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28.10.2016

Drum-Workshop: Der Amen Break

The Winstons Song - "Amen Brother"

Vier Takte sorgen für die Evolution von Funk über HipHop zu Drum‘n Bass

Im Jahr 1969 ging die amerikanische Funkband „The Winstons“ ins Studio, um ihre Single „Color Him Father“ aufzunehmen, die sich mit einer Million verkaufter Exemplare nicht nur zu einem Top100 Hit entwickelte, sondern auch mit einem Grammy ausgezeichnet wurde. Was niemand ahnen konnte: Die B-Seite ihrer einzigen erfolgreichen Single, ein Stück namens „Amen Brother“, das damals ohne besonderes Aufsehen veröffentlicht wurde, erlangte erst zwanzig Jahre später durch einen viertaktigen Drumbreak Weltruhm. Auch heute wissen viele immer noch nicht, dass es sich bei diesem sechssekündigen Drumsolo um eben dieses Stück der Winstons handelt, dabei lieferte das Sample die Grundlage für Musikrichtungen wie Drum & Bass, Jungle, Ragga und Hip Hop.

Mitte der 80er Jahre revolutionierten Sampler die Musikproduktion. Geräte, mit denen man bereits bestehendes Musikmaterial aufnehmen, bearbeiten und anschließend in die eigene Musikproduktion einbinden konnte, wurden in dieser Zeit endlich erschwinglich. So konnte etwas Neues aus Altem kreiert werden, was Produzenten und DJs geradezu in einen Sample-Wahn verfallen ließ. Unzählige Vinylplatten aus den verschiedensten Musikrichtungen wurden durchsucht, um selbst kleinste Parts zu samplen, die neuen Tracks den besonderen Sound geben sollten. Was für ein Zufall also, dass ausgerechnet die B-Seite der Winstons Single entdeckt und gesamplet wurde, wodurch sich in der Folge die Musikwelt verändern sollte.

Die Geschichte des Amen Break - vom Original...

Passend zu diesem Zufallsfund ist die Machart des Songs, der erstaunlich flüchtig heruntergespielt klingt. Ein schlichtes Instrumentalstück ohne aufwändige Komposition, das stetig schneller wird. Doch dann ist da dieser hippe Drumbreak mit einer unglaublichen Energie. Wer genau diese vier Takte dann erstmalig Mal samplete, ist nicht bekannt. Die erste Veröffentlichung des Drumbreaks im neuen Gewand war jedenfalls N.W.A's „Straight Outta Compton“ aus dem Jahr 1988, ein Track, der bewirkte, dass sich anschließend jeder ambitionierte Hip Hop Produzent mit verschiedensten Variationen des „Amen Breaks“ beschäftigte, was unzählige Veröffentlichungen zur Folge hatte. 

 

...zum gesampelten Groove in Hip-Hop, Ragga und Drum'n Bass

Wenige Jahre später entdeckte wiederum eine neue Produzenten- und DJ-Generation in England das Potential des Drumbreaks. Ganze Stile wie Jungle, Ragga und Drum & Bass entstanden, indem das Sample geschnitten, neu arrangiert und stark beschleunigt wurde. Produzenten wie Aphex Twin oder Squarepusher konstruierten mit Hilfe dieser Technik äußerst komplexe Breakbeats. Interessant ist, dass das eigentliche rhythmische Pattern, welches entsprechend des Produktionsstandards zur Entstehungszeit nicht gerade nach Hi-Fi klingt, gerade durch die mäßige Audioqualität den neuen Musikrichtungen einen wiedererkennbaren Sound verschaffte. Ein gutes Beispiel der Fusion aus Reggae Basslines und High Speed Breakbeats aus dem Amen-Sample ist einer der ersten Jungle-Hits „Original Nuttah“ von Shy FX aus dem Jahr 1994. Was mit Jungle und Ragga begann, mündete in der großen Drum & Bass Welle, die aus England zunächst ins restliche Europa schwappte und später die ganze Welt erfasste. Das Grundgerüst, aus dem tausende Tracks und eine ganze Subkultur mit hunderten DJs, Clubs und Labels entstand, waren jene vier Takte Drumsolo. 

Hier habe ich noch ein Video herausgesucht, in dem ihr den Amen Brother mit verschiedensten Interpretationen des Drum-Samples hören könnt.

 

Wer ist der Trommler?

Doch wer genau spielte nun einen der meistgesampleten Drumgrooves der Musikgeschichte? Der Name des 1944 geborenen Schöpfers lautet Gregory Cylvester Coleman, ein Drummer, der vor seiner Zeit bei den Winstons bereits bei bekannten Soul Acts wie Otis Redding, Curtis Mayfield und den Marvelettes hinter den Trommeln zu finden war. Kurze Zeit nach der Veröffentlichung des Hits „Color Him Father“ trennten sich die Winstons, und die Mitglieder verloren sich aus den Augen. Richard Spencer, Sänger und Inhaber der Lizenzen von „Amen Brother“, kehrte dem Showgeschäft bereits ein Jahr nach dem großen Erfolg der Winstons den Rücken und wurde Politikwissenschaftler. Mit der Abwendung vom Musikbusiness schien ihn auch die Vergütung der Musik nicht zu interessieren. Ebenso wie Spencer unterschätzten Jahre später auch Urheberrechtsschützer zunächst die Bedeutung des Samplings. In der Zwischenzeit war der Amen-Break schon so hip geworden, dass er nun selbst im Hintergrund von Autowerbungen im Fernsehen lief. Von den Einahmen des Samples seines Drumbreaks sahen weder G.C. Coleman noch die Band jemals auch nur einen Heller. 2006 starb Coleman verarmt als Obdachloser in Atlanta. Seine viertaktige Phrase in „Amen Brother“ gilt neben dem Solo von Clyde Stubblefield im „Funky Drummer“ von James Brown als der meistgesamplete Drumgroove aller Zeiten. 

Der Groove

Die Magie des „Amen Break“ entsteht aus vier Takten purem Groove. Durch das sehr zackig gespielte Becken nimmt der ganze Drumbreak in den ersten beiden identisch gespielten Takten gehörig an Fahrt auf. Wichtig ist, dass das Becken prägnant klingt, also am besten mit der Stockspitze gespielt wird. Die Backbeats auf der „Zwei“ und „Vier“ sind ziemlich wuchtig gespielte Snare-Schläge, während die übrigen Noten nicht nur Ghostnote-Beiwerk sind, sondern als wichtiger Teil des gesamten rhythmischen Konstrukts dienen. Das bis dahin etablierte rhythmische Motiv wird im dritten Takt durch die um eine Achtel nach hinten verschobenen Snare unterbrochen. Im vierten Takt wiederholt sich die zweite Hälfte der ersten beiden Takte, diesmal jedoch direkt am Anfang, bevor wiederum die zweite Hälfte des dritten Takts den Beat mit einem auffälligen Crash auf der „Drei und“ komplettiert. Was rhythmisch kompliziert wirkt, ist ein Beat, der im Grunde genommen nach Baukastenprinzip aufgebaut ist. Am Ende des dritten Takts hat man bereits alle rhythmischen Motive einmal gespielt, bevor sie für den letzten Takt neu gemischt werden. Um den Break auch nur im Ansatz so fluffig wie G.C. Coleman zu spielen, ist es ratsam, jeden Takt einzeln und langsam zu üben. Damit hat man dann auch gleich die Adaption zum Hip Hop hergestellt.

Gerade im schnelleren Tempo ist es besonders wichtig, locker zu bleiben und dennoch den Zug nicht zu verpassen. Die besten Resultate erzielt man, wenn man das Tempo behutsam in kleinen Schritten steigert, damit der ganze Beat nicht gehetzt wirkt. Das Crash-Becken in Takt Vier sollte nicht zu knallig gespielt werden, damit es nicht den eigentlichen Fluss bricht.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Üben!

 

Tipp: noch mehr hippe Grooves findet ihr in unserer Drum-Cover Workshop Serie

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