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Avid Pro Tools HD Native Test

PRAXIS

Installation und Kompatibilität
Ich habe die HD Native-Karte in einen Mac Pro eingebaut und ein Avid Omni I/O als Audio-Interface angeschlossen. Dabei fiel mir auf, dass die Buchsen zum Anschluss der Audio-Interfaces auf beiden Seiten schmaler sind als bei den alten HD DSP-Karten und den Interfaces aus der alten Serie, wie z.B. bei einem 192 I/O. Trotzdem lassen sich die älteren Interfaces mithilfe eines kurzen Adapterkabels von Avid an eine HD Native-Karte anschließen.
Ich habe das System dann mit Pro Tools 9 getestet, indem ich Sessions geöffnet habe, die mit meinem HD Accel-System erstellt worden sind. Das HD Native-System fühlte sich dabei wie ein HD DSP-System an, mit dem kleinen Wermutstropfen, dass meine Summenbearbeitung mit den PlugIns MD3 und Brickwall Limiter nicht zur Verfügung standen. Beide sind nämlich TDM-only. Das kann man aber dem System nicht zur Last legen.
Performance
Voreingestellt ist eine Puffergröße von 128 Samples. Dieser Wert war prima beim Editing, Mixing und dem Einspielen mit virtuellen Instrumenten. Als ich auf 32 Samples runterging fühlte sich das System noch genauso stabil an wie vorher, es brachte aber für die vorgenannten Arbeiten auch keine spürbare Verbesserung. Grundsätzlich empfiehlt es sich bei der Arbeit mit Pro Tools unter „Playback Engine“ einzustellen, dass alle bis auf einen Prozessorkern verwendet werden können. Der übrig gebliebene Prozessorkern sorgt dafür, dass dem Finder und anderen Komponenten des Betriebssystems auch dann nicht die Luft ausgeht, wenn das Audiosystem extrem viel Rechenleistung abfordert. Will sagen: Pro Tools bleibt so auch bei großen, aufwändigen Sessions stabil.
Die Software-Unterschiede zwischen der „normalen“ und der HD-Version sind seit Pro Tools 9 zwar deutlich reduziert, aber doch noch vorhanden. Ein paar Beispiele für fehlende Funktionen in der Standard-Version sind: der Input-Monitoring-Schalter bei Audio Tracks, VCA-Mixing, mehrere Videospuren, einfacher Videoschnitt und auch die Anzahl der Spuren. Vor diesem Hintergrund ist es natürlich schön, dass ein HD Native-System die Software-Vollausstattung liefert.
Latenz und Routing
Eines der besten Argumente für die herkömmlichen, nicht-nativen HD-Systeme mit DSPs ist die wirklich sehr geringe Latenz. Mit diesen Systemen ist es in aller Regel kein Problem, einen Kompressor und einen EQ in den Aufnahmekanal zu schleifen. Die Verzögerung einer solchen Effekt-kette liegt in der Regel unter 10 Samples, und das ist unhörbar.
Native Systeme müssen mit der unangenehmen Wahrheit leben, dass nahezu latenzfreies Monitoring nur durchaus komplizierter zu realisieren ist. Entweder schraubt man die Puffergröße herunter oder man benutzt ein separates Mixer-Programm des Audio-Interfaces, das Eingänge direkt mit dem Ausgang verbindet – ohne den Latenzen erzeugenden „Umweg“ über die DAW – und auch meist ohne Monitoring-Effekte, wie Hall oder EQ.
Beim HD Native-System hat Avid das Direct Monitoring direkt in die Pro Tools-Software eingebaut. So lässt sich der Monitormix direkt in Pro Tools ohne extra Mixer-Software erstellen. Dazu gibt es auf der I/O-Setup-Seite unter Output ein neues Untermenü Low-Latency-Monitoring. Dort lässt sich die Funktion aktivieren und der Ausgang bestimmen, über den das Eingangssignal direkt ausgegeben werden soll. Bei mir füttert zum Beispiel der analoge Stereo-Ausgang 5-6 einen externen Kopfhörerverstärker, der die Musiker und Sprecher in den Aufnahmeräumen mit einem Monitorsignal versorgt. Wenn ich diesen Ausgang für einen Audiotrack einstelle, durchläuft das Signal den Pro Tools-Mixer nicht mehr, sobald der Track auf „Input-Monitoring“ (grünes I) oder Record (rotes R) steht. Die Lautstärke der Spur wird aber nach wie vor mit dem Fader des Kanalzugs eingestellt. Sofern sich PlugIns auf der Spur befinden, sind die natürlich automatisch auf Bypass geschaltet, wenn das Low-Latency-Monitoring aktiv ist.
In der Praxis arbeite ich, wie viele andere auch, mit Aux-Sends für den Monitor-Mix. Dann bleibt der Control-Room-Mix vom Monitor-Mix unabhängig. Wer so arbeitet, muss jedoch einen Umstand berücksichtigen: Die Aux-Sends müssen direkt auf den betreffenden Ausgang gehen, in meinem Fall Out 5-6, damit das Low-Latency-Monitoring funktioniert. Es ist nicht möglich, die Aux-Sends zunächst über einen Bus auf einen Aux-Track zu routen und dann auf den Ausgang zu senden. Denn selbst dieses minimale Routing würde das Signal durch den Pro-Tools-Mixer schleifen, der ja umgangen werden soll. Aux-Effekte wie Hall, bei denen Latenz meist kein großes Problem darstellt, lassen sich über einen Aux-Track einschleifen. Damit er während der Aufnahme zu hören ist, muss er auf den gleichen Eingang wie die Aufnahmespur und auf den Low-Latency-Ausgang eingestellt sein.
Wem die Einschränkung, ohne Insert-Effekte aufzunehmen, Bauchschmerzen bereitet, kann trotzdem mit einem HD Native glücklich werden. Schließlich kann dieses System mit extrem kleinen Puffergrößen von 64 oder 32 Samples arbeiten. Sofern man diese Werte einstellt, lässt sich in vielen Situationen auch ohne den Low-Latency-Monitoring-Pfad arbeiten. Einfach PlugIns auf der scharf geschalteten Spur einschleifen und die Stereo-Summe auf den Kopfhörer routen. Das klappte im Test ohne Probleme auch bei umfangreicheren Sessions.
De facto benötigt man das Low-Latency-Monitoring also nur, wenn die Session so leistungsabhängig ist, dass sie nur bei höheren Puffergrößen von 256 Samples oder mehr läuft. Es hängt also von der Leistungsfähigkeit des Computers ab, ob man ohne den Low-Latency-Pfad auskommt. Selbst mein vier Jahre alter Mac Pro (Harpertown) war bei 50 Spuren mit moderatem Plug-In-Einsatz nicht aus der Ruhe zu bringen und konnte bei einer Puffergröße von 32 Samples noch zehn Spuren gleichzeitig aufnehmen – ohne an die Leistungsgrenzen zu kommen.
Klangqualität
In puncto Sound habe ich nichts zu meckern. Ich verwende seit Jahren primär ein 192 I/O von Avid für mein HD-System, für das HD Native Test-System stand mir ein Avid Omni I/O zur Verfügung. Den Klang dieses Interfaces aus der neuen Serie empfand ich als „unauffällig“ im besten Sinne des Wortes. Und wie gut das Pro-Tools-System klingt, wird vom Interface bestimmt, denn dort sitzt neben den Wandlern auch die digitale Clock. Klangliche Unterschiede zwischen HD Native und einem klassischen HD-System habe ich nicht feststellen können.

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