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28.01.2016

B.log - Mikrofonreife: Gebt ihnen Zeit!

Stichwort Einspielvorgang: Schmu oder nicht?

Hallo allerseits.

 

"Lautsprecher müssen eingespielt werden" liest und hört man gerne mal. Genauer: Das liest man gerne mal in Hi-Fi-Foren und hört es gerne mal unter Hi-Fi-Freunden. Und ja: Das klingt erst einmal nach dem Voodoo-Nonsens, den wir Tontechniker unserer audiophilen Verwandtschaft gerne vorwerfen. Für manche klingt das nach 128764 Euro teuren Cinchkabeln, die in einer bestimmten Mondphase genau längs der Erdmagnetfeldlinien von Planetenmusik in einer feierlichen Zeremonie eingeweiht werden. Keine Angst, das gibt es meines Wissens nicht (hehe: Marktlücke, Marktlücke!).

Aber: 

Nennt mich Eso-Tante, dichtet mir Batik-Klamotten-Schlabberlook, Räucherstäbchen, Yogi-Tees und Duschangst an: Meine Lautsprecher spiele ich tatsächlich ein. Und nicht nur Hi-Fi- und Studio-Monitore: Ich habe vor ein paar Monaten einen Jensen P12Q Alnico Vintage in die Gitarrenbox geschraubt und war maßlos enttäuscht. Der Federhall (übrigens der Headroom, den Kollege Dill laut Testbericht auch zu schätzen weiß) klang flach und ohne die wohlige Tiefe, überhaupt war das Signal leblos und zeigte nichts von der tollen Dynamik, die die Signalkette bislang ausgemacht hatte.

Daraufhin habe ich über einen Re-Amper mehrere Tage (!) Signal auf den Speaker gegegben, ab und zu richtig aufgerotzt, bis wirklich jeder im Umkreis von 100 Metern wusste, dass ein Hiwatt-Top nicht umsonst für seine irrwitzigen Ausgangspegel bekannt ist – und siehe da: Seither ist der Speaker eine Granate. Alles da! Den Jensen gebe ich nie wieder her.

Nun, bei Speakern kann man es nachvollziehen und physikalisch auch einigermaßen erklären, was der Einspielvorgang bewirkt. Wie sieht es aber bei Mikrofonen aus? Ehrlich gesagt, ich habe diesen Transfer nie wirklich weiterverfolgt. Ändern sich Mikrofone in ihren ersten Betriebsstunden? Sicher, gerade Röhrenmikros sollte man die Zeit gönnen, auf Temperatur zu kommen. Nach einer halben Stunde oder Stunde können sie zum Teil deutlich anders klingen als direkt nach dem Ankabeln, der Effekt ist bekannt. Aber was soll sich sonst ändern? Bewegen sich die Membranen nicht sowieso die ganze Zeit nach ihrer Einspannung? Da reicht dann doch bestimmt ein Transport im Karton, damit die Membran ständig bewegt wird, oder? Das wäre dann ja quasi das Pendant zum Einspielen eines Lautsprechers, der sich immerhin nur durch ein bisschen Schall so gut wie nicht bewegt. Gut, ein Röhrenmikrofon wie auf dem Bild hat logischerweise eine Röhre, die sich bekanntlich in den ersten Betriebsstunden ändern. Allerdings ist mir nie wirklich eine Änderung aufgefallen – und bei Mikrofontests habe ich die Mikros wirklich lange in Betrieb. Und wenn sich was ändern sollte: Was ist physikalisch bedingt, was ist ein Gewöhnungseffekt, ja vielleicht sogar Einbildung? 

Was sagt ihr: Konntet ihr schon derartige Effekte beobachten? Startet hier vielleicht gerade ein Trend (vielleicht einer, den keiner braucht…)? Gibt es wohl einen Unterschied zwischen Tauchspulen- und Kondensatormikrofonen? Was ist mit den zickzack gefalteten Bändchen?

 

Beste Grüße,

Nick Mavridis (Redaktion Recording)

 

P.S.: Yogi-Tee trinke ich übrigens tatsächlich gerne. Allerdings versuche ich dabei, den blöden Spruch auf dem Etikett nicht zu lesen – sonst schmeckt er mir irgendwie doch nicht mehr…

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