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Aphex 230 Master Voice Channel Test

Praxis

Der Vorverstärker
Während sich unsere Sängerin für die Testaufnahmen einsingt, werfen wir noch einmal einen genaueren Blick auf den Röhren-Preamp im Aphex 230. Schaltbar sind je nach Bedarf 48 Volt Phantomspeisung, ein Trittschall-Filter, das bei 70 Hz mit 12 dB/Oktave einsetzt, und ein Pad, das es erlaubt, das Eingangssignal bei zu hohem Level um 20 dB abzusenken. Falls bei der Verwendung mehrerer Mikrofone und Preamps Auslöschungen auftreten, kann außerdem auf Knopfdruck die Phase um 180° gedreht werden. Eingepegelt wird ganz links und rechts außen am Gerät über eine Kombination aus Gain/Drive und dem Output-Level. Je höher der Gain/Drive-Wert ist, desto weiter wird die Röhre in die Sättigung gefahren, was für die durchaus erwünschten und angenehmen harmonischen Verzerrungen sorgt. Den folglich entstandenen höheren Pegel gleicht man dann durch den Output-Level wieder aus.

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Mit dem „Phase Rotator“ bietet der Channel-Strip ein weiteres, weniger gängiges Feature, mit dem Asymmetrien in Gesangsaufnahmen ausgeglichen werden können. Stellen wir uns dazu die Abbildung einer Wellenform vor. Es gibt Ausschläge in den positiven und den negativen Bereich, und im Idealfall sind diese auf beiden Seiten gleich stark. Bei Stimmaufnahmen kommt es aber häufig vor, dass die Amplitude in einem Bereich größer ist als im anderen. Ein Kompressor, der diese Wellenform verarbeitet, wird in diesem Moment nur die „lautere“ Seite wahrnehmen und dementsprechend stärker zugreifen als nötig. Dieses Problem behebt der Phase Rotator, indem er die komplette Wellenform so verschiebt, dass sie symmetrisch zur Null-Linie verläuft und sauber komprimiert werden kann.

Arbeitsweise des Phase Rotator (vereinfacht)
Arbeitsweise des Phase Rotator (vereinfacht)

So einleuchtend und sinnvoll das Prinzip hinter dem Phase Rotator auch klingen mag – das so korrigierte Signal, das beim Einsingen über den Kopfhörer kommt, verträgt sich einfach nicht besonders gut mit der direkten Stimme und sorgt durch die Verschiebungen in der Phase für Auslöschungen. Für Sänger oder Sprecher kann das während der Aufnahme leider so störend bzw. irritierend wirken, dass dieser Effekt in der Praxis wohl kaum Anwendung finden wird.

Für die ersten Aufnahmen bleiben zunächst aber alle Module auf Bypass, denn es geht um den puren und unverfremdeten Sound des Vorverstärkers. Dieser spielt auch immer mit dem verwendeten Mikrofon zusammen, und in diesem Fall fällt die Entscheidung auf das Brauner Valvet X Röhren-Mikro. Zum Vergleich kommen auch drei weitere Röhren-Preamps zu Wort: Ein SPL Channel One der ersten Stunde (etwa gleiche Preiskategorie), ein etwas gehobener Universal Audio LA-610 MkII und der kostspielige Avalon VT 737-SP. Letzteren direkt mit dem Aphex 230 zu vergleichen, wäre nicht ganz fair, denn er schlägt mit mehr als dem doppelten Preis zu Buche. Hier geht es schlicht und einfach um einen Ausblick nach oben. An dieser Stelle möchte ich mich übrigens bei dem Producer und Engineer Ali Lionnet (Jam Productions) für das leidenschaftliche Interesse und die Bereitstellung seines Equipments bedanken. Um die Unterschiede deutlich zu hören, empfehlen sich ein hochwertiger Kopfhörer oder gute Studio-Monitore zum Abhören – und natürlich geputzte Ohren! Am Ende des Praxis-Teils gibt es alle Audio-Files auch als unkomprimiertes Wav-Material zum Download, damit ihr auch die Feinheiten im Sound nachvollziehen könnt.

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Aphex 230 (Preamp) SPL Channel One (Preamp) Universal Audio LA-610 MkII (Preamp) Avalon VT 737-SP (Preamp)

Natürlich würde die Bühne der Recording-Geschichte mächtig ins Wanken geraten, wenn der Aphex 230 einem High-End Preamp wie dem Avalon VT 737-SP mit seiner Transienten-Zauberei das Wasser reichen könnte. Im Bereich seiner Preisklasse macht er sich aber hervorragend. Der Sound ist relativ neutral, wirkt sauber und im direkten Vergleich zum Channel One ein Quantum höhenbetonter, was man wohl ohne Wertung als Geschmacksfrage offen stehen lassen muss. Das Eigenrauschen fällt erfreulicherweise sehr gering aus.

Easyrider und Co – Tools zur Dynamikbearbeitung
In den nächsten Schritten bahnt sich das Signal seinen Weg durch die Dynamik-Sektion des Aphex 230. Der verbaute Easyrider Kompressor macht seinem Namen alle Ehre, denn einfacher und reduzierter geht es kaum. Der Threshold ist fix, und der Kompressionsgrad richtet sich nach der Einstellung am oben genannten Gain/Drive-Regler. Dabei gilt: Je höher die Eingangslautstärke, desto mehr Kompression, wobei sich die Zugriffstärke auf Knopfdruck im Level-Meter anzeigen lässt. Die Ratio liegt ebenfalls fest bei 4:1 und Attack- und Release-Zeit sind, um den amtlichen englischen Fachausdruck zu verwenden, „Program Dependent“, passen sich also dem Eingangs-Signal an. Trotzdem gibt es ein einsames Poti, das es zusätzlich zur automatischen Regelung erlaubt, die Release-Zeit anzupassen und damit das Verhalten des Kompressors offener oder aggressiver zu gestalten. Neben dieser Einstellmöglichkeit konzentriert sich der Easyrider auf das wichtigste: An und Aus.

Im Player hört ihr unsere Sängerin jeweils einmal mit moderater und etwas kräftigerer Kompression (bis zu 14 dB Gain Reduction) bei mittlerer Release-Zeit. Der Sound bleibt dabei natürlich und akzentuiert die Details, genau wie das bei einer Vorkompression zu erwarten ist, und selbst bei der höheren Kompression beginnt der Easyrider nicht, übermäßig zu pumpen.

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Mittlere Kompression Stärkere Kompression

Mit dem Logic Assisted Gate folgt eine weitere Trademark von Aphex. Mittels Threshold und Depth lassen sich Schwellenwert und Zugriffstiefe festlegen. Das Gate erzeugt also nicht zwangsläufig Totenstille, sondern kann gezügelt werden, so dass die Gesamtlautstärke je nach Wahl um 0 dB bis zu 65 dB verringert wird. Unabhängig vom auslösenden Impuls wird dabei immer eine feste Hold- und Release-Phase durchlaufen, was ein flatterndes Ein- und Aussetzen verhindert.

Den folgenden De-Esser steuert man ausschließlich über den Threshold. Im Gegensatz zu einer breitbandigen Absenkung, wie das bei manchen Geräten oder Software-Emulationen der Fall ist, werden nur die kritischen Höhen abgesenkt. Ein Abstimmen einer Grenzfrequenz auf die unerwünschten Zischlaute des jeweiligen Signals ist erfreulicherweise nicht nötig, denn der De-Esser macht sich eine Technologie zu Nutze, die selbständig erkennt, ab welchem Frequenzbereich der Zugriff nötig ist. Statt dem Menschen denkt also die Maschine, und auch wenn das in manchen Science-Fiction-Filmen aus Hollywood zu einer Existenzbedrohung der Menschheit führt, müssen wir uns beim De-Esser glücklicherweise keine derartigen Gedanken machen, denn er macht, wie im folgenden Beispiel deutlich zu hören, seinen Job richtig gut!

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Der De-Esser im Aphex 230

Aural Exciter und Big Bottom
Neben dem parametrischen Equalizer-Band für die Mitten ist die Klangregelung im Aphex 230, wie schon angedeutet, etwas außergewöhnlich, denn Aural Exciter und Big Bottom sind sehr spezielle Werkzeuge, die zudem ausschließlich nach dem Boost-Prinzip Arbeiten. Absenkungen in den Höhen oder Bässen sind also nicht möglich. Beide steuert man über die Kombination aus einem Tune- und einem Mix-Regler, wobei Ersterer den anzuhebenden Frequenzbereich und Letzterer den Effektanteil bestimmt.

Für beide ist bei Gesangsaufnahmen Vorsicht geboten. Es handelt sich dabei sozusagen um das Glutamat der Recording-Welt, und was auf einer Solo-Stimme zunächst wahnsinnig beeindruckend klingen mag, kann im späteren Mix problematisch werden. Hier gilt die Devise „weniger ist mehr“. Bei vorsichtigen Einstellungen klingt der Exciter aber sehr edel. Den ohnehin schon seidigen Höhen des Preamps wird ein samtiger Glanz verliehen, der je nach Einstellung nur die Luft in der Stimme zum Funkeln bringt, oder, wenn man tiefer ansetzt, die Präsenz des Gesangs erhöht. Ein schweres Geschütz, mit dem man umzugehen wissen muss, um ins Schwarze zu treffen!

Der Big Bottom Effekt kopiert alles unterhalb der eingestellten Grenzfrequenz und fügt es dem Input nach einem minimalen Delay wieder hinzu. Die Bassfrequenzen werden also angedickt, wodurch sich, verglichen mit einem Standard-EQ, weniger Zuwachs in der gemessenen Gesamtlautstärke ergibt. Wer eine natürliche Gesangsaufnahme anvisiert, sollte den Mix-Regler des Big Bottom aber im harten Linksanschlag lassen. Die Stärke dieses Features liegt vielmehr beim Veredeln von Sprache. Man kann den Worten in direktem Sinne „Gewicht“ geben, und auf diesem Weg lassen sich erstklassige Radio- oder Werbe-Stimmen erzeugen.

Im Player hört ihr jeweils einen Einsatz von Aural Exciter und Big Bottom. Um die Stärke des Aphex 230 für Sprachaufnahmen herauszukehren, gibt es weiterhin einen kurzen entsprechenden Ausschnitt – einmal völlig unbearbeitet und einmal mit einem Kompletteinsatz des Master Voice Channel.

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Aural Exciter Big Bottom Unbearbeitete Sprache Sprache mit…

Hier gibt es nun noch wie versprochen alle Audio-Files als unkomprimierte Wav-Dateien:

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