Gitarre
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10.09.2020

Die zehn größten Fehler bei Gitarrensolos

So performt ihr fehlerfreie Solos

Die Kunst der Improvisation und des Solospielens besteht aus ungeheuer vielen Facetten, die ineinandergreifen und die gut abgestimmt sein müssen, wenn der Solospot gelingen soll. Häufig tappt man als unerfahrener Solist jedoch in die gleichen Fallen, zum einen aufgrund fehlender Routine, aber auch, weil sehr gerne die Nerven durchgehen, wenn man im Fokus des Publikums steht.

Dann fehlt die Ruhe und die "Außenschau", die man benötigt, um sich in die Situation des Zuhörers zu versetzen, dem man ja mit dem Solo eine Geschichte erzählen und den man, romantisch gesprochen, auf eine Reise mitnehmen will. Was gängige Fehler sind, und wie ihr sie vermeidet, möchte ich euch aus meiner Erfahrung berichten:

1. Zu wenig Pausen

Als Gitarrist neigt man dazu, die Hände laufen zu lassen und zu "nudeln", also endlose, ununterbrochene Lines und Skalenläufe zu spielen, denen kein Mensch im Publikum folgen kann. Bläser und Sänger müssen atmen, aber Gitarristen können ohne Punkt und Komma "labern".

Dabei sind wir auch schon bei der Analogie zur Sprache: Stellt euch eure Improvisation wie ein Gespräch oder ein Buch vor: Eine kurze Solophrase ist ein Statement und es gibt Sätze, Absätze und Kapitel. Nehmt kurze Motive, die von Pausen gefolgt sind, das bringt gleich zu Beginn schon mal Ruhe in das Solo und hilft auch euch, eine gute Richtung zu finden.

2. Unpassendes Tonmaterial

Die gewählte Tonleiter, die bei der Improvisation zum Einsatz kommt, kann vollkommen falsch sein, doch selbst, wenn man sich in der richtigen Tonart bewegt, besteht die Gefahr, dass man Tonmaterial wählt, das stilistisch schlichtweg unpassend ist. Diesem Fehler begegnet man häufig, wenn man als Junggitarrist eine neue Tonleiter gelernt hat, wie z.B. die Modi, Harmonisch- oder Melodisch-Moll oder HTGT. Man möchte besonders anspruchsvoll und abgefahren klingen oder zeigen, dass man das Gelernte auch gut umsetzen kann, häufig ohne Rücksicht darauf, ob das Stück auch danach verlangt. Löst euch von dem Komplex, dass immer alles besonders "hip" sein muss oder dass die Pentatonik eine "Anfängertonleiter" ist. Analysiert und hört genau auf das Stück und trefft eine geschmackvolle, musikalische Entscheidung - und nicht, weil ihr mit eurem neuen Wissen beeindrucken und trumpfen wollt, denn das geht meistens schief.

3. Schlecht intonierte Bendings

Bendings sind ein sehr individuelles Merkmal jedes einzelnen Gitarristen, jeder macht sie anders und klingt dabei natürlich auch verschieden. Eine wichtige Voraussetzung dabei ist, dass die Intonation stimmt, wobei zu hohe Bendings meist etwas schräger klingen als etwas zu "flat" intonierte. Leider neigt man in einer aufgeregten Auftrittssituation aufgrund der höheren Muskelspannung dazu, zu viel Kraft in das Saitenziehen zu legen und dabei über das Ziel hinauszuschießen. Versucht hier, Ruhe zu bewahren und konzentriert euch auf stimmige Bendings.

4. Langweilige Rhythmik und Phrasing

Sehr häufig macht man sich Gedanken über "flashy" Licks und Lines, vernachlässigt dabei aber das Phrasing.

Dadurch landet man bei Licks mit ähnlicher Rhythmik oder beginnt diese immer auf ähnlichen Zählzeiten. Gute Improvisateure zeichnen sich auch durch rhythmische Flexibilität aus und könnten jede Line auf jeder Zählzeit beginnen - Triolisches auch mal in 16teln oder umgekehrt phrasieren.

Analysiert eure Soli dahingehend, ob ihr ähnliche Pattern spielt oder immer alles auf der "1" beginnt. Ist dies der Fall, dann nehmt einfach eure Lieblingslicks zur Hand und spielt diese einmal auf jeder Zählzeit oder phrasiert einen Triolenlauf auch mal in 16teln?

5. Unpassende Sololänge

In einem Solo geht es darum, etwas zu erzählen, weil man etwas "zu sagen hat".

Häufig finden Neulinge jedoch kein Ende und improvisieren über den Punkt hinaus, bis zu dem noch alles frisch und interessant klingt. Das wird dann sowohl für die Band als auch für den Zuhörer ein wenig erfreuliches Erlebnis und man hat das Gefühl, da kommt jemand nicht wirklich auf den Punkt.

Mein Tipp: Habt keine Angst vor kurzen Soli! Auch im Jazz gibt es angesagte Solisten, die nach dem zweiten Blues-Chorus abgeben, weil sie ihr Statement an den Mann gebracht haben. Und wer weiß, vielleicht ist das nächste Stück, über das ihr an dem Abend soliert, inspirierter? Ansonsten nehmt auch hier die Analogie zur Sprache: Wer nichts mehr zu sagen hat, sollte einfach schweigen.

6. Fehlender Bogen

Hier geht es um den Punkt der Solokonzeption, und damit stellt sich natürlich auch die Frage der verfügbaren Sololänge. Als Anfänger neigt man gerne dazu, alles auf einem konstanten Energielevel zu spielen, und das kann für alle Beteiligten extrem ermüdend werden.

Habt ihr Zeit, ein Solo zu entwickeln, solltet ihr einen Aufbau in Erwägung ziehen, der den Zuhörer mitnimmt. Fangt langsam mit kurzen Phrasen an und steigert euch. Versucht, in Antagonistenpaaren zu denken: langsam - schnell; tief - hoch; wenig - viel; sensibel - aggressiv; kurze Phrasen - lange Phrasen; simples Tonmaterial - abgefahrenes Tonmaterial; usw.

All das kann zur Dramaturgie herangenommen werden, wenn es die Situation erlaubt! Natürlich kann es auch durchaus sein, dass man nur acht Takte zur Verfügung hat. Und es gibt genug Beispiele für Soli, die fantastisch klingen, ohne einen erkennbaren Aufbau zu haben, was jedoch in der Regel nur dann funktioniert, wenn die Qualität der Lines stimmt, siehe z.B. Pat Metheny. Wichtig ist es für euch auf jeden Fall, ein Bewusstsein zu schaffen für Dramaturgie und Inhalt!

7. Zu viel Effekte

Auch dieses Problem kennt man: Das neue Pedal wurde geliefert und muss gleich in jedem Solo verbraten werden! Dazu noch einen Haufen Reverb und Delay, und dann klingt doch gleich alles viel besser!

Weit gefehlt! Häufig führen zu viele Effekte zu Undurchsichtigkeit und mangelndem Durchsetzungsvermögen im Bandgefüge. Abgesehen davon ermüden die Ohren der Zuhörer schneller, wenn ständig der gleiche Effekt zum Einsatz kommt.

Mein Tipp: Sparsam mit Effekten umgehen, und für den fetten Leadsound reicht ein Delay meist vollkommen aus.

8. Falscher Lautstärkepegel

Ein häufiges Problem ist auch, dass man entweder garnicht merkt, ob gerade jemand soliert oder aber, dass das Solo so laut ist, dass man es als ohrenbetäubend unangenehm empfindet.

Wählt für euer Solo eine moderate Pegelanhebung von ca. 3 dB (das ist der Standard-Soloboost), und ihr werdet in einem angemessenen Rahmen über dem Rest der Band stehen.

9. Schlechtes Timing

Häufig geht im Eifer des Gefechts das Timing vollkommen flöten. Tendenziell spielt man deutlich zu weit vorne, weil man aufgeregt ist und der Puls rast. Mein Tipp gegen den nervositätsbedingten Timing-Verlust ist, kurz vor Solobeginn oder in der ersten Noten an die Atmung zu denken. Nehmt tief Luft und versucht ruhig zu atmen. Häufig stellt sich ein Rückkopplungseffekt auf eure innere Ruhe ein und ihr könnt verhindern, dass "die Gäule" mit euch durchgehen.

Versucht euch zu vergegenwärtigen, dass ihr alle Zeit der Welt habt und wie cool es eigentlich sein kann, zu Solobeginn erst einmal zwei Takte nicht zu spielen!

10. Schlechtes Vibrato

Auch dieses Problem ist häufig nervositätsbedingt und auf einen zu hohen Muskeltonus und eine generelle innere Anspannung zurückzuführen. Dann wird aus einem wohlbedachten Vibrato ein unkoordiniertes Zittern, als hätte man in eine Steckdose gelangt. Falls ihr das bei euch beobachtet, dann nehmt euch vor, nicht automatisch mit dem Vibrieren loszulegen, sondern lasst den Ton erst einmal stehen und beginnt dann langsam mit dem Einschwingen. Fühlt euch nicht gezwungen, jedes Mal ein Vibrato auf die Noten setzen zu müssen und hört euch mal ein paar Dann Huff Soli an, der an einigen Stellen sogar gänzlich auf Vibrato verzichtet.

Ein Vibrato ist ein Ornament, kein Muss!

Ich hoffe, ich konnte euch ein paar kleine Tipps geben, denn jedes dieser Probleme ist lösbar und das Erkennen ist sicherlich der erste wichtige Schritt!

In diesem Sinne wünsche ich euch gutes Gelingen!

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