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08.08.2019

7 EQ-Tipps für Gitarren-Signale

E- und Akustik-Gitarrenspuren mit dem Equalizer bearbeiten

Workshop / Ratgeber / Tutorial: Sound im Mix regeln

Wer E-Gitarren und Akustik-Gitarren in einem Song einsetzt, der wird beim Mischen fast immer mit einem Equalizer arbeiten, um bestimmte Frequenzen anzuheben oder abzusenken. Songs aus den unterschiedlichsten Musikgenres, die Akustik- oder E-Gitarren enthalten, also Blues, Rock, Funk, Soul, Metal, Pop, Jazz und viele mehr, sind bekanntlich sehr unterschiedlich, genauso die verwendeten Gitarren-Sounds. Da hört man sanfte, laute, schnelle oder schrille Gitarren, die mal gezupft, mal gepickt, mal geschlagen, mal gestreichelt, mal malträtiert werden.

Kann es also sinnvoll sein, Standardempfehlungen für Equalizereinstellungen auszusprechen? Sicherlich nicht! Und überhaupt, muss immer ein EQ verwendet werden? Ebenfalls nicht! Das wäre wie bei einigen Menschen, die ihre Mahlzeiten nachwürzen, bevor sie das Gericht nur ein einziges Mal probiert haben. Ich tue mir mit diesem Ansatz eher schwer, denn bei mir wird das Essen immer erst probiert und nur im Bedarfsfall optimiert. Es sollte auch beim Mischen von Gitarren der Grundsatz gelten: Erst hören, dann optimieren. Ich stelle euch jetzt trotzdem einige „Gewürze“ vor, die ihr ausprobieren könnt, um euer Süppchen bei Bedarf zu verfeinern.

1. Der wichtigste EQ-Tipp gleich zu Beginn

Bevor eine Audiospur nachbearbeitet werden kann, muss sie erst einmal aufgenommen werden. Nicht immer haben wir Einfluss auf die Aufnahme und oft müssen wir mit dem leben, was wir angeliefert bekommen. Doch für all diejenigen, die eine Akustik- oder E-Gitarre selbst aufnehmen, ist dieser Tipp gleich auch der wichtigste des ganzen Artikels: Nehmt die Gitarre so auf, wie ihr Sie im Mix hören wollt. Gebt euch hier bitte von Anfang an die allergrößte Mühe. Denn je besser die Qualität der Aufnahme, - desto besser sind auch das Endergebnis und eure Optionen im Mix. Auch wenn wir uns an dieser Stelle nicht mit der Aufnahme von Akustik- und E-Gitarren befassen wollen, ist es mir wichtig, an diesen Punkt zu erinnern: Der Sound entsteht vor dem Mikrofon. Was beeinflusst den Klang? Zum Beispiel die Wahl des Instrumentes, der Saiten, der Plektrumstärke, des Amps oder des Aufnahmeraums. Auch die Klangregelung des Amps trägt viel dazu bei. Als nächstes folgt die Auswahl und Positionierung des Mikrofons. Auch wenn ihr nicht auf einen riesigen Mikrofonpark zurückgreifen könnt, lohnt es sich hier, alle Möglichkeiten auszuprobieren.

Vergesst den alten Spruch „We'll fit it in the mix“ („Das machen wir dann schon in der Mischung“). Equalizer heißen auf Deutsch „Entzerrer“, weil sie ursprünglich entwickelt wurden, um einen „verzerrten“ (bedeutet hier: „im Frequenzgang veränderten“) Klang wieder zurückversetzen zu können. Und der beste Entzerrer ist unnötig, wenn zuvor nichts „verzerrt“ ist, zumindest wenn wir von Schadensbegrenzung des Aufnahmesignals reden.

Toningeneur-Legende und mehrfacher Grammy Gewinner Al Schmitt sagt von seinen eigenen Produktionen, er benutze keine Equalizer. Das soll für uns nicht heißen, dass der Einsatz eines EQs an sich etwas Schlechtes wäre. In vielen Fällen ist er das Werkzeug der Wahl, um eine mißlungene oder ungünstige Aufnahme nachträglich zu korrigieren. Dennoch: Wer mit einer optimalen Aufnahme startet, der hat es später im Mix deutlich leichter.

2. Tiefbass bei Gitarren-Aufnahmen mit dem Low Cut entfernen

Das Low Cut Filter wird gerne bei allen Instrumenten aktiviert, die nicht Bass oder Bassdrum heißen. Sinn und Zweck ist es, tieffrequente Anteile aus dem Signal zu entfernen. Zum Beispiel unerwünschten Trittschall, deshalb heißen Low Cut Filter auch Trittschallfilter. Innerhalb eines großen Songarrangements mit vielen unterschiedlichen Instrumenten ist der Einsatz oft empfehlenswert, um den Bassbereich für tiefe Instrumente freizuhalten. Doch auch hier heißt es: nicht grundsätzlich aktivieren, sondern erst einmal genau hinhören, wie sich das Ganze auf den Klang auswirkt. Es hängt immer vom musikalischen Einsatzzweck der Gitarre ab. Bei einem Singer-/Songwriter- Stück, ausschließlich mit Akustik-Gitarre und Gesang, kann ein zu hoch angesetztes Low Cut Filter schon viel an Fülle und Wärme wegnehmen. In diesen Fällen ist der Einsatz oft gar nicht nötig. Habt ihr dennoch gelegentlich Störgeräusche im Bassbereich, kann man den EQ auch automatisieren und das Tiefpassfilter nur an den entsprechenden Stellen aktivieren. Wie findet ihr heraus, was die optimale Grenzfrequenz ist?

Wenn ihr beispielsweise ein EQ-Plugin benutzt und die Grenzfrequenz eures Low Cuts frei einstellen könnt, dann fangt bei der tiefsten Frequenz an und fahrt langsam höher –. so lange, bis ihr hören könnt, dass der Gitarre unten herum etwas fehlt. Dann geht ihr wieder ein paar Hertz zurück. Jetzt sollte sich das Filter tatsächlich nur auf unerwünschte Tiefbässe auswirken, der Gitarre aber kein weiteres Nutzsignal rauben. Hört das Ganze immer im Mix an. Manchmal klingt es im Gesamtzusammenhang gut, wenn die Grenzfrequenz noch höher angesetzt ist. Auch wenn die Gitarre dann solo abgehört zu dünn klingt. Macht euch auch immer den Tonumfang des Instrumentes, das ihr gerade bearbeitet klar. Die tiefe E-Saite einer Gitarre schwingt mit einer Frequenz von etwa 82 Hz. Es gibt auch Tunings, bei denen diese Saite noch tiefer gestimmt ist.

3. Mulm und Wärme im Gitarrensignal mit dem Equalizer regeln

Im Bereich zwischen 200 und 400 Hz gibt es bei Gitarren oft Handlungsbedarf. Bei schlechten Aufnahmen treten nicht selten in diesem Bereich unschöne Resonanzfrequenzen auf, die das Gitarrensignal „zumulmen“. Diese Resonanzen kommen meistens vom Raum, in dem aufgenommen wurde, manchmal auch vom Instrument selbst. Eine schmalbandige Absenkung (mit hohem Q-Faktor) der betroffenen Resonanzfrequenz wirkt oft Wunder. Zum Auffinden der richtigen Frequenz verstärkt ihr am Besten zunächst das Band und fahrt dann langsam den Frequenzbereich ab. Die überbetonte Frequenz wird deutlich herausstechen. Jetzt könnt ihr den entlarvten Bereich absenken, bis es homogener klingt. Diese Vorgehensweise ist immer dann die Beste, wenn die Resonanzfrequenz die ganze Zeit über zu hören ist. Hört ihr die Resonanz nur gelegentlich, erreicht ihr mit einem dynamischen Equalizer oft schönere Ergebnisse.

Ein dynamischer Equalizer bietet zusätzlich zu den klassischen Funktionen eines EQs noch einen frei einstellbaren Arbeitspunkt (Threshold) und eine Ratio, die das Maß der Anhebung oder Absenkung bestimmt, wenn der Arbeitspunkt überschritten wird. Ihr kennt das Prinzip schon von einem Kompressor. Der Vorteil ist, das hier nur entzerrt wird, wenn es nötig ist. Das bedeutet: Übersteigt die Resonanzfrequenz den eingestellten Arbeitspunkt, arbeitet der EQ – an anderen Stellen macht er nichts. Probiert es mal aus!

Ansonsten könnt ihr den unteren Mittenbereich auch etwas anheben, wenn ihr der Gitarre zu mehr „Wärme“ verhelfen wollt. Oder ihr senkt hier ein wenig ab um die Gitarre schlanker werden zu lassen und mehr Platz zum Beispiel für den Gesang zu schaffen.

4. Nasaler und hohler Sound des Gitarren-Signals?

Klingen Gitarren irgendwie zu „hohl“, könnt ihr im Bereich von 500 Hz bis 1,5 kHz mal probieren, ob eine kleine Anhebung der Gitarre zu mehr Substanz verhilft. Klingt es eher „hölzern“ oder auch „nasal“, ist das eventuell dieser Frequenzbereich, den ihr ein wenig absenken solltet. Übrigens:, der Grundtonbereich einer Gitarre endet meistens in der Region um 1,3 kHz mit dem dreigestrichenen E – das variiert natürlich von Instrument zu Instrument. Trotzdem ist hier noch lange nicht Schluss, denn der Klang einer Gitarre besteht ja nicht aus reinen Grundfrequenzen, sondern ist sehr komplex aufgebaut und besteht auch aus vielen Obertönen und Geräuschanteilen.

5. Die Gitarre klingt schrill oder und schlaff?

Widmen wir uns dem Bereich zwischen 2 und 4 kHz. Hier liegt der Signalanteil, den man als „Präsenz“ bezeichnet und der sehr für die Durchsetzungsfähigkeit verantwortlich ist. Gerade E-Gitarren bringen davon oft von Haus aus viel mit. Wenn es zu „schrill“ oder „scharf“ klingt, könnt ihr versuchen, die Gitarren hier ein wenig zu entschärfen. Oder ihr wollt, dass eure Gitarren sich noch mehr im Mix durchbeissen, weil Sie irgendwie noch zu schlaff klingen? Dann versucht mal, hier etwas anzuheben. Außerdem sei noch gesagt, dass viele günstige AD/DA-Wandler oft in diesem Frequenzbereich Probleme haben. Es kann helfen, hier nach störenden Resonanzen zu suchen und diese zu entfernen, so wie ich es unter Punkt 3 beschrieben habe.

Noch ein kleiner Extratipp für alle, die mehr Präsenzen aus dem Gitarrensignal holen wollen: Probiert statt des Equalizers einen Exciter aus. Dieser generiert zusätzliche Obertöne aus dem Signal. Der Aphex Aural Exciter ist ein beliebter Klassiker, den es in verschiedenen Emulationen für die eigene Plug-in-Kollektion gibt. Auch Kompressoren färben den Klang und die Obertonstruktur auf unterschiedliche Weise. Hört hin!

6. Anschlags- und Saitengeräusche mit dem EQ einstellen

Wenn ihr mehr Details des Gitarrenspiels herausarbeiten wollt, könnt ihr den Bereich zwischen 4 kHz und 8 kHz unter die Lupe nehmen. Hier verbergen sich die geräuschhaften Anteile, wie zum Beispiel Saiten- und Anschlagsgeräusche. Rhythmus-Gitarren, die durch das Strumming mehr die Funktion eines Tambourins als das eines Harmonieinstrumentes einnehmen, enthalten hier wichtige Informationen. Versucht es in den höheren Frequenzbereichen eher mit breitbandigeren Anhebungen oder Absenkungen (kleinerer Q-Faktor), denn das klingt natürlicher.

7. Shimmer and Shine des E-Gitarren-Signals

Zu guter Letzt noch ein Tipp für den Frequenzbereich ab 10 kHz aufwärts:. Gerade Akustikgitarren können hier edler und feiner wirken, besonders bei kleineren Band-Besetzungen oder Solo-Perfomances. Eine leichte High-Shelf-Anhebung bringt manchmal mehr Glanz und „Hi-Fi-Sound“. E-Gitarren wiederum, besonders die stärker verzerrten, haben meistens in diesem Bereich nicht mehr allzu viel zu bieten. Versucht mal, ob ihr die Höhen nicht ein wenig mit einem High Cut Filter beschneiden wollt und so Platz für andere, detailreichere Instrumente schafft. Das ist im Prinzip die gegenteilige Herangehensweise wie bei Tipp 1!

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