Kürzlich haben wir dem legendären Ozzy Osbourne bereits zweimal posthum mit einem Workshop die Ehre erwiesen. Aber nachdem ich die sehr interessante und bewegende Doku „No Escape From Now“ über Ozzys Leidensgeschichte der letzten Jahre und den Kampf darum, noch ein letztes Konzert für seine Fans spielen zu können, gesehen hatte, musste ich mich einfach noch einmal dieses Themas annehmen – immerhin fehlt Ozzys bekannteste Bassline noch in unserer Sammlung. Die Rede ist von „No More Tears“ vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 1991. Der Song ist vollkommen zurecht ein Hardrock-Klassiker und Bassist Bob Daisley hat uns hier die eine oder andere rhythmische Rechenaufgabe mit auf den Weg gegeben. Das ikonische Bassriff hört sich zunächst einfach an, hat es aber faustdick hinter den Ohren.

„No More Tears“ – Video
Hier könnt ihr den „Prince Of Darkness“ noch einmal in Action erleben:
Welche Rhythmik besitzt die Bassline von „No More Tears“?
Ich muss gestehen, dass ich das Haupt-Bassriff bereits mehrfach in Workshops zitiert habe. Dafür nahm ich mir immer nur die ersten beiden Takte vor. Ich hatte bis jetzt nicht wirklich auf dem Schirm, wie viel Entscheidendes ich ausgelassen hatte. Selbstverständlich habe ich den Song schon häufig gehört, aber bis jetzt noch nie versucht, ihn zu transkribieren und nachzuspielen. Es wird also höchste Zeit, das nachzuholen!
Das Main Bass Riff des Verses besteht im Prinzip aus einer sich wiederholenden Figur aus zwei Sechzehnteln und zwei Achteln. Addiert man dies zusammen, so ergibt sich eine Länge von insgesamt drei Achteln. Spielt man diese Figur in einem 4/4-Takt mit zwei Achteln pro Viertel-Pulsschlag, verschiebt sich logischerweise jedes Mal der Startpunkt der Figur. Dies nennt man auch eine rhythmische Überlagerung.
Diese Tatsache wäre im Grunde schon interessant genug – bei „No More Tears“ fängt der Spaß hier aber gerade erst an. Bassist Bob Daisley beginnt nämlich die Figur zunächst mit den beiden Sechzehnteln, um dann nach vier Takten den Spieß umzudrehen und mit den beiden Achteln zu starten. Damit diese Kehrtwende mathematisch funktioniert, baut er einen kleinen Übergang ein. Und sobald Ozzys Gesang einsetzt, findet der Wechsel von der einen zu anderen Variante sogar alle zwei Takte statt.
Im Prechorus beruhigt sich das Ganze erst einmal wieder und wir haben es größtenteils mit straighten Achtelnoten zu tun. Jeden zweiten Takt wird die Zählzeit 1 dabei um eine Achtel antizipiert. Der Chorus greift mit seinem Riff erneut unser bekanntes Prinzip der rhythmischen Überlagerung auf, diesmal jedoch mit einer Achtel plus einer Viertelnote, was in der Summe abermals drei Achteln entspricht.
Schon nach anderthalb Takten ist damit aber bereits wieder Schluss und daher ist dieser Teil auch deutlich leichter als der Vers. Vor allem, weil die Gitarre das Riff unisono mitspielt und es sich dadurch leichter über die Ohren nachvollziehen lässt. Möglicherweise wurden die Musiker bei diesem Song pro Stunde bezahlt, denn im Outro gibt es abermals eine neue Version des bereits aus dem Chorus bekannten Riffs: Durch den Start mit zwei Viertelnoten wird es etwas abgewandelt und künstlich verlängert, so dass jeder zweite Takt 5 Viertel lang ist.

Aus welchem Tonmaterial besteht die Bassline von „No More Tears“?
So komplex es beim Thema „Rhythmik“ zuging, so einfach hält es Bob Daisley beim Tonmaterial: „No More Tears“ steht in D-Moll (bzw. Db-Moll, da Bass und Gitarren einen Halbton tiefer gestimmt sind). Das Riff des Verses besteht mit dem Grundton und der Septime aus ganzen zwei Noten.
Im Prechorus beschränkt sich Bob dann auf die Grundtöne – lediglich bei den Fills gesellt sich noch die Quinte hinzu. Der Chorus spielt mit seinem Riff mit D-Moll und D-Dorisch, welche sich ausschließlich durch die Sexte (Bb bzw. B) unterscheiden. Auch die D-Moll-Bluestonleiter mit ihrem Halbton zwischen Quarte und Quinte begegnet uns hier wieder.
Wie kommt der Basssound von „No More Tears“ zustande?
Ein bedeutender Teil des Basssounds ist der um einen Halbton tiefer gestimmte Bass. Das ist zwar nicht viel, klingt aber dennoch irgendwie brutaler. Bob Daisley schlägt die Saiten mit einem Pick an, was für ausreichend Attack und Biss sorgt. In verschiedenen Quellen lernt man, dass Bob seinen geliebten Fender Precision aus dem Jahr 1955 verwendete. Veredelt wird dieser während des Verses mit einem Hauch Chorus.
Über den Rest der Signalkette kann ich leider nur spekulieren. Bob Daisley benutzte zu Beginn seiner Zeit mit Ozzy vor allem Marshall-Amps und -Boxen. Später kamen noch Ampeg-Amps hinzu. Was bei den Aufnahmen von „No More Tears“ tatsächlich zum Einsatz kam, vermag ich leider nicht zu sagen. Ich tippe aber auf eine Mischung zwischen einem cleanem D.I. Signal und einer mikrofonierten Box.
„No More Tears“ – Transkription
Dann mal ran an den Speck! Ich habe euch mit Vers, Prechorus, Chorus und Outro die wichtigsten Teile des Songs aufgenommen und transkribiert.
Viel Spaß und bis zum nächsten Mal, euer Thomas Meinlschmidt

















