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08.12.2016

Kaufberatung: Profi-Audiointerfaces im Vergleich (2019)

Professionelle Soundkarten ab 750 Euro

USB, Thunderbolt, Firewire oder AVB? Alle Vor- und Nachteile!

Wer mehr als nur sich und seine Gitarre oder Vocals aufnehmen möchte, braucht ein Interface mit vielen Eingängen und reichlich Preamps. Aber auch wer ein paar Synths und etwas Outboard sein Eigen nennt, wird an einem etwas größeren Audiointerface früher oder später nicht vorbeikommen. 

In dieser Übersicht zeigen wir euch unsere Empfehlungen ab 750 Euro. Wer weniger ausgeben möchte, sollte sich unsere Einsteiger-Audiointerfaces bis 250 Euro ober die Kaufberatung: Mittelklasse-Audiointerfaces im Vergleich anschauen.

Connection: USB, FireWire, Thunderbolt, AVB/Dante oder doch intern?

First things first: FireWire ist faktisch tot. Früher war es zwar durchaus USB überlegen, doch die Hersteller haben ihre Hausaufgaben gemacht, sodass es Performance-seitig kaum noch Unterschiede gibt. Somit ist dem USB-2.0-Anschluss bei einer Kaufentscheidung definitv Vorrang zu gewähren, zumal dieser an jedem Computer zu finden ist und Interfaces mit diesen Anschluss außerdem meist sowohl mit einem Mac, iOS-Geräten und einem PC kompatibel sind.

Thunderbolt hingegen gibt es praktisch nur am Mac, wodurch man etwas unflexibel ist. Viele Hersteller erreichen mit Thunderbolt allerdings minimal bessere Latenzwerte als mit USB – das Gleiche gilt auch für USB-3.0. Theoretisch spielen diese Anschlüsse vor allem bei extrem hohen Kanalanzahlen ihre Vorteile aus. Trotzdem bin ich überzeugt, dass Thunderbolt nur eine temporäre Erscheinung ist und sich längerfristig nicht behaupten wird (zu teuer, zu spezifisch, kurz: typisch Apple).

AVB und Dante wiederum ermöglicht die Audio- und Video-Übertragung via Ethernet und das mit vielen Kanälen und über größere Distanzen. Es gibt zwar auch noch PCI(e)-Interfaces, die in den Computer eingebaut werden – für relevant halte ich diese aber nicht mehr, außer an ProTools-Systemen.

Kanäle, Ein- und Ausgänge


Reichlich Ein- und Ausgänge bieten wirklich alle der hier vorgestellen Interfaces. Auf der analogen Seite findet man so sogar meist mehr als acht I/Os sowie mindestens vier Preamps. Unterschiede gibt es hier eigentlich nur bei den digitalen Anschlüssen. Auch wenn man diese momentan vielleicht noch nicht benötigt, sollte man sich bereits jetzt im Klaren sein, dass diese die beste Möglichkeit bieten, ein bestehendens Interface um weitere analoge Anschlüsse aufzurüsten. Das in die Jahre gekommene, optische ADAT-Format ist hierbei noch immer der Standard, genau wie MADI. Zukunftssichere und auch komfortabler in der Handhabung ist jedoch AES/EBU. Beispielsweise gibt es achtfach Mic-Pres mit eingebauten Wandlern und ADAT-Ausgang wie den Antelope Audio MP8d oder auch den RME ADI-8 DS MK3, welcher acht hochwertige Line I/Os bereit stellt – und das sowohl via ADAT als auch AES/EBU.

Wie viele Kanäle bzw. Ein- und Ausgänge ihr tatsächlich benötigt, hängt natürlich stark davon ab, was ihr konkret veranstalten wollt. Die meisten Singer/Songwriter, die sich selbst aufnehmen wollen, werden mit vier Eingängen bzw. Preamps vollkommen ausreichend bedient sein. Selbiges gilt auch für Ausgänge, wobei hier besonders reichliche Kopfhörer- und Monitor-Ausgänge zu begrüßen sind. Viele I/Os schaden definitiv nicht, denn so müsst ihr unter Umständen nicht umstecken und könnt alle Quellen angeschlossen lassen – vorausgesetzt, ihr habt überwiegend Line-Quellen wie Synthesizer, Drummachines oder externe Mic-Preamps am Start. Wer analoges Outboard einsetzen möchte, braucht natürlich noch mehr I/Os. Eine Patchbay braucht man dann möglicherweise nicht mehr. 

Möchtet ihr „organische“ Musik aufnehmen, sollten neben den Line-Ins auch noch Preamps mit an Bord sein. Wenn ihr nicht gerade ein Schlagzeug aufnehmen müsst, seid ihr mit zwei Preamps und zwei DI-Eingängen meist auf der sicheren Seite. Wer übriges ein Interface für das DJing sucht, dem lege ich den  „10 Top DJ-Audiointerfaces“- Beitrag meines Kollegen Peter Westermeier ans Herz.

Preamps, Vorverstärker, DI und Combobuchsen

Wer Mikrofone aufnehmen will, benötigt Vorverstärker, um die schwachen Signale eines Mics auf Line-Level heben zu können. Die meisten der hier vorgestellten Interfaces besitzen vier oder mehr Preamps. Mehr als vier Mic-Pres braucht üblicherweise nur, wenn man Drum-Aufnahmen machen will. 

Die Preamps von Interfaces besitzten fast immer einen universellen Charakter und sind damit eher neutral abgestimmt, als dass sie färben oder einen speziellen Charakter zu Tage fördern. Großartige Unterschiede werdet ihr in den Preamps also kaum finden, nur das maximale Gain wird sich hier und da unterscheiden. Meiner Meinung nach macht es sowieso mehr Sinn, sich früher oder später einen richtig guten “Charakter”-Channelstrip mit Preamp zu gönnen. Interessanter sind hingegen Pad-Schaltungen, um auch extrem laute Signale unverzerrt einfangen zu können. Schön sind zwar auch Soft-Limit Funktionen, konservativ gepegelte Aufnahmen mit reichlich Headroom klingen dennoch besser als ausgereizte Preamps mit Limiter. 

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Vorhandensein von DI-Eingängen für Instrumente wie E-Bass und E-Gitarre. Alle hier vorgestellten Interfaces haben solche Eingänge, nur die Realisierung unterscheidet sich hier und da. Beispielsweise haben kompaktere Interfaces meist sogenannte Combo-Buchsen spendiert bekommen. Combobuchsen ermöglichen den gleichzeitigen Anschluss für XLR und T(R)S/große Klinke. Meist sind diese Preamps so ausgelegt, dass via XLR der Mic-Pre angesprochen wird und via Klinke der Instrumenten- oder Line-In bedient wird. Was auf der einen Seite Platz spart, hat jedoch den entschiedenen Nachteil, dass man so öfters umstecken muss und Mic-Pres und DIs auch nicht gleichzeitig aufnehmen kann. 

Direct-Monitoring, DSP-Effekte und Routing

Wer sich selbst aufnehmen möchte, sollte sich dabei hören können. Das nennt sich Monitoring. Wenn eure Signale dabei erst durch den Computer geschickt werden müssen, dann entsteht eine Verzögerung. Diese sogenannte Latenz wirkt sich negativ auf das Gefühl beim Einspielen oder Einsingen aus. Das muss euch aber nicht sorgen, denn alle hier vorgestellten Interfaces haben alle ein DSP-Monitoring an Board – wir sind schließlich in der Profi-Klasse.

Viele der gezeigten Interfaces bieten außerdem DSP-Effekte, was heißt, dass diese auf dem Interface selbst berechnet werden und damit faktisch latenzfrei auf euer Monitoring angewendet werden können. Etwas EQ, Kompression und Hall auf die Stimme geben während der Aufnahme? Kein Problem! Manche Interfaces bieten mittlerweile solch ausgereifte DSP-Mixer, dass man theoretisch sogar eine komplette Mischung auf dem Interface allein realisieren könnte. In den meisten Fällen kann man aber auch einfach nur jeden Eingang auf jeden Ausgang routen, sodass das Interface auch zum Repeater, Splitter und Merger wird.

Getrennt adressierbarer Kopfhörer-Ausgang

In dem obigen Zusammenhang macht natürlich auch ein getrennt adressierbarer Kopfhörerausgang Sinn, damit ihr eure Monitor-Mischung auch losgelöst vom Main-Signal für die Speaker dem Künstler auf die Ohren geben könnt. Alle hier vorgestellten Interfaces haben einen getrennt adressierbaren Kopfhörer, der Kopfhörerausgang hat also einen eigenen D/A-Wandler spendiert bekommen. 

Monitoring

Für ein gutes Monitoring ist es natürlich genauso wichtig, unkompliziert lauter und leiser machen zu können. Demzufolge ist es wünschenswert, mindestens einen der Stereo-Ausgänge am Gerät direkt in der Lautstärke regeln zu können. Schöner wäre es natürlich, wenn die Software des Interfaces es auch zulässt, mehr als ein Paar Monitor-Speaker definieren zu können. Am besten dient dann der Push-Encoder zur Lautstärkenregelung und wechselt auf Druck zwischen den Monitor-Ausgängen hin und her. Sollte das nicht der Fall sein, benötigt ihr unter Umständen einen zusätzlichen Monitor-Controller  – und die kosten nicht gerade wenig Geld, wenn sie gut sein sollen! RME hat hier sehr gute Konzepte und auch eine kabelgebunde Remote im Angebot, sodass ihr euer Interface auch in das Rack schrauben könnt und trotzdem komfortabel vom Arbeitsplatz aus laut und leise machen könnt.

Treiber


Ein weiterer, wichtiger – wenn nicht sogar DER wichtigste – Aspekt eines Audiointerfaces sind die verwendeten Treiber. Diese sollten möglichst stabil sein und regelmäßig gepflegt werden, sodass Änderungen am Betriebssystem nicht auf einmal euer Setup außer Gefecht setzen. Vor allem der Hersteller RME gilt hier mal wieder als Maß der Dinge, was Treiberstabilität und Performance betrifft. RME schafft beispielsweise auch Latenzwerte über USB, die andere Hersteller nur mit Thunderbolt schaffen.

Wer die Wahl hat, hat die Qual bei RME

RME wurde in der Einleitung des öfteren genannt. Das ist auch kein Zufall! Gerade im professionellen Bereich kommt man kaum um den deutschen Hersteller herum. Und so haben wir auch bereits reichlich Interfaces getestet. Als erstes möchte ich euch das RME Fireface UC im 9,5”-Format vorstellen, was eines der günstigsten Interface in diesem Vergleich ist. Es bietet zwei digital steuerbare Preamps, zwei DI-Eingänge, reichlich weitere analoge I/Os sowie einen extrem umfangreichen DSP-Mixer für das Routing. 

Das Fireface UCX ist grundsätzlich identisch, bietet allerdings noch DSP-Effekte und einen zusätzlichen Remote- und Firewire-Anschluss inklusive Bus-Power. Die Preamps haben außerdem eine AutoSet-Funktion als Übersteuerungsschutz an Board. Weiterhin bietet das UCX einen Class-Compliant Mode, funktioniert also auch mit iPad und Co. Das UC hat leider keinen Class-Compliant Mode. Mit einem Preis von rund EUR 1200,– ist das Fireface UCX allerdings deutlich teurer als das UC mit 900 Euro.

Ähnlich verhält es sich auch mit dem Fireface UFX II und dem Fireface 802, wobei letzteres mit einem Preis von EUR 1427,– im Vergleich zu EUR 1899,– (UFX) das deutlich günstiger 19-Zoll Audiointerface ist. Die größten Vorteile der teureren Variante sind meiner Meinung nach das Display und die digital steuerbaren Preamps.

Wer zusätzliche Wandler benutzten möchte oder große Digitalpulte sein Eigen nennt, trotzdem aber nicht auf RME Performance verzichten möchte, dem seien die RME MADI-Interfaces ans Herz gelegt. MADI ist ein digitales Format, das pro optischer Leitung bis zu 64 Audiokanäle bei 48 kHz übertragen kann und deshalb vor allem im Live- und Broadcast-Kontext Verwendung findet. 

Die günstige Alternative heißt hier MADIface USB (EUR 850) und kann je einen MADI I/O mit dem Rechner via USB 2 verbinden. Das MADIface XT hingegen kommunziert über USB 3.0, kann gleich drei MADI-Streams verwalten und bietet außerdem noch ein paar analoge Anschlüsse (2xIn, 4xOut) inklusive Kopfhörerverstärker, einen AES/EBU I/O sowie den Remote-Anschluss. Es kostet allerdings auch stolze EUR 2179,–.

Ganz neu im Programm ist das RME UFX+, das nicht nur ein paar leichte Updates gegenüber dem UFX ohne Plus zu bieten hat, sondern auch einen optischen MADI I/O am Start hat, wodurch sich der 44,1 kHz Channelcount auf 94 Kanäle ordentlich aufblasen lässt! Mit einem Straßenpreis von rund EUR 2700 ist es allerdings in der Premium-Liga positioniert.

Luxus von Focusrite: Focusrite Red 4 Pre

Mit vier hochwertigen Preamps und allerlei Variationen bezüglich der Computeranbindung (Thunderbolt, Dante, Pro Tools HD) geizt das Premium-Interface von Focusrite wahrlich nicht! Dank zwei Displays und reichlich Hardware-Bedienelementen geht das Handling flüssig von der Hand. Dank dual ADAT und Dante lässt sich das Interface natürlich auch noch üppig erweitern. Ganz günstig ist der Spass allerdings nicht: EUR 2700 sind für das Focusrite Red 4 Pre aufzutreiben.

Elitär, stylisch und nicht ganz billig: Apogee und AVID

Apogee gehört ebenfalls zu den Premium-Herstellern und darf in diesem Ratgeber natürlich nicht fehlen! Zum einen hätten wir da das Desktop-/Tabletop-Gerät Apogee Quartet im Angebot, welches für rund EUR 1500,– über die Theke geht und mit vier sehr guten Preamps ausgestattet ist. Auch ausgangsseitig ist das Inteface mit einem Kopfhörerausgang und sechs analogen TRS-Ausgängen gut bestückt, zumal diese mit Hilfe der Software auch direkt als Speakerausgänge für das Monitoring genutzt werden und direkt am Gerät umgeschaltet werden können. Generell sind die vielen Hardware-Bedienmöglichkeiten am Gerät ein Segen und machen die Bedienung zum Kinderspiel! Wie alle reinen Apogee-Geräte ist auch das Quartet allerdings „Mac only“. 

Es gibt übrigens auch eine schwarze Version des Geräte mit dem Aufrduck „AVID Pro Tools Quartet by Apogee“, die sogar mit Windows Maschinen funktioniert und mit der Pro Tools Software gebundelt wird.

Ebenfalls schwarz ist auch das große Apogee Ensemble Thunderbolt. Es bietet reichlich Hardware-Bedienelemente, gleich acht Preamps, zwei Hardware-Inserts sowie zehn analoge Ausgänge und viele digitale I/Os. Es ist mit rund EUR 2900,– allerdings auch bei weitem keine Schnäppchen mehr.

Richtig Luxuriös wird es mit dem modularem Apogee Symphony, was bei rund EUR 2000 "leer" anfängt und voll ausgebaut rund EUR 5400 einfordert.

Hardware-DSP-Beschleunigung inklusive: Das Universal Audio Apollo

Eine Ausnahme von allen Interfaces dieses Ratgebers stellen die verschiedenen Universal Audio Apollo dar, die mittlerweile in der zweiten und verbesserten Auflage erhältlich ist. Sie bieten neben den Vorzügen eines erwachsenen Audiointerfaces außerdem die Möglichkeit, sogenannte DSP-Effekte zu berechnen. Diese haben den Vorteil, die CPU des Hosts nicht zu beanspruchen und können im Allgemeinen auch Echtzeit-optimierter programmiert werden. Universal Audio bietet für diese „UAD2“ genannte Umgebung auch mehr als reichlich Plug-Ins an, welche allesamt sehr gut klingen, allerdings auch mit Abstand die am teuersten am Markt sind. Darauf sollte man sich einstellen.

Ferner gibt es die Interfaces mit zwei (Duo) oder vier (Quad) DSPs, die natürlich im direkten Zusammenhang mit der Anzahl ausführbarer Plug-Ins stehen. Außerdem gibt es die Interfaces mit vier (Apollo 8) oder acht Preamps (Apollo 8P) sowie ganz ohne Vorverstärker und nur mit Line-I/Os via D-Sub 25 augestattet (Apollo 16). Wir hatten das Apollo 8 Quad stellvertretend im Test, was allerdings durchaus das beste Preis-Leistungsverhältnis bietet.

Die günstige, profesionelle Lösung: MOTU

Von MOTU gibt es ebenfalls einige Lösungen, wobei ich hier zunächst auf die Systemlösungen der AVB Serie hinweisen will, die sich via Netzwerkkabel unkompliziert kaskadieren lassen, sodass man sich schnell sehr umfangreiche Setups zusammen bauen kann. In unserem MOTU AVB 112D und 24 Ao Test findet ihr alle weiteren Informationen dazu.

Als konkrete Interface Lösungen kann ich auch das MOTU 828x empfehlen, das mit zwei Mic-Ins im Vergleich zu den anderen Interfaces zwar etwas geizt, ansonsten aber mit Inserts und vielen analogen I/Os für seinen Preis geradezu fürstlich ausgestattet ist. Außerdem bietet es reichlich Hardware-Bedienelemente und aussagekräftige Displays – und das für nur rund EUR 890,–!

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