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Test
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26.11.2021

Dear Reality DearVR Mix Test

Virtuelles Mixingstudio für Kopfhörer

Mit Sennheiser AMBEO!

DearVR Mix ist ein Plugin für besseres Mixing mit Kopfhörern durch einen Virtual Mixing Room. Das Abhören und Mixen auf Kopfhörern ist mittlerweile allgegenwärtig: Nachträgliche Kundenwünsche am Mixdown unterwegs machen? Mal raus aus dem dunklen Studio, am Pool arbeiten und trotzdem professionelle Ergebnisse erhalten? Oder einfach keine toleranten Nachbarn und kein Platz für große Studiomonitore? Dann verspricht DearVR Mix Abhilfe.    

Wovon braucht es am meisten, um professionell klingende Mixdowns zu erhalten? Welcher EQ, welcher Kompressor oder Limiter bringt der Sound der Großen? Die Antwort dürfte für viele, die am Anfang stehen und erste Mixdowns selbst versuchen, ernüchternd sein: keines dieser Werkzeuge. Denn niemand konnte gut abmischen, als er oder sie noch am Anfang stand – weder Andrew Scheps noch Chris Lord-Alge oder Michael Ilbert. Nichts ist so wichtig wie Erfahrung und das Schulen des eigenen Gehörs. Die gute Nachricht: Dafür gibt es keine Abkürzung. 

Diesen Disclaimer sollten nicht nur Kopfhörer-Plugins wie DearVR Mix oder Slate VSX mitbringen, sondern auch alle anderen „Game Changer“ oder „Instant Magic“ Plugins. Wobei eine Software wie DearVR Mix hilft? Man kann damit bessere Mixentscheidungen durch virtuelle Räumlichkeit, Korrektur des Kopfhörerfrequenzgangs und Simulation einer realistischen „Head-Related Transfer Function“ treffen. 

Details & Praxis

DearVR Mix – Installation und Features

Der Installer bietet die Formate VST3, AU und AAX. Anders als die großen Spatial-Audio/Dolby Atmos/-Monitoring-Plugins DearVR Pro, DearVR Monitor und DearVR Music ist das "Mix"Derivat nicht über den Vertriebspartner Plugin Alliance, sondern nur direkt über die Webseite des Herstellers Dear Reality erhältlich.

Hier geht es um realistisches räumliches Abhören. Denn ohne ein Virtual Mixing Room Plugin – oder zumindest etwas Crossfeed-Funktionalität im Kopfhörerverstärker – können selbst die teuersten Referenzkopfhörer keine Räumlichkeit darstellen, weil unsere Ohrmuscheln dabei voneinander isoliert sind. Dadurch trifft man beim Mixing Entscheidungen, die das Panning, die Tiefenstaffelung und die Frequenzbalance betreffen und die sich beim Hören auf Consumer-Audio-Devices schlecht übertragen. 

Abhören mit DearVR Mix

Drei Mixing-Räume sind im Plugin enthalten. „Mix Room A“, „Mix Room B” und “Analytic Dry”. Die ersten beiden unterscheiden sich in der Größe. „Mix Room B“ klingt um einiges räumlicher als Version A. „Analytic Dry“ wiederum ist laut Handbuch ein schalltoter (anechoischer) Raum ganz ohne Reflexionen. Crosstalk, das das Übersprechen von Schallquellen links im Stereopanorama auf die rechte Seite und umgekehrt überträgt, ist hier wie in den Mix Rooms aber auch vorhanden.

Neben den drei Mix-Umgebungen gibt es in der „Check“-Kategorie noch sechs virtuelle Consumer-Hörumgebungen. „Car“, „Club“, „Home Theater“, „Kitchen“, „Living Room“ und „Stadium“ decken einen breiten Bereich von Hörsituationen zum Testen ab. Denn Kopfhörermixe können auf diesen Devices für böse Überraschungen sorgen. Zu viel Bass oder Reverb, zu laute Hi-Hats oder eine falsche Balance zwischen Stimme und Musik sind häufige Anzeichen für Kopfhörerabmischungen. Die Simulationen in der „Check“-Kategorie zeigen beim Testhören, wo noch nachjustiert werden muss.

Mehr Räumlichkeit und mehr Fokus

Für individuelle Anpassungen bei der Arbeit mit DearVR Mix sind die zwei Regler „Ambience“ und „Focus“ in der Mitte vorgesehen. Ersterer arbeitet wie der „Dry/Wet“-Regler eines Reverbs. Je höher der Wert, desto mehr Raumanteil ist zu hören. Konsequenterweise ist dieser Regler im schalltoten Raum auch ausgegraut – Räumlichkeit existiert hier nicht. Die Funktion von „Focus“ wiederum ist gar nicht so leicht zu greifen. Rein akustisch gesehen, werden obere Mitten hervorgehoben und untere Mitten und Frequenzen um 6 kHz abgedämpft, wenn der Regler bei „Localized“ voll auf 100 steht. 

Das soll die Frequenzveränderung simulieren, die beim tatsächlichen räumlichen Abhören  durch die physikalischen Gegebenheiten unseres Kopfes und ihre Einwirkungen auf die eintreffenden Schallwellen entsteht. Der Parameter basiert laut Hersteller auf der patentierten „Clarity“-Technologie von Sennheiser. Dear Reality wurde 2019 von dem Kopfhörergiganten übernommen und baut nun sukzessive die Sennheiser-3D-Audio-Technologie AMBEO in die eigenen Plugins ein. 

Kopfhörer-Kompensation

Nutzt man außerdem die Kopfhörerfrequenzkorrektur „HP Compensation“, empfiehlt Dear Reality „Focus“-Werte zwischen 30 und 100. Meist hat es sich bei mir auf ca. 60 eingependelt. Der hörbare Unterschied zwischen hohen und niedrigen Werten ist mit aktivierter Korrektur marginal.

Aus insgesamt 44 Korrekturkurven der viele der beliebtesten Studiokopfhörer kann bei der Frequenzkorrektur ausgewählt werden. Dazu kann das Plugin wahlweise im „Linear“- oder im „Minimum“-Phase-Modus betrieben werden. Im linearen Modus entstehen weniger Phasenverschiebungen im Signal bei höherer Latenz. Will man „DearVR Mix“ eher zum Produzieren und Aufnehmen nutzen, sollte das Plugin hingegen im „Minimum“-Phase-Modus betrieben werden. 

Dazu kann noch zwischen vier Monitor-Setups gewählt werden: „Mono Input“, „Mono Summed“, „Stereo“ und „Stereo Wide“. Bei Ersterem wird der linke Stereoeingang dem Höreindruck nach auf beide Ausgänge gelegt. „Mono Summed“ summiert links und rechts, hier gilt es, auf die im Vergleich zu „Mono Input“ steigende Ausgangslautstärke aufzupassen. „Stereo Wide“ bewegt die in der Standardeinstellung „Stereo“ auf 60° eingestellten virtuellen Monitore weiter nach außen. Diese Einstellung kann für all diejenigen sinnvoll sein, die ein Tool wie DearVR Mix zusätzlich zu einem Mixing Room nutzen und ihre Monitore dort auch in einem breiteren Winkel aufgestellt haben. 

DearVR Mix im Praxisalltag

Insgesamt zielt Mix auf einen schnellen Workflow mit wenigen Einstellungen: Plugin auf den Master hinter die Mastering- oder Mixbus-Kette legen, Kopfhörerprofil und Mix Room laden und los geht es. Im Test mit drei kleinen Mixdowns (Pop/EDM, Acoustic Folk und Rock) und vier Testtracks (Ben Böhmer – Beyond Belief, Kanye West – Power, Nirvana – Smells like Teen Spirit, Portishead – Glory Box) haben wir die drei Mix-Räume und sechs Check-Räume miteinander verglichen. 

Ob man eher „Mix Room A“ oder „Mix Room B“ als Mixing-Umgebung wählt, ist vor allem dem persönlichen Geschmack überlassen. Ich bin nach häufigem Testen und Umschalten bei Variante B geblieben. Die Korrekturkurve zu meinen Mixing-Kopfhörern, den DT-770 Pro (250 Ohm), nahm ihnen einiges von der Überbetonung im Bass, die zwar ihren Charakter ausmacht, es aber nicht unbedingt leicht macht, beim Mixing in diesem Frequenzbereich die richtigen Entscheidungen zu treffen. In Verbindung mit Werten von 60 bei „Ambience“ und 40 bei „Focus“ kamen bei allen drei Demo-Tracks gut klingende Mixe heraus. Allerdings hätte ich mir hier mehr als ein Monitorpaar zum Vergleich der Mixe gewünscht. 

Gerade beim Mischen des Acoustic-Pop- und des Rock-Tracks waren die Check-Szenarien „Kitchen“ und „Stadium“ dazu wichtige Helfer beim Ausmachen von störenden Resonanzen. Die frühen, lauten Reflexionen im „Kitchen“-Raum haben jedes noch so kleine Problem mit Hi-Hats, Crash-Becken oder zu lautem Fingerpicking überdeutlich hörbar gemacht. Im „Stadium“-Setting zeigte sich dann schnell, ob die Stimme im Verhältnis zum Rest zu laut oder leise war. Der „Car“-Test wiederum war für den Bassbereich beim EDM-Track ein wichtiges Tool, um die passende Lautstärke für die Kick zu finden. 

Fazit

DearVR Mix ist ein einfach zu bedienendes Tool für Mixing auf Kopfhörern. Die Mixing-Räume klingen äußerst neutral, aber trotzdem räumlich genug, um den für Panning und Tiefenstaffelung so wichtigen Raumeindruck zu vermitteln. Allerdings hat hier vor allem „Realphones“ die Messlatte, was die Features und die Kalibrierungsmodelle betrifft, in diesem Preissegment derart hochgelegt, dass der Minimalismus von DearVR beinahe fehl am Platz scheint: Hier sind weder die Korrekturkurven der Kopfhörer sichtbar noch ist eine Systemwide-App dabei. Außerdem gibt es genau ein Monitormodell in den Mixing-Rooms. Da kann DearVR definitiv noch nachlegen, um mit der Konkurrenz auf Augenhöhe zu bleiben. Wem aber die Fülle an Einstellungen von Realphones zu viel ist und wer auf Head Tracking à la Waves NX verzichten kann, dem sei DearVR Mix durchaus empfohlen. Wer nur Korrekturen für den Kopfhörer sucht sollte sich auch einmal Sound ID Reference Headphone anschauen.

  • Pro
  • 44 Kopfhörermodelle für die Kalibrierung
  • Mixing-Räume klingen sehr realistisch
  • Mit wenigen Einstellungen schnell zum virtuellen Mixing-Room
  • „Kitchen“- und „Stadium“-Räume eigenen sich hervorragend zum Testhören
  • Contra
  • Korrekturkurven nicht sichtbar
  • Keine Systemwide-App
  • Nur ein Paar virtuelle Monitore
  • Features
  • Software und Plugin zur Entzerrung von Studiokopfhörern im virtuellen Mixing Room
  • 3 virtuelle Mixing Rooms: Mix Room A, Mix Room B, Analytic Dry
  • 6 virtuelle “Check”-Rooms zum Überprüfung der Mix-Übersetzung: „Car“, „Club“, „Home Theater“, „Kitchen“, „Living Room“ und „Stadium“
  • Parameter „Ambience“ für Räumlichkeitsanteil
  • Parameter „Focus“ für HRTF-Frequenzanpassung
  • 44 Kalibrierungsprofile für Kopfhörer
  • zwei-Band-EQ zur Anpassung des Frequenzganges
  • „Linear“- und „Minimum“-Phase-Modi
  • 4 Lautpsrecherpositionen: „Mono Input“, „Mono Summed“, „Stereo“ und „Stereo Wide”
  • 14 Tage Demo
  • Systemvoraussetzungen
  • Mac: ab OSX 10.9, nur Intel-Systeme ab 2 GHz
  • PC: ab Windows 10, Intel-kompatible CPU mit SSE2 ab 2 GHz
  • Plugin-Formate: VST3 (Win, Mac), AAX (Win, Mac) ab Pro Tools 2019, AU (Mac)
  • Preis
  • „DearVR MX“ – 102 EUR (Straßenpreis 22.11.2021)

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