Test
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20.01.2020

Praxis

Ein hervorragendes Tool fürs schnelle Mastering

In der Praxis hat mich der Drawmer1976 grundsätzlich sehr überzeugt. Daher möchte ich schnell die beiden Kleinigkeiten aufzählen, die mir negativ aufgefallen sind. Was bei der Bedienung nämlich ein bisschen stört, ist die Position der Bypass-LED direkt neben der Power-LED – es kann leicht passieren, dass man nicht auf den ersten Blick erkennt, ob man sich eigentlich im Bypass befindet oder nicht, weil da immer in der betreffenden Ecke ein Lämpchen leuchtet. Im professionellen Betrieb als unpraktisch wird sich sicherlich auch erweisen, dass das Gerät nicht nahtlos in ein MS-Setup eingebunden werden kann, weil es seine eigene MS-Matrix mitbringt. Das sei nur am Rande erwähnt, abgesehen davon bin ich voll des Lobes.

Der Signalprozessor lässt sich sehr unterschiedlich verwenden. Zunächst ist es möglich, klassische Prozessoren wie etwa Exciter oder Stereo-Basisverbreiterer mit wenigen Handgriffen nachzubilden, darüber hinaus lässt sich dem Material aber auch ein analoger Charakter aufprägen, der je nach Einstellung entweder an Röhrensättigung oder an Tonband erinnert. Natürlich kann man das alles auch gleichzeitig tun, sodass mit diesem Gerät schon fast die Hälfte eines Masterings im Kasten ist. Natürlich stellt sich die Frage, ob der 1976 denn nun wirklich im Vergleich mit Plugins die Nase vorn hat, so wie es der Hersteller behauptet. Diese Frage lässt sich leider nicht beantworten, dafür ist die Konkurrenz bei Weitem zu vielfältig. Allgemein lässt sich aber sagen, dass der Unterschied sowohl in der Qualität als auch im Charakter zwischen den verschiedenen digitalen Prozessoren, die ich kenne, wesentlich größer ist, als der Unterschied zwischen digital und analog.

Was kann der Drawmer 1976 in der Praxis?

Ich verzichte hier auf den Vergleich mit konkreten anderen Sättigungsmöglichkeiten und versuche einfach, zu beschreiben, wie der Drawmer 1976 für sich genommen klingt. Trotzdem sei soviel gesagt, dass er nach meinem Dafürhalten durchaus Signalketten Paroli bieten kann, die wesentlich mehr kosten. Zunächst einmal in aller Kürze, wie sich der Prozessor mit Einzelsignalen verhält. Obwohl er als Stereogerät konzipiert ist, leistet er nämlich auch auf einzelnen Spuren einer Aufnahme sehr gute Dienste. Zum Beispiel lässt sich ein Bass prima mit einem tonbandartigen Wohlfühlkissen ausstaffieren, indem man nur das Tiefenband mit einer ordentlichen Sättigung versieht.

Das selbe, nur im Höhenbereich, lässt sich mit Vocals tun, da kann der 1976 einen wundervollen Glanz erzeugen, der allgegenwärtige Präsenz garantiert, ohne zu nerven. Das spart in einem Zuge teure Röhrenequalizer und De-Esser.

Schlagzeug wird zwar von Drawmer selbst ausdrücklich als Einsatzfeld hervorgehoben, hat mich persönlich aber nicht begeistert. Ich würde sogar sagen, dass das so ziemlich das einzige Gebiet ist, wo ich einen herkömmlichen Equalizer im Grunde effektiver finde.

Davon abgesehen lohnt es sich bei allen Sounds, die noch etwas Hilfe brauchen, erst einmal zu schauen, was der Drawmer macht, bevor man über weitere Eingriffe nachdenkt. Es kann gut sein, dass durch eine gezielte Sättigung gleich mehrere fummelige Anhebungen oder Absenkungen auf einmal unnötig werden. Hier ein Beispiel, wie sich Klavier tonal öffnen und klarer zeichnen lässt.

Die absolute Kernkompetenz des 1976 sind aber komplexe Stereosignale wie zum Beispiel fertige Mischungen. Also Mastering. Neben dem Korrigieren und Angleichen des Frequenzgangs von Mischungen ist ja der eigentlich wichtigste Aspekt eines Masters das, was man salopp mit „Fensterputzen“ beschreiben kann. Wir erwarten heutzutage, dass ein Master so klingt, als hätte man dem Mix die Fenster geputzt: Es soll transparenter, klarer, lauter und gleichzeitig druckvoller klingen. Dass das nicht so paradox ist, wie es eigentlich klingt, haben wir dem Umstand zu verdanken, dass Verzerrungen für das subjektive Hörempfinden tatsächlich beides gleichzeitig bewirken können, also sowohl gesteigerte Transparenz als auch Verdichtung. Gerade also für Mixe, die fleischlos geraten sind, matt und etwas klein wirken, ist das Gerät eine Wunderwaffe. Schon eine gleichmäßige Sättigung über alle Bänder bringt Erstaunliches zuwege.

Kombiniert mit ein bisschen Stereo-Modifikation ergibt das ein Master, dem eigentlich nur noch der Limiter fehlt.

Scharfzeichnen, Präsenz betonen, vergrößern, wärmer erscheinen lassen, alles das kann der Drawmer und er kann es gut. Die tiefen Frequenzen bekommen eine Wärme spendiert, die ebenfalls viele Plugins in den Schatten stellt. Die Präsenz, die sich in den Höhen erreichen lässt, wirkt durchaus feiner und eleganter als bei den einschlägigen digitalen Devices. 

Die Frequenzweichen machen für sich genommen einen sehr sauberen Eindruck, die Sättigung klingt auch bei extremen Einstellungen noch definiert und transparent. Was die Stereoregler anbelangt, habe ich weniger Superlative parat. Die tun, was sie sollen, allerdings scheint mir der Regelweg etwas unpraktisch. So wirkt das Seitensignal bei 9-Uhr-Potistellung schon in etwa so laut wie bei voll aufgedrehtem Poti. Das führt dazu, dass man schnell den Eindruck bekommt, eigentlich nur die Mittenlautstärke zu regeln. So wird das gesamte Signal mit fortschreitender Verbreiterung deutlich leiser. Das ergibt sich daraus, dass das Seitensignal nach 12:00 nicht mehr spürbar an Pegel gewinnt, die Mitte dafür aber an Pegel verliert. Breiter ist also gleichzeitig leiser, der Unterschied muss dann mit dem Levelpoti aufgeholt werden.

Dreht man den Regler ganz nach links, erhält man dementsprechend ein vergleichsweise lautes Monosignal, welches folglich anschließend abgesenkt werden muss. Das erscheint ein bisschen kompliziert in der Bedienung, tut aber den klanglichen Möglichkeiten keinen Abbruch. Dass die Regelbereiche der Stereobreite so extrem sind, ermöglicht übrigens die komplette Entfernung der Mitte, was für Karaoke wichtig ist, wenn man das denn braucht.

Ich persönlich finde die Stereofunktionalität bei Weitem nicht so spannend wie den Sättigungsbereich, weil sie mit jedem EQ und einer simplen MS-Matrix machbar ist. Als Kaufgrund für ein Hardwaregerät taugt das nicht unbedingt.

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