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27.07.2018

Eine Liebeserklärung an den Korg Microkorg

Kult-Synth mit Dauerbrand

Seit 16 Jahren im Markt. Was macht den Kleinen so begehrt?

Mit seinem Vintage-Look setzte der Korg Microkorg Ende 2002 einen wichtigen Grundstein für den Retro-Trend in der Keyboardwelt, der sich noch heute immer weiter ausbreitet: Gerade im Keyboard/Synthesizer-Bereich tauchen ständig neue Techniken und Hypes auf, welche viele Hersteller zur permanenten Weiterentwicklung ihrer Produkte drängen. Jedoch konnten weder innovative Sampling-Methoden, noch preiswerte Analog-Synthesizer oder verschiedene Hybrid-Konzepte dem Microkorg ernsthaft etwas anhaben: Seit mittlerweile 16 Jahren wird der „Analog Modeling Synth“ in unveränderter Ur-Form hergestellt und erfolgreich verkauft. Wie konnte der kleine Allrounder sich in derartig kurzlebigen Zeiten so lange auf dem Markt behaupten?

Als Teil einer eher jüngeren Keyboarder-Generation kann ich mit Stolz behaupten, dass der Microkorg mein erster Synthesizer war. Warum ich ihn dafür auserkoren habe, mit mir die Welt der synthetischen Klänge zu erforschen? Kurz und knapp: Der kleine Korg Synth war bezahlbar, sehr portabel und allgegenwärtig. Das dürften sich auch viele Rock/Pop-Bands Anfang der 2000er Jahre gedacht haben, die im Microkorg ein fabelhaftes und bezahlbares Werkzeug sahen, ihren Gitarren-lastigen Sound mit elektronischen Klängen anzureichern - so geschehen mit diversen Acts und Newcomern der damaligen Zeit, wie z. B.  Beck oder The Killers. Als auch Elektronik-Künstler wie Air, The Prodigy oder Owl City den Microkorg in ihren Sound integrierten, entwickelte er sich über die Jahre zum Dauerbrenner und Publikumsliebling. Aber was genau macht ihn so begehrt?

Schoßhund und Hingucker

Der Microkorg ist in vielerlei Hinsicht als Ursprung dessen zu verstehen, was heutzutage eine markante Bewegung in der Keyboardwelt ausmacht: Die aktuelle Nachfrage nach tragbaren, kleinen und dabei preiswerten Produkten ist immens, entsprechend reagieren Hersteller mit Miniatur-Synthesizern zu erschwinglichen Preisen, wie etwa dem Korg Minilogue oder Roland‘s Boutique-Serie. Wie auch in der Modewelt darf der Nostalgie-Look nicht fehlen, weshalb man bei neueren Geräten häufig auf Vintage-Design im Stile der Synthesizer-Legenden aus den 1970er Jahren trifft, alles Attribute, die dem Microkorg innewohnten, nachdem die Tendenz der Keyboard-Entwicklung in den 1980er/1990er Jahren eher in Richtung Digitalisierung und Innovation gegangen war. 

Das übersichtliche Bedienpanel mit Moog-Style-Potis und die Mini-Tastatur setzten damals optische und bedientechnische Standards, die sich bis heute bewährt haben. Der kleine Microkorg passte immer noch irgendwie in den Tour-Bus oder ins Mini-Studio und war somit nie Störfaktor, sondern eher ein unkomplizierter Begleiter. Ein Grund dafür ist auch das angenehme Bedienkonzept des Synthesizers: Alle Presets sind aufgeteilt in unterschiedliche „Genres“ und lassen sich via Poti bequem anwählen. Das erhält die Preset-Vielfalt, ermöglicht aber weniger versierten Soundtüftlern, anhand der Genres schneller geeignete Sounds zu finden, anstatt sich mühevoll durch endlos nummerierte Preset-Libraries zu kämpfen. Eine ähnlich „tiefgehende“ Intuivität herrscht auch in Sachen Klangbearbeitung: Mit lediglich fünf übersichtlichen Potis lassen sich die wesentlichen Parameter Cutoff, Resonanz und Attack/Release und das Tempo des Arpeggiators bearbeiten.

Diese Parameter reichen den meisten Musikern, die nicht unmittelbar in der Keyboardwelt zu Hause sind, bereits aus. Wer aber doch Lust auf mehr hat, dem eröffnet der Microkorg durch Sub-Menüs sein riesiges Arsenal an Effekten und zusätzlichen Bearbeitungsmöglichkeiten. Für Einsteiger in die Welt der Synths ist der kleine Microkorg durch dieses Konzept sofort und intuitiv nutzbar. Man wird nicht durch ein überschwängliches Angebot an Bedienelementen überfordert. Das Schöne daran ist ein Mehrwert, der den anfänglichen „Einsteiger“ immer weiter auf seinem Weg in die Synthesizer-Tiefen begleiten kann. Denn von der leicht verständlichen Oberfläche bis in die dunkelsten Untiefen bietet der Microkorg einfach sehr viel - und bleibt obendrein bezahlbar. Der Preis startete bei der Veröffentlichung bei immerhin knapp 600 Euro, hat sich aber mittlerweile auf angenehme 329 Euro stabilisiert. Es ist schon bemerkenswert, was der kleine Synth zu solch einem Preis alles bietet!

Viel Synthesizer in kleinem Gehäuse 

Seinen Ruf als flexibler Allrounder besitzt der Microkorg nicht ohne Grund. Die riesige Bandbreite an Presets und Modulations-Effekten, ein Arpeggiator und der Vocoder gepaart mit vier-stimmiger Polyphonie, machen den portablen Synth zu einem vielseitigen Klangdienstleister und Spaß-Garanten. Bereits anhand der Presets hat man Zugriff auf diverse Soundklassiker der letzten 40 Jahre Keyboard-Geschichte, die mithilfe von On-Board-Effekten und dem Arpeggiator zum Leben erweckt werden können. Hier einige Sounds, die mich persönlich seit 13 Jahren Microkorg stetig begleiten und die ich sehr schätze:

Durch das digitale Herz des Microkorg lässt sich aus dem monofonen Moog-Style-Bass im Handumdrehen ein warmes Synth-Pad bauen. Ich bin jedes Mal erstaunt, dass der Microkorg doch durch Sound und Design immer eine angenehme Prise analog klingenden, satten Feen-Sound mitbringt. Schuld daran ist wohl die „Analog Modeling“-Technologie. Der Synth klingt jedenfalls stets größer, als er es materiell tatsächlich ist.

Neben den Klassikern finden sich in den Presets auch völlig abgefahrene, FM-artige Spezial-Sounds, die starke Aufmerksamkeit erregen können. Eine derartige Bandbreite an angebotenen Klang-Facetten kenne ich sonst nur von Geräten größeren und teureren Kalibers.

On Top kommt dann schließlich noch der Vocoder, der sich mittels mitgeliefertem Schwanenhals-Mikrofon ansteuern lässt. Auch der klingt super und macht den Microkorg quasi zum „Alleskönner“ - da bleiben kaum Wünsche offen.

Was man mit dem kleinen Wunderkind sonst noch alles anstellen kann, zeigt beispielsweise der Künstler „Dorian Concept“, der dem Microkorg gewissermaßen verfallen ist und ihn in unterschiedlichsten Methoden sehr kreativ in sein Setup integriert.

Video: Dorian Concept on the Microkorg

 

Die vielen Gesichter des Microkorg

Innerhalb der Daseinszeit des Ur-Microkorg, hat Korg weitere Varianten des Microkorg geschaffen, die unter den Bezeichnungen Microkorg XL nund Microkorg XL+ nach und nach in den Markt kamen und mit einem erweiterten Soundangebot die Gunst der Käufer erobern wollten. Die aber konnten dem Dauerbrenner Microkorg existentiell nicht in die Quere kommen.

Recht spät, in 2016, gesellt sich mit dem Microkorg S eine neue Variante in das Microkorg-Portfolio, die sich wieder am ursprünglichen Microkorg orientiert und mit einem leichten Facelift dennoch signifikante Details aufweist. Der Programmspeicher wurde um 128 Sounds erweitert, ein Favorite Modus erlaubt jetzt das Ablegen von acht Lieblingssounds und es wurden Lautsprecher eingebaut. Somit sind im Markt neben der Microkorg Ur-Version noch die Ausführungen Microkorg XL+ und Microkorg S erhältlich. Konkurrenz aus eigenem Hause.

Endlich Konkurrenz?

Was der Microkorg losgetreten und ihn so lange auf dem Markt gehalten hat, könnte ihm langsam zum Verhängnis werden. Sein Konzept des „Analog Modeling“, also des digitalen Nachbaus einer analogen Schaltung, führte zu einer Rückbesinnung auf echte, rein analoge Signalwege. Was zuvor nur in großen und kostspieligen Varianten angeboten wurde (Dave Smith Prophet ´08, Moog Voyager), ist durch feinste Ingenieursarbeit mittlerweile in portablen Miniatur-Synths wie etwa dem Korg Minilogue oder dem Arturia MicroBrute für weit unter 1.000 Euro zugänglich.

Anders als in den 1980er/1990er Jahren gilt die analoge Klangerzeugung unter vielen Sound-Nerds als präziser und druckvoller im Vergleich zur Digitalen, die ja auch im Microkorg verbaut ist. Sind seine Tage also nun endgültig gezählt? Nun, an dieser Stelle sollte man wohl das „große Ganze“ nicht aus dem Auge verlieren: Der Analog-Hype hält seit einigen Jahren an und produziert so viele Produkte, dass man schnell den Überblick verliert. Klar, ist dort viel sehr Brauchbares dabei, jedoch bleibt abzuwarten, was sich davon, bei einer derartigen Vielfalt, für die nächsten 20 Jahre als ein ständiges „Go To“-Gerät etablieren wird, wie es der Microkorg geschafft hat.

Außerdem bringt der Analog-Purismus auch technische Limitierungen mit sich. So kann der digitale Microkorg endlose Modulations-Möglichkeiten und die Einstellung feinster Klangdetails anbieten, während bei anderen schon bei einem LFO Schluss ist. Es wird also immer auch eine Frage des individuellen Anspruchs der Anwender sein, wie viel Flexibilität in einem Gerät sie selbst für ihre Kunst benötigen. Hier liegt der Microkorg unter dem Strich vorn, denn durch sein Konzept bietet er rein technisch schnell zugängliche, elementar wichtige Einstellparameter. Gleichzeitig schöpft er aber auch die Möglichkeiten der Digitaltechnik voll aus.

Hier noch ein Video, in welchem ausschließlich Preset-Sounds des Microkorg verwendet werden und was einen sehr intuitiven und schnellen Workflow zeigt. Falls ihr nun den kleinen Microkorg wieder aus dem Keller holen, oder ihn zurecht endlich haben wollt: Ich wünsche euch viel Spaß damit!

Video (no talking): Microkorg mit Preset-Sounds gespielt

Der Korg Microkorg im Einsatz. (Video: Tom Gatza)

Fazit

Nach all den Jahren Micro-Spaß kann ich nur sagen: Danke Korg! Hier wurde in raffinierter Kombination aus Portabilität, Bedienungskonzept und Klangmöglichkeiten ein meisterhafter Wegbereiter der modernen Synthesizer-Technik geschaffen.

Verschiedenste Merkmale des Synthesizers, ob optische oder technische, dienen bis heute als Vorbild für innovative Synthesizer-Kreationen. Ich kann mich in jüngerer Geschichte an kein Gerät dieses Kalibers erinnern, welches sich über 16 Jahre erfolgreich auf dem ständig wechselnden Keyboardmarkt etabliert.

Immer wieder überrascht mich der Microkorg mit neuen Sounds und seiner Experimentierfreudigkeit. Es bleibt spannend, wie viele Generationen von Analog/Digital-Hypes und Technik-Innovationen der kleine Microkorg noch hinter sich lässt und ob er nicht in 40 Jahren seinen verdienten Platz in der Vitrine eines Synthesizer-Museums erhält.

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