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18.07.2016

DJ-Hardware vs DJ-Software: Schluss mit Laptop?

Warum viele DJs wieder die vorhandenen Player im Club benutzen.

USB-Sticks auf dem Vormarsch. Aber für jeden?

Abseits des Laptop-DJings, verschachtelter Remix-Eskapaden oder DVS-Performances ist Pioneers CDJ-Serie seit Jahren akzeptierter Standard, vor allem in den großen Clubs. Viele DJs ziehen es mittlerweile vor, ganz bequem nur mit einem USB-Stick und Kopfhörer zum Gig zu gehen, anstatt die ausgefeilten, kreativen Möglichkeiten einer DJ-Software oder eines DVS-Systems mit Turntable und Controller zu nutzen. Ist das ein Trend, sind CDJs die neuen 1210er? Bonedo-Autor Mijk van Dijk geht dieser Frage nach und fängt ein paar Meinungen ein.

Total Confusion

Jahrelang herrschte Konfusion in der DJ-Booth: Der eine DJ packte sein Serato-System aus, während der andere mit Traktor Scratch auflegte, für den nahtlosen Übergang wurde eine CD in den CDJ geschoben, der oft weitgehend ungenutzt herumstand, danach dann die Turntables weggeräumt, damit der Controller des nächsten Acts auch noch irgendwie Platz findet. Zwischendurch immer mal wieder Tonausfall, weil der Kollege versehentlich das falsche Kabel aus dem Mixer gezogen hatte. Kurzum: Ein heilloses Durcheinander und mancher altgediente DJ wünschte sich bereits die Zeiten zurück, als es lediglich zwei Technics 1210er und einen Mixer gab und das einzige Kabelziehen beim Übergang zweier DJs der Austausch der Kopfhörer war.

Es hat aber auch entscheidende Vorteile, sein eigenes „Besteck“ dabei zu haben. Dann ist es egal, welchen Mixer und welche CD-Player der DJ im Club vorfindet, er kann mit seinem gewohnten System auflegen, gern auch mit eigenen Mappings für seine Controller, die tiefgreifendere Eingriffe in die Musik zulassen, als es mit Turntables oder auch CD-Playern heutzutage möglich ist.

Kreative DJs hatten doch jahrelang davon geträumt, on-the-fly spontane Remixes zu zaubern, Basslines auszutauschen und Vocals zu separieren und weitgehend losgelöst von Tonhöhe und Geschwindigkeit zu mixen. Das ist mit Traktor, STEMS und Remix Decks mittlerweile möglich und für jedermann erschwinglich.

Doch: Wer nutzt all diese Optionen? Viel zu selten sieht man digitale DJs, die ihr Set mit einem leeren Remix Deck beginnen und dieses durch die Nacht hindurch stetig füllen, immer wieder Beats, Loops und Samples einstreuen und Übergänge schaffen, die dann mehr sind als die Summe der Einzelteile. Für viele DJs ist die Verlockung zu groß, anstatt kreative Möglichkeiten mit etwas Mühe und Stress zu erkaufen, einfach an einen perfekt vorbereiteten und standardisierten Arbeitsplatz zu kommen, den USB-Stick in die vorhandenen Pioneer-Player zu stecken und unkompliziert loszulegen.

Tekknozid-Legende Wolle XDP aus Berlin ist begeisterter Traktor Kontrol S4 User. Er meint: „Die meisten DJs nutzen die gegebenen DJ-Software-Möglichkeiten so gut wie gar nicht. Die legen einfach weiter vollkommen konventionell auf. Die brauchen den ganzen ‚Quatsch’ so gar nicht. Deshalb hatte es Pioneer mit Rekordbox und ihrem Nexus auch so einfach und es sind so viele von ihren Konsolen wieder weg.“

Rekordbox und Nexus

... das waren womöglich tatsächlich die Geheimwaffen von Pioneer zur Etablierung ihrer CDJs. Obwohl ein CDJ-2000 Nexus allein schon so teuer ist wie ein Traktor-Controller und ein Laptop zusammen, braucht kein DJ die Hardware zu kaufen, um sie im Club nutzen zu können. Man muss einfach nur die Musik per kostenloser Rekordbox Software auf dem heimischen Computer vorbereiten, auf einen USB-Stick laden und diesen dann im Club in den Rekordbox-kompatiblen Player stecken. Und dank des berühmt-berüchtigten Sync-Buttons können auch DJ-Novizen mit den aktuellen CDJs so nahtlos und ruckelfrei mixen, wie es vorher nur mit DJ-Software möglich gewesen ist. Selbst als Soundcards und Controller für Traktor lassen sich aktuelle CDJs nutzen.

Für den DJ bietet sich also plötzlich die sehr attraktive Möglichkeit, den Laptop im Hotel zu lassen und nur mit Kopfhörer und USB-Stick zum Gig zu gehen. Denn mal ehrlich: Die DJ-Booth in einem Club ist ein gefährlicher Ort für Notebooks. Schweißnasse Luft, Zigarettenqualm, Decksharks mit überschwappenden Biergläsern, euphorisierte Tänzer, deren im Beat kreisende Arme gegen den Bildschirm schlagen.

Ein Traktor/Serato-DJ bringt sein eigenes Equipment mit, setzt dessen Wohlergehen Abend für Abend aufs Spiel und muss dafür sorgen, dass die eigene Technik auch perfekt funktioniert. Eine unschöne Situation, wenn der eigene Auftritt beeinträchtigt ist, weil die Soundkarte Aussetzer produziert, das USB-Kabel wackelt oder der Laptop komplett den Dienst verweigert. No show = no money!

Bei Turntables, Mixer und eben auch CDJs läuft das genau anders herum: Da muss der Veranstalter einwandfrei funktionierende Technik bereitstellen. Zudem entfällt die nervige Verkabelung der eigens mitgebrachten Controller und Soundkarte, für die in vielen DJ-Booths sowie kein Platz mehr vorhanden ist. Spätestens wenn zwei aufeinanderfolgende DJs ihre DVS-Soundkarten austauschen, die Eingänge des Mixers schwer zugänglich und die Lichtverhältnisse bescheiden sind, werden keine reibungslosen Übergänge von einem zum anderen DJ mehr gelingen.

Ein wichtiger Grund für Namito, ursprünglich Vinyl-DJ, der nach einigen Jahren mit Traktor Scratch bereits seit längerer Zeit auf USB-Stick und CDJs umgestiegen ist: „Erstens war es sowohl für den DJ vor mir und auch für mich selbst einfach zu stressig, jedes Mal vor dem Auflegen die Apparatur anzuschließen und oft auf Fehlersuche zu gehen. Zweitens fand ich, dass Laptops dazu einladen, bei jedem Mix ständig zu loopen und Effekte einzusetzen. Dadurch, dass viele das machten, war oft die Dynamik des Sets komplett im Eimer, da immer irgendein Loop weiterlief.“

Konzentration auf das Wesentliche

Es ist ja nicht so, dass DJs nur aus Gründen der Bequemlichkeit auf Loop-Akrobatik verzichten. Der Club-DJ ist der Reiseleiter und Klanggestalter bei einer Expedition durch Beats, Sounds und Bass. Und die Kunst besteht zuallererst nicht aus Scratchen, Jugglen und Loops übereinanderschichten, sondern der Auswahl der richtigen Musik zur richtigen Zeit, dem Wissen, was den jeweiligen Track auszeichnet und aus dem Instinkt, welcher Mix den nächsten perfekten Moment des Abends schaffen wird.

Stephan Bodzin, virtuoser Produzent und Liveperformer, ist bei seinen DJ-Sets auch wieder zurück bei den CDJs gelandet. Er setzt auf „mehr Bindung zum Publikum, weniger Tunnelblick und mehr Fokus auf die Trackauswahl, ohne 74.478 Tracks im Folder zu haben. Einfach eine physikalischere Anmutung der Musik.“

Sicher gibt es viele tourende DJs, die sehr spezielle Setups auf die Bühne stellen. Exemplarisch seien Chris Liebing und Richie Hawtin genannt: Chris stets mit zwei Laptops für Traktor und Ableton Live sowie diversen Controllern, Richie mit ebenfalls allen möglichen Controllern und mittlerweile sogar dem selbst designten Mixer.

Der Unterschied zu den meisten "normalsterblichen DJs" ist vor allem, dass solche Top-Acts nicht nur präzise Vorgaben auf dem technischen Rider erfüllt bekommen (z.B. eigene Bühne, entsprechend viel Platz in der DJ-Booth), sondern oft auch noch eigene Techniker mitbringen, die das Equipment perfekt aufbauen und den Soundcheck durchführen, so wie das auch bei großen Bands üblich ist.

Es ist nämlich per se keine gute Idee, weit nach Mitternacht bei laufendem Betrieb in einem dunklen Club das komplette DJ-Set umzubauen, um sein DVS-System anzuschließen. Genau das tun aber viele DJs und kennen sich oft gar nicht mit der Verkabelung an einem realen Mischpult aus, ziehen beim Anschließen ihres Traktor/Controller-Setups gern mal andere wichtige Kabel raus: ein Umstand, der auch zu dem gerade leidenschaftlich diskutieren „Laptop-Verbot“ im The Cure And The Cause Club in Los Angeles geführt hat. Dabei geht es gar nicht um die provokante Frage, ob ein Laptop-DJ ein „richtiger“ DJ ist, sondern darum, dass der Clubabend möglichst ohne technische Probleme über die Bühne geht. Auch deshalb reduzieren sich viele als Live-Act bekannte Künstler bei ihren DJ-Sets gern wieder auf das Essentielle: die Trackauswahl und den virtuosen Mix.

Florian Meindl verwendet bei seinen Live-Acts viele Beatboxen und sogar ein Eurorack Modular System. „Aber ich finde es auch toll, als DJ einfach mal nur mit Vinyl daher zu kommen, ohne Kabel und Soundcheck!“

Das weltweit erfolgreiche spanische Brüder-Duo Kyodai: „Wir ziehen es vor, mit USB-Stick oder Vinyl aufzulegen, es ist viel einfacher, als immer den Computer mitzunehmen und wir nehmen schon viele Geräte für unsere Live-Sets mit, um frei vom Computer zu sein. Auch bei DJ-Sets gibt uns das einen frischeren DJ-Approach.“

In England ist die Situation laut Jamie Anderson sehr ähnlich: „Die meisten DJs, die ich in UK kenne, spielen ihre Musik von USB und Vinyl und bereiten ihre Sets mit Rekordbox vor.“

Denn die Organisation der Musikauswahl auf CDJs nähert sich dank Rekordbox immer mehr dem Komfort an, den wir von Laptop-basierter DJ-Software gewohnt sind. Blätterten viele CD-DJs noch vor Jahren in ihren großen Mappen voller selbstgebrannter CDs oft planlos wie in einem Familien-Fotoalbum, so scrollen wir jetzt durch vorher sorgfältig vorbereitete Playlisten mit Klartext und Cover-Artwork. 

Berlins DJ-Legende Tanith meint dazu: „Noch sind die aktuellen CDJ-Displays für meine Playlists zu klein, zu viel Gescrolle mit dem kleenen Knopp da.“ Aber spätestens mit der Vorstellung der TOUR 1-Serie werden auch CDJs mit klappbaren Screens in Laptop-Größe angeboten, wenn auch noch zu exorbitanten Preisen.

U got the look

Dazu kommt die Erwartungshaltung des Publikums: So wie man bei einem „Rockgitarristen“ gern das klischeehafte Bild eines langhaarigen Mannes vor einer Wand voller Marshall Verstärker vor dem geistigen Auge hat, so denken viele bei „DJ“ immer noch zuerst an Hände, die in Großaufnahme mit einer Vinylschallplatte scratchen oder mittlerweile auch die schimmernden Jog-Wheels eines CDJs berühren. Ein Image, das auch in den Medien oder der Werbung immer gern genutzt wird. Achtet mal auf die Lifestyle-Commercials von Versicherungen und Banken. Das Bedienen von großen, im Club fest installierten Geräten sieht einfach eindeutig eindrucksvoller aus als das Schrauben an einem Controller, der klein und leicht genug sein soll, um im Easy Jet Handgepäck mitgenommen werden zu können. Und nicht umsonst nennt man das Glotzen des DJs auf den Laptop-Bildschirm im englischen Sprachraum „Serato-Face“.

Letztlich geht es in einem Club zum großen Teil um Entertainment und viele DJs haben eben schon die Erfahrung gemacht, dass das Publikum das demonstrative Schrauben am Filterknopf mehr bejubelt als das fingerfertige, aber kaum sichtbare Ineinanderschachteln von Stems, Loops und Drum-Machines. Denn trotz aller theoretischen Eingriffsmöglichkeiten: Ein guter Track ist ein guter Track und nimmt man ihn zu sehr auseinander, bleibt oft nicht mehr das über, was ihn im Kern auszeichnet.

Und was ist mit Vinyl

Ein guter Track funktioniert natürlich auch auf Schallplatte. Und es ist kein Geheimnis, dass das „schwarze Gold“ seit Jahren eine Renaissance erlebt. Gerade in Deutschland spielen noch viele DJs voller Stolz und seit eh und je Vinyl und halten sich vom „digitalen Teufelszeug“ erfolgreich fern. Allerdings verfügen kaum noch Clubs über wirklich gut gepflegte Turntables. Zu oft holt man für DJs, die darauf bestehen, die Jahrzehnte alten ausgenudelten 1210er aus dem Keller, auf denen die Systeme verschlissen sind, der Gleichlauf durch das in den 90ern populäre „Nachpitchen“ (erweitern des Pitch-Bereichs auf +/-16%) ausgeleiert ist und das Tracking ebenfalls seit Jahren nicht mehr eingestellt wurde.

Springende Nadeln, schwankender Gleichlauf und unkontrollierbares Feedback sind die Folge – und Frustration beim DJ. Und natürlich sind die Schallplatten mit den Jahren nicht leichter geworden. Auch deshalb hat sich der USB-Stick für die CDJs als der neue unproblematische Standard durchgesetzt.

DJs lieben Standards

Und sie lieben es unkompliziert. Vor der digitalen Revolution in der DJ-Booth gab es ein klares Setup: ein Mischpult und zwei bis drei Technics Turntasbles, das war’s. Und ausschließlich Technics Turntables: Ich habe tatsächlich noch nie in einem Club auf Plattenspielern einer anderen Marke gespielt.

Zur Musikmesse 1996 stellte ich dann für Pioneer auf der Frankfurter Musikmesse den DJM-500-Mixer und die CDJ-500 MkII CD-Player vor. Gerade der Mixer mit seinen vielen Effekten wurde zum Standard in der DJ-Booth, die CD-Player taten sich jedoch noch schwer. 2001 wurden DJ-CD-Player mit der Einführung des CDJ-1000 erstmals auch von professionellen DJs ernst genommen, 2003 definierte Pioneer mit den CDJ-1000 MkII den Industriestandard. Plötzlich fand man sie in jeder DJ-Booth. Immer häufiger standen die CDJs direkt links und rechts vom Mixer und die Turntables rückten nach links und rechts aussen, ein deutlicher Ausdruck des Paradigmenwechsels weg von Vinyl und hin zu CDs und digitalen Medien. Und dennoch haftete DJs, die ausschließlich mit CD auflegten, oft noch ein Makel an.

Gleichzeitig eroberte aber auch DJ-Software die Booth. Mit dem DVS-System Final Scratch konnten DJs am geliebten Vinyl-Auflegen festhalten und dennoch digitale Files abspielen. Gravierender Nachteil: der Scratch Amp musste selbst mitgebracht und verkabelt werden.

Promos werden schon seit 10 Jahren kaum noch als Whitelabel und mit der Post, sondern digital per E-Mail verschickt. Der DJ checkt Releases im Online-Player, gibt seinen Kommentar ab und darf sie dann downloaden. Was dann noch fehlt, findet er in Online Stores wie Beatport, Traxsource oder What People Play.

Dazu kommen Promos und Edits befreundeter DJs, die per Soundcloud oder Dropbox ausgetauscht werden. Wie sich der Vertrieb von MP3 im Netz zugunsten von reinen Streaming-Lösungen in den nächsten Jahren verändern wird, ist eine spannende Frage, um die es einmal an anderer Stelle gehen soll.

Ich selbst bin 2010 auf Traktor umgestiegen, weil ich es leid war, vor jedem Set immer alle neuen Tracks auf CD zu brennen, diese zu beschriften und dann doch nur ein oder zwei Stücke pro CD dauerhaft zu spielen. Gut gepflegte Playlisten im Computer erlauben es, Stücke in Sekunden zu finden, vorbereitete Cue-Punkte und Loops zu nutzen oder auch ungewünschte Passagen wie z.B. ewig lange und langweilige Breaks per „Beat-Jump“ gezielt zu überspringen. All diese Features erschließen sich am allerbesten durch dedizierte Controller wie Native Instruments Kontrol S4, Kontrol S8 oder auch den Vestax VCI-400, den ich seit 2012 einsetze.

Mit individuellen Mappings erlaubt ein hochwertiger Controller DJing auf einem völlig neuen Level. Es schien, als sei die Steuerung von DJ-Software durch Timecode-Schallplatten nur eine Übergangstechnologie zur reinen Controllersteuerung.

Aber genau diese Technologien bietet jetzt auch die CDJ-Familie an: Playlisten-Organisation seit Rekordbox 3.0, Slip-Mode seit dem CDJ-900, Beat Sync seit dem CDJ-2000 Nexus. Mit dem XDJ-1000 ist es endlich auch auf Pioneer-Playern möglich, wirklich nahtlose Loops zu erzeugen. Und der CDJ-2000nexus2 bietet erstmals bis zu acht Hotcues an, die on-the-fly oder in der Rekordbox-Software gesetzt werden können. Nun fragt sich, ob nicht auch die DJ-Software auf dem Computer letztlich nur eine Übergangstechnologie für den Siegeszug von Pioneers USB-Abspielgeräten geworden ist und welche DJ-Software-Features Pioneer als nächstes übernehmen wird. Denn nach wie vor gibt es immer noch künstlerische wie organisatorische Aspekte, in denen Software der Hardware überlegen ist.

Beatjump: Eines der Killerfeatures von Traktor. Der Break ist doof? Spring einfach drüber!

Loop Adjust: Tighte Loops gelingen mittlerweile auch mit dem allerneuesten CDJ-2000 NXS2. Aber DJ-Software wie Traktor verfügt über wesentlich intuitivere Loop-Funktionen.

Key Pitch: Der Pitch-Lock bei den CDJs ist ja schön und gut. Mit Traktor jedoch können auch Tracks mit unterschiedlicher Tonhöhe harmonisch aufeinander eingetunt werden, um wohlklingende Transitions zu komponieren.

Ausgefuchste Effekte: Auch hier bieten DJ-Mixer schon ein ganzes Arsenal an. Aber die Allen & Heath Standardmixer wie der Xone:92 (http://www.allen-heath.com/ahproducts/xone92/ ) können halt nur Filter und einen A&H DB4 findet man höchst selten im Club vor. Mit DJ-Software hat man seine Lieblings-FX immer dabei. Und Gate, Slicer, Beatmasher & Co. funktionieren wirklich tight bislang nur in einer Software.

Eingebauter Rekorder: Schnell einen DJ-Mix aufnehmen und auf Mixcloud hochladen, das geht derzeit ohne weitere Geräte nur mit dem Computer. Allerdings hat Pioneer seinem XDJ-RX schon die Möglichkeit spendiert, den Mix direkt auf USB-Stick aufzunehmen. Es wäre logisch, diese Option auch in zukünftige Mixer einzubauen.

Playlisten können noch während des Sets blitzschnell aktualisiert werden und stehen sofort zur Verfügung, denn in manchen Situationen kann der Sync eines Rekordbox-USB-Sticks quälend lange dauern.

Tracks können sehr viel schneller gefunden werden. Dir fällt der Titel nicht mehr ein, aber du weißt noch, in welchem Jahr und auf welchem Label der Track erschienen ist? Dann ist der Track meist nur ein paar Tastaturanschläge entfernt.

Ich persönlich spiele nach wie vor sehr gerne mit Traktor. Mit meinem persönlichen Mapping für den Vestax VCI-400 habe ich viele kreative und organisatorische Funktionen sofort zugänglich auf einer Oberfläche, die ich „in- und auswendig“ kenne und wie ein Instrument spielen kann.

Gerade bei Ambient/Electronica-Sets, wie ich sie zum Beispiel bei LSB.tv spiele, zeigt sich, wie mächtig Traktor mit einem guten Controller-Setup ist: mit extremen Pitch-Einstellungen im Bereich von +/- 30 Prozent und Key Pitch jenseits +/- 3 Halbtönen, gelingen in Kombination von Loops und Effekten einzigartige Klangstrukturen, die stets im Sync bleiben und mehr mit spontanem Live-Act zu tun haben als mit einem herkömmlichen DJ-Set. Also DJs: Traut euch!

Vom Säen und Ernten

Bonedo fragte bei Florian Schneidmadel, Director of Products bei Native Instruments nach, wie die Firma die aktuelle Entwicklung in der DJ-Booth einschätzt.

Bonedo: Hat Native Instruments einer Entwicklung den Weg geebnet, deren Früchte Pioneer gerade erntet?

NI: Das kann man so sehen. DJing als Massenphänomen wurde sicherlich durch das Aufkommen von DJ-Software beflügelt, da die finanziellen Einstiegshürden für teures Equipment wegfielen. Einst innovative und kontrovers diskutierte Features, wie zum Beispiel der Sync-Button, werden mittlerweile als Basis-Features erwartet und finden sich auch in Hardware-Geräten. Damit wird der Wechsel von Software als Einstiegs-„Equipment“ zu Hardware leichter.

Bonedo: Wie beurteilt Native Instruments die aktuelle Situation von Hardware und Software in der DJ-Booth?

NI: Im professionellen Bereich spielt Convenience eine wichtige Rolle, gerade für DJs, die einfach nur zwei Tracks zusammenmischen wollen. Niemand will mehr wie in den frühen Jahren des digitalen Auflegens Setup-Orgien in der DJ-Booth vor Publikum durchführen – weder Künstler noch Clubbetreiber. Deshalb ist der Trend zur einfach bedienbaren Hardware ohne Computer für klassische DJ-Sets verständlich. Für Live-Sets oder experimentellere Shows, die über den Standard hinausgehen, ist ein computergestütztes Setup angemessener. Damit stehen nach wie vor mehr Möglichkeiten zur Verfügung, sich individuell kreativ zu betätigen und die Grenze zwischen reinem Auflegen und Live-Performance verschmilzt. Wir haben immer versucht, die Limits des kreativen DJings weiter zu pushen und das über das reine A-B-Mixen gestellt.

Bonedo: Kann NI verlorenen Boden tatsächlich mit noch mehr innovativeren Features zurückgewinnen?

NI: Sicher. Wenn sich in kreativen Bereichen wie dem Auflegen ein Mainstream oder Standard durchgesetzt hat, wird es wieder mehr Interesse an anderen Formen des kreativen Ausdrucks geben. Künstler wollen sich naturgemäß von der Masse absetzen und haben deshalb eine gewisse Offenheit gegenüber neuer Technik. NI war immer stark darin, die nächste Generation des Musikmachens zu definieren – das ist wichtiger Bestandteil unserer Vision und wird auch in Zukunft so bleiben.

Bonedo: In den letzten Jahren hat NI sehr viel Hardware auf den Markt gebracht. Genau genommen sind ja CDJs auch nur sehr spezialisierte Computer mit eingebautem Controller und Soundkarte. Wird NI den Begriff „native“ in Zukunft neu definieren?

NI: „Native“ ist im Musikbereich üblicherweise die Bezeichnung dafür, dass die Audiosignalverarbeitung auf einer „normalen“ Desktop-Computer-CPU geschieht und nicht auf spezialisierten und früher meist teuren DSP-Chips. Da sich CPUs mittlerweile überall befinden und die Preise für die Technologie stark gefallen sind, öffnen sich für NI viele Möglichkeiten, unsere Software-Power mit Hardware zu verbinden.

Bonedo: Mal angenommen, ein Traktor-DJ könnte seinen Laptop zu Hause lassen und seine Traktor-Playlists ebenfalls per USB-Stick in den Club mitnehmen: Wäre eine Standard-Hardware für Traktor-DJs vorstellbar und den Clubs vermittelbar?

NI: Vorstellbar ist das. Die Frage ist, ob ein solches Produkt, das 1:1 den De-Facto-Standard in der DJ-Booth kopiert, Sinn macht. Für Clubs ist es einfacher, nur eine Hardware anbieten zu müssen. Unser Fokus liegt auch klar auf innovativen Lösungen, die mit den existierenden Standards koexistieren können.

Resümee

Wenn man nicht an den großartigen Möglichkeiten von STEMS und Remix Decks interessiert ist, bieten neue DJ-Controller derzeit substantiell wenig anderes als ihre Vorgänger. Und das scheint bei vielen DJs wohl der Fall zu sein. Pioneer rüstet derweil seine CDJ-Player mit genau den Möglichkeiten aus, die bisher die Software-Lösungen so attraktiv machten. Und der tourende DJ braucht die neuen Geräte gar nicht selbst zu kaufen, denn mitunter reicht ihm die Rekordbox-Software zur Vorbereitung der Playlisten auf seinem USB-Stick.

Pioneer hat in vielen Bereichen still und leise die DJ-Booth erobert: Die Wahl des Mixers fällt zumeist zwischen Pioneer und Allen & Heath aus, mit dem PLX-1000 haben die Japaner den designierten Technics 1210er-Nachfolger im Portfolio und CD-Player anderer Anbieter finden so gut wie gar nicht mehr statt. Für die Anbieter von DJ-Software wird es schwer werden, die CDJ-Dominanz in den Clubs allein mit weiteren Features zu gefährden.

Ein möglicher Weg könnte sein, dass es NI und Serato gelingt, einfache Hardware Plug’n’Play Möglichkeiten für Nutzer ihrer Systeme vorzustellen, an denen Club-Besitzer nicht vorbeikommen. Ansonsten könnte DJ-Software eher zum Tool für Home-DJs werden – und selbst für diesen Markt hat Pioneer mit Rekordbox DJ bereits ein Produkt, das mit eigenen Hardware-Lösungen daherkommt, zwar längst nicht so machtvoll ist wie Traktor, aber dafür kompatibel mit dem Rekordbox-System im Club. Der Ball liegt jetzt im Feld der DJ-Softwarefirmen. Was kommt als nächstes? Wir dürfen gespannt sein, wie die DJ-Softwarefirmen und allen voran Native Instruments sich in Zukunft aufstellen werden.

Eure Meinung

Wie seht ihr das? Reizt ihr die faszinierenden Möglichkeiten moderner DJ-Software aus oder seid ihr eher daran interessiert, einfach zwei Tracks ineinander zu mixen? Bevorzugt ihr ein Pioneer-Setup und was sind eure ganz persönlichen Gründe? Wir freuen uns auf eure Kommentare!

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