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21.12.2020

Band-in-a-Box: Virtuelle Bandprobe mit Native Instruments Kontakt 6

Praxistest: Demos produzieren mit Kontakt-Libraries aus Komplete 13 – so könnt ihr trotz Lockdown Songs mit eurer Band einstudieren!

Mit Kontakt bleibt ihr kontaktlos in Kontakt – trotz Kontaktbestimmungen!

2020 ist kein gutes Jahr für Bands und Musiker: Konzerte fallen aus, Bandproben können aufgrund strenger Kontaktbestimmungen nicht stattfinden und neue Songs einzustudieren ist eigentlich unmöglich – eigentlich. 

Native Instruments bietet mit Kontakt 6 eine Sampling-Plattform, die alle Instrumente beherbergt, die es in einer Band gibt – und sogar noch mehr, eine waschechte Band in a Box also. So könnt ihr ganz einfach komplette Songs arrangieren und sie anschließend an eure Bandkollegen schicken. Die virtuellen Spuren können eure Mitmusiker dann einfach durch eigene Ideen und Recordings ersetzen.

Wir haben einen ganzen Song mit Native Instruments Kontakt 6 produziert und erklären euch in diesem Artikel, welche Instrumente wir genutzt haben und welche Vorteile das Vorproduzieren geschriebener Stücke auch ohne Corona haben kann. Eine Ausnahme haben wir jedoch gemacht: Für den E-Gitarren-Part kam Native Instruments Guitar Rig 6 Pro zum Einsatz.

Details

Unser Song

Zugegeben: Einen Song zu produzieren, ohne dass die anderen Bandmitglieder anwesend sind, kann sich ziemlich falsch anfühlen. Jedoch erfordern besondere Umstände eben auch besondere Maßnahmen. Mit Native Instruments Kontakt 6 könnt Ihr problemlos mit einer virtuellen Band arbeiten, die auch nachts noch neue Parts liefert und gleichzeitig nicht zu spät zur Recording-Session kommt. Doch Spaß bei Seite – kommen wir  zu unserem Song.

Der Song, den wir für diesem Artikel produziert haben, ist eine Ballade, die unser Sänger auf der Akustikgitarre geschrieben hat. Das Arrangement sollte sich auf das Wesentliche beschränken und genug Platz für die Stimme lassen. Alle Instrumente stammen aus Native Instruments Kontakt 6.

Folgend könnt ihr den fertigen Song der Band in a Box schon einmal hören:

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Getting started

Wie bereits erwähnt, haben wir für unseren Song Native Instruments Kontakt 6 und Guitar Rig 6 Pro genutzt. Je nach vorhandenem Komplete-Paket oder den Instrumenten von Drittanbietern deckt diese Sample-Plattform nahezu alle Klangbereiche verschiedenster Genres ab. Dieser Umstand kann jedoch schnell zum Nachteil werden, zumindest wenn Songs für die eigene Band entstehen sollen. So sollten sich Anwender vor dem Arrangieren Gedanken über die Band-Instrumente machen. Denn was bringt das beste Arrangement, wenn es live gar nicht aufgeführt werden kann. 

Einerseits ist es wichtig, die verwendeten Instrumente genau zu prüfen und im Kopf auf die Bandmitglieder zu verteilen. Andererseits sollten die jeweiligen Parts auch für das angedachte Instrument spielbar sein. So kann es schnell mal passieren, dass ein derart komplexer Drumbeat programmiert wird, der live eigentlich einen Schlagzeuger mit drei Händen bräuchte.

Für diesen Artikel stand uns Native Instruments Komplete 13 in der Ultimate Collectors Edition zur Verfügung – also weit mehr als eine Band in a Box. Obwohl wir uns ziemlich zusammenreißen mussten, konnten wir unser Arrangement auf das Nötigste beschränken. Unsere Band setzt sich aus fünf Musikern zusammen. Zu Beginn haben wir uns eine Liste mit jedem Musiker und seinem entsprechenden Kontakt-Instrument gemacht. Unsere Aufstellung sah folgendermaßen aus:

  • Akustikgitarre: Native Instruments Session Guitarist Picked Acoustic
  • E-Gitarre: Guitar Rig 6 Pro
  • Bass: Scarbee Rickenbacker Bass
  • Keyboard: NOIR Pure
  • Zuspieler (Streicher): Cremona Quartet: Stradivari Cello und Amati Viola
  • Schlagzeug: Studio Drummer – Session Kit Lite

Unser Keyboarder ist ein wahres Multitalent, weswegen wir den Song zusätzlich mit Streichern ausgestattet haben. Live kümmert er sich neben seinem Tasteninstrument um weitere Playbacks, während wir anderen aufgeregt versuchen, uns nicht zu verspielen – aber das ist ein anderes Thema. 

Kommen wir nun zum Arrangement. In diesem Artikel haben wir uns dazu entschieden, das Instrumental in verschiedene Bereiche aufzuteilen. Beginnen wir mit den Hauptinstrumenten.

Band in a Box – Hauptinstrumente

Natürlich ist jedes Instrument einer Band von gleicher Bedeutung. Wir unterteilen unsere Band in a Box allerdings in einzelne Sektionen, sodass der Begriff Hauptinstrumente in diesem Kontext ganz gut passt. Zu dieser Kategorie zählen wir in unserem Song das Piano und die Akustikgitarren. 

Virtuelle Akustikgitarren haben einen eher schlechten Ruf unter Musikern. Das hat vor allem mit älteren MIDI-Versionen des Saiteninstruments zu tun, die alles andere als natürlich klingen. Mit der Session-Guitarist-Serie von Native Instruments dürfte dieser Aspekt jedoch endgültig der Vergangenheit angehören.

In unserem Fall kam Session Guitarist Picked Acoustic zum Einsatz. Hierbei handelt es sich um eine virtuelle Akustikgitarre, die mit 194 gezupften Patterns aufwartet. Die hier verfügbare Gitarre ist eine akustische Vintage-Gitarre mit Stahlsaiten, die von einem Studiomusiker eingespielt wurde. Drei verschiedene Mikrofon-Setups und eine umfangreiche Effektsektion stehen den Anwendern hier bereit. 

Über Keyswitches könnt ihr problemlos die Spielweise des Instruments verändern und zwischen verschiedenen Pattern wechseln. Jedes Pattern verfügt zusätzlich noch über verschiedene Voicings. Außerdem kann über den Reiter „Auto Chords“ eine Tonart vorgegeben werden. Um das Instrument zu spielen, reicht es, die jeweilige Taste am Keyboard zu drücken und schon wird das vordefinierte Pattern abgespielt. In unserem Fall haben wir „7 Uphill A“ genutzt und „Voicing 3“ gewählt. Ein einfaches Zupfmuster, das sich aus der Root-Note und der Quinte ergab, bildete so den Anfang unseres Arrangements.

Um die Gitarre zu unterstützen und unserem Keyboarder einen Part einzuräumen, sollte ein Piano im Hintergrund eingesetzt werden. Den virtuellen Pianist unserer Band in a Box –  also in diesem Fall die Piano Roll unserer DAW – spielte die Native Instruments NOIR-Library in der Pure-Version. Die Basis dieses Instruments bildet übrigens ein Yamaha CFX Konzertflügel. Das Klavier wurde für das ganz besondere Klangerlebnis um einen Pianoklang mittels Filzdämpfern erweitert.

Übrigens: Die speziell für diese Library entwickelte Particles-Engine fügt dem Klang pulsierende, harmonische Elemente in Echtzeit hinzu. Per Zufallsprinzip erzeugt die Engine so eine Art Klangwolke, die den gespielten Tönen folgt. In unserem Fall verzichteten wir auf die Particles-Engine, da sie nicht zu unserem Arrangement passt. Besonders Filmmusikkomponisten nutzen diese Zusatzfunktion aber ausgiebig. 

Das Piano spielt in unserem Track ausschließlich die Akkordfolge EM/DM/G/C. Da unser Keyboarder ein wahrer Virtuose an seinem Instrument ist – zumindest sagt er das ständig – beschlossen wir, ihm durch eine Streichersektion mehr „Arbeit“ zu geben – doch dazu später mehr. Die komponierten Streicherparts kann unser Tastenkünstler dann live tatsächlich abfeuern.

Band in a Box – E-Gitarre

Zusätzlich wollten wir die Bridge noch durch eine E-Gitarre interessanter gestalten. Was eignet sich hierfür besser als Native Instruments Guitar Rig 6 Pro? Das Design der neuen Version wurde komplett überarbeitet. Ein Browser, der Nutzern von Maschine oder den Komplete-Kontrol-Keyboards her bekannt sein sollte, findet sich nun auf der linken Seite des Plugin-Fensters. Die Strukturierung ist übersichtlich gestaltet, sodass die Suche nach einem passenden Klang sehr schnell vonstatten geht – so auch in unserem Fall.

Wir waren auf der Suche nach einem Delay-Klang, der das einfache Zupfmuster der E-Gitarre etwas aufregender gestaltet. So wählten wir in der Input-Source „Guitar“, den FX-Type „Delay“ und den Character „Clean“ und fanden das Preset „Glitchy Phaser“. Dieses hat uns genau den Klang geboten, den wir gesucht hatten – Zeitaufwand: fünf Minuten. Der neue Browser von Native Instruments Guitar Rig 6 Pro bringt die Software in Bezug auf den Workflow jedenfalls nochmal ein großes Stück nach vorne: Daumen hoch!

Übrigens: Insgesamt beinhaltet die Software 21 Amps und 68 Effekte. 

Band in a Box – Streicher

Wie baut man Spannung in einem Arrangement auf? Klar, durch zusätzliche Instrumente. Kurz vor dem ersten Refrain beginnt ein Cello zu spielen, das wir mit dem Stradivari Cello der Cremona-Quartet-Reihe realisiert haben. Hierbei handelt es sich um eine aufwendig gesampelte Variante des sogenannten „Stauffer“-Cellos aus dem Jahr 1700. Fun Fact: Dieses Instrument ist in Italien als nationales Kulturgut gelistet.  

Zusätzlich zum Cello beschlossen wir eine Viola mit in den Song aufzunehmen, um das Interlude nach dem Refrain musikalisch zu untermauern. Dieses Instrument stammt übrigens ebenfalls aus der Cremona-Quartet-Serie. Hierbei handelt es sich um eine im Jahr 1614 gefertigte Bratsche, die von Girolamo Amati gefertigt wurde – dem Sohn des bekannten Geigenbauers Nicola Amati. 

Die Instrumente von Cremona Quartet wurden aufwendig gesampelt und verfügen somit auch über einen schönen detailreichen Klang. Hervorzuheben ist vor allem die einfache Bedienung. Über Keyswitches lässt sich zwischen den 20 Artikulationen umschalten. Für unsere Viola wechselten wir beispielsweise zwischen Sustain und Virtuoso, um das Instrument natürlicher klingen zu lassen.

Band in a Box – Bass und Drums

Eines vorweg: Da unser Schlagzeuger live mit einem E-Drumset performt, konnten wir uns bei der Auswahl der Schlagzeugklänge austoben. Jedoch haben wir das im Falle unseres Songs nicht getan – sehr zum Leidwesen unseres Kesselklopfers. Weder Hi-Hat noch Toms fanden in unserem Song Platz. Lediglich ein einfaches Bass-Drum-/Snare-Pattern setzt nach dem ersten Refrain ein und zieht sich recht monoton durch den Song.

Hier kommen wir jedoch wieder zu den Vorteilen einer Vorproduktion über die Band in a Box. So kann jeder Bandmusiker in der produzierten Session ganz einfach seine eigenen musikalischen Ideen einbringen und so aus einem „Demo“ einen vollwertigen Song machen – doch nun weiter im Text. 

In unserem Fall bildete der Native Instruments Studio Drummer und das Session Kit Lite die rhythmische Basis. Bass-Drum und Snare bekamen von uns jeweils eine eigene Spur spendiert. 

Jetzt fehlte nur noch der Bass. Wir wissen nicht, wie es euch geht, aber wir sind ein großer Fan von Bässen der Marke Rickenbacker. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass die Native Instruments Kontakt-Library „Scarbee Rickenbacker Bass“ in unserem Song Verwendung fand. 

Doch die meisten vordefinierten Sounds waren für unsere Ballade etwas zu hart – wer Rickenbacker kennt, weiß was wir meinen. Mit dem Preset „Dub Bass“ fanden wir jedoch einen Klang, der perfekt zu unserem Song passte. Wenig Anschlag, keine Verzerrung und viel Bass – perfekt.

Band in a Box – Gesang und Effekte

Zu guter Letzt fehlte noch der Gesang. Lustigerweise kamen wir mit den Kontakt-Libraries so schnell zum Ziel, dass unser Sänger mit dem ein oder anderen Stirnrunzeln konfrontiert wurde, weil er mehrere Takes für seine Aufnahmen brauchte. Das kommt bei Software-Instrumenten jedenfalls nicht vor. 

Anschließend haben wir einen Ruff-Mix des Tracks erstellt, um ihn mit den anderen Bandmitgliedern teilen zu können. Da wir diesen Track auf einem Mac Book Pro Baujahr 2014 produziert haben, haben wir vor dem Mischen aus allen Software-Spuren einen Audiotrack gemacht – so spart man Rechenleistung. In diesem Artikel möchten wir in Bezug auf das Mixing nicht ins Detail gehen. Dennoch möchten wir auf zwei Produkte von Native Instruments eingehen, die uns sehr begeistert haben.

Um die Akustikgitarre etwas aufregender zu gestalten, haben wir uns auf die Suche nach einem passenden Delay gemacht. Unsere Wahl fiel schließlich auf das Native Instruments Replika XT. Dieses Delay verfügt unter anderem über fünf Delay-Modi und eine großzügige Effekt-Sektion. Außerdem haben wir die Hallräume unseres Songs mit dem Native Instruments RC 48 Reverb realisiert. Dieses Plugin wurde in Zusammenarbeit mit Softube konzipiert und überzeugt durch eine einfache Bedienung und einen hervorragenden Hall-Klang.

Fazit

Um ehrlich zu sein, waren meine Bandmitglieder anfangs skeptisch, ob eine Vorproduktion mit Native Instruments Kontakt 6 zielführend ist. Groß war die Angst, dass das Mitspracherecht der einzelnen Musiker darunter leiden würde. Außerdem gab es das ein oder anderen Band-Member, das sich kritisch zur Band in a Box äußerte – hust, der Drummer natürlich. Zitat: „Wozu braucht man denn dann noch Musiker, wenn alles aus dem Rechner kommt?“ Die anfänglichen Zweifel lösten sich jedoch sehr schnell in Luft auf. 

Einerseits konnte der Songschreiber seine musikalischen Ideen verwirklichen, ohne dass lange Diskussionen den Songwriting-Prozess verlangsamt hätten, andererseits hatten die anderen Musiker genug Zeit und Ruhe, um neue Ideen in den Song einzubinden. Besonders überrascht hat uns die Produktionsgeschwindigkeit. Sobald die richtigen Instrumente gefunden waren, konnte in kürzester Zeit ein komplettes Arrangement zusammengestellt werden. In unserem Fall sprechen wir von einer Stunde bis zum fertigen Instrumental.  

Gleichzeitig klingen die verfügbaren Instrumente der Native Instruments Komplete 13 Ultimate Collectors Edition wirklich hervorragend. Ehrlich gesagt klang etwa der virtuelle Gitarrist besser als die Gitarrenaufnahmen, die wir im Bandraum erstellt haben – Schande über unsere Häupter. Nach diesem Experiment haben wir beschlossen, diese Arbeitsweise im zukünftigen Songwriting-Prozess beizubehalten – auch nach Corona. Einerseits können wir uns so bei den Bandproben auf das Einstudieren der Musik konzentrieren, andererseits kommen wir somit schneller zu brauchbaren Ergebnissen. 

Übrigens ergibt sich durch diese Arbeitsweise ein weiterer Vorteil: So steht uns nach jeder Kontakt-Songwriting-Session sofort eine Vorproduktion für unsere nächste Studiosession bereit. Das spart nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Alles in allem fällt unser Fazit durchweg positiv aus. Die Band in a Box rockt, auch für die Band in a Proberaum! 

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