Test
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12.07.2019

Praxis

Bedienung des Austrian Audio OC818

„Die Brikettform bleibt aber!“, wird bei der Konzeption des OC818 jemand gerufen haben. Gut so: Die „österreichische Mikrofonform“ ist praktisch und gleichzeitig markant. Das Handling ist insgesamt gut. Wenn man den Bluetooth-Adapter und die Spinne gleichzeitig nutzen möchte, muss der OCR8 erst eingesteckt und dann in der Spinne installiert werden. Das Mini-XLR-Kabel hingegen sollte zuerst von unten durch die Spinne geführt, dann eingesteckt werden, danach erfolgt die Installation in der Spinne. Einmal muss man es wohl jeweils falsch machen, danach weiß man es. 

Preiset den „normalen“ Schalter!

So richtig superflüssig und mit bester haptischer Rückmeldung lief der Patternschalter bei meinem Testsample des OC818 zwar nicht, doch immerhin ist es einer! Ich nöle bei jeder Gelegenheit über diese Schaltwippen mit LEDs oder sonstige Lösungen (z.B. Neumann TLM 107, die nur bei anliegender Phantomspeisung funktionieren und es unmöglich machen, das Mikrofon erst anzuschließen und dann beispielsweise unter die Snare zu hängen. Übrigens reicht es dem AA OC818, wenn am Main Output Phantomspeisung anliegt. (In einer früheren Version des Tests hatte ich geschrieben, dass das 818 auch mit Phantom ausschließlich am Mini-XLR-Zusatzausgang funktioniert. Das gilt aber nur, wenn vorher zum "Hochfahren" auch am Hauptausgang einmal Phantomspeisung anlag.)

OCR8 nicht gerade "billig"

Ein wenig schade ist schon, dass die Bluetooth-Funktionalität recht teuer erkauft werden muss und sich nicht gleichzeitig mit den Twin-Fähigkeiten nutzen lässt. Wenn ich also ein geflogenes OC818 nutze oder es weit über dem Drumkit hängt, dann kann ich nur einen der beiden Vorteile nutzen. Was mich kurz verwirrt hatte: Als ich das erste Mal das OC818/OCR8 mit meinem Telefon verkoppeln wollte, wurde ich gebeten, den „auf dem OCR8 gezeigten Code“ einzugeben. So ohne Display erschien mir das irgendwie komisch. Letztlich ist es die (natürlich nur aufgedruckte) Seriennummer gewesen!

Kleinere Probleme mit Ursprung außerhalb von Österreich gibt es ebenfalls: Bluetooth ist nicht für Multigeräte-Kontrolle entwickelt worden. Wenige Mobile Devices beherrschen die Kommunikation mit mehreren Bluetooth-Geräten, wodurch man dann nicht so einfach zwischen verschiedenen OC818 umschalten kann. Allerdings ist laut Hersteller der Vorgang, zwischen verschiedenen (benennbaren!) OC818/OCR8 umzuschalten, aus der App möglich, sodass nicht der Umweg über das Einstellungsmenü des Smartphones oder Tablets nötig ist. Ein Stereogrouping gibt es dementsprechend auch nicht, ist aber schon programmierseitig angedacht, wenn die verfügbaren Hardwarearchitekturen der Smart-Geräte das hergeben. In jedem Fall lassen sich aber Settings speichern und auf andere 818-Mikrofone kopieren.

Dass der zweite Ausgang mit Adapterkabel genutzt werden muss, ist eher unpraktisch. Mir ist bewusst, dass alle Twin-Mikrofon und auch ausladende Stereomikros wie das AEA R88 mit Adaptern/Split-Kabeln arbeiten, aber irgendwie wäre es sicher machbar gewesen, das als typischen XLR auszuführen, oder? Denn jeder Adapter ist irgendwann entweder „weg“ oder erleidet in denkbar ungünstigen Situationen einen Kabelbruch. Ich spreche da aus einer gewissen leidvollen Erfahrung… Vielleicht wäre es technisch recht einfach umsetzbar gewesen, den zweiten Ausgang auch dann zu benutzen, wenn nicht die Twin-Funktionalität genutzt wird. Beispiele: Wird eine Hyperniere eingestellt, gibt der zweite Ausgang dennoch die (vordere) Niere aus, falls sich der Künstler doch stärker bewegt als gedacht. Oder: Der zweite Ausgang gibt ein mit dem Haupt-Output identisches Signal aus. Das ist einerseits für die Verwendung unterschiedlich klingender Preamps interessant und bringt etwa im Broadcasting den Nutzer ein wenig näher in Richtung tatsächlicher Redundanz, erhöht also die Betriebssicherheit. 

Austrian Audio OC818: Klang

An einem Preamp angeschlossen, zeigt das Mikrofon nur sehr unauffälliges, verhaltenes Rauschen. Und während schon beim ersten Einatmen bei einigen Mikrofonen eine etwas unnatürliche Färbung auftritt, bleibt dieser Eindruck beim OC818 zunächst aus: Es klingt auch leicht seitlich besprochen recht natürlich, tiefe Einschnitte im Frequenzgang und zu auffälliges phasiges Klingeln bleiben aus.  

Schon der axiale Direktschall der vorderen Kapsel (also Nierencharakteristik) zeigt, dass das Klangbild ordentlich fleischig und durchaus anreichernd, aber gleichzeitig offen, transparent und schnell ist. Das kommt bei der menschlichen Stimme einerseits Konsonanten zugute, die einen merklichen, aber insgesamt nicht zu aufdringlichen Zuckerguss erhalten, Vokale und geräuschhafte Signalbestandteile (vor allem Atmer) bekommen eine enorme Tiefe und Griffigkeit. Was sich hier vielleicht etwas nüchtern liest, hat mich im Test begeistert und nachhaltig beeindruckt. Dieses Mikrofon ist klanglich ein ganz großer, edler Schallwandler. Ich will sogar so weit gehen, zu behaupten, dass es eines der „am teuersten klingenden Mikrofone unter 1000 Euro“ ist. Und nein: Einen derartigen Listenartikel gibt es bei bonedo nicht… 

Im Test fühlte ich mich immer wieder daran erinnert, wie ich vor knapp zwanzig Jahren das erste Mal ein C414 EB (Brass Capsule) benutzt habe. Ich kannte bis dato nur C414 B-ULS und C414 TL II, habe den Fader hochgezogen und fast gleichzeitig die Augenlider aufgerissen. Und das edle Top-End, der dicke, aber trockene Bass, die reichen Tiefmitten und die eher vornehmen Hochmitten/Präsenzen, das höre ich auch beim AA OC818.

In den Audiobeispielen ist gut zu erkennen, wie auch nicht axial eintreffender Schall diese Eigenschaften weitestgehend beibehält. Das ist für übersprechende Signale, ausgedehnte Schallquellen und Reflexionen ein gutes Vorzeichen. Der Vergleich mit dem Mojave Audio MA-201FET macht deutlich, dass bei diesem die Farbe schneller als ein Störfaktor wahrgenommen werden kann, der dem Signal aufgepflanzt wurde, während er beim 818 wie ein integraler Bestandteil wirkt. Nach meinem Dafürhalten liegt das daran, dass die Farbe des 201 kontinuierlicher ist, während sie beim 818 stärker und in Einklang mit dem Signal moduliert. Ebenfalls aussagekräftig ist der Wechsel zu einem sehr cleanen und technischen Großmembraner, dem Audio-Technica AT5045. Dieses klingt im Vergleich fast wie ein linearer Kleinmembraner.

Nah besprochen „basst“ das Austrian Audio OC818 zusehends, gerät aber erst sehr spät (also: nah) ins Schwimmen. Bei 10, ja sogar noch bei 5 cm Besprechungsabstand ist noch ausreichend Kontrolle im Bass vorhanden, der Frequenzbereich beeinträchtigt kaum die Mittenzeichnung. Dadurch ist das 818 auch als Sprechermikrofon interessant! Die Poppempfindlichkeit ist recht gering, wenn man bedenkt, dass die Kapsel nicht hinter dichtestem Gewebe versteckt wird. Die 10cm-Files wurden jedoch mit Poppschutz gemacht, weil sonst die Gefahr von Plopps zu hoch war. Und auch ohne Spinne ist die Trittschallempfindlichkeit angenehm gering. Die elastische Aufhängung der CKR12 funktioniert also sehr gut. 

Kugel, Acht und all die anderen

Das Umschalten auf andere Patterns ist erstaunlich unspektakulär, denn besonders starke Änderungen in Klang oder Pegel bleiben aus. Das ist bei Verwendung als Studio-Gesangsmikrofon nicht überlebenswichtig (im Gegenteil will man dort gerne mal Klangänderungen und kann auf Pegelunterschiede recht gut reagieren), aber es erleichtert das Vergleichen und ermöglicht die strikte Auswahl von Richtwirkungen unabhängig von den Klangeigenschaften. Dennoch: Die Acht klingt minimal kerniger. Die Kugel und die Breite Niere bleiben erstaunlich „nah“ und konkret, weshalb man sie auch sehr gut bei Vocal-Recordings einsetzen kann – wie auch schon die Kugel beim AKG C414 EB. Eindrucksvoll zeigt das Audiofile , bei dem ich die Charakteristik ändere, während der Sänger einsingt, die nur sanften Patterneigenschaften.

Software-Funktionalität von PolarPilot und PolarDesigner

Die Bluetooth-Steuerung mit der iOS-App Austrian Audio PolarPilot funktioniert einwandfrei. Ab und an musste ich aufgrund der Bluetooth-Verbindung ein wenig warten, bis die Settings umgesetzt waren, aber das ist AA nicht anzulasten. Und wer die Bluetooth-Funktionalität für ein Gimmick hält: Bei Mikros auf einem Chorstativ, als Schlagzeug-Overheads oder schlichtweg dann, wenn sie sich im Aufnahme- und der Engineer im Regieraum befindet, ist das absolut praktisch.

Nach dem Download der Version 1.0.8 des PolarDesigner und problemloser Installation als VST3 unter Presonus Studio One 4, konnte ich mich von der einfachen Bedienbarkeit des Plug-Ins überzeugen. Ob nun beide Kapselsignale im Mikrofon auf analogem Wege, per DAW oder erst im Plug-In gemischt werden, machte keinen Unterschied, den ich klanglich eindeutig hätte zuordnen können. Es macht Spaß und ist durchaus technisch sinnvoll, in unterschiedlichen Frequenzbereichen verschiedene Patterns einzustellen.

Einen vollständigen Reset gibt es nicht, doch per Alt-Klick lassen sich die Schieber einzeln auf die Ausgangsposition zurückstellen. Eine meiner ersten Handlungen war eine Niere bis 7 kHz, darüber eine Kugelcharakteristik einzustellen. Dafür benötigte ich nur zwei Bänder. Dann jedoch wollte ich eine Acht für Bässe und Tiefmitten hinzunehmen und schaltete auf drei Bänder. Ein neu entstandenes Band erscheint aber immer rechts, also im höheren Frequenzbereich. Allerdings gibt es sooo viel nun auch nicht einzustellen, sodass die Settings der jeweiligen Bänder schnell wieder hergestellt werden können.

Das Pattern lässt sich auch invertieren, aber leider von der Kugel aus nur über Breite Niere bis zur Niere. Ich denke, dass gerade die invertierte Acht durchaus sinnvoll wäre. Bei versehentlich verkehrt herum aufgestelltem S-Mikrofon im MS-Modus wird auch der Phaseninvertierer an Preamp oder in der DAW helfen (außerdem benötigt man dafür gewiss keine Twin-Funktionalität, doch besonders bei Ambience-Mikrofonierung ist es durchaus spannend, verschiedene Reflexionen aus verschiedenen Richtungen zu kombinieren oder einfach mal das Mikrofon (bzw. Frequenzanteile davon) herumzudrehen. Ein Mitarbeiter von Austrian Audio meinte aber, dass laut über einen „Expert Mode“ nachgedacht wurde und wird. Damit wäre vielleicht auch die von mir angefragte Möglichkeit zu weicheren Verläufen zwischen den einzelnen Frequenzbändern aktivierbar. Besonders bei nicht so heftigen Verläufen wie von Kugel zu Breiter Niere fände ich das durchaus reizvoll! Aktuell sind die Trennungen der Bänder sehr steil, um Phasenproblematiken zu minimieren – das ist auf jeden Fall eine klangliche „Fail Safe“-Lösung.

Toll ist, dass die App natürlich auch für andere Signale genutzt werden kann, nicht nur mit anderen Twin-Mikros, von denen es nur eine Handvoll gibt (Microtech Gefell, Sennheiser, Pearl, Lewitt, Austrian Audio…), sondern auch mit Dual-Cardioid-Packs aus zwei Mikrofonen. In diesem Fall sollten sich die Kapseln sehr nah sein und die Schallquellen relativ weit entfernt. Sogar an eine kreative Sounddesign-Nutzung der App ist zu denken, indem man etwa Stereo-Pads verdreht!

Die Terminate-Funktion arbeitet zuverlässig und ist durchaus ein Zeitsparer in stressigen Recordingsituationen. Erst hinstellen, dann kurz das Spill-Signal alleine spielen lassen – fertig. Ich habe im Praxisbetrieb mit fünf Bändern die besten Ergebnisse erzielt, allerdings teilweise extreme Einstellungen in Richtung Niere oder Kugel geglättet. Die Proximity-Control arbeitet mit einem EQ und erzielt bessere Ergebnisse beim Verringern der durch nahe Besprechung auftretenden Effekte.

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