Feature
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21.05.2013

Buchtipp: Pete Townshend Autobiographie „Who I Am“

Per dauerhaftem Umweg in den Rock-Olymp?

„The Who“ sind neben den Stones eine der langlebigsten und stilprägendsten britischen Rock-Bands der ersten Stunde. Sie sind fest verbunden mit der in den 60ern ebenfalls in England entstandenen Mod-Bewegung. Kreativer Kopf der Band ist Gitarrist Pete Townshend – wobei es ursprünglich eigentlich die Band von Sänger Roger Daltrey war. Da war das natürliche Spannungsfeld von Anfang an vorprogrammiert...

Stilprägende Band: Die Who haben nicht nur Hits und Evergreens  wie „My Generation“ (mit dem legendären Stotterer), „The Kids Are Alright“, „See Me, Feel Me“ oder „Who Are You“geschrieben, sondern mit den Werken „Tommy“ und „Quadrophenia“ das Genre der Rockoper mit geschaffen. Spätestens mit der Quadrophenia-Verfilmung von 1979 (mit Sting in seiner ersten Filmrolle als Roller-fahrender Mod) und dem „Tommy“–Musical haben sie eine Brücke für ihr Werk in die Gegenwart gebaut. Ob Paul Weller , The Verve oder Oasis – musikalisch, optisch und was die Attitüde betrifft, zitieren viele Bands der letzten 30 Jahre die Who. Auch das Zelebrieren der Zerstörung von Instrumenten während des Konzertes haben Gitarrist Townshend und ihr verstorbener Drummer Keith Moon geprägt. Anfangs sind die Who nur ein „Übergang“ für Pete – er rechnet damit, nur ein paar Jahre bei der Band zu sein. Wie passend, dass der ursprüngliche Name der Who „The Detours“ war. Nun, dieser Umweg scheint auch 2013 immer noch anzudauern.

Pete Townshend ist kein Rock’n’Roll Sunnyboy: er ist eher vom Typ unbequemer Grübler und Denker, stellt sich und sein Umfeld permanent in Frage. So ist seine Autobiographie auch keine Aneinanderreihung lustiger Schoten, sondern irgendwie anders. Er gewährt in diesem 500-Seiten Schinken sehr interessante Einblicke in seine Welt – die sich irgendwie so gar nicht nach Rockstar anfühlt. Auch wenn Keith Moon, der verstorbene Drummer der Band der exzessive Protoyp eines solchen war, und auch Pete einiges selbst- und miterlebt hat.

1962 kommt Pete in die Band „Detours“ von Sänger Roger Daltrey. Die Audition findet im Jugendzimmer statt. Als er an Rogers Haus ankommt, öffnet sich die Tür, ein Mädchen kommt ihm weinend entgegen und gibt ihm im Vorbeigehen folgende Botschaft mit: „Roger muss sich entscheiden – entweder die Gitarre oder ich!“. „Sod her!“, ist Rogers trockene urenglische Reaktion auf diese Nachricht. Als Pete dann bejaht, dass er die Griffe E und H spielen kann, sowie „Man of Mystery“ von den Shadows und einen weiteren Song, ist er in der Band: „See you for practice at Harry’s!“. Er ist verblüfft. Wie viele Bands aus der Zeit beginnt die Karriere mit Pub- und Ferienortgigs – man spielt zum Tanz auf. Erst später kommen eigene Songs hinzu. Schon 1965 hat die Band dann eine erfolgreiche Karriere – weitere 5 Jahre später sind viele Wegbegleiter schon Geschichte und die Who haben es geschafft, sich einen „eigenen“ Platz zu schaffen: laute Pete Townshend nicht in der Liga der Beatles oder Stones, aber mit dem 1969 veröffentlichten „Tommy“ immerhin mit relevanter Musik. Für ihn zählt das kreative Abenteuer – er ist zu der Zeit ein absoluter Workaholic.

Auch in Woodstock sind sie dabei – wobei eigentlich nur erzwungen. Pete Townshend schreibt, dass vorher niemand wissen konnte, wie monumental das alles sein würde – er hatte aus Tourmüdigkeit eigentlich sogar abgesagt. Nur ein Trick des Managers zwingt die Band bei diesem geschichtsträchtigen Event auf die Bühne... wer weiß, wie es mit The Who weiter gegangen wäre, wenn es nach Petes Willen gegangen wäre? Er beschreibt die ganze abgefahrene Szenerie vor Ort, und unter was für Bedingungen die etwa 1 Million Menschen dort feierten. Es ist ihm nur zu bewusst, dass sie durch diesen einen – fast zufälligen – Auftritt das Ticket zur „amerikanischen Rock-Aristokratie“ geschenkt bekamen. Ein schönes Plädoyer für die nicht unerhebliche Karrierezutat Zufall!

In nunmehr gut 50 Jahren Bandgeschichte kommen jede Menge Geschichten zusammen. Und bei weitem nicht nur Erfolge. Wie gesagt – diese Autobiographie ist nicht so „entspannt“ zu konsumieren wie viele andere, aber gerade das macht sie für mich lesenswert. Besonders im Kontext mit Büchern seiner Wegbegleiter wie Ron Wood, Rod Stewart, Keith Richards und vielen anderen. Es ist faszinierend zu sehen, wie jeder das Erlebte in dieser Stunde Null der modernen Rockmusik anders sieht und bewertet. Ich habe das Buch im englischen Original gelesen, es gibt aber inzwischen eine deutsche Fassung, die bei Kiepenheuer&Witsch verlegt wurde

INFO

deutsch:            

Verlag: Kiepenheuer&Witsch (Auflage, 29. November 2012)            

Gebundene Ausgabe: 576 Seiten            

ISBN-13: 978-3462044683                  

englisch:         

Taschenbuch: 538 Seiten            

Verlag: Harpercollins UK (Auflage: 8. Oktober 2012)            

ISBN-13: 978-0007466047

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