Hersteller_Korg
Test
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15.08.2014

Praxis

Ich musste während des Tests mehrmals an Propellerhead Reason und auch Rebirth denken und zwar immer dann, wenn ich in Gadget ein seltsam retroesk klingendes Arrangement gebaut hatte und dann auf das iPad schaute und grinsend feststellen musste, dass ich da gerade Hochtechnologie des Jahres 2014 dazu benutze, Tracks zu machen, die nach „1992“ klangen.

Tatsächlich geht von Korg Gadget fast die gleiche Faszination aus, wie seinerzeit von den Programmen der Propellerheads. Nämlich der extrem hohe Spaßfaktor, den man dabei hat, ein virtuelles Gerät nach dem anderen in den Song zu packen, sich von der fotorealistischen Bedienoberfläche (und der integrierten Skalenkorrektur) inspirieren zu lassen und dabei spielerisch neue Stücke oder zumindest Ideen zu entwickeln. Denn – wie sollte es auch anderes sein – genau an dem Punkt, wenn es darum geht, Tracks zu finalisieren, kommt das Konzept von Gadget ins Stottern. Hätte Korg ein Pendant zu Gadget in Form eines VST-Plug-ins ersonnen, mit dem sich am iPad erstellte Songs in der DAW öffnen und mehrspurig editieren lassen, wäre ich in der Redaktion dafür eingetreten, einen Sonderpreis für die beste App in diesem Universums einzuführen!

Hat Korg aber nicht und so muss man im Endeffekt den mühsam Weg über das Bouncen der Einzelspuren gehen, um Tracks auch wirklich ausproduzieren zu können. Nicht mal eine automatische Multitrack-Bounce-Funktion wurde uns spendiert! Auch eine Möglichkeit, Parameter über einen externen MIDI-Controller zu steuern, wurde vergessen – schade. Ich muss allerdings einräumen, dass es den Fall gibt, wo das auch nicht wirklich erforderlich ist. Nämlich genau dann, wenn man das Summensignal wirklich so haben will, wie es aus den Lautsprechern des iPad kommt. Das kann der Fall sein, wenn man Gadget dazu nutzen möchte, Tracks zu programmieren, die gewissermaßen als Retro-Sample-Quelle dienen. Aber das dürfte wohl eher selten der Fall sein.

Das ist vor allen Dingen deshalb schade, weil die Klangerzeuger in sich, sieht man mal von teilweise recht deutlichen Aliasing-Artefakten in leisen Release-Stellen ab, eine einigermaßen brauchbare Qualität liefern. Das ist zwar nicht wirklich High-End und auch nicht als ernsthafte Emulation der Vorbilder (beispielsweise MS-20, TB-303, Arp Odyssey) zu verstehen, aber für den Einsatz im weiten Feld der EDM, wo gerade in jüngerer Zeit eine etwas trashige, patinierte Klangästhetik sehr beliebt ist, reicht es in jedem Fall aus, beziehungsweise ist es gerade erwünscht.

Apropos Arbeit mit Gadget: Die stellt sich über weite Strecken als erstaunlich geschmeidig dar. Einen neuen, leeren Song erstelle ich über das Datei-Menü, wobei die App mich hier mit einem recht einfallsreichen Zufalls-Titel-Generator unterstützt. Kreationen wie „Closed Intersection“, „Fine Compound“ oder „Hybrid N“ dürften im Kontext eines Albums nicht unangenehm auffallen.

In den leeren Kanal lade ich durch Browsen in der Gadget-Liste meinen ersten Klangerzeuger. Den kann ich nun wahlweise über das On-Screen-Trigger-Pad/Keyboard einspielen oder die Noten direkt in das darüber liegende Piano-Roll-Raster einzeichnen. Optional unterstützen hier Metronom und eine Quantisierungsfunktion bei der Genauigkeit.

Tonal spielbaren Instrumenten wurde zusätzlich eine umfangreiche Skalen-Korrektur zur Seite gestellt, die ihre visuelle Entsprechung direkt auf dem Keyboard findet. Unterhalb der so eingespielten Noten findet sich die Anschlagsstärke. Will ich allerdings auf Controller-Daten zugreifen, muss ich jedes Mal zeitaufwändig durch das Menü scrollen, bis ich den gewünschten Parameter erreiche. Der ist – hat man ihn via Record-Funktion automatisiert – zwar optisch hervorgehoben, unpraktisch ist es dennoch.

Ebenfalls etwas hakelig in der Bedienung: das Anfassen, Verschieben und die Längenänderung von Noten. Denn oft greift man hier daneben und zeichnet eine neue Note ein oder löscht ungewollt bestehende. Hier ist tatsächlich ein Punkt, wo man sich eine Maus neben dem iPad wünscht.

Grundsätzlich gut gedacht – in der Praxis allerdings nicht ideal stellt sich auch die Auswahl von Samples innerhalb von PCM-Klangerzeugern wie etwa dem Drumcomputer „London“ oder dem Sample-Player „Amsterdam“ dar. Hier scrollte man in einer Tabelle, bis man den gewünschten – in Gruppen geordneten – Sound gefunden hat. Das Problem ist hier allerdings, dass man sehr schnell die Übersicht verliert, in welchem Sample-Slot man eigentlich den Sound ändern wollte. Bitte beim nächsten Update noch eine farbige Spalten-Markierung nachreichen, Korg, ja?!

Sehr gut gelöst dagegen sind alle Vorgänge, die das Verlängern und Kopieren von Takten und Szenen betreffen. Dazu wählt man nämlich einfach im „Function“-Menü den Punkt „Copy“, klickt Quell-Takt/Szene, danach das Ziel und fertig.

Nicht unterschätzen sollte man den Leistungshunger der App. Auf meinem – zugegeben nicht mehr ganz taufrischem – iPad der zweiten Generation war bei fünf Spuren und entsprechend fünf verschiedenen Geräten mit Automationsdaten und Effekten das Ende der CPU-Ressourcen erreicht und es kam zu unschönen Aussetzern in der Audiowiedergabe. Eine genaue Aussage über die Leistungsgrenze fällt schwer, da die einzelnen Gadgets teilweise sehr unterschiedliche CPU-Anforderungen stellen.

So schien der „Kiev“-Synthesizer beispielsweise weitaus fordernder als der lustige Chiptune-Synth „Kingston“ zu sein. Ich muss aber auch hinzufügen, dass gerade in der Spuren-Einschränkung, die durch die CPU-Reserven entsteht, ein gewisser Reiz liegt, Führt dies doch gewissermaßen zwangsweise zu reduzierten, aber effizienten Arrangements. Korg selbst spezifizieren die Systemanforderungen jedenfalls folgendermaßen:

Hören wir als krönenden Abschluss und kurz vor dem Fazit noch in einige der mitgelieferten Demo-Songs hinein:

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