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Test
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20.04.2021

DSM & Humboldt Simplifier Test

Analoger Amp- und Speakersimulator

Ausgefuchstes Amp-Konzept

DSM & Humboldt Simplifier heißt das kleine, handliche Kästchen, und der Name klingt vielversprechend, denn auf einem Equipment-Markt, der vor Pedalen, technischen Innovationen und Fachbegriffen wie "Impulsantwort" und "negatives Feedback" nur so strotzt, sehnt man sich doch geradezu nach einer Vereinfachung des Gitarristenalltags. Insbesondere im Bereich der virtuellen Amps und der Cabinet-Simulation hat sich in den letzen Jahren so Einiges an komplexen Entwicklungen getan, wobei die wenigsten Neuerungen analoger Natur sind. Bei der Simulation von Amps setzt man auf das digitale Nachbilden, und auch wenn es um Speaker geht, schwört die Mehrheit der Anbieter auf den Einsatz von Impulsantworten.
Die chilenischen Hersteller beschreiten andere Wege. Sein "Zero-Watt-Amplifier", wie er das Produkt mit Zweitnamen nennt, verspricht außer der Abbildung von Preamp- und Poweramp auch die Simulation eines abgenommenen Speakers auf rein analogem Weg. Dabei besticht das Produkt durch ein kompaktes Gehäuse, eine umfassende Konnektivität und üppige Regeloptionen, die es schon fast zu eine Art Schweizer Armeemesser im Gigbag machen. Aber in diesem Segment ist der Simplifier nicht allein, sondern muss sich gegen eine harte Konkurrenz wie z.B. dem Strymon Iridium oder dem Walrus Audio ACS1 schlagen, die andererseits jedoch auch zu einem deutlich höheren Kurs über die Ladentheke gehen. Daher möchte ich hier der Frage nachgehen, ob der Simplifier eine berechtigte und sinnvolle Alternative zu den digitalen Platzhirschen darstellt.

Details

Gehäuse/Optik

Der Simplifier zeigt sich in einem extrem handlichen, weißlackierten Metallgehäuse mit den Maßen 71 x 115 x 63 mm. Betrachtet man alle Anschlüsse und Potis auf dem Kästchen, offenbart sich eine wahre Spielwiese an Einstellmöglichkeiten und Schaltoptionen, und wer glaubt, dass sich der Name des Kästchens auf eine simplifizierte und rudimentäre Funktionsweise bezieht, wird damit eines Besseren belehrt. Die Frontseite beschert dem User vier 6,3 mm Klinkenbuchsen, die fest mit dem Gehäuse verschraubt sind, sowie einen Volume-Regler und zwei Miniklinkenausgänge. Alle anderen Regler versammeln sich auf der Oberseite des Simplifiers. Hier befinden sich sechs schwarze Potis und drei Minipotis, die allesamt sehr robust und wertig wirken und deren Position sich dank der weißen Markierung gut ablesen lässt. Für weitere Settings stehen noch vier Dreifachschalter bereit, und auch wenn es auf dem Bedienfeld durchaus eng zugeht, lassen sich alle Potis und Schaltfunktionen gut betätigen. Stirnseitig befindet sich der Eingang für das optional erhältliche Netzteil, das zwischen 9V und 12V Spannung abliefern muss und das Gerät mit minimal 80 mA speisen sollte, Batteriebetrieb ist nicht vorgesehen. Der Betriebszustand des Simplifiers wird, sobald das Netzteil angestöpselt ist, über eine rote LED auf der Pedaloberseite angezeigt. Auch alle Ausgänge sind an der Stirnseite anzutreffen, und zwar in Form von zwei XLR- und zwei 6,3 mm Klinkenbuchsen. Drei kleine Schalter unter den Outputs erlauben weitere Einstellungen, auf die ich weiter unten eingehen möchte.

Rechts außen befindet sich ein weiterer Schalter, der die Spread-Funktion aktiviert, doch auch dazu später mehr. Das Gehäuse wird von Kreuzschrauben sicher und robust zusammengehalten und macht bei tadelloser Verarbeitung auch insgesamt einen extrem roadtauglichen Eindruck.

Zum Lieferumfang gehört lediglich ein kleiner Sticker, allerdings steht ein sehr umfangreiches englisches Manual auf der Website zum Download bereit.

Bedienung

Beim Simplifier handelt es sich prinzipiell um die rein analoge Simulation einer kompletten Gitarrenverstärkereinheit inklusive abgemiktem Cabinet. Dabei erscheint das kleine Kästchen als ein "3 in 1" Gerät, das sich aus einem Preamp-Modul, einer Endstufensimulation und einer Speakersimulation zusammensetzt, wobei jedes der der drei Module üppige Einstellmöglichkeiten bietet und tolle Routingoptionen bereithält. Vorteil des rein analogen Amp- und Cabmodellings ist natürlich die Tatsache, dass jegliche Latenz, die digitale Konkurrenzprodukte baubedingt mitbringen, hier entfällt.

Preampmodul:

Dieses Segment ist grundlegend wie das Frontpaneel eines Röhrenamps aufgebaut. Ein dreifach „Style"-Kippschalter erlaubt das Umschalten von drei klassischen Verstärker-Voicings, wobei die Namen klare Rückschlüsse auf die berühmten Vorlagen zulassen: "AC-Brit" steht natürlich für den Vox AC30, "American" für einen cleanen Fender Blackface Deluxe und "MS Brit" für einen Marshall Plexi. Volume und Gain bestimmen die Lautstärke und den Zerrgrad der Vorstufe und die Treble-, Mid- und Bass-Potis arbeiten als rudimentärer EQ. Der Mittenregler übernimmt hier je nach gewähltem Preamp-Style eine andere Frequenz, um die unterschiedlichen Tonestacks der Amps zu treffen. So liegt die zu bearbeitende Frequenz für den "AC Brit" bei 500 Hz, für den "American" bei 450 Hz und für den "MS Brit" bei 650 Hz.

Powerampmodul

Hier finden sich alle Optionen wieder, die man an einem Röhrenamp in der Endstufensektion findet. Der Hersteller verspricht in seinem Manual, dass man sich auch dem nonlinearen Verhalten, das durch die Interaktion von Röhre, Trafo und Feedback entsteht, möglichst authentisch annähert. Wie beim Echtamp befindet sich in diesem Teilsegment ein Presence-Regler für die Hochmitten und Höhen, wobei ein Aufdrehen zu einem besseren Durchsetzungsvermögen im Mix, das Zurücknehmen hingegen zu einem weniger aggressiven Sound führt. Resonance steuert die Simulation der Gegenkopplung und damit das Lowend und die Basswiedergabe. Drehen im Uhrzeigersinn lässt den Sound schwerer, satter, aber auch weniger leicht kontrollierbar werden, wohingegen das Herunternehmen zu mehr Tightness und Klarheit führt.
Auch hier schaltet ein Dreifachkippschalter den analog simulierten Röhrentypus um. Zur Auswahl steht die 6L6-Gattung, bekannt aus diversen Fender-Modellen, aber auch Mesa Boogie, 5150 oder Soldano Amps. Von Herstellerseite wird die Charakteristik als offen, dynamisch und mit klaren Höhen sowie stärkeren Bässen beschrieben. Der EL34-Typ ist die klassische Marshall-Röhre seit der Super Lead-Phase und gibt gemäß laut Manual eine stärkere Kompression und einen betonten Mittenbereich wieder. Die KT88 kennt man ebenfalls aus einem Marshall-Modell, sie liefert bei aller Ähnlichkeit zur 6L6 mehr Lowend. DSM empfiehlt dieses Setting für 7-Saiter und Bässe.

Cabsim-Modul

Hier dreht sich alles um die Box bzw. die Mikrofonierung selbiger. Der Simplifier ermöglicht dabei Stereobetrieb und linker und rechter Kanal können sowohl mit unterschiedlichen Cabinets als auch Mikrofonierungen belegt werden. Durch das Zusammenlegen der beiden Kanäle zu einer Monosumme (dazu unten mehr) lassen sich die beiden Signale auch mixen.
Die "Mic Position“-Potis ermöglichen eine stufenlose Bewegung des Mikrofons von einer Off-Axis- bis hin zur Center-Positionierung, was sich klanglich vor allem durch eine Betonung des High-Ends bemerkbar macht.
Drei Boxenmodelle stehen bereit: 1x12" steht für einen offenes Combogehäuse mit Vintage-Lautsprechern, die eine Hochmittenbetonung bei 2-4 kHz haben. 2x12" basiert ebenfalls auf einem offenen Combogehäuse mit einer betonten Mittenfrequenz bei 1-3 kHz. Hatte man für das erste Cabinet wohl noch eine Ausgabe von Fender im Auge, zeigt sich die 2x12" Version wohl eher in der Vox-Tradition. 4x12" ist natürlich das Halfstack-Gehäuse für die Rockfraktion.

Konnektivität und weitere Funktionen

Die Anschlussoptionen des Simplifiers sind an Logik und Flexibilität nur schwer zu überbieten. Das handliche Kästchen kommt mit einem Monoeingang im 6,3 mm Klinkenformat und einem Stereoausgang, der sowohl über zwei Klinkenbuchsen als auch symmetrisch über zwei XLR-Buchsen samt Groundlift angelegt ist. Der linke Klinkenausgang kann über einen kleinen Schalter auch zu einem Thru-Output umgeschaltet werden und der rechte zu einem Mono-Summenausgang. Das Thru Setting ist z.B. dann sinnvoll, wenn man das Gitarrensignal direkt zu einem Amp routen, aber ein frequenzkorrigiertes Signal über die XLR-Outs an die DAW oder FOH weitergeben will.
Wie bei einem modernen Echtamp besitzt der Simplifier einen Einschleifweg, der für den Einsatz von Stereoeffekten wie Delays und Modulationseffekte sogar mit einem Stereo-Return bewaffnet ist. Da es sich bei der Send-Buchse im Prinzip um einen Preamp-Out handelt, kann man den Simplifier auch als reinen Preamp ohne Endstufen- und Cab-Simulation verwenden oder wahlweise nur als Speakersimulation, wenn man in den Return des Kästchens spielt.

Für das heimische Üben ist der Zero Watt Amplifier mit einem Kopfhöhrerausgang und einem Auxiliary-Eingang im Miniklinkenformat bestückt, wobei sich die Kopfhörerlautstärke an dem frontal angebrachten Volume-Poti regeln lässt.
Ein weiteres Feature ist der seitlich arretierte "Spread"-Switch, über den auch im Monobetrieb eine Art Pseudo-Stereobild erzeugt werden kann. Hierzu werden bestimmte Frequenzen minimal zeitverzögert, wodurch eine Phasenverschiebung zum Originalsignal stattfindet.

Durch die großzügigen Routing-Optionen lässt sich der Simplifier in allen erdenklichen Live-Setups, in Kombination mit Echtamps, als FOH-Direktlösung oder Übezimmerszenarien einsetzen. Hier seht ihr ein paar mögliche Setups:

(Anmerkung: Für das Manual stand offensichtlich noch eine frühere Version des Simplifiers zur Verfügung, daher ist die Beschriftung der Switches für Out L und Out R nicht mehr zutreffend. Für den Testbericht kam die neue Version des Simplifiers zum Einsatz)

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