzt in Stereo arbeiten. Ich habe mich gefragt, wie sehr das wohl klanglich auffällt. Waren die Effekte denn vorher alle oder zumindest teilweise mono? Um das herauszufinden, habe ich zum Vergleich mit Chorus und Flanger zwei Effekte genommen, die es sowohl im Electro 4D als auch im Electro 5D gibt. Etwas mühsam habe ich Rate und Intensität so eingestellt, dass sie bei beiden Geräten gleich klingen. Das Resultat gibt es hier zu hören:

Ich muss gestehen, dass mir beim Chorus kein Unterschied auffällt, beim Flanger ist jedoch ein breiterer Sound zu hören. Der Grundklang der Effekte scheint mir allerdings derselbe zu sein. Im Vergleich zum Nord Electro 4D ist das Stereo-Feature in meinen Augen eher unspektakulär.

Hören wir uns deshalb lieber die beiden neuen Effekte an, zu denen der Vibe-Effekt und die Röhren-Verzerrung gehören.

Layer-Sounds und Polyphonie

Ein willkommenes Feature ist der Layer-Modus, denn jetzt kann man z.B. endlich einen Streicher- oder Pad-Sound unter ein Klavier legen, um einen etwas weicheren, stimmungsvollen Klangteppich zu erzeugen. Gerade für Pop-Balladen und im Zusammenspiel mit Sängern ist diese Layer-Möglichkeit willkommen.

In puncto Polyphonie ist mir hier aber aufgefallen, dass die Sample-Synth-Abteilung mit 15 Stimmen im Gegensatz zu den anderen Sound-Sektionen sehr begrenzt ist. Aus meiner Sicht ist das etwas unzeitgemäß, wobei mir dieser Umstand beim Nord Electro bislang nie störend aufgefallen war. Wer jetzt aber Pianos mit Sample-Synth-Sounds im Layer-Modus kombiniert und dann beherzt aufs Pedal tritt, wird mit abreißenden Samples zu kämpfen haben. Das müsste im Jahr 2015 eigentlich nicht sein.

Presets und Setlist Mode

Mit dem umfangreicheren Bedienfeld und den neuen Features darf man sich natürlich fragen: Ist die Bedienung des Nord Electro 5 immer noch so einfach wie beim Electro 4? Um diese Frage zu beantworten, muss ich kurz etwas ausholen, da mir die Bedienung des Electro 4D wirklich gut gefallen hat. Bislang gab es zum Aufrufen von Presets vier nebeneinander liegende Programm-Taster. So hatte man sofort nach dem Einschalten vier Presets „unter den Fingern“. Mit den Value-Tastern konnte man dann 32 weitere Ebenen bzw. Bänke mit jeweils vier Presets aufrufen. Schneller und unkomplizierter ging es eigentlich nicht, auch wenn man sich mangels Display gut merken musste, welcher Sound wo zu finden war.

Beim Electro 5D finden wir die vier benachbarten Taster wieder, allerdings haben sie mehrere Funktionen. Im Normalbetrieb heißen sie Program, Live 1, Live 2 und Live 3. Die Auswahl von gespeicherten Presets erfolgt nun mit dem Button „Program“ und dem Dreh-Encoder. Die drei benachbarten Live-Mode-Taster können für das Abspeichern spontaner Soundkreationen als „Momentaufnahme“ benutzt werden. Ich muss ehrlicherweise gestehen, dass ich den auch vom Nord Stage bekannten Live-Modus bislang nie wirklich genutzt habe, da ich Sounds immer direkt abgespeichert habe. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass es anderen Benutzern ähnlich geht. Wer den Live-Mode jedoch schätzt, findet beim Nord Electro 5 drei eigene Taster dafür.

Kommen wir aber wieder zurück zur eingangs gestellten Frage. Um den Electro 5 also genau wie seinen Vorgänger benutzen zu können, müssen wir mittels Knopfdruck in den Setlist-Mode wechseln. Prompt wechseln die LEDs über den vier Tastern dann von rot auf grün – jetzt heißen sie nämlich A, B, C und D und dienen zur Anwahl von vier Presets, ungefähr wie im Electro 4. Im Setlist-Mode werden die vier Presets jeweils zu einem sogenannten „Song“ zusammengefasst und dann in der Setliste abgespeichert. Hierfür stehen 200 freie Speicherplätze zur Verfügung. Mit dem Dreh-Encoder kann man sich dann durch die Setliste bewegen. Stufenweises Durchschalten wäre mit Value-Tastern allerdings einfacher.

Beim Erstellen, Benennen und Abspeichern der Songs ist der Encoder allerdings von großem Vorteil: Buchstaben und Presets sind sehr schnell angewählt. Selbst spontane Änderungen in der Reihenfolge lassen sich mit dem Encoder im Handumdrehen realisieren.

Im Nord User Forum beklagen allerdings einige Teilnehmer, dass es keinen Software-Editor für den Setlist-Mode gibt, da das Erstellen langer Setlisten dann doch etwas umständlich sei. Man darf also hoffen, dass Nord hier noch einen Editor nachliefert, denn ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es trotz einfacher Bedienung am Rechner schneller gehen könnte.

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