Test
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10.03.2010

Praxis

Der Grundsound des Virus gehört zum Besten, was es im virtuell-analogen Bereich gibt und ist über jeden Zweifel erhaben. Bekanntlich wird der Virus weltweit bei Top-Produktionen eingesetzt (Depeche Mode, Madonna etc.) und hat ganze Genres mitgeprägt. Aber man sollte den Sound des Virus nicht nur anhand der Werkspresets beurteilen, denn diese sind eher einseitig effekt- und technolastig.

Am besten nimmt man sich ein Init-Programm aus zwei Sägezähnen und schraubt sich selbst zusammen, was man braucht. Dem Programmierneuling hilft dabei das sehr informative Tutorial „Programming Analog Synths“, das dem Virus beiliegt. Das folgende Beispiel zeigt, wie man mit dem TI Sounds in Echtzeit editieren kann.

Es lassen sich 4 Bänke mit je 128 eigenen Programmen speichern. Darüber hinaus gibt es noch 26 ROM-Bänke mit Werkssounds und 128 Multispeicherplätze, wovon die ersten 16 auch alle Part-Programme mit speichern. So bleiben diese Multis immer gleich, auch wenn man enthaltene Programme im Single-Mode editiert.

Für Live-Keyboarder sind neben gutem Sound die folgenden Features nützlich:
Da wäre zunächst das 61 Tasten-Keyboard des großen TI. Es handelt sich hier um ein Synthesizer-Keyboard und nicht um eine schwer gewichtete Pianotastatur. Dennoch lässt sie sich sehr gut und schön dynamisch spielen. Sie fühlt sich ausgesprochen edel an und ist meiner Meinung nach die beste Synthesizer-Tastatur auf dem Markt. Anders jedoch die 37 Tasten des TI Polar, dessen Keyboard zwar ebenfalls hochwertig, aber mit dem des großen TI dennoch nicht vergleichbar ist.

Die zahlreichen Potis und Schalter lassen blitzschnelle Änderungen an fast jedem Parameter zu. Das Knöpfe-Schrauben wird so zum Teil der Performance und inspiriert ungemein. Tatsächlich lässt sich kaum ein anderer Synthesizer so schnell programmieren wie der Virus. Unterhalb des Display befinden sich drei sogenannte Soft-Knobs, die sich mit beliebigen Parametern belegen lassen. So lassen sich auch Funktionen für den direkten Zugriff bestimmen, für die man sonst in die Tiefen des Edit-Menüs hinabtauchen müsste. Auch das Hold- und das Controller-Pedal lassen sich frei mit Funktionen belegen. Sicherlich wären Endlos-Encoder mit LED-Kränzen praktischer gewesen wären als die üblichen Potis, aber 32 davon hätten wohl weder auf die Bedienoberfläche gepasst, noch wäre das Ganze dann noch im bezahlbaren Bereich angesiedelt gewesen.
Aber dafür kann man ja im Config-Menü drei verschiedene Arten festlegen, wie die Potis bei Berührung reagieren sollen: jump, snap und relative.
Bei Umschalten der Programme reißt der Sound nicht ab, und auch die Effekte klingen noch aus, wobei lange Release-Fahnen oder Delays etwas schneller ausgeblendet werden.

Leider gibt es keine Taster, mit denen Programme direkt angewählt werden können. Es gibt nur Bank +/- und Programm +/-. Zwar hat man mit der Kombination Shift+Soft Knob die Möglichkeit, schnell durch die Presets zu scrollen, doch zielgenau weiter entfernte Programme zu treffen, ist dann schon eher schwierig. Mit einer Zifferntastatur wie bei Kurzweil oder acht Bank und acht  Programmtastern wie bei anderen Synthesizern wäre das besser gelöst. Man kann sich jedoch mit einem externen MIDI-Program-Changer behelfen, beispielsweise einem alten Roland RC3, der ab und an auf Ebay zu finden ist.

Der Tempo-Tap-Knopf, mit dem z.B. Delays oder der Arpeggiator zum Drummer synchronisiert werden können, erweist sich live als absoluter Joker. So kann man bei live gespielter Dancemusic auf einen Clicktrack verzichten und sich tempomäßig immer der Band anpassen. Nur schade, dass sich das Hold-Pedal nicht mit der Tap-Tempo-Funktion belegen lässt.

Im Multimode lassen sich dank der hohen Zahl von Stimmen aufwendige Layer- und Split-Setups herstellen, trotzdem behält jedes Programm alle Effekte. Externe Soundmodule oder ein Laptop können dank der Masterkeyboard-Funktionen in die Setups eingebunden werden, und über die Audioeingangsbuchsen lassen sich diese auch gleich im Gerät mit den Klängen des Virus mischen. Selbst Plattenspieler oder Mikro lassen sich so direkt anschließen, wobei der Virus TI diese entsprechend vorverstärken kann.

Bekanntlich sind Einzelausgänge nicht nur im Studio nützlich, da man ausgesuchte Klänge so externen Effektgeräten zuweisen kann – eine in jeder Live-Situation durchaus gebräuchliche Anwendung. Es lassen sich mit dem Virus in Verbindung mit einem externen Leslie vorzügliche Orgelsounds herstellen, da dieser entsprechende Sinus- und Spektralwellenformen anbietet. Über Oszillator-Balance können so Zugriegel-ähnliche Obertonbewegungen erzeugt werden, dazu noch ein Keyclick aus dem Rauschgenerator, und ein extra Orgelmodul ist eingespart.

Hier ein Beispiel eines Orgelsounds aus dem Virus in Kombination mit einem externen Leslie Effekt (Neo-Instruments Ventilator)

Ein unauffälliges, aber im Live-Notfall ungemein wichtiges Detail ist die Panik-Funktion, die bei gleichzeitigem Drücken des Sync- und Mono-Tasters einen All-Notes-off Befehl auf allen MIDI-Kanälen sendet. Da es in jedem Setup schon mal MIDI-Hänger geben kann, fragt man sich, wieso viele andere Keyboards diese Funktion nicht bieten.

Hat man einen Sound im Single-Mode verändert und schaltet in den Multi-Mode, findet man beim Zurückschalten den Single-Sound in der Ursprungsform wieder. Das kann beim Live-Einsatz sehr nützlich sein, wenn man beispielsweise einen Sound  stark verändert hat, aber zwischendurch mal für einen anderen Part des Songs in den Multi-Mode wechseln muss.


Das robuste Metallgehäuse ist zwar schwer, dafür aber unverwüstlich. Auch die Potis und Taster sind von hoher Qualität und daher langlebig. Mein Virus TI Polar ist seit 2006 im Live-Dauereinsatz und hat einige schwere Stürze, etliche Flüge und meinen ruppigen Umgang unbeschadet überstanden: Alle Potis und Taster funktionieren immer noch einwandfrei.

Das Format des TI Polar ist perfekt für den reisenden Musiker, passt er doch im Flugzeug ohne Probleme ins Handgepäck. Leider ist er etwas schwerer als die üblicherweise erlaubten 8kg (TI Polar: 9,6kg, TI2 Polar: 8,4kg), aber das Gewicht des älteren Polar lässt sich um 2kg reduzieren, indem man die massiven Aluminium-Seitenteile durch Holz ersetzt.

Das Betriebssystem des TI wird von Access vorbildlich gepflegt, und es gibt regelmäßig Updates, die immer wieder neue und interessante Features mitbringen und auch Bugs entfernen. Mittlerweile (OS 4.0) ist der TI weitgehend frei von Bugs, was in der Welt der virtuell-analogen Synthesizer leider alles andere als selbstverständlich ist. Der Support bei Access ist gut erreichbar und auskunftsfreudig.

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