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Test
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13.11.2019

Heavyocity Vento Test

Kontakt-Library

Ein Synthie aus Holz

Heavyocity ist die erste Adresse für hybride Instrumente: analog, elektronisch, gerne sphärisch und immer cineastisch, wie z. B. Gravity, die Evolve-Serie und eine Serie orchestral-hybrider Libaries. In dieser Serie, bisher bestehend aus Novo (Streicher) und Forzo (Blechbläser), kommt mit Vento nun die Holzbläser-Library dazu, die sich nahtlos in das Klangbild des Hauses einreiht. Was Vento genau kann, ob es mit seinen Vorgängern mithält, und wie es klingt, haben wir für euch getestet.

Details und Praxis

Download und Installation

Download und Installation erfolgen über das hauseigene Heavyocity-Portal. Nach Eingabe von Produkt, Kaufdatum etc. kann die Seriennummer eingegeben und das Instrument heruntergeladen werden. Die knapp 19 GB sind relativ fix aus dem Netz gezogen. Anschließend noch kurz per Native Access registrieren und dann kann es auch schon losgehen.

Instrumente, GUI und Presets

Es gibt zwei Instrumentenkategorien: Traditional und Evolved. Traditional enthält fünf Instrumente, nämlich Flöten, Klarinetten, High- (Piccolo, Flöte, Klarinette, Oboe), Low- (zwei Bassklarinetten, zwei Fagotte) und ein Contra-Ensemble (zwei  Kontrabassklarinetten, zwei Kontrafagotte). Evolved hingegen enthält nur zwei NKIs: Woodwind Designer und Woodwind Loop Designer. Dass Vento bei Einzelinstrumenten nur auf Flöten und Klarinetten setzt, ist erst mal enttäuschend, schließlich sind Oboen und Fagotte Standards unter den Holzbläsern – genau wie übrigens die normalen Sonderinstrumente Piccolo, English Horn und Kontrafagott. Die fallen in Vento als Einzelfarbe leider alle weg. Insofern ist die Traditional-Abteilung auch nicht weiter zu gebrauchen, es sind zu wenig Instrumente, zu wenig Artikulationen und die Instrumente sind zu Tode prozessiert, daher für den traditionellen Gebrauch uninteressant.

Im Gegensatz zu der Traditional-Abteilung macht der schwer prozessierte Klang im Designer und bei den Loops total Sinn, denn unter Hinzunahme der reichhaltigen Effekte entstehen Soundlandschaften, die teilweise sehr interessant, aber immer hervorragend klingen und bizarrer Weise teilweise auch sehr nach 80er-Jahre-Synthies. Das GUI ist groß, was gut ist, denn es ist randvoll mit Fadern, Channel-Informationen, FX-Menüpunkten etc. Alles schreit einem schon beim ersten Blick geradezu „Hybrid“ entgegen. Die Presets sprechen eine ähnliche Sprache. Es gibt bis zu sechs Preset-Ordner: Organic, Ambient, Textures, FX usw. Und all diese Ordner sind prall gefüllt. Es ist also ein Leichtes, sich einen Überblick zu verschaffen. 

Soundquellen

Ausgehend von den Artikulationen im Traditional-Ordner ahne ich erstmal nichts Gutes. Zu Unrecht – zum Glück, denn unter dem Menüpunkt „Source“ lässt sich nicht nur zwischen verschiedenen Sektionen (Flöten, Klarinetten, Ensembles, Loops) und Mikropositionen wählen, sondern auch zwischen verschiedenen Artikulationen, die im Traditional-Ordner gar nicht auftauchen. Und von denen gibt es hier eine ganze Menge – die üblichen sowieso (Sustain, Staccatto, etc.), aber auch unübliche wie z. B. Staccatto Waves, Random Vibrato, Random Bends, Atonal Rip-Up u. v. m. Die kommen zwar schon mit FX-Kette an, aber wenn man alle FXs abschaltet, hat man in vielen Fällen ein relativ trockenes Sample, das sich auch in anderen, nichthybriden Kontexten verwenden lässt. Vento taugt also doch auch als Quelle für ungewöhnliche Artikulationen, wenn auch leider mit sehr eingeschränktem Instrumentenangebot.

Hybridantrieb a la Heavyocity; Layering, Sequenzer FX, Master FX, Cycle

Die Design- und Loopsounds bestehen aus drei Einzelsounds, jeder auf seinem eigenen Kanal. Natürlich kann man die Sounds individuell austauschen und auf der Klaviatur mappen. Es lassen sich überdies aber auch die Sequenzer-FX für jeden Kanal einzeln zuordnen und deren Parameter individuell regeln. In der Mischsektion in der Mitte des GUI, rund um den großen Button, der als Anzeige für den Macro Sequenzer dient, kann man dann noch regeln, in welchem Umfang die Effekte global vom Macro Sequenzer gesteuert werden. 


Neben diesen individuellen Effekten gibt es auch noch die Master-FX-Filter: Distortion, Chorus, Delay und Reverb, die global funktionieren und weder kanal- noch sequenzerabhängig sind. Ein interessantes Tool im Designer ist Cycle. Damit lassen sich extrem lange, klangliche Entwicklungen gestalten, und zwar folgendermaßen: Cycle gestattet es, acht auf dem gleichen Sample basierende Patterns in Reihe zu schalten. Das Besondere ist, dass sich für jedes Pattern die Parameter Samplestart, Rate, Steps, Attack und Release einzeln gestalten lassen. Und da ein Pattern bis zu 64 Steps haben kann, in einem Viervierteltakt sind das also 16 Takte, ergibt sich eine maximale Entwicklungslänge von 128 Takten – und das, bis ein Sound wieder an seinen Startpunkt zurückkehrt.

Das in Kombination mit der Möglichkeit, drei Sounds zu layern bedeutet unendliche Möglichkeiten in Sachen Polyrhythmik und Laufzeitverschiebungen. Statisch liegende Flächen gehören in Vento somit komplett der Vergangenheit an. Cycle ist in meinen Ohren das bemerkenswerteste Tool, da es ein wichtiges Charakteristikum von organischen Klängen – d. h. eine konstante Bewegung, und sei sie noch so klein – in einen elektronischen Kosmos überführt und damit ein Musterbeispiel für die Beschreibung „hybrid“ liefert. Im Loop-Designer existiert Cycle nicht. Stattdessen findet sich dort der Designer, mit dem sich immerhin noch Volume, Start, Pan und Tune des jeweiligen Loops bearbeiten lassen.

Fazit

Heavyocitys Vento ist ein guter Abschluss für das Standardpaket Streicher, Blech und Holz. Sowohl Klangästhetik als auch Bedienung schließen nahtlos an die beiden Vorgänger-Libraries an und runden das Paket ab. Während Novo und Forzo jedoch die Eigenarten der zugrundliegenden Instrumente voll ausnutzten, wird dieses Potenzial bei Vento nicht ganz ausgeschöpft. Das liegt unter anderem daran, dass schon das Angebot an Holzbläsern und ihren Möglichkeiten nur beschränkt Verwendung findet. Aus diesem Grund vergebe ich ausnahmsweise auch nicht die volle Punktzahl; einfach, weil noch viel mehr drin gewesen wäre. Was man Heavyocity allerdings absolut zugutehalten muss, ist, dass sie ungehörte Klanglandschaften mit Holzbläsern erzeugen und neues Terrain ausloten. Damit geben sie in einer Zeit, in der Holzbläser in großen Scores meistens kaum eine Rolle spielen, einen Ausblick auf neue Verwendungsmöglichkeiten.

  • PRO
  • Sehr guter Klang
  • Endlos viele Bearbeitungsmöglichkeiten
  • Neue Horizonte an der Holzbläserfront
  • Kreieren von organischen Klängen per Cycle leicht zu machen
  • Klanglich logische Ergänzung zu den beiden Vorgänger-Libraries
  • Reiches FX-Angebot, sowohl lokal als auch global
  • CONTRA
  • Eingeschränktes Angebot von Einzelinstrumenten bzw. deren Klangfarbe
  • FEATURES
  • Knapp 19 GB Content
  • Über 11.000 Samples
  • Bis zu drei miteinander kombinierbare Klangquellen
  • Satte FX-Sektion, global und pro Channel
  • 163 Artikulationen
  • 110 Snapshot Presets
  • 57 NKAs
  • 432 Tempo-Synced Loops
  • Cycle für granulare und rhythmische Effekte
  • Systemanforderungen
  • Kontakt-6-Player (letzte Version)
  • macOS 10.12, 10.13 oder 10.14 (letztes update), i5
  • Windows 7, Windows 8 oder Windows 10 (letztes Service-Pack), Intel Core i5 oder gleichwertige CPU, 2 GB RAM
  • Preis:
  • 349 € (Straßenpreis 11.11.19.)

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