Workshop_Folge Workshop_Thema Gitarre
Workshop
1
20.06.2019

7 Gründe, warum du unbedingt Gitarrenlicks lernen solltest

Warum Licks für Gitarristen so wichtig sind

Mit Licks zum kreativen Gitarrensolo

Der Begriff "Licks" wird in Musikerkreisen durchaus mit gemischten Gefühlen betrachtet. Manche halten sie für existentielle Bestandteile des Musikervokabulars, für andere sind sie der Ausdruck des unkreativen Kopierens anderer Künstler, das nur dem "Show Off"-Zweck dient, um andere zu beeindrucken.

Zur Definition sei gesagt: Der Ausdruck Lick steht im Prinzip für eine kurze melodische oder harmonische Phrase, die man auswendig gelernt hat und in diversen musikalischen Kontexten wiedergeben kann. Insofern ist ein Lick ein Klischee, oder, wenn man die Analogie zur Sprache bemühen will, eine Art Redewendung oder Zitat.

Eines ist klar: Licks sind kein Garant für eine tolle Improvisation und man kann trotz eines großen Repertoires unmusikalisch und phantasielos klingen. Aber muss das sein oder gibt es nicht doch vielleicht ein paar handfeste Gründe, die das Lernen von Licks rechtfertigen?

Quickfacts:

  • Jedes Genre benötigt zu seiner Definition gewisse Klischees. Licks sind ein guter Weg, die "Sprache" eines Musikstils zu begreifen, sie zeigen seine Entwicklung und sind nahezu zeitlos einsetzbar
  • Improvisation ist mehr oder weniger die Neukombination von Vertrautem. Licks gehören zu seinen Bestandteilen und ein solides Lick-Vokabular erhöht die Flexibilität und nimmt mit der Zeit einen individuellen Charakter an.
  • Licks sind sinnvolle Übungen, vom Raushören über das Notieren bis zum spieltauglichen Einüben.
  • Auch unsere Guitar-Heroes nutzen ein gewisses Repertoire an stilprägenden Phrasen, was man anhand ihrer Soli auch sehr gut erkennen kann.

1. Licks sind wie Vokabeln einer Sprache

Jede Stilrichtung besteht aus Klischees und Standards, die ihren Sound definieren und wie die Vokabeln einer gemeinsamen Sprache funktionieren. Wie hoch die Dosis dieses Vokabulars in der Improvisation ist, bleibt natürlich Geschmackssache und ist von Spieler zu Spieler sehr unterschiedlich, aber Mitmusiker und eigentlich auch Zuhörer erwarten einen gewissen Anteil an solchen variierungsfähigen Klischees. Umgekehrt gilt: Licks, die aus einer anderen Stilrichtung kommen, werden schnell als Fremdkörper identifiziert und so wird ein BeBop-Lick in einem Pop-Charthit ähnlich verblüffen wie ein Pinchharmonic-getränktes Tappinglick über "Body and Soul".

Gerade für Anfänger innerhalb einer Stilrichtung gilt: Licks sind unter anderem die Kleinstmotive, die den Klang eines Genres bestimmen, und wer diese Sprache sprechen will, der muss, um bei der obigen Analogie zu bleiben, ihr Vokabular beherrschen.

2. Reine Improvisation ist eine Illusion

Wer glaubt, dass jedes Solo mit all seinen Elementen gerade in diesem Moment quasi aus dem Nichts entsteht, unterliegt einer falschen Vorstellung vom Improvisieren. Improvisation in vollkommener Reinform gibt es nicht, denn alles, was wir spielen, ist eine Neukombination von vertrauten Elementen. Und die haben wir entweder geübt oder bewusst wie unbewusst aufgenommen. Die Kunst der Improvisation ist es, auf einen großen Fundus von Kleinmotiven, Konzepten und Licks zugreifen zu können und diese musikalisch elegant und geschmackvoll zu verbinden. Das verlangt einerseits viel Übung, aber andererseits hilft ein großes Lick-Vokabular auch, sehr flexibel auf bestimmte musikalische Situationen reagieren zu können.

3. Licks sind Zeitzeugen

Bernhard von Chartres wird das Zitat zugesprochen, dass wir Zwerge sind, die auf den Schultern von Riesen sitzen. Gemeint ist damit die Tatsache, dass viele Errungenschaften nur Weiterentwicklung alter Erkenntnisse und Leistungen sind, sei es in der Wissenschaft, der Kunst oder der Kultur. Innerhalb bestimmter Genres vollzieht sich dies überwiegend additiv, das heißt, dass bestimmte melodische oder harmonische Wendungen übernommen werden und Neues "on top" hinzukommt und das Alte ergänzt. Diese musikalische Weiterentwicklung wird nicht zuletzt auch in Licks dokumentiert.

Denkt man an frühe Soli von Charlie Christian oder im Rock von Chuck Berry, so wird man viele der dort verwendeten Licks auch heute noch in Soli finden. Klar, der Sound ist anders und sicherlich auch der Kontext, aber nur, weil eine Phrase alt ist, verliert sie nicht an Gehalt. Insofern sind Licks auch immer Zeitdokumente, die es uns erlauben, in die Vergangenheit zu reisen und Altes mit Neuem zu kombinieren.

Typische Bach-Phrasen findet man übrigens auch bei Charlie Parker oder Yngwie Malmsteen!

4. Licks beherbergen gute Übungen

Licks bieten exzellente Möglichkeiten, technische Übungen mit musikalischem Gehalt zu verbinden. Hinzu kommt, dass man in nur wenigen Übe-Feldern so viel Disziplinen miteinander verbinden kann wie beim Transkribieren von Licks: Das Raushören schult das Gehör, und da man ja durch seinen Geschmack bestimmt, welches Lick man als "transkribierungswürdig" empfindet, hat das Ganze trotz Kopieren etwas Individuelles. Das Notieren der Licks schult das Verständnis für das Notenbild und man wird fitter im Leadsheet-Schreiben für die Musikerkollegen.

Die Frage, wie man Licks richtig übt, ist ein sehr weites und durchaus komplexes Feld, darum findet ihr hier einen sehr umfassenden Artikel extra nur zu diesem Thema:

Workshop

Mit Licks zum perfekten Gitarren-Solo

5. Licks sind Rettungsboote an schlechten Tagen

Jeder Musiker kennt diese Tage: Eigentlich ist man ausgeschlafen und fühlt sich gut und dennoch ist man irgendwie uninspiriert und alles, was man spielt, klingt vollkommen blutleer. Dummerweise muss man aber abends einen wichtigen Gig mit dickem Solospot spielen und will nicht vollkommen versagen.

Wer hier ein breites Arsenal an Licks zur Verfügung hat, kann sich mit ihm sehr gut über den Abend retten. Möglicherweise spielt man dann immer noch unter seinen Möglichkeiten, aber ist es nicht beruhigend zu wissen, dass man eine niedrigere Fallhöhe hat oder dass man einen gewissen Mindest-Qualitätslevel niemals unterschreiten muss?

6. Geklaute Licks als Basis für eigenes Material

"Imitate - Assimilate - Innovate" lautet Clark Terrys Dreisatz der Improvisation. Und in der Tat ist es durchaus sinnvoll, gerade am Anfang die Songs, Riffs und auch Sololicks seiner Helden zu kopieren, um ein tieferes Verständnis und Zugang zu seinem Instrument und auch einer bestimmten Musikrichtung zu bekommen.

Interessanterweise passiert es sehr häufig, dass ursprünglich gut auswendig gelernte Licks mit der Zeit beim Spieler individuell leichte Variationen und Veränderungen erfahren und sich so quasi zu einer eigenen Kreation wandeln - vielleicht sogar mit dem Potenzial als Hauptmotiv einer ganzen Komposition.

7. Auch unsere Helden benutzen sie

Ein kurzer Blick auf Soli von Charlie Parker, John Coltrane, Mike Stern bis hin zu Steve Vai reicht, um mit Gewissheit sagen zu können: Auch unsere großen Helden und Vorbilder in der Kunst der Improvisation bedienen sich der Licks. Das ist zum Beispiel dann kein Wunder, wenn man sich extrem schnelle Stücke im BeBop oder Rock anschaut, bei denen es nicht mehr möglich ist, sich auf jede einzelne Achtelnote zu fokussieren. Ein Lick, das man gezielt abfeuert, verlang nur den Fokus auf die Startnote, denn alles, was danach folgt, ist ein Automatismus. Aber das mindert den musikalischen Genius der genannten Künstler nicht im Mindesten, denn die Ausführung und die gekonnte Integration von Licks in das Gesamtspiel verlangt ebenfalls einiges an Können. Als Beleg könnt ihr euch das "Giant Steps" Solo von John Coltrane anhören, oder analysiert mal Charlie Parker Omnibooks nach z.B. folgendem Lick, den ihr bestimmt in diversen Variationen und Tonarten finden werdet!

In diesem Sinne: Keine Angst vor Licks und ran ans Raushören und Nachspielen!

Hier findet ihr eine Sammlung diverser Licks:

Selbstverständlich seht ihr auch in unserer Play-Alike-Reihe eine Menge an tollen Solophrasen:

Play-Alike-Workshop

Verwandte Artikel

User Kommentare