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Test
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27.06.2019

Native Instruments Massive X Test

Synthesizer-Plugin

Der Nachfolger der Lead-Synth-Legende im Test

Bereits seit Mai 2018 ist bekannt, dass Native Instruments Massive X auf den Markt bringen wird. Nach der ersten Ankündigung folgte eine Verschiebung und eine erneute Ankündigung. Doch nun ist der Nachfolger von Massive, einem DER Softwaresynthesizer überhaupt, endlich da. In den letzten zwölf Monaten ist eine Vielzahl neuer Synths erschienen, die auf dem Plugin-Markt am Thron von Serum, dem bisher nächsten Konkurrenten zu Massive, sägen. Kommt nun also der Thronfolger, der nächste Über-Synth?  

Massive von Native Instruments war für viele Musikschaffende, die im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends mit dem Produzieren von elektronischer Musik zu Hause aus angefangen haben, der erste Berührungspunkt mit Synthesizern überhaupt. Für kein anderes Plugin gab es derart viele Tutorials, Preset-Packs und Anleitungen. Egal, ob im Genre Dubstep oder in verschiedensten House- und Technospielarten, der typische Wavetable-Growl war einer der ersten Sounds der heutigen Producer-Generation. EDM-Größen wie Skrillex oder Diplo sagt man nach, dass sie einige ihrer Lead- und Basssounds bis heute noch mit Massive produzieren. 

Es war einmal Massive

Seit dem Erscheinen von Massive Anfang 2007 schob Native Instruments ständig kleine Updates und Verbesserungen nach, bis 2015 die letzte Version (1.5.5) erschien. Seitdem herrschte Stille. Während Serum von Xfer links vorbeizog und rechts die Modularsynthwelle losbrach, wurde es bei den Berlinern, was neue Synthesizer-Plug-ins betrifft, in den 10ern ungewöhnlich still. Ob vom eigenen Erfolg der Maschine- und Traktor-Hardware-Reihen überrollt oder schlicht eine ideenlose Phase – woran es tatsächlich liegt, vermag keiner zu sagen. Nach den großen Plugins Massive, FM8, Absynth 5, ihrem Über-Sampler Kontakt, und dem Baukasten Reaktor folgte seitens der Berliner nichts dergleichen mehr. Bis Anfang Mai 2018.

Im Frühjahr 2018 veröffentlichte der Benutzer „davemacap“ im offiziellen NI-Forum eine Entdeckung, die er in einer Konfigurationsdatei eines Updates für die Komplete-Serie gemacht hatte. Hier war von Massive X die Rede: Die Katze war aus dem Sack. Ende Mai sprangen alle Blogs und Seiten vom Fach auf den Zug auf und so kündigte Native Instruments dann im September 2018 Massive X offiziell für Februar 2019 an. Im dazugehörigen Video konnte man für einige Frames einen kurzen Blick auf das neue Interface erhaschen. 

Die Reaktion in den einschlägigen Foren war daraufhin – vorsichtig gesagt – verhalten. Wenn selbst EDM- und Synth-Wunderkind Virtual Riot seine Zweifel am Design äußert und sich bei KVR und Gearslutz das Maul zerrissen wird, lässt das einen Hersteller nicht kalt. Und so kam es, wie es kommen musste. Kleinlaut verkündete Native Instruments im Winter dann die Verschiebung des Veröffentlichungstermins auf Juni 2019. Man sei mit Programmierung noch nicht so weit. Und jetzt ist Massive X endlich da.

Details

Massive X gibt es als AU- und VST-Version. Auf Nachfrage nach einer Stand-alone- und VST3-Version sagte Product-Manager Jeffrey Horton in der Pressevorstellung, beides sei im Rahmen von Updates in naher Zukunft geplant. Bis dahin muss Massive X allerdings noch als Plugin betrieben werden. Laut Hersteller habe man aus den anfänglich über 1300 Presets in einem ersten Auswahlverfahren zunächst die 450 besten Sounds ausgewählt und anschließend dann noch einmal auf 300 Presets reduziert.

Native Instruments will die Klangvielfalt von Massive X ab dem Erscheinen in einem stetigen Fluss von weiteren, teilweise kostenlosen Preset-Packs ausbauen. Für den Einstieg sei man aber knallhart nach dem Prinzip „Klasse statt Masse“ vorgegangen. Der Download ist ca. 1 GB groß, aufgeteilt in das Instrument selbst und die „Massive X Factory Library“, in der die 170 Wavetables enthalten sind. Die Registrierung erfolgt über das hauseigene Programm Native Access.

Ein Satz mit X – Das kann Massive X

Was ist neu in Massive X, was ist geblieben vom Vorgänger? Um Letzteres kurz vorwegzunehmen: nicht viel. Modulierte Parameter bekommen einen entsprechend gefärbten Ring – NI nennt das Saturn-Optik – was beim Vorgänger zwar weniger farbenfroh, aber dennoch ähnlich war. Die Modulationsverbindungen werden immer noch mit einem kleinen Kreuz am Modulator hergestellt. Gleich geblieben ist außerdem, dass bei keinem Parameter ein Wert angezeigt wird. Ob man nun 2, 10 oder 100 Millisekunden als Attack-Zeit eingestellt hat, sagen einem die Ohren. Das sind so ziemlich die einzigen Gemeinsamkeiten von Massive und seinem Nachfolger Massive X. Da folgt dann auch schon erster Wermutstropfen: Presets aus Massive lassen sich nicht in Massive X laden. Sehr Schade.

Eine weitere Ernüchterung kommt für Nutzer älterer Computer hinzu, deren CPUs kein AVX beherrschen: No Massive X for you, Sir. Wer beispielsweise viel Geld in ein früheres Mac Pro System investiert habe (vor 2011), bleibt somit außen vor. Besonders ärgerlich für viele, Native enthielt Käufern von Komplete 12 diese Info bisher vor. Mit der klaren Kommunikation hat es Native also aktuell nicht so.

Ansonsten ist an Allem geschraubt bzw. weiter- oder umgedacht worden. Einiges wirkt auf den ersten Blick reduzierter: So gibt es nur noch zwei Oszillatoren (statt drei, plus Modulations-Oszillator), einen Filter (statt zwei), keinen Stepper und keinen dezidierten EQ mehr. Dafür gibt es: 10 Wavetable-Technologien, zwei Noise-Quellen mit weit über 100 Geräuschquellen, die neben dem verschiedenen Rauschen (weiß, pink) auch jede Menge ungewöhnliche Geräuschquellen mitbringen wie Wasserfälle, Lagerfeuer, diverse Motoren und sogar Tiergeräusche, worunter der Grizzly besonders hervorsticht.

Zwei Phasenmodulatoren sind dabei, mit denen sich zusätzlich zum Wavetable-Universum noch FM-ähnliche Sounds aus den Oszillatoren holen lassen. Der Filter hat 9 Filterkategorien mit insgesamt 31 (!) Filtertypen. Man hat sich beispielsweise bei der beliebten hauseigenen Moogsimulation Monark bedient, aber auch kryptische Filternamen wie „Creak“, „Groian“ oder „Asimov“ bringen eigene Klangcharakteristiken mit. 

Effekte in Massive X

Anstatt der ursprünglichen zwei Insert-Effekte sind es nun drei. Aus 11 verschiedenen Kategorien könnt ihr auswählen. Falls ein zweiter Filter gebraucht wird, lassen sich im „Utility“-Effekt noch zwei weitere LP- oder HP-Filter zuschalten. Bei der Präsentation hielt man sich mit Details noch bedeckt, aber es scheint auch zu diesem Zeitpunkt schon angedacht gewesen zu sein, dass Schritt für Schritt zusätzliche Effekte nachgereicht werden. Das würde dem modularen Charakter von Massive X entsprechen. Die Insert-Effekte lassen sich im komplett neugestalteten Routing beinahe an beliebigen Stellen in den Signalfluss schalten.

Anders sieht es bei den drei sogenannten „Unit FX“ aus, die immer am Ende der Kette liegen. Neun auswählbare Effekte sind dabei, jeweils mit verschiedenen Unterkategorien. So hat das „Reverb“-Modul 17 verschiedene Hallarten im Gepäck. Die beim Vorgänger so beliebten Tube-Simulationen sind jetzt einem als „Nonlinear Labs“ (keine Verbindung zum Hersteller des C15) getauftem Modul gewichen. Zusätzlich hat NI hier noch die Möglichkeit eingebaut, aus sechs Boxen (Cabs-)Simulationen auszuwählen, um den analogen Verzerrcharakter noch zu verstärken. Der Dimension-Expander ist ebenso dabeigeblieben, wie Flanger und Phaser. Aus dem Chorus ist ein „Quad Chorus“ geworden, der bei entsprechender Einstellung unverschämt gute Lofi- oder Synthwave-Atmosphären erzeugt. 

Auch sonst ist alles größer, weiter, mehr: Statt acht gibt es nun 16 Makros, neun Modulatoren, die wahlweise als Hüllkurven oder LFOs genutzt werden können, vier Tracker-Modulatoren, die MIDI-Daten wie Velocity oder Pitch in Modulation umwandeln, und einen „VR“-Modulator. Bei diesem kratzt man sich kurz am Kopf und fragt sich, wie denn zur Hölle bitteschön Virtual Reality jetzt auch noch Synthesizer verbessern soll, bis die Presseerklärung darüber aufklärt, dass hier „Voice Randomization“ gemeint ist. Damit soll das leicht zufällige Verhalten vieler Parameter in alten Analog-Synthesizer simuliert werden.

Und drei Performer gibt es. Bis zu acht Takte lange und durch verschiedene Richtungen und Rhythmen und unterschiedliche Taktarten beeinflusste Modulationskurven lassen sich damit erzeugen. In jedem der drei Performer lassen sich außerdem bis zu zwölf Variationen und jeweils eigene Kurven erzeugen, die dann über eine Oktave verteilt per MIDI-Input getriggert werden können – hervorragende Idee für 96 Takte lange Modulationen. Im Live-Bereich eine ganz neue Möglichkeit für komplexe Sounds.

Zu guter Letzt ist auch an der Unison-Engine einiges geändert worden. Beim Vorgänger waren es noch bis zu 16-Unison-Stimmen, jetzt sind es 6. Die haben es aber in sich. So gibt es bei Massive X eine neue Funktion, mit der die Unison-Instanzen nach einer gewünschten Tonleiter oder sogar einer ganzen Tonart mit den passenden Stufenakkorden gestimmt werden kann. Auch bei uns eher unbekannte Tonarten aus dem arabischen und asiatischen Raum sind mit dabei. So könnt ihr euch beispielsweise eine „Gipsy Minor Algerian“-Tonart auswählen und zwischen dieser und einer einfachen Tonleiterskalierung hin und her faden – ein Paradies für Filmmusik.

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