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Dynamount X1-R Test

Praxis

„Braucht man so was überhaupt?“

Während der Lektüre des Testberichts über den Dynamount X1-R hat der ein- oder andere unter euch bestimmt gedacht: „Braucht man so was überhaupt?“. Und sicher, das ist eine berechtigte Frage, daher möchte ich sie zuerst behandeln. Die weltweite Wirtschaft bringt viele spannende Dinge hervor, aber eben auch Sachen, die wirklich niemand braucht – oder solche, bei denen erst die Werbung oder sogar verschleierte Methoden der Beeinflussung dafür sorgen, dass überhaupt erst so etwas wie „Bedarf“ an einem Produkt entsteht. Also, mit Blick auf Dinge wie kleine Einkaufsroller für genau eine Wassermelone, USB-Kaffeetassenwärmer und so ziemlich genau jedes zweite Spezialwerkzeug in Küchenschubladen stelle ich die Frage erneut.
Also: „Braucht man so was überhaupt?“ Ja. Nein. Irgendwo dazwischen. Wir wissen, dass viele Fragen nicht banal mit einem Wort beantwortet werden können, so einfach ist die Welt nun mal nicht. So auch hier, denn es kommt doch sehr auf die Situation an. Ihr seid typischer „Recording Musician“, der seinen kleinen Gitarrenamp im Proberaum oder sogar zuhause neben dem Schreibtisch stehen hat? Gebt das Geld lieber für ein ordentliches Mikrofon oder einen Preamp aus. Ihr habt ein Studio mit getrenntem Regie- und Aufnahmeraum? Oder der Amp steht unten im Heizungskeller, weil er da so laut aufgesemmelt werden kann, dass die EL34-Röhren richtig dick in die Sättigung fahren und die Membranen ordentlich Luft bewegen? Aha! Wer nicht laufend einen fähigen Praktikanten beschäftigt, dem man ständig „Mehr links! – Nein, weniger! Jetzt zurück!“ über den Cueweg entgegenbrüllen kann oder wer sehr weite und umständliche Wege hat (alleine zwei Türen des Soundlocks zwischen Regie und Aufnahme können nerven…), der wird sich über das Dynamount freuen. Allerdings ist die Produktgattung nicht neu. Kommerzielle Hersteller gibt es in den USA schon länger, die Anzahl derer, die sich mit DIY behelfen, ist nicht gerade gering. Neu ist allerdings die App-Steuerung, mit der Dynamount auftrumpfen will.

Der Dynamount X1-R, hier ausgestattet mit einem Shure 545SD.
Der Dynamount X1-R, hier ausgestattet mit einem Shure 545SD.

Im Sweetspot Gitarrensound einstellen

An der besten Abhörposition sitzen (= Sweetspot in der Regie) und gemütlich die beste Position suchen, beim Re-Amping sogar noch während des Mixdowns, das ist wirklich ungemein praktisch. Umso besser, dass man auch mit Presets arbeiten kann. Und jeder, der mal mit geschlossenen Kopfhörern versucht hat, den Sound eines Mikrofons vor dem lauten Amp einzuschätzen, der weiß daraufhin, wie stark die Hörer wirklich dämpfen. 45 dB? Reicht dabei für nichts…

Schnell und stabil, wenn man ein paar Dinge beachtet

Aufgebaut ist das Dynamount sehr schnell. Ich habe einen stabilen Triad-Orbit-Ständer als Grundlage gewählt. Auch schwere Mikrofone wie einColes 4038, ein Electro-Voice RE20 oder ein Shure SM7B sind sicher untergebracht. Man sollte natürlich die jeweiligen Eckpunkte abfahren während man daneben steht, damit einem die gute, alte Schwerkraft keine Schnippchen schlägt. Und, klar: Es ist absolut notwendig, sämtliche Schrauben gut anzuziehen und Kabelwege freizuhalten. Vorsicht beim Installieren von elastischen Halterungen / Mikrofonspinnen, manchmal sind Distanzstangen vonnöten, damit nichts in die Laufwege der Schlitten hineinragt. Ich habe mir einmal mit „Doppeladaptierung“ geholfen, indem ich die mehrere Reduziergewinde 3/8“ auf 5/8“ und Adapter 5/8“ auf 3/8“ hintereinander geschraubt habe. Nicht sehr professionell, aber etwas anderes hatte ich grad nicht da.   

Der Kontakt zur Empfangs-/Steuereinheit ist recht schnell hergestellt.
Der Kontakt zur Empfangs-/Steuereinheit ist recht schnell hergestellt.

Installationen problemlos – aber es entstehen Fragen

Und wie es ein moderner User verlangt, erfolgt auch die Installation von App und Chrome-Plug-In schnell. Dass man sich aber mit E-Mail-Adresse, Passwort und Freischaltlink registrieren muss, ist vielleicht etwas übertrieben. Und: Manchem User ist Google Chrome als Browser ja aus Datenschutzsicht etwas zu gruselig, das Plug-In zwingt einen aber dazu, ihn zu installieren, wenn man ein stationäres System zur Steuerung verwenden will. Die Suche des Dynamounts und seine Aktivierung laufen problemlos, was sicher auch für die Verwendung mehrerer Units gilt. Nach kurzer Kalibrationsroutine ist das Gerät bereit.

App-Steuerung schön einfach

Die Steuerungssoftware ist übersichtlich und selbsterklärend, die Umsetzung sehr gut. Auch klasse: Ich war mit bis zu vier Apps gleichzeitig angemeldet – dem Dynamount ist das egal. So kann es nicht passieren, dass man doch mal mit geöffneter App auf dem Smartphone im Aufnahmeraum steht und das Programm rumheult, dass woanders noch ein „aktiver Nutzer“ oder so was aktiv sei. Auch gespeicherte Presets übertragen sich immer auf alle Geräte. Das ist top.  

Toll, man kann Presets ablegen, die Steuerung ist klasse, aber die wahrscheinlich schlaueste Lösung für Recording und Mix (wieder: Re-Amping!) wäre die Ausführung als Plug-In. Automatisierungsfreunde könnten sogar Amps von Geisterhand in gewünschte Settings bringen lassen, wenn sie ein bestimmtes DAW-Template aufrufen. Dann wäre ja auch Automatisierung denkbar, aber mal ganz ehrlich: Das lässt sich mit den Vibrationen beim Anfahren einer Position nicht vereinbaren. Und man muss ja nicht alles machen, nur weil es zumindest theoretisch machbar ist…
Sinnvoll hingegen wäre es, ähnlich wie manchen Saug-, Wisch- oder Rasenmährobotern räumliche Grenzen einrichten zu können. Ich will eigentlich nicht aus Versehen im Blindflug mit dem Mikrofongrill eines edlen Röhren- oder Bändchenmikros irgendwo gegen donnern, weil beispielsweise in beengten Platzverhältnissen ein Schlagzeugstativ im Weg ist. Und eine Kamera, die alles beobachtet, gehört nun mal nicht zum Lieferumfang.

Fotostrecke: 3 Bilder Steuerung vom iPad aus: Unten sind die Speicherplätze zu erkennen.
Fotostrecke

Geschwindigkeit – genau richtig

Das Anfahren einer bestimmten Position erfolgt nicht in einer Ladebalken-Geschwindigkeit aus der Zeit analoger Modems, das ist gut. Ob Presets oder händische Einstellung, die beiden Schlitten fahren in wenigen Sekunden an die gewünschte Position. Ein wenig länger dauert die Drehfunktion. Gleichzeitig kann man froh sein, dass die Motoren nicht mit hoher Geschwindigkeit herumflitzen, denn möglicherweise würde das auf Kosten der Stabilität gehen. Und das wird man nicht wollen.

Sehr genaue Einstellung ist praktisch

Die Motoren erzeugen nicht unerheblich Wärme, aber auch Vibrationen und Geräusche, die sich per Körperschallübertragung natürlich im Signalweg niederschlagen. Vor allem der Rotationsmotor rappelt sehr ordentlich. Genial ist aber die genaue Einstellungsmöglichkeit, durch die Finetuning für die Angleichung der Phasenlage in den Höhen möglich wird. Perfekt.

Kapsel drehen? Nicht so einfach.

Man kann zwar um 360 Grad drehen, aber nicht einfach den Winkel der Kapsel ändern. Will man also die tatsächliche Kapselposition beibehalten, muss man entweder das Mikrofon so montieren, dass die Kapsel exakt mittig auf dem Dorn sitzt, wie es beispielsweise mit meinem Microtech Gefell UM 92.1S möglich ist, oder aber kompliziert auch auf der x- und der y-Achse hin- und herfahren. Das ist beispielsweise bei Verwendung eines Shure SM58 oder ähnlich gebauten Mikrofon der Fall, bei dem die Mikrofonklemme dafür sorgt, dass die Kapsel deutlich vom Anschlussgewinde entfernt ist Toll wäre es, wenn man einen Nodalpunkt eingeben könnte und die X1-R-App eine „on the spot“-Drehfunktion spendiert bekommen hätte. Das ist nicht unerheblich, denn viele Toningenieure nutzen bewusst die Klangveränderungen von nicht genau axial besprochenen Mikrofonen. Und programmierseitig wäre das kein immenser Aufwand, der User müsste einfach nur einen Wert in Zentimetern eingeben, den Rest könnte die Software mittels simpelster Mathematik erledigen. Sicher könnte man sich aber auch mit Adaptern und einem Nodalpunktadapter für Kameras behelfen. 

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In diesem Video seht ihr den Dynamount X1-R im Einsatz. Gesteuert wird per WiFi von iPhone, iPad und MB Air aus. Neben der Einstellung seht ihr die Speicherung von Presets und die Kalibrationsroutine.

Coupling oder Grouping wäre cool!

Es gibt neben den naheliegenden und verbreiteten Anwendungsfeldern, namentlich Cabinet und Bassdrum, auch weitere Fälle, in welchen die Mikrofone nicht mal eben so erreicht und justiert werden können – auch aus dem Aufnahmeraum nicht. Ich erinnere mich an eine Kirchenorgelaufnahme, in der mich zum Glück nur der Organist hören konnte, wie ich wüste Flüche an heiligem Ort ausgestoßen habe. Aber zum vierzigsten Mal die in vielen Metern Höhe stehenden Mikros des ABs um ein paar Zentimeter zu verändern, das macht wirklich mürbe. Den gesamten Stativaufbau verschieben ging nicht, da mich die Bänke in der Aufstellung beschränkt haben. Es wäre natürlich fragwürdig gewesen, ob das Gewicht von voll ausgezogenen Chorstativen gehalten worden wäre, doch generell würde man sich bei vielen Ambience/Room- und Overheadmikrofonierungen von Drums, Chören und Orchestern freuen, ein solches System zur Verfügung zu haben. Sicher: Ein Coupling/Grouping für Spaced-Stereo-System wie große ABs oder Decca-Trees wäre sinnvoll, dann allerdings mit gegenläufigen Einstellungen. Gut, das ist für die meisten keine Alltagsaufgabe und die Range des Dynamounts für gröbere Veränderungen von Basisbreiten prinzipbedingt zu klein, es wäre aber ebenfalls programmiertechnisch keine unlösbare oder immens zeitraubende Aufgabe. Und dann ließen sich Lösungen finden wie Änderung des Öffnungswinkels bei XY… und in Verbindung mit Twinmikros à la Sennheiser MKH 800 Twin oder Microtech Gefell UM 930 twin oder sogar Soundfield… ach, ich schweife schon wieder ab. Aber wo wir schon bei möglichen Erweiterungen sind: Man müsste eigentlich herausfinden, in welchen Isolation Cabinets das Dynamount installiert werden kann.

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