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29.12.2020

Mehr als nur Gesang: Die Stimme als Instrument nutzen

Wie ihr eure Stimme abseits des herkömmlichen Gesangs neu entdecken könnt

Ein Interview mit Yule Post

Die menschliche (Gesangs-)Stimme galt schon immer als ein wesentliches und wichtiges Element einer Komposition. Sie verschafft der Message eines Songs Gehör und transportiert – mal improvisiert, mal nach Notenvorgabe – den jeweiligen Inhalt und meist die wichtigsten Melodien. Durch ihre Wandelbarkeit und Individualität kann die Stimme allerdings noch viel mehr sein: Mit ein bisschen Geschick und Know-how wird sie etwa zum Schlagzeug, Tiergeräusch, Synthesizer und, und, und. Sänger/innen und andere Stimmkünstler/innen haben im Laufe der Zeit verschiedenste Wege und Techniken gefunden, die Stimme als Instrument zu begreifen und zu nutzen. Wir zeigen euch einige Tipps, Herangehensweisen und Inspirationen, damit auch ihr eure Stimme neu entdecken könnt.

Vocal Percussion und Geräusche

Die Stimme kann nicht nur genutzt werden, um damit zu singen. Wer kennt nicht das Schnalzen mit der Zunge, das Pfeifen nach dem Hund oder das Imitieren von Tiergeräuschen? In den letzten Jahrzehnten haben sich einige Personen aus der Entertainment-Branche einen Namen damit gemacht, bestimmte Alltagsgeräusche mit der Stimme zu imitieren. Aber seht selbst:

Michael Winslow: Human Sound Machine

Das Imitieren unmenschlicher Sounds und Geräusche hat in China sogar eine jahrtausendealte Tradition und wird auch als ‚Kouji‘ bezeichnet.

Kouji: Chinesische Sound-Imitation

Aber auch die Musikwelt verstand es, die Stimme als Geräuschquelle zu nutzen. Die bekannteste Form davon dürfte wohl das Beatboxing sein, welches parallel zum Aufkommen der Hip-hop-Szene in den 1980er Jahren immer populärer wurde. Mithilfe eines Mikrofones können ausschließlich mit der Stimme erzeugte Sounds produziert werden, die einer Drummachine ähneln. Frühe Vertreter des Beatboxing waren etwa Doug E. Fresh oder Biz Markie, mittlerweile hat sich das Beatboxing als eigenständige Kunstform in der Musikszene etabliert.

Beatboxing: Doug E. Fresh

Michael Jackson dachte dieses Konzept weiter und entwarf ganze Song-Playbacks ausschließlich mit seiner Stimme. Er imitierte dabei nicht nur Drum Beats, sondern auch Bass Lines, Synthesizer und weitere Sounds.

Beatboxing: Michael Jackson

Obertongesang

Ein gesungener Ton setzt sich in seinem Gesamtspektrum aus vielen Einzeltönen zusammen, die in Relation zu dem vorherrschenden Grundton stehen und zunächst oft kaum wahrgenommen werden. Diese „Obertöne“ werden beim Oberton- oder auch Kehlkopfgesang verstärkt, wodurch der Eindruck entsteht, als würde eine Person zwei Töne gleichzeitig singen. Das klingt dann in etwa so:

Anna-Maria Hefele: Polyphoner Obertongesang

Die bekanntesten Obertongesang-Stile sind der westliche und der asiatische Obertongesang, es gibt aber über die ganze Welt verteilt noch diverse Varianten dieser speziellen Technik.
In einer Video-Reihe erklärt der Obertonsänger Timber A. Hemprich anhand praktischer Übungen, was es mit der Obertontechnik auf sich hat und wie ihr sie anwenden könnt.

Video: Obertongesang lernen

Klangfarbe, Attitüde und Performance

Viele Sänger/innen haben ihre Karrieren auf einem markanten und ungewöhnlichen Gesangsstil aufgebaut. Durch eine bestimmte Aussprache, Atmung, Lautstärke und die grundsätzliche Gesangsattitüde gelingt es vielen Künstler/innen, ihre Stimme als Instrument zu begreifen und sie klanglich in die musikalische Umgebung einzubetten. Dadurch wird sie zu mehr als nur einem Songtext- und Emotionsträger.

Dem amerikanischen Songwriter Justin Vernon aka Bon Iver gelang sein Durchbruch beispielsweise, als er begann, hauptsächlich mit der Falsett-Stimme zu singen, während die meisten männlichen Songwriter zu der Zeit die Bruststimme benutzten. Dieser besondere Falsett-Gesang ist bis heute prägend für den einzigartigen Bon Iver Sound.

Bon Iver – Skinny Love (Live)

Zuletzt sorgte die 18-jährige Billie Eilish weltweit mit ihrem einzigartigen Sound für Aufsehen. Ihr Stil wird vor allem durch Minimalismus und einen leisen, hauchigen Gesang geprägt, teilweise inspiriert von der angesagten ASMR-Szene.

Billie Eilish – bury a friend

Matthew Bellamy, Sänger der britischen Rock-Band Muse, sucht seine Inspirationen beispielsweise im klassischen Gesang und baut diese mit regelmäßigen Ausflügen ins Falsett gekonnt in einen Rockband-Kontext ein. 

Muse – Hysteria

Skurrile und exzentrische Stimmensounds waren das Markenzeichen von Nina Hagen, die Ende der 70er Jahre in der Berliner Punk-Szene für Aufmerksamkeit sorgte und bald deutschlandweit bekannt werden sollte.

Nina Hagen – Naturträne

Die kanadische Sängerin Lisa Dalbello erregte in den 80er Jahren mit ihrem exzentrischen, markanten Gesangsstil und der Verstellung ihrer Stimme Aufmerksamkeit, wie ihr hier hören könnt:

Lisa Dalbello-Gonna Get Close To You

Nicht zu vergessen ist außerdem die Peruanerin Yma Sumac, die mit einem Stimmumfang von mindestens vier Oktaven zwischen Kehlkopfgesang, Oper und westlicher Pop/Jazz-Musik jonglierte.

Yma Sumac – Tumpa

Die Möglichkeiten, eure Stimme neu zu formen und zu entdecken, sind schier unendlich. Jede/r Künstler/in hat hier unterschiedliche Herangehensweisen, da ja jede Stimme unterschiedliche Qualitäten und Potenztiale mit sich bringt. Beschäftigt ihr euch mit der Gesangsattitüde und Performance, solltet ihr deshalb nicht auf die anderen schauen, sondern ausprobieren und herausarbeiten, was speziell eure Stimme ausmacht.

Die Berliner Künstlerin Yule Post begann schon im Kindesalter, sich mit den Möglichkeiten ihrer Stimme zu beschäftigen und entwickelte dadurch eine ganz eigene Herangehensweise an bestimmte Vocal-Sounds und das Nachahmen von Geräuschen. Im folgenden Interview erzählt sie etwas genauer, wie es dazu kam und was sie euch mit auf den Weg geben kann.

DIE STIMME ALS INSTRUMENT NUTZEN – INTERVIEW MIT YULE POST

Wie kam es dazu, dass du deine Stimme auch abseits des Sprechens und Singens entdeckt hast?

Da ich nie wirklich ein Instrument gelernt habe, aber schon immer sehr musikbegeistert war, habe ich früh angefangen, meine Lieblingssongs nicht nur nachzusingen, sondern auch einzelne Instrumente nachzuahmen, weil ich die ja nicht spielen konnte. Auch bei gesungenen Texten habe ich den Fokus eher auf den Sound der Stimme gelegt als auf den tatsächlichen Text. Ich habe das immer alles sehr intuitiv und sorglos gemacht und dann auch angefangen Alltagsgeräusche wie beispielsweise Küchengeräte nachzuahmen. So habe ich mir über die Jahre einige Grundtechniken angeeignet und vor allem die Eigenschaft beibehalten, keine Angst zu haben, sondern einfach intuitiv zu versuchen, alles Mögliche mit der Stimme nachzuahmen. Mittlerweile kann ich ausschließlich mit meiner Stimme Demos und Song-Layouts bauen, ohne dafür ein Instrument zu benötigen.

Welche Techniken hast du dir über die Jahre angeeignet?

Da wäre beispielsweise das Nachahmen von Vocal-Samples. Also diese kurzen Vocal-Schnipsel, die man aus dem Electro-Bereich kennt und für die normalerweise mit einem Sampler eine Gesangsaufnahme zerstückelt und bearbeitet wird. Diese Sounds lassen sich auch mit der bloßen Stimme kreieren. Das ist ein sehr körperlicher Prozess. Ich nehme mir dann kurze, zackige Wortlaute (meist explosive Konsonanten, Anm. der Redaktion), spanne mein Zwerchfell impulsartig an und reihe diese Laute aneinander. Dazu forme ich asynchron meine Lippen um, wodurch dann diese sampleartigen Sounds entstehen.

Außerdem bin ich großer Fan vom Mongolian Throat Singing. Auf YouTube gibt es dazu viele Tutorials. Wenn man viel Platz in der Mundhöhle lässt und sie quasi zu einem O formt und gleichzeitig die Kehle „zudrückt“, als würde man stöhnen oder ein Geräusch „rausdrücken“ wollen, dann entsteht dieser obertonreiche Gesang. Ich benutze das beispielsweise, um Bass Lines oder Flächen einzusingen, anstatt dafür Synthesizer zu benutzen. 

Du lässt deine Stimme manchmal so klingen, als würde sie rückwärtslaufen. Wie machst du das?

Das ist eigentlich ähnlich wie beim Sample-Gesang, nur weniger körperlich. Ich fand diese Reverse-Effekte schon immer sehr inspirierend und habe dann einfach mal darauf geachtet, was genau diese Sounds eigentlich ausmacht. Das klingt meist, als würde sich da etwas ziehen und am Ende gibt es so eine Art Klicken. Ich versuche dann immer, diese Sounds nachzumachen und zu schauen, was da mit der Zunge und Stimme so möglich ist. Meistens benutze ich dafür dann so Lautfolgen wie „nja“ oder „jein“ und verziehe dabei meinen Mund ein wenig so, als würde ich breit lachen oder ein „e“ singen. Und dann sage ich diese Lautfolgen auf und probiere herum, bis es so klingt wie die Vorlage.

Was würdest du jemandem raten, der sich mehr mit solchen speziellen Vocal Sounds beschäftigen möchte?

ch habe gelernt, dass du in dem Bereich vor nichts Angst haben solltest. Es gibt kein richtig oder falsch und jeder findet durch herumexperimentieren Techniken, um die gewünschten Sounds zu imitieren. Auch wenn ich mich hier und da zum Affen mache, wenn ich einen Sound nachzuahmen versuche, ist das ja alles Teil des Prozesses und macht super viel Spaß. Wie bei allen Dingen wird man mit der Zeit besser und sollte akzeptieren, dass es anfangs noch nicht ganz so klingt wie gewünscht. Übung macht den Meister. Bleibt dabei aber stets intuitiv, experimentierfreudig und habt Spaß!

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