Test
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15.09.2011

PRAXIS

Direkt vorweg: Ohne das Manual von der ersten bis zur letzten Seite durchgeackert zu haben und ich meine wirklich Lesen, Ausprobieren, Verinnerlichen, kriegt man beim Octatrack keinen Fuß auf den Boden, respektive kein Sample zum Klingen. Leicht macht es einem das Druckwerk dabei nicht: Man merkt an jeder Stelle, dass es von den Entwicklern höchstpersönlich geschrieben wurde – leider ist dadurch die didaktische Aufbereitung ein bisschen zu kurz gekommen. Ich selber gehöre noch zu einer Generation, die ganze Soundbänke und Tracks an winzigen Displays programmiert hat (darunter Kaliber wie Yamaha DX7-II, Roland MC-80 und Emu Ultra Proteus) und brauchte dennoch knapp eine Woche, um mit dem schwarzen Gesellen aus Schweden Freundschaft zu schließen. Und der Weg dahin ist teilweise ziemlich steinig: Er beginnt bei der komplexen Datenhierarchie und reicht über unzählige Doppelbelegungen und Shortcuts, die es auswendig zu lernen gilt, bis hin zu den teilweise schwierig unterscheidbaren LED-Zuständen. 

Hat der stolze Besitzer diese harten Prüfungen gemeistert und darf sich fortan ein echter Octatrack-Seal nennen, belohnt ihn die Maschine mit einem ziemlich zackigen Workflow. Hier zeigt sich dann auch ihre Qualität als Steuerzentrale in unterschiedlichsten Live-Szenarien. Dank des rocksoliden Master-Clock/Midi-Sequencers, der durchschleifbaren Eingänge samt Vorhör-Funktion, des trickreichen Live-Samplings und der flexiblen Szenen- und Effektsteuerung, bietet die schwarze Metallbox unzählige Einsatzmöglichkeiten. Egal, ob als Zweikanal-DJ-Mixer, Live-Looper mit Effekten oder im Studiosetup, wo sich der Octatrack als Hardwaresequencer-Steuerzentrale anbietet – er macht eine gute Figur. Die Grenzen sind dabei fließend. So wird aus einem DJ-Setup, wenn man den Sampler anwirft, in null Komma nichts eine Remixing-Session. Aus einer Looping-Schleife mal eben eine neue Songidee. Dieser Flow wird besonders durch das octatrack´sche Prinzip gefördert, grundsätzlich nicht-destruktiv zu arbeiten. Alle aktuellen Einstellungen (inklusive Samples) werden immer automatisch gespeichert. Man frickelt an einer Nummer, schaltet die Maschine aus und wieder an und ist genau an dem Punkt, wo man ihm den Strom zwangsweise entzogen hat. Da kann man als DAW-User schon mal neidisch werden. 

Ich will dem geschätzten Leser nicht vorenthalten, dass ich zwei Nachmittage auf eine leicht bewegte Wasseroberfläche schauen musste, um mein abschließendes Urteil zu fällen (nun gut, die wärmenden Sonnenstrahlen des Spätsommers machten das Aussitzen dieses Gewissenskonfliktes erträglicher). Warum das? Nun, ich bin mir ziemlich sicher, dass es Musiker gibt, die, wenn sie einfach nur ihre Songideen festhalten wollen und bisher mit einer DAW oder einer Groovebox vom Schlage einer Elektribe gearbeitet haben, den Octatrack hassen werden und ihm nicht mal einen Stern zugestehen würden. Auf der anderen Seite bin ich überzeugt, dass manche Anwender, die ihre Inspiration aus der unmittelbaren Arbeit mit der Maschine ziehen und einen – ich nenne es mal - technischen Zugang zum Musizieren haben, sich im Workflow des Octatrack nach einer intensiven Einarbeitung, bestens zurechtfinden werden. Irgendwo dazwischen liegt also mein Fazit und egal wie man jetzt persönlich das Bedienkonzept wahrnimmt.

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