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29.06.2018

Darum machst du beim Klavier üben keine Fortschritte mehr

Sind Phasen, in denen man umsonst übt normal und müssen diese sein?

Vermeide diese Fehler und du machst beim Klavier üben endlich wieder Fortschritte!

Kennst du das auch? Man übt und übt und übt, aber komischerweise stellen sich einfach keine Lerneffekte ein. Ich selbst habe das auch erlebt. Untypisch, habe ich Klavier spielen erst mit 19 Jahren begonnen. Anfangs waren die Fortschritte groß, aber irgendwann wurden es immer weniger. Bei mir persönlich ging das sogar soweit, dass ich mir am Ende meines Klavierstudiums überhaupt nichts mehr zugetraut habe. Ich schaffte es einfach nicht, Stücke fehlerfrei einzustudieren und musste mich beim Vorspielen immer auf mein Glück verlassen. Und auch den Klang konnte ich nicht ansatzweise so umsetzen, wie ich mir das wünschte. Zum Schluss war ich so verunsichert, dass ich mir selbst leichte Stücke nicht mehr zugetraut habe. Und Spaß an der Musik hatte ich so natürlich auch keinen mehr.

Das möchte ich dir ersparen. Wenn dir diese Probleme bekannt vorkommen, wird dir dieser Artikel dabei helfen, sie aus der Welt zu schaffen. Wenn du einfach nicht voran kommst, gibt es dafür konkrete Gründe, die du beseitigen kannst. Mit den folgenden Tipps kannst du endlich wieder Fortschritte beim Klavier üben erzielen. Werde richtig gut an deinem Lieblingsinstrument, dem Klavier.

Los geht’s!

Manchmal ist mehr einfach mehr

Zuerst kommen wir zu einem Punkt, den du dir wahrscheinlich schon gedacht hast. Er klingt sehr simpel, aber natürlich steckt viel Wahrheit darin. Wenn du mit deinen momentanen Übe-Fortschritten nicht zufrieden bist, wirst du wahrscheinlich erst einmal mehr üben müssen. Warum ist das so? Je weiter du bei einer Sache kommst, desto länger lassen bemerkbare Fortschritte auf sich warten und desto mehr musst du dafür tun. Erinnere dich daran, wie du angefangen hast, Klavier zu lernen. Die ersten Wochen waren rückblickend relativ leicht. Natürlich hast du für dich völlig neue Dinge lernen müssen, beim Klavier spielen werden die Hände und Finger ja sehr speziell eingesetzt. Außer beim Schreiben von Texten auf dem Computer gibt es im Alltag eigentlich keine Tätigkeit, die dich auf das Klavier spielen vorbereiten kann.

Aber genau deshalb sind Anfängerstücke auch sehr leicht. Man spielt die Melodie z. B. verteilt auf zwei Hände, und man spielt sie ganz alleine, ohne eine Begleitung. Es gibt in der Regel auch keine Vorzeichen, die Rhythmen sind auf Viertel, Halbe und Ganze Noten begrenzt und die Stücke waren sehr kurz. Außerdem spielt man am Anfang seiner Klavier-Karriere meist nur die ersten drei Finger jeder Hand. 

Selbstverständlich war das damals alles neu für dich, aber so hast du ein Stück auch immer schnell geschafft. Irgendwann wurde dann aber der Rhythmus komplizierter, die linke Hand spielte eine Begleitung und vor allem wurden es immer mehr Noten, die alle gelesen und gespielt werden müssen. Und dann tritt ein Phänomen auf, das jeder Musiker kennt. Du begegnest Stellen in Stücken, die sich quasi zu wehren scheinen. Oft sehr kurze Passagen wollen einfach nicht korrekt von dir gespielt werden, als wären sie verhext. Spätestens wenn du bei den großen Komponisten für das Klavier angekommen bist, weißt du genau, wovon ich spreche. Und da hilft eben nur eines:  Noch mehr Zeit investieren.

Versuche das einfach ganz nüchtern zu sehen und unterdrücke am besten jegliche Art von Wut und Frustration, diese Gefühle behindern dich beim Lernen nur. Bei einem Chopin Nocturne oder dem ersten Satz einer Mozart Sonate können je nach Übe-Pensum schon mal mehrere Wochen und Monate ins Land gehen. Und das ist auch ganz normal so. Versuche einfach, in kleinen Schritten noch mehr Zeit für deinen Übeprozess aufzubringen, vielleicht auch mehrfach an einem Tag, besonders am Wochenende. Das wirkt dann wie ein Turbo.

Sei sicher, die Fortschritte werden sich einstellen. Bleib einfach geduldig und übe etwas mehr als bisher und unbedingt regelmäßig. Sieben Mal die  Woche zehn Minuten bringen viel mehr, als zweimal die Woche jeweils eine ganze Stunde. Und das führt uns direkt zum zweiten Punkt.

Üben wie die Profis

Mindestens genauso wichtig für deinen Fortschritt ist die Qualität deines Übeprozesses.  Stell dir vor, du hast riesigen Hunger und um das zu ändern, trinkst du ein Glas Wasser. Dann hast du ja tatsächlich etwas getan, aber viel bringen wird das wahrscheinlich nicht. Genauso ist es beim Klavier üben. Es geht nicht nur darum, ob du am Instrument gesessen hast. Viel wichtiger ist die Frage, was du in dieser Zeit tust und ob die von dir ausgeführten Handlungen einen Lerneffekt erzielt haben. Frag dich einfach, ob du wirklich verstanden hast, wie Lernen funktioniert. Ich sehe zum Beispiel bei meinen Schülern jeden Alters immer wieder die gleichen elementaren Fehler. 

Was ist beim Lernen grundsätzlich wichtig? Wie kann ich mich dazu motivieren? Wie studiert man am besten motorische Bewegungen ein? Denn nichts anderes tun wir beim Klavier spielen. Warum mache ich immer wieder die gleichen Fehler, was muss ich tun, um diese endlich zu vermeiden und kann ich etwas falsch Gelerntes überhaupt noch nachträglich korrigieren? 

Wenn du gut lernst, maximierst du damit deine Lernfortschritte und minimierst gleichzeitig die Arbeit und Zeit, die du dafür investieren musst.Am besten liest du meinen Artikel 8 Tipps zum Üben wie die Profis zu diesem Thema. 

Darin beschreibe ich alles was wichtig beim Lernen und Üben ist. 23 Jahre Erfahrung als Musiker und Lehrer sind dort mit eingeflossen. Ich selbst habe in meiner musikalischen Ausbildung immer wieder verzweifelt am Klavier gesessen und mich gefragt, warum ich trotz täglichem und mehrstündigem Üben einfach nicht vorankomme. Inzwischen weiß ich wieso, und für dich habe ich dieses Wissen in Üben wie die Profis zusammengefasst. Probiere es doch einfach mal aus, dann wirst auch du effizient Üben und dich schnell als Musiker entwickeln.

Gehe Verpflichtungen ein

Gerade wir Pianisten sitzen oft monatelang im stillen Kämmerlein und üben besessen vor uns hin. Dagegen ist grundsätzlich ja nichts einzuwenden. Wenn allerdings die Fortschritte ausbleiben, gilt es auch das zu überdenken.

Zum einen entgeht uns dabei, worum es in der Musik wirklich geht. Musik ist Kommunikation. Wenn wir aber immer nur alleine üben, ist das, als würden wir den ganzen Tag nur mit uns selbst reden. Und zum anderen haben ausbleibende Fortschritte in der Regel keine Konsequenzen, oder können einfach vertagt, oder schön geredet werden. Dadurch fehlt einfach oft das Warum. Warum soll ich mehr üben? Warum soll ich meinen Übeprozess überdenken und optimieren? Warum muss ich heute noch die ersten zwei Seiten dieses Stücks lernen? Muss ich mich nach einem anstrengenden Tag nach Feierabend unbedingt nochmal ans Klavier setzen? Deshalb solltest du musikalische Verpflichtungen eingehen, denn dann musst du einfach.

Triff dich samstags immer mit deinem Nachbarn, der Cello spielt. Oder gründe eine Band und bemüht euch um Auftritte. Tante Uschi hat in fünf Wochen ihren 60. Geburtstag? Dann sage ihr doch zu, dass du auf ihrer Feier die komplette Sammlung von Operetten-Hits spielst, die schon seit einigen Monaten ungenutzt auf deinem Klavier liegt. Oder du rufst im August den Vorstand deines Bowling-Vereins an und kündigst an, dass du an der Weihnachtsfeier den ersten Band des Wohltemperierten Klaviers von J.S. Bach auswendig spielen wirst. Dann hast du einen starken Anreiz und wirst dich gleichzeitig viel weniger zum Üben überreden müssen. Das wirkt Wunder. Und das Thema mehr Übezeit zu investieren ist dadurch auch auf ganz natürliche Weise erledigt.

Also wenn du nächstes Mal beim Üben einem Problem begegnest, stelle dich ihm und versuche erst einmal es einfach selbst zu lösen. Du wirst erstaunt sein, wie gut das geht und wie viel du selbst schon über Musik weißt. Denn ein Problem hat man immer dann, wenn einem Wissen fehlt.

Das Leben sieht es so vor, dass du mit deinen Erfahrungen wachsen musst, um Probleme zu lösen. Dadurch wirst du immer besser. Verlagerst du aber ein Problem auf einen Anderen, verpasst du eben genau diese Chance, daran zu wachsen. Das ist vergleichbar mit Folgendem: Wenn du nicht kochen kannst, hast du auf diesem Gebiet Möglichkeiten, sehr viel zu lernen. Wenn du es dir aber leicht machst und in ein Restaurant gehst oder dir einfach Fertignahrung aus dem Supermarkt holst, verpasst du eine Möglichkeit etwas zu lernen, was dich weiterbringt und dich kreativ werden lässt. Sonst musst du immer das essen, was dir vorgesetzt wird.

Also nutze die Chance und versuche dich selbst an einer Lösung für dein musikalisches Problem. Zur Not kannst du ja dann immer noch deinen Lehrer dazu befragen. Denn das Gute ist, wenn du dich auch bei ausbleibender Lösungsfindung schon selbst mit dem Problem beschäftigt hast, erzielst du selbst dann einen Lerneffekt, wenn die Antwort von jemand anderem geliefert wird. 

Was hilft, ist gut

Wenn ein Schüler im Unterricht Schwierigkeiten mit einer Stelle oder dem ganzen Stück hat, er immer noch mehr Fehler macht und kurz vor dem Verzweifeln ist, lenke ich ihn mit verschiedenen Fragen ab. Oder ich lasse ihn etwas ganz Unorthodoxes tun. Er soll dann zum Beispiel in Takt 1 nur die rechte Hand spielen, in Takt zwei nur die linke Hand, in Takt drei wieder nur rechts usw. Oder ich lasse ihn nur die Takte 1, 3 und dann 7 direkt hintereinander mit beiden Händen spielen. Sehr gut ist es auch, das Stück erst ab Takt 4 zu beginnen. Besonders lustig wird es immer, wenn der Schüler das Stück rückwärts spielen soll.

Solche und ähnliche Übungen führen aber einfach dazu, das Stück oder die Stelle auf eine andere und neue Art zu sehen, die eingefahrenen Gleise zu verlassen. Wir wissen aus der Gehirnforschung, dass unser „Computer“ immer nach Mustern sucht, um Energie zu sparen. Beim Lernen kann so ein Muster aber dazu führen, dass man sich festfährt. Und genau dann muss man unbedingt aus diesem Muster ausbrechen und unorthodoxe, neue und manchmal auch leicht verrückte oder lustige Dinge tun.

Erstens macht das Spaß und zweitens muss sich unser Denkapparat dadurch auf neue Dinge einstellen und sie aus einer anderen Perspektive sehen. Und das bringt für die Übersicht über dein Stück sehr viel. Wenn etwas also einfach nicht funktionieren will, solltest du dich immer um einen neuen Blickwinkel bemühen und das Problem aus einer anderen Sicht betrachten. Probiere verschiedene Dinge aus.

Richtig oder falsch gibt es beim Lernen eigentlich nicht, nur, hat etwas gebracht oder hat es nichts gebracht. Singe mit, schließe ein Auge oder kratze dich mit einer Hand beim Spielen durchgängig am Ohrläppchen. Mach ruhig auch mal verrückte Dinge, in der Regel hört dir beim Üben ja keiner zu. Und nach zwei Minuten überprüfst du deinen Lernfortschritt, indem du die Stelle ganz normal spielst, am besten noch mit zwei Takten Vorlauf. Klappt es noch nicht besser, entwickelst du eine neue Übestrategie.

Frage dich, was genau und warum es nicht funktioniert und was du bei der nächsten Übung ändern musst. Irgendwann muss sich der erwünschte Erfolg dann einfach einstellen. Sei also auch während des Übens kreativ. Zumindest wirst du aber viel Spaß mit solchen Übe-Taktiken haben, und das ist beim Lernen sowieso das Beste!

Was üben wirklich erfolgreich macht  

Zum Schluss möchte ich noch ein paar kurze Punkte zusammenfassen, die für deinen Übe-Fortschritt essentiell sind, egal, welches musikalische Niveau du im Moment hast. 

  • Wie schnell du übst, ist einer der wichtigsten Faktoren überhaupt. Am Anfang brauchst du ein sehr langsames Tempo. Wenn du dich in dieser Phase des Übens durch ein zu schnelles Tempo überforderst erzeugst du Fehler und vor allem Stress. Und in diesem Zustand kann sich kein Lerneffekt einstellen, weil dein Gehirn nur damit beschäftigt ist, diese vier Takte irgendwie hin zu bekommen und sie quasi zu „überleben“. Wähle dein Tempo anfangs so langsam, dass du schon vorher sicher sein kannst, dass keine Fehler entstehen.
  • Hast du diese Phase überstanden ist es wichtig, dass du beim Üben immer schneller wirst. Somit erhöhst du die Widerstandskraft  der geübten Stelle, weil du dadurch immer schneller denken musst. Und so kommt dir dann dein späteres Zieltempo leicht vor, weil du auch viel schneller spielen kannst.  
  • Wiederholst du beim Üben zu wenig, baust du keine Automation auf. Du verstehst dann dein Stück nur, kannst es aber nicht richtig spielen. Darum kommt es immer wieder zu Fehlern. Die Stelle, die du übst, muss sich ganz leicht anfühlen, erst dann kannst du aufhören sie zu üben. Teste dich anschließend mit folgender Aufgabe: Du musst die Stelle fünfmal hintereinander fehlerfrei schaffen. Machst du doch einen Fehler, beginnst du wieder bei 0 zu zählen.
  • Warst du damit erfolgreich, ist es Zeit an das große Ganze zu denken. Was will uns der Komponist mit seiner Musik sagen? Worum geht es? Was bedeutet die Musik für dich? Siehst du dabei ein Bild oder denkst dabei an eine Filmszene oder etwas selbst Erlebtes? Lässt du diesen Schritt aus, fehlt der eigentliche Inhalt und Zusammenhang  des Stücks. Denn der Komponist hat nicht an Fingersätze gedacht, oder welche Hand welchen Ton spielt. Er wollte mit seiner Musik eine Geschichte erzählen und diese musst du finden und wiedergeben, auf deine Art. Sonst hört man, dass du nicht mit dem Herzen bei der Sache bist. Und was bringt ein Film, der zwar voll mit 'Special-Effects' ist und an den schönsten Orten der Welt gedreht wurde, wenn du nicht verstehst, worum es eigentlich geht? 

Du findest alle diese Punkte noch einmal ausführlich in den folgenden Artikeln erklärt:

Ich empfehle dir, auch diese Artikel ausführlich zu studieren, auch wenn du schon länger Klavier spielst. Selbst dann kannst du dort noch das ein oder andere Wissenswerte für dich herausziehen. 

Viel Erfolg!

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