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Test
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08.07.2019

Praxis

Analog Lab 4, Arturia Controller und MIDI-Mapping

In der Soundsammlung Analog Lab 4 vereint Arturia alle Emulationen der V-Collection gebündelt in einem Klangerzeuger. Analog Lab beinhaltet über 6.500 Sound-Presets aus 24 Instrumenten. Die Bedienelemente zur Klangerzeugung sind Preset-abhängig mit passenden Parametern belegt, um den geladenen Klang tweaken zu können. Analog Lab ist eine Art Performance-Softwareinstrument, das bei vielen Arturia-Controller-Keyboards, wie solche aus der KeyLab-Serie, mitgeliefert wird.

Im Test zum KeyLab 61 sind wir bereits näher auf die Software eingegangen. Die Bedienoberflächen der Controller-Keyboards sind zur direkten Fernsteuerung auf Analog Lab zugeschnitten und ersparen somit manuelle Mappings.

Natürlich hat Arturia auch ein MIDI-Learn-Feature integriert, wodurch die Parameter der Softwareinstrumente auch mit MIDI-Controllern anderer Hersteller bedient werden können. Sobald man sich im MIDI-Learn-Mode befindet, braucht man nur noch einen Parameter mit der Maus anzuklicken und kann dann mit dem Controller die Zuweisung herstellen. Alle Klangerzeuger der V-Collection lassen sich also mit jedem beliebigen MIDI-Controller fernsteuern. Darüber hinaus sind alle Klangerzeuger zum Zeitpunkt unseres Tests (bis auf die Neuzugänge) NKS-kompatibel. Das bedeutet, dass sich deren Sound-Presets und die Parameter mit Native Instruments MASCHINE und KOMPLETE KONTROL fernsteuern lassen. Die Neulinge des Bundles werden ganz sicher auch bald NKS-ready sein.

Tutorials und Erweiterungen

Arturias Emulationen enthalten interaktive Tutorials, die sich beim ersten Start automatisch öffnen und auch nachträglich aufrufen lassen. Sie erleichtern den Einstieg in die Materie des Instruments erheblich. Zudem erwähnt Arturia an dieser Stelle auch gleich, was die Emulationen im Vergleich zu den Originalen noch so auf Lager haben. Arturia bildet nämlich für gewöhnlich nicht nur nach, sondern stattet die Emulationen auch gerne mit zeitgemäßen Erweiterungen aus. Schauen wir uns im Folgenden an, was die Neuzugänge des Bundles draufhaben.

Casio CZ-1

Als Yamaha Anfang der 1980er mit dem DX7 einen der ersten digitalen Synths veröffentlichte, dauerte es nicht allzu lange, bis Casio mit dem CZ-1 nachzog. Dieser nutzt die vom Hersteller selbst entwickelte Phase-Distortion-Synthese (PD-Synthese), welche quasi als „Alternative“ zu Yamahas Variante der Frequenzmodulation (FM-Synthese) ins Leben gerufen wurde. Bei der PD-Synthese werden extrem kurze Samples (nur eine Periodendauer) verwendet und in der Abspielgeschwindigkeit moduliert, um den erzeugten Klang mittels kleiner Variationen lebendiger zu gestalten. Wie auch die FM-Synthese arbeitet die PD-Synthese digital und benötigt keine Filter, wie es etwa bei der subtraktiven Synthese der Fall ist.

Auf der Hauptbedienoberfläche hat man Zugriff auf frei definierbare Macro-Regler, Vibrato, Arpeggio, Line Select, Ring und Noise sowie globale Parameter wie etwa Portamento, aktivierbare Polyphonie sowie Pitch und Mod Wheel. Im Vergleich zum echten CZ-1 wurden alle weiteren Sektionen wie die Programmer in der Andvanced Sektion untergebracht, was für eine übersichtlichere Bedienung sorgt. Verglichen mit dem Vorbild kommen LFOs und eine Modulation-Matrix mit 16 Verbindungsmöglichkeiten hinzu. Neu dabei sind außerdem neun Effekte, die nicht nur brauchbar klingen, sondern natürlich ebenfalls in der Matrix zur Modulation genutzt werden können. Die grundsätzliche Klanggestaltung, beispielsweise die Auswahl und Bearbeitung der Wellenformen, ist leichter zu handhaben als beim Vorbild.

Der Grundsound des CZ-V bringt genau wie Originalvorlage einen Retrocharakter mit, was sicherlich nicht zuletzt der verfügbaren Wortbreite von 12 Bit geschuldet, oder besser: zu verdanken ist – so mancher Producer wünscht sich ja gerade den retromäßigen, „Bit-Crusher-Sound“ zurück. Und genau das liefert Arturias Plugin-Variante des Casio-Synths. Der Grundsound klingt zwar für mich noch „kälter“ und vielleicht nicht so „breit“ wie Yamahas FM-Synthese im DX7, bringt dadurch aber eigene Klangfacetten mit. In Kombination mit den ergänzten Arturia-Features sind umfangreichere bzw. lebendigere Sounds möglich, die aber dennoch den typischen Phase-Distortion-Charakter mitbringen. Doch hört lieber selbst.

EMS Synthi AKS

Nachdem Hersteller EMS (Electronic Music Studio) Ende der 1960er-Jahre den VCS3  veröffentlichte, folgte Synthi AKS 1971 im Aktenkofferformat mit integrierten Lautsprechern und einer im Deckel untergebrachten Sensortastatur. Synthi AKS ist vollmodular, sodass sich auf der 16-x-16-Patch-Pin-Matrix alles mit allem verbinden lässt. Wie beim Spiel „Schiffe versenken“ lassen sich alle Module frei kombinieren, was wir in ähnlicher Form heute vom Arturia MatrixBrute kennen. Das patchkabellose Prinzip sorgt nicht nur für Übersichtlichkeit, sondern ermöglicht es auch, problemlos mehrere Quellen und Ziele miteinander zu verbinden. Das bietet Flexibilität bei der Klanggestaltung.

Der Mainscreen der Softwareemulation ist detailgetreu nachgebildet. Mit dabei sind drei Oszillatoren, ein Noise-Generator, Output-Filter, Filteroszillator, Ringmodulation, Sample and Hold, eine Hüllkurve mit Attack und Decay, eine interne Reverb sowie Trapezoid (Steuerspannung) und natürlich der Joystick, mit dem sich jeder Parameter auf die X- oder Y-Achse legen und steuern lässt.

Arturia hat natürlich auch am Synthi V an ein paar Stellschrauben gedreht und hat den Klangerzeuger damit noch umfangreicher und flexibler gemacht als er es ohnehin schon war. So sind mehr Modulationen möglich als bei seinem Vorbild. In der Advanced-Sektion kommen nämlich fünf Funktionen (frei definierbare LFOs), Möglichkeiten zur Joystickprogrammierung (zwei Parameter pro Achse), weitere Modulationsoptionen inklusive Step Sequencer und eine üppige Effektsektion hinzu. Die Advanced-Sektion passt zwar optisch nicht zum analogen Vintagedesign, ist aber sehr übersichtlich und intuitiv aufgebaut, sodass man die Sounds leicht und schnell gestalten kann. Die Pin-Matrix selbst lässt sich in zwei Modi betreiben: „Modern“ hält den Patch präzise und stabil, wohingegen „Vintage“ das Verhalten samt kleiner interner Instabilitäten nachbildet.

Wie schon das Vorbild eignet sich Synthi V besonders für Lead-Sounds und Scifi-Noises, für die man den Klangerzeuger seinerzeit gerne eingesetzt hat. In Pink Floyds Album „Dark Side of the Moon“ ist er beispielsweise in Songs wie „On the Run“ zu hören. Die Emulation konnte mich aber besonders mit inspirierenden Sequenzen und fetten Bässen überzeugen.

Mellotron

Mellotron ist ein elektromechanisches, polyphones Tasteninstrument, das 1963 von Streetly Electronics auf den Markt gebracht wurde. Dabei handelt es sich um den Vorläufer des Samplers in analoger Form. Die „Samples“, also die Soundproben von echten Instrumenten, wurden von 3/8-Zoll-Tonbändern mit drei Spuren abgespielt. Die erste Version kam mit 35 Tasten, denen je eine Spur zugeordnet ist. Das Ganze wurde damals mechanisch mit einem Tonkopf und einer Feder gelöst: Ein Klang wurde vom Tonband wiedergegeben und hörte beim Loslassen einer Taste wieder auf zu spielen. Mellotron kam mit Tonbändern, auf denen sich Klänge von Violinen, Bläsern, Chören, Gitarren und Pianos befanden. Natürlich ließen sich auch Tonbänder mit eigenen Aufnahmen einsetzen.

Doch warum sollte man den Vorläufer des Samplers nutzen, wenn man heute in so ziemlich jeder DAW hochwertige Sample-Librarys am Start hat? Mellotrons Klang war alles andere als authentisch. Die Sounds klingen abrupt abgeschnitten und Mellotron ist durch die mechanischen Gegebenheiten von damals nicht in der Lage, einen Ton länger als acht Sekunden zu spielen. Und da der Sound des früheren Recording-Equipments wie Mikros, Mischpulte, Vorverstärker und natürlich auch die Tonbänder selbst für eine Färbung des Klangs sorgen, klingt der Grundsound heute schon extrem nach Vintage – das hat was. Und der Fluttersound von Tonbändern sorgt natürlich für eine Art ungleichmäßige Tonhöhenschwankung. Wenn beispielsweise Streicher mal nicht echt, sondern einfach nur „satt“ klingen und einen gewissen nostalgischen Touch mitbringen sollen: There you go! Den Sound des Mellotrons kann man auf etlichen Songs von den Beatles, Genesis oder Marilyn Manson hören. Die Hauptbedienoberfläche sieht 1:1 aus wie das echte Mellotron: Mit dabei sind die Spurauswahl des Tonbandes (A, B und C) sowie Volume, Tone, Pitch und sogar der On-/Off-Switch.

Aber wie immer hat Arturia das Instrument in der Advanced-Sektion aufgepimpt. So lassen sich eigene Samples importieren und mit Flutter, Bandsättigung und Mechanikgeräuschen anreichern. Man kann jedem gewünschten Klang im Handumdrehen einen Vintage-Touch verleihen. Ferner ist eine ADSR-Hüllkurve mit Drehreglern dabei, mit der die Sounds in der Hüllkurve angepasst werden können. Die Preset-Library kommt leider nur mit typischen Instrumentenkategorien wie Keys, Brass, Choirs, Organs. Große Überraschungen bleiben aus. Also schnappt man sich am besten eigene Samples und verwandelt sie mit Mellotron in Vintagesounds, denn das kann Mellotron V auf alle Fälle.

Hammond-Orgel-B3 in Version 2

Die Hammond-B3-Emulation von Arturia ist bereits seit der V-Collection 5 fester Bestandteil des Bundles. In der zweiten Version wurden die Effekte in einer separaten Sektion untergebracht, was den Main-Screen schon mal übersichtlicher macht. Dieser wurde übrigens originalgetreu umgesetzt. In der Modulationssektion kann man aus sieben Tonewheel-Profilen der Modelle A-100, B3 und C3 aus verschiedenen Jahrgängen auswählen.

In den folgenden Beispielen hört ihr einen direkten Vergleich von der ersten zur zweiten Version. Zusätzlich habe ich die Emulation gegen die Sample-Library „Native Instruments Vintage Organs B-3“ antreten zu lassen. Mich persönlich spricht der Grundsound der Samples eher an, die Emulation lässt sich jedoch organischer spielen und klingt daher lebendiger. Und wer keine fertigen Sounds möchte, sondern den Klang beim Performen noch selbst schrauben möchte, ist mit der Emulation besser beraten, da man ins Klanggeschehen eingreifen kann. Genau das ist in der Advanced-Sektion übrigens umfangreicher als beim Original. In B-3 V2 lassen sich mittels Multi-Envelope-Points eigene Hüllkurven zeichnen. Neu dabei sind außerdem LFOs mit etlichen Wellenformen und ein Step-Sequencer, die allesamt dazu genutzt werden können, um praktisch jeden erdenklichen Parameter der Hammond-B-3 nach Lust und Laune zu modulieren.

Synthopedia

Die V-Collection 7 kommt mit einer neuen Soundsammlung bzw. Expansion namens Synthopedia.  Diese beinhaltet Presets für alle Klangerzeuger des Bundles, welche sich natürlich auch gebündelt in Analog Lab via Suchfunktion auffinden lassen. Unter den Sounds befinden sich Kategorien wie Bässe, Pads, Keys und Leads bis hin zu FX-Sounds und mehr – neue Sounds kann man ja immer gebrauchen. Im Analog-Lab-Browser lassen sich die Presets praktischerweise nach Instrument sowie nach weiteren Attributen sortieren.

Aufwendige Emulationen und Ressourcenhunger…

…zwei Dinge, die wohl oder übel Hand in Hand gehen. Nachbildungen von Hardwaregeräten erfordern meistens einen guten Rechner. Das ist bei Arturia nicht anders. Arturias Emulationsmethode namens TAE (True Analog Emulation) funktioniert laut Hersteller so, dass die Geräte bis ins kleinste Detail der Schaltkreise nachgebildet werden und dabei sogar spezielle Charakteristiken eines Synths wie etwa Schwankungen im Tuning berücksichtigt werden. Das erfordert natürlich eine entsprechend hohe Rechenleistung. Unter den Neuzugängen fiel der modulare Synthi V als besonders rechenintensiv auf: Bereits bei der dritten Instanz fängt der Testrechner, ein MacBook Pro mit 2,3 GHz Intel i7 Prozessor und 16 GB RAM, zu „schwitzen“ an, und zwar in Form von dauerhaftem Lüfterbetrieb. Die meisten Synths, vor allem aber die „alten Hasen“ des Bundles, lassen sich problemlos in mehreren Instanzen nutzen, ohne den Testrechner so schnell in die Knie zu zwingen wie Synthi V. Dieser hatte im Test auch ab und zu mit Soundausetzern zu kämpfen. Das wird sich hoffentlich in zukünftigen Updates noch ändern.

Für wen lohnt sich das Update?

Wer mit mehr als zwei Klangerzeugern aus der V-Collection liebäugelt, ist mit dem Bundle gut beraten. Zum Zeitpunkt des Tests ist es für 375 Euro Straßenpreis zu haben. Für diesen Preis erhält man eine wirklich umfangreiche Sammlung virtueller Tasteninstrumente. Im Einzelkauf kosten die Klangerzeuger bei Arturia nämlich bereits zwischen 149 und 199 Euro.

Als „All-in-One-Paket“ würde ich die V-Collection 7 dennoch nicht bezeichnen. Ohne Frage: Es sind genug Synths, Orgeln und mehr dabei, mit denen ihr euch nahezu jeden erdenklichen Klang selbst schrauben könnt. Auch sämtliche Synthesearten hervorragender Hardwareklassiker sind vertreten. Dennoch fehlen einfach sehr viele Synth-Highlights, die eigentlich in solch einer Sammlung nicht fehlen sollten. Die Rhythmussektion muss beispielsweise mit Arturia Spark auskommen, während klassische Drum-Machines und Grooveboxen fehlen. Über „Special-Synths“, wie etwa eine Roland TB-303, würden sich wahrscheinlich auch viele User freuen.

Außerdem: Wenn schon fleißig Synths anderer Hersteller nachgebildet werden, warum dann nicht auch gleich die eigenen? Roland hat beispielsweise im eigenen Cloud-Abo-Dienst sämtliche Emulationen vieler firmeneigener Synth-Klassiker am Start. So wäre ein MatrixBrute in virtueller Form doch auch mal interessant …

Brot-und-Butter-Synths, beispielsweise die Mini-Moog-Nachbildung oder der Prophet V, sind ohnehin schon seit jeher fester Bestandteil des Bundles. Typische „Allroundsounds“, die sich in nahezu allen Genres, wie EDM und Pop bis hin zu Rap und Rock einsetzen lassen, sind also auch schon in älteren V Collections enthalten – die Synth-Neuzugänge sind schon eher speziell. Wer bereits eine Vorgängerversion besitzt, bekommt die V Collection für einen Upgrade-Preis von 199,- Euro – was für die wenigen Änderungen recht viel ist. Besitzer von Arturia-Hardware, beispielsweise eines KeyLab Controller Keyboards, bekommen die V Collection via Crossgrade für 299 Euro.

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